mini|Ignaz Philipp Semmelweis, 1860 Ignaz Philipp Semmelweis (; * 1. Juli 1818 im Teilbezirk Tabán von Buda (deutsch Ofen), Königreich Ungarn, Kaisertum Österreich; † 13. August 1865 in Oberdöbling bei Wien, Kaisertum Österreich) war ein ungarisch-österreichischer Chirurg und Geburtshelfer deutscher Abstammung. Er studierte an den Universitäten Pest und Wien Medizin und erhielt 1844 seinen Doktorgrad an der Universität Wien. Semmelweis war beeinflusst von der zweiten Wiener medizinischen Schule und Angehöriger der von János BalassaJózsef Antall: Semmelweis und die ungarische medizinische Schule unter dem Aspekt diagnostischer Leistungen. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 297–308, hier: S. 299–302. geführten Pester bzw. ungarischen medizinischen Schule, der unter anderem auch Frigyes Korányi angehörte.
Semmelweis führte das häufigere Auftreten von Kindbettfieber in öffentlichen Kliniken im Vergleich zur privaten Entbindung auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurück und bemühte sich, Hygienevorschriften einzuführen. Später wurde er „Retter der Mütter“ genannt. Seine Studie von 1847/48 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin (auf empirische Belege gestützte Heilkunde) in Österreich und als Musterbeispiel für eine methodisch korrekte Überprüfung wissenschaftlicher Hypothesen.Dagfinn Føllesdal, Lars Walløe, Jon Elster: Rationale Argumentation: ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie. De Gruyter, Berlin / New York 1988, ISBN 3-11-008274-8, Abschnitt III. 11. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Erkenntnisse, von ihm 1861 publiziert, nicht anerkannt und von Kollegen als „spekulativer Unfug“ abgelehnt. Nur wenige Ärzte unterstützten ihn, da Hygiene als Zeitverschwendung und unvereinbar mit den damals geltenden Theorien über Krankheitsursachen angesehen wurde. Semmelweis praktizierte zeitweise in Pest im heutigen Ungarn. Er starb im Alter von 47 Jahren in Wien unter nicht näher geklärten Umständen während eines zweiwöchigen Aufenthalts in der Psychiatrischen Klinik „Landesirrenanstalt Döbling“ bei Wien. Zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten deuten neben dem Exhumierungsbericht aus dem Jahr 1963 und Motiven für seine Beseitigung auf willkürliche Psychiatrisierung und ein darauf folgendes Tötungsdelikt hin.
Leben mini|alt=A painted portrait of a boy in a black coat and a red shirt, holding a book in his right hand.|Ignaz Semmelweis als Zwölfjähriger mini|alt=At left, a painted portrait of a woman in a black dress with a frilled hood and ruffled collar. At right, a painted portrait of a man in a black coat wearing a cravat.|Theresia Müller und Josef Semmelweis, die Eltern von Ignaz Semmelweis mini|Briefmarke der Deutschen Post der DDR (1968) aus der Serie Berühmte Persönlichkeiten mini|Ignaz-Semmelweis-Statue im Universitätsklinikum Heidelberg, er blickt auf die alte Kinderklinik.
Die Statue wurde versetzt. Sie steht nicht mehr auf diesem Sockel, sondern in einer Senke zwischen der neuen Frauenklinik und einem Neubau der chirurgischen Klinik, der 2018 errichtet wurde. mini|Büste in der Semmelweis-Frauenklinik in Wien-Gersthof mini|Büste in Berlin-Lichterfelde mini|Grabmal am Kerepesi temető in Budapest
Jugend und Laufbahn Ignaz Semmelweis wurde 1818 als fünftes Kind des Spezial- und Kolonialwaren-Großhändlers Josef Semmelweis (1778–1846) und der aus wohlhabendem Hause stammenden Theresa geborene Müller (1789–1844) im Teilbezirk Tabán in Buda geboren. In seinem Geburtshaus in der Apród utca in Budapest ist heute das Semmelweis-Museum für Medizingeschichte (Semmelweis-Orvostörténeti-Múzeum) untergebracht. Seine Eltern legten großen Wert auf eine gute Schulausbildung ihrer Kinder, da sie dadurch in die maßgeblichen gesellschaftlichen Schichten der heimischen Intelligenz aufsteigen konnten. Der Vater ließ alle Söhne im erzbischöflichen Gymnasium von Buda einschreiben. Nach dem Besuch der Elementarschule ging Ignaz auf das, eine Zeitlang von Piaristen-Patres wie József Palotay-Purgstaller geleitete Katholische Universitätsgymnasium zu BudaJózsef Antall: Semmelweis und die ungarische medizinische Schule unter dem Aspekt diagnostischer Leistungen. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 297–308, hier: S. 301. im Burgviertel und absolvierte anschließend ein Jahr das Zisterziensergymnasium in Stuhlweißenburg. Ursprünglich sollte er Militäranwalt werden, weshalb er von 1835 bis 1837 PhilosophieBarbara I. Tshisuaka: Semmelweis, Ignaz Philipp. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1319–1320, hier S. 1319. und Jura an der Universität Pest studierte. 1837 kam er nach Wien, um Rechtswissenschaft zu studieren, wechselte jedoch 1838 zur Medizin, setzte das Studium 1839 bis 1840 in Pest und ab 1841 wiederum in Wien fort. 1844 schloss er das Studium mit dem Magister der Chirurgie und Geburtshilfe und im gleichen Jahr mit der Promotion zum Dr. med. ab. Seine Dissertation (Tractatus de vita plantarum, übersetzt „Über das Leben der Pflanzen“) behandelt die damals populäre Theorie des Vitalismus. Sie wurde durch die von ihm selbst schon bald (1847/48) verlangte Einführung einer systematisch vorgehenden klinischen Beobachtung, die ihn zum Mitbegründer der evidenzbasierten Medizin machte, allmählich als unwissenschaftlich verdrängt. 1845 folgte die Promotion zum Doktor der Chirurgie. Anschließend begann er an der Brustambulanz von Josef Skoda (1805–1881) und in der von Ferdinand von Hebra (1816–1880) geleiteten Ausschlagabteilung des von Kaiser Joseph II. gegründeten k.k. allgemeinen Krankenhauses zu arbeiten. Hier erlernte er Skodas Methode der Diagnose durch Ausschließen („diagnosis per exclusionem“) und die wissenschaftliche Arbeit mit statistischen Instrumenten. Im Institut für pathologische Anatomie unter der Leitung von Carl von Rokitansky (1804–1878) erstellte er Befunde an Frauenleichen.
Assistenzarzt in Wien Im Jahr 1846 wurde Semmelweis Assistenzarzt in der I. Geburtshilflichen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Gefördert von namhaften Ärzten, wurde er Assistent des Professors Johann Klein (1788–1856), dem Leiter der 1. geburtshilflichen Klinik, unter dessen Leitung die Letalitätsrate zwischen 5 und 15 Prozent betrug; teilweise reichte sie in Kliniken sogar bis zu 30 Prozent. Es war bekannt, dass in der Abteilung, in der Ärzte und Medizinstudenten arbeiteten, die durch das Kindbettfieber bedingte Sterblichkeit von Müttern nach der Entbindung wesentlich höher lag als in der zweiten Abteilung, in der Hebammenschülerinnen ausgebildet und keine Leichensektionen bzw. Obduktionen vorgenommen wurden. Semmelweis wollte den Grund dafür herausfinden und untersuchte die Mütter daher noch gründlicher. Doch gerade durch diese Bemühungen stieg die Zahl der Todesfälle in seiner Abteilung noch weiter an, so dass werdende Mütter sich schließlich weigerten, in seine Abteilung verlegt zu werden. Nach seinen Tagebuchaufzeichnungen starben in der gesamten Klinik 36 von 208 Müttern an Kindbettfieber. Ein Kind zu gebären war ähnlich gefährlich wie an einer Lungenentzündung zu erkranken.
Erst als der mit ihm befreundete Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka (1803–1847) während einer Leichensektion von einem Studenten mit dem Skalpell verletzt wurde und wenige Tage später an einer Blutvergiftung starb – einer Krankheit, die einen ähnlichen Verlauf zeigte wie das Kindbettfieber –, glaubte Semmelweis nach Studium des Sektionsprotokolls, die Ursache für die Erkrankung benennen zu können:
Die Mediziner und die Studenten führten täglich klinische Sektionen an den Leichen der Patientinnen durch, die zuvor am Kindbettfieber verstorben waren. Anschließend gingen sie „mit an der Hand klebenden Cadavertheilen“ zu den Gebärenden und wuschen sich die Hände mit Seife (oder in einzelnen Fällen überhaupt nicht), desinfizierten sie jedoch nicht. Mit diesen Händen untersuchten sie Frauen während der Entbindung und übertrugen infektiöses Material. Die eigentliche Ursache der Infektion – die Übertragung von Bakterien, die normalerweise massenhaft auf den Händen vorhanden sind – war damals noch nicht bekannt und auch Semmelweis glaubte an eine Übertragung von Leichengift. Die Hebammenschülerinnen an der zweiten Abteilung hingegen kamen nicht mit Leichen in Berührung und führten auch keine vaginalen Untersuchungen durch.
In den Jahren 1847 bis 1848 fertigte er gezielt eine Studie unter dem Titel Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers an. Im Ergebnis dieser Studie wies Ignaz Semmelweis seine Studenten an, (vor geburtshilflichen Untersuchungen) nach Leichensektionen die Hände und Instrumente mit Chlorlösung, später mit der billigeren wässrigen Chlorkalklösung zu desinfizieren – wie sich herausstellte, eine wirkungsvolle Maßnahme, da die Sterblichkeitsrate in nur wenigen Monaten von 12,3 auf 2 bis 3 Prozent (bzw. die Mortalität an Puerperalfieber von 9,9 auf 3,8 ProzentFriedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 39 f.) sank. Als trotzdem noch einmal zwölf Wöchnerinnen auf einen Schlag am Kindbettfieber erkrankten, als dessen Ursache zunächst das infizierte, jauchige Uteruskarzinom einer Mitpatientin vermutet worden war, erkannte er, dass die Ansteckung nicht nur von Leichen, sondern auch von lebenden Personen ausgehen konnte. So verschärfte er, nachdem er zudem 1847 die Desinfektion auch der Instrumente und des Verbandmaterials ergänzt hatte, die Vorschriften dahingehend, dass die Hände vor jeder Untersuchung zu desinfizieren seien. Dadurch gelang es ihm, 1848 die Sterblichkeitsrate auf 1,27 ProzentFriedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 39 f. zu senken, ein Wert, der sogar geringfügig unter dem der zweiten Krankenhausabteilung mit Hebammen lag.
Trotz dieses Erfolgs wurden die Arbeiten von Semmelweis lange Zeit nicht anerkannt, vor allem nicht von damals führenden Medizinern wie Anton von Rosas (1791–1855), Rudolf Virchow (1821–1902), Eduard Kaspar Jakob von Siebold (1801–1861), Friedrich Wilhelm Scanzoni von Lichtenfels (1821–1891), James Young Simpson (1811–1870) und Weiteren. Viele Ärzte und auch seine Studenten hielten Sauberkeit für unnötig und wollten nicht wahrhaben, dass sie selbst die Verursacher jener Krankheit waren, die sie eigentlich heilen wollten. Einige Ärzte (zum Beispiel Gustav Adolf Michaelis) begingen Suizid, weil sie diese Schuld nicht ertragen konnten. Andere Mediziner feindeten Semmelweis stark an und bezeichneten ihn als „Nestbeschmutzer“.