Als Indogermanen oder Indoeuropäer werden nach linguistischem Verständnis die Sprecher der heutzutage rekonstruierbaren indogermanischen Ursprache bezeichnet. Es handelt sich also nicht um Germanen, sondern die Bezeichnung ist eine Rückbildung aus der Sprachenbezeichnung Indo-Germanisch, ihrerseits ein Klammerbegriff, der die gemeinte Sprachgruppe mittels der beiden am weitesten auseinander gelegenen Vertreter abstecken soll. Gemeint sind mit Indogermanen also die Sprecher jener Ursprache, deren Nachfolgesprachen dann im Altertum geographisch zwischen den Siedlungsgebieten von Indern und Germanen anzutreffen waren (die Ursprache könnte dabei auch woanders zu verorten sein).
Die Indogermanen sind allein definiert als Sprechergemeinschaft der sprachwissenschaftlich erschlossenen urindogermanischen Sprache, womit nicht unbedingt eine Ethnie und nur bedingt eine Kultur vorausgesetzt werden kann. Die historisch fassbaren Völker wiederum, die verschiedene indogermanische Folgesprachen sprechen, werden als Nachfahren einer Bevölkerung angesehen, die die Sprache von einwandernden Indogermanisch-Sprechern übernahm. Als Ergebnis solcher Übernahmen lassen sich oft noch grammatische und phonologische Eigenarten der ursprünglichen, dann überdeckten Lernersprachen nachweisen, seltener auch Teile des Wortschatzes.Thomason, S. & Kaufman, T. (1988, Reprint 2023). Language Contact, Creolization, and Genetic Linguistics. Berkeley: University of California Press. Gleichwohl lassen sich (mit den Methoden der Paläolinguistik) aus den Gemeinsamkeiten der Folgesprachen auch Rückschlüsse auf die Lebensweise der Ur-Indogermanen sowie ihre räumliche und zeitliche Verbreitung ziehen. Beispielsweise können Bezeichnungen für Techniken des Wagenbaues für die indogermanische Grundsprache erschlossen werden.Holm, Hans J. J. G. (2019): The Earliest Wheel Finds, their Archeology and Indo-European Terminology in Time and Space, and Early Migrations around the Caucasus. With six mostly coloured pictures and graphs, and a table of 130 oldest wheel finds with their miniatur pictures. 309 References (of which 28 in Cyrillic). [Series Minor No. 43]. Budapest: ARCHAEOLINGUA ALAPÍTVÁNY. ISBN 978-615-5766-30-5.Hans J.J.G. Holm: Die ältesten Räder der Welt – von den Indogermanen erfunden oder nur bei ihrer Ausbreitung benutzt? Neueste archäologische und sprach-wissenschaftliche Ergebnisse. Inspiration Unlimited 2024. ISBN 978-3-945127-54-4. Solche Befunde bieten dann Hinweise auf archäologisch fassbare Kulturen und von daher auf mögliche Entstehungsräume oder eine „Urheimat“ der Sprecher des Urindogermanischen. Die Verortung einer Urheimat ist aber nicht mit Sicherheit möglich. Ernsthaft in Betracht gezogen werden heute noch die Anatolien-Hypothese und vor allem die Steppenhypothese. Der sprachliche Befund führt zu einer zeitlichen Einordnung des Urindogermanischen etwa zwischen 4000 und 3000 v. Chr.
Die indogermanische Ursprache
mini|Ungefähre aktuelle Verbreitung der verschiedenen Zweige der indogermanischen Sprachen in Eurasien. Durch Kolonialisierung und Migration dehnte sich ihr Sprachraum vor allem in der Neuzeit erheblich auf andere Kontinente aus (insbesondere in Nord- und Südamerika, aber auch in weiten Teilen Afrikas u. a.) Ende des 18. Jahrhunderts wies der britische Indologe und Jurist William Jones darauf hin, dass viele Sprachen in Europa und Asien einander so ähnlich sind, dass sie eine gemeinsame Wurzel haben müssen.
Zu der so entdeckten indogermanischen Sprachfamilie gehören in Europa alle germanischen, slawischen, baltischen, keltischen und italischen Sprachen sowie Albanisch und Griechisch. Außerhalb Europas gehören dazu Armenisch, die indoarischen und die indoiranischen sowie die Nuristani-Sprachen. Ebenfalls zugehörig, aber ausgestorben sind die anatolischen, illyrischen und tocharischen Sprachen.
Seit der Entdeckung der Verwandtschaft zwischen den indogermanischen Sprachen sind Linguisten bemüht, die zugrundeliegende gemeinsame Sprache zu rekonstruieren. Diese wird traditionell als indogermanische Ursprache bezeichnet, obwohl natürlich auch sie Vorläufer gehabt haben muss. Welche Sprachen die vorindoeuropäischen Populationen sprachen, bleibt uns verborgen. Hinweise geben vereinzelt die Hydronomie und in Südosteuropa Ortsnamen bzw. deren Endungen (zum Beispiel -assos).
Als Begründer der indogermanischen Sprachwissenschaft gilt Franz Bopp mit seinem 1816 erschienenen Werk Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache. Mit dem darin vorgestellten Konjugationssystem erbrachte Bopp den methodischen Beweis für die von William Jones postulierte Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen. Die ersten Versuche, die hypothetische indogermanische Ursprache zu rekonstruieren, unternahm August Schleicher Mitte des 19. Jahrhunderts. Er zog dabei außer den noch gesprochenen indogermanischen Sprachen auch schriftlich belegte ausgestorbene Sprachen hinzu und erstellte einen der ersten Stammbäume, der die angenommene Verwandtschaft der Sprachen untereinander darstellte. Auf Schleicher geht auch die Konvention zurück, rekonstruierte Sprachformen mit Sternchen zu versehen. Aus der indogermanischen Sprachwissenschaft entwickelte sich die Vergleichende Sprachwissenschaft, die auch auf andere Sprachfamilien angewandt wird.
Der deutsch-finnische Sprachwissenschaftler Harald HaarmannHarald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer: Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68824-9, S. 43–44. geht davon aus, dass es auch einen Sprachaustausch zwischen der proto-uralischen Sprache und der indogermanischen Ursprache gegeben hat. So ließen sich sowohl im Wortschatz als auch in der Grammatik konvergente Elemente rekonstruieren, etwa lexikalische Wortstammformen, grundlegende grammatische Strukturen und verschiedene Pronominalstämme. Ein solcher Austausch (Sprachbund) kann durch direkte Nah- oder Fernkontakte zwischen Vertretern der finno-ugrischen Völker und Proto-Indoeuropäern erfolgt sein, wobei man unter Fernkontakten Beziehungen versteht, die nicht durch räumliche Nähe in der unmittelbaren Heimat erfolgen, sondern zum Beispiel durch Handelsbeziehungen oder politische Gesandtschaften. Möglich ist jedoch auch ein indirekter Sprachaustausch durch verwandte Dialekte oder auch eine weitere Sprache, die als „Vermittler“ zwischen den beiden Sprachen stand. Haarmann nimmt jedoch an, dass die Urheimat der Proto-Uralier nördlich des urindogermanischen Siedlungsraums (gemäß der Kurgan-Hypothese) lag und damit ein direkter Austausch stattgefunden hat.
Indogermanisch vs. Indoeuropäisch Die Bezeichnungen indogermanisch und indoeuropäisch sind in der Anwendung deckungsgleich und werden im deutschsprachigen Raum häufig synonym verwendet. Sie drücken aus, dass das Verbreitungsgebiet dieser Sprachen von Indien bis Europa, bzw. konkreter bis nach Island reicht, wo eine germanische Sprache gesprochen wird. Die keltischen Sprachen waren damals noch nicht als zur Sprachfamilie zugehörig eingestuft; die anatolischen und die beiden tocharischen Sprachen konnten erst im 20. Jahrhundert nach ihrer Entdeckung und Entzifferung als zugehörig erkannt werden. Den Begriff langues indo-germaniques prägte der dänisch-französische Geograf Conrad Malte-Brun 1810,Conrad Malte-Brun: Précis de la géographie universelle. Band 2. Fr. Buisson, Paris 1810, S. 577–581 (Google Book); siehe zur Herkunft des Begriffs auch Fred R. Shapiro: On the Origin of the Term 'Indo-Germanic'. In: Historiographia Linguistica. International Journal of the History of Linguistics. Band 8, 1981, S. 166. während die Bezeichnung Indo-European languages 1813 von Thomas Young eingeführt wurde.Thomas Young: Adelung’s General History of Languages. In: Quarterly Review. Band 10 Nr. 19, 1813, S. 250–292, hier: S. 255 f. 264 f.; Harald Haarmann: Die Indoeuropäer. Herkunft, Sprachen, Kulturen. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-60682-3, S. 9. Auf Deutsch wurde indogermanisch erstmals von Heinrich Julius Klaproth gebraucht,Heinrich Julius Klaproth: Asia polyglotta. Paris 1823, S. 42–44. 62. 74 f. 82 und öfter; siehe auch Gustav Meyer: Von wem stammt die Bezeichnung Indogermanen? In: Indogermanische Forschungen. Band 2, 1893, S. 125–130 (Digitalisat). ein sich zwar im deutschen Sprachraum bald durchsetzender Begriff,Vergleiche etwa Wilhelm von Humboldt: Über den Dualis. Verlag der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1828, S. 16 Anm. 1 (Digitalisat). der jedoch von Franz Bopp vermieden wurde. Er bevorzugte ab 1833 die Bezeichnung indo-europäisch.Franz Bopp: Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischen, Gothischen und Deutschen. Band 1. 1. Auflage. Bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1833, (Google Books) S. 1199: in dem indo-europäischen Sprachstamm. S. 1410 in den Indo-Europäischen Sprachen, doch S. 1021: zur indogermanischen Causalbildung. 2. Auflage. als Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armenischen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gothischen und Deutschen. Ferd. Dümmler’s Verlagsbuchhandlung, Berlin 1857, S. XXIV (Google Books).
Die deutschsprachige Philologie verwendet traditionell den Begriff indogermanisch. Vor allem an den Hochschulen wird fast ausschließlich von Indogermanischer Sprachwissenschaft oder von der Vergleichenden (historischen) Sprachwissenschaft gesprochen, während außerhalb des deutschen Sprachraums die Bezeichnung indoeuropäisch (englisch Indo-European, französisch indo-européen, spanisch protoindoeuropeo) gebräuchlich ist.
Kultur
Der Wortschatz der rekonstruierten proto-indoeuropäischen Sprache gibt Hinweise auf die Lebensweise ihrer Sprecher. So belegen zum Beispiel weitgehend gemeinsame Worte für Silber, Gold und vor allem Bronze, dass die Indogermanen diese Metalle bereits verarbeiteten, jedoch noch kein Eisen. Auch die Wörter Pflug, Rad, Wagen, Achse, Deichsel und Joch haben in den indogermanischen Sprachen eine gemeinsame Wurzel, was bedeutet, dass die Sprecher des Indogermanischen Ackerbau betrieben und Wagen benutzt haben müssen. Es gibt auch sprachliche Hinweise auf eine Domestizierung des Pferdes (*h₁ék̑-u; -u-Stamm zur Wurzel *h₁ek̑ ‚schnell‘ wurde zu *h₁ék̑-wo-, zum Beispiel in lat. equus ‚Pferd‘), aber es ist umstritten, ob die Indogermanen bereits Reiter waren. Dem Argument, dass es kein gemeinsames Wort für Reiten gibt, steht die Tatsache gegenüber, dass eine größere Ausbreitung ohne Reitpferde kaum vorstellbar ist. Viele verschiedene Ausdrücke für „gehen“ beweisen schließlich auch nicht, dass die Indogermanen etwa nicht gehen konnten.
Wildpferde kamen vor der Indogermanisierung in Europa nur regional vor, während sie in Steppengebieten große Herden bildeten. Dort hat der Archäologe David W. AnthonyDavid W. Anthony, Dorcas R. Brown: The origins of horseback riding. In: Antiquity. Band 65, 1991, S. 22–38. an Pferdezähnen aus Derijiwka in der Ukraine Abnutzungsspuren entdeckt, die auf die Benutzung einer Trense zum Reiten schließen lassen. Das ist ein eindeutiger Beleg, dass dieses Pferd zum Reiten genutzt wurde. Letztlich wurde dieser Pferdezahn jedoch auf ein Alter von 410 bis 200 Jahren datiert.David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language. Preinceton 2001, S. 215. Anthony hat jedoch zahlreiche weitere Belege zusammengetragen, die darauf schließen lassen, dass die Indoeuropäer vor ca. 4700 Jahren das Reiten entwickelten, ohne dass allerdings ein sicherer Beweis dafür gefunden wurde.David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language. Preinceton 2001, S. 216–224.