mini|hochkant|Prostituierte in Deutschland (1999)Prostitution (von lateinisch prostituere „nach vorn/zur Schau stellen, preisgeben“) bezeichnet die Zurverfügungstellung sexueller Handlungen gegen Entgelt. Seit den 1970er-Jahren wird die Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt unter dem Begriff Sexarbeit subsumiert. Erfolgt die Prostitution unfreiwillig, ist es Zwangsprostitution.
Prostitution findet sich in allen Epochen und Kulturen. Die gesellschaftliche Bewertung unterliegt bis heute ungebrochen einem starken Wandel und wird von politisch-weltanschaulichen sowie religiösen Vorstellungen beeinflusst. In der Prostitution tätige Menschen, Prostituierte, gehören in vielen Kulturen einer sozialen Gruppe an, die bis heute von Menschenhandel, Gewalt, Ausbeutung, Diskriminierung, Stigmatisierung und Verfolgung bedroht ist. Über Jahrhunderte sind Prostituierte darüber hinaus der Gefahr von gesellschaftlichen und politischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, bis hin zur Kasernierung, Deportation und Ermordung. Wurden sie vielerorts wahlweise als Kriminelle oder als Opfer abgestempelt, gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Wandel in der öffentlichen Meinung. In westlichen Gesellschaften wenden sich seit dem späten 20. Jahrhundert Prostitutionsverbände und Menschenrechtsorganisationen gegen Diskriminierung.
Geschichte Altertum
mini|hochkant|Kurtisane in Griechenland mini|Darstellung aus einem Lupanar in Pompeji mini|Blick in eine Zelle des pompejanischen Bordells von Africanus und Victor
Im Altertum, so zum Beispiel in Babylon und bei den Phöniziern in Tyros, existierte vor mehr als 3000 Jahren die sogenannte Tempelprostitution. Frauen vollzogen dort sexuelle Handlungen gegen „Geschenke“ an den Tempel oder Opfergaben für die Gottheit. Dies stand immer in einem kultischen Zusammenhang und galt als den Göttern wohlgefällig. Im Gilgamesch-Epos 6. Tafel Verse 5 bis 79 sieht Albert Schott eine Kritik an den Auswüchsen der kultischen Prostitution.Das Gilgamesch-Epos. übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Albert Schott. Verlag Reclam, Stuttgart 1988, ISBN 3-15-007235-2, S. 12. Für die Zeit der griechischen Antike sind Prostituierte im heutigen Sinne bezeugt, also ohne sakralen Hintergrund. Die Griechen unterschieden zwischen der gewöhnlichen „Hure“ (πόρνη pórnē) und der „Gesellin“ (, Hetäre). Auch die Feldzüge Alexanders des Großen wurden von zahlreichen Prostituierten begleitet. Sowohl Männer als auch Frauen boten ihre sexuellen Dienste an, doch wie bei den Griechen wurde auch bei den Römern die Inanspruchnahme dieser Leistungen nur den Männern zugestanden. In Rom arbeiteten die frei geborenen Prostituierten zumeist auf dem Straßenstrich, Sklavinnen in „Pinten“ und Bordellen.Bettina Eva Stumpp: Prostitution in der römischen Antike. Akademie Verlag, Berlin 2001. Einblick in das Bordellwesen liefern insbesondere die Funde aus dem Lupanar in Pompeji.
Im Alten Testament wird das Gewerbe sowohl als kultische als auch als Erwerbsprostitution erwähnt, zum Beispiel . Die Prostitutionsverbote und beziehen sich nur auf kultische Prostitution.Franz Kogler (Hrsg.): Herders neues Bibellexikon. Freiburg im Breisgau 2008, ISBN 978-3-451-32150-4. Es wird als naheliegend angesehen, dass ein Witwer die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt. Dies wird von Tamar, der Schwiegertochter Judas, ausgenutzt, die sich prostituiert, damit Juda die ihr vorenthaltene Leviratsehe an ihr vollzieht . Der dabei gezeugte Sohn Perez und seine Mutter Tamar werden im Neuen Testament als Vorfahren Jesu in seinem Stammbaum genannt . Neben Tamar findet sich mit Rahab noch eine weitere Frau im Stammbaum Jesu, die üblicherweise als Prostituierte gedeutet wird (; ). Im Neuen Testament wird erzählt, dass Jesus mit allen gesellschaftlichen Außenseitern einen respektvollen Umgang pflegte , doch wird Prostitution in den Paulusbriefen verworfen , im christlich geprägten Weltbild dann in Verbindung gebracht mit Scham oder Sünde.
Die ersten schriftlichen Überlieferungen von Prostitution in Japan gehen auf das 8. Jahrhundert zurück, dürften aber viel weiter zurückreichen. Kurtisanen genossen Prestige und Anerkennung.
Mittelalter
mini|Bordellszene des Braunschweiger Monogrammisten (1537), Gemäldegalerie Berlin Die kirchliche Moral verurteilte die Prostitution; dennoch argumentierten einflussreiche Autoren wie Augustinus, es handele sich um ein „kleineres Übel“. Der Prostitution wurde eine Ventilfunktion für die sexuellen Bedürfnisse derer zugesprochen, die das mittelalterliche Heiratsrecht benachteiligte. Gerade im Spätmittelalter gab es in vielen deutschen Städten Bordelle, die im Besitz der Gemeinde waren – Prostitution war nicht nur geduldet, sondern institutionalisiert. Die Stadträte verpachteten die Bordelle an Hurenwirte, die sich verpflichteten, gewissen Auflagen nachzukommen, etwa Hygienebestimmungen oder Vereinbarungen über die Bezahlung der Huren. Neben dieser Sonderform der Prostitution im Spätmittelalter gehen Historiker von häufiger Gelegenheitsprostitution und fahrenden Prostituierten aus, insbesondere in ländlichen Gebieten. Im Mittelalter wurden Prostituierte in städtischen Frauenhäusern oder Privatbordellen nicht nur mit lateinischen Ausdrücken bezeichnet, sondern auch mit Umschreibungen wie „freie Frauen“, „freie Töchter“, „gemeine Frauen“ (gemeyn frauwen), „gemeine Weiber“, „Fensterhennen“ (vensterhennen), „Hübschlerinnen“, während man bei Prostituierten, die sich von Ort zu Ort bewegten, von „fahrenden Frauen“, „trippâniersen“ oder „soldiersen“ sprach.Helmut Hundsbichler, Harry Kühnel (Hrsg.): Alltag im Spätmittelalter. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1996, ISBN 3-222-12451-5, S. 41 f.; Peter Schuster: Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland (1350–1600). Schöningh, Paderborn 1992, ISBN 3-506-78251-7.
Renaissance und frühe Neuzeit
In spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten waren die „Hübschlerinnen“ oft zunftähnlich organisiert. Mit der Reformation verloren viele Prostituierte ihre Rechte und wurden aus den Städten vertrieben, weil die protestantische Sichtweise die Prostituierten als Sinnbild und Überbleibsel der Verderbtheit der katholischen Gesellschaft ansah. Viele von ihnen wurden als Hexen verbrannt.Stephan Gottschalt: Die Neuordnung der gewerblichen Prostitution durch die Reformation. Grin, München 2010, ISBN 978-3-640-97504-4, S. ??. In Österreich wurden die im Mittelalter in vielen Städten eingerichteten Frauenhäuser im Laufe des 16. Jahrhunderts wieder geschlossen.Blog-Beitrag von Die Zeit der Renaissance war neben Kunst, Kultur und Wissenschaft in Europa auch eine Blütezeit des Kurtisanenwesens, eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Prostitution. Vor allem in Rom, das auch „Haupt der Welt“ genannt wurde (Roma caput mundi), bestimmte diese Form der Prostitution wesentlich den Ruf und das Erscheinungsbild der Stadt. Die speziellen Gesellschaftsstrukturen und das kulturelle Klima in Rom im 16. Jahrhundert schufen die Voraussetzungen für ein Nebeneinander klerikaler Prachtentfaltung und käuflichen Geschlechtsverkehrs. Bei Feiern, Theateraufführungen, Gelagen und Empfängen vor allem kirchlicher Würdenträger wurde die Abwesenheit von Frauen immer mehr als Verlust und Mangel empfunden. Um diese „Lücke“ zu füllen, lud man Kurtisanen zu solchen Gesellschaften ein. Das Wort „Kurtisane“ leitet sich ab von Cortigiana („Hofdame“) und bezeichnete um 1500 die gehobene Prostituierte, vergleichbar mit den Hetären des antiken Griechenlands.
17. Jahrhundert
Die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) bedingte vielerorts einen Zerfall der Gesellschaft und ihrer Normen. Entwurzelte Frauen, aber auch andere weibliche Angehörige und Ehefrauen der Soldaten, schlossen sich den umherziehenden Heeren als Trosshuren an. Der Tross erreichte teilweise solche Dimensionen, dass er von eigens bestallten Hurenweibeln organisiert werden musste. Ein Frauenschicksal dieser Zeit schildert Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen um 1670 im Romanzyklus Trutz Simplex.
Bei den kaiserlichen Truppen waren Prostituierte in vier Klassen unterteilt: Die erste und oberste Kategorie nahm die Mätresse ein, die zweite die Konkubine, die dritte die Metze, die vierte und unterste die Hure.Schoch („Don Kaspar“, „Kaspar“, „Cäsperle“, Schach), Caspar von, Fußnote 47; in: Der Dreißigjährige Krieg in Selbstzeugnissen, Chroniken und Berichten, 21. Februar 2013, abgerufen am 20. Februar 2024.
Im Königreich Frankreich war die Prostitution im 17. Jahrhundert strafbar. Im Jahr 1658 hatte Ludwig XIV. verfügt, dass alle Frauen, die der Prostitution nachgingen, wegen Unzucht oder Ehebruchs verurteilt würden, in die Salpêtrière zu internieren seien, bis sie Buße getan hätten und durch einen Priester die Absolution erhalten hätten.Franz S. Hügel: Zur Geschichte, Statistik und Regelung Der Prostitution. Dogma, 2012, ISBN 978-3-95507-579-8, S. 143. Gleichwohl gab es Straßenprostitution und Bordellwesen. Gleichzeitig blühte die Kultur der Kurtisanen und Mätressen, von denen einige so mächtig und reich wurden, dass sie sogar Regierungsgeschäfte beeinflussen konnten und auf etlichen Ölgemälden porträtiert wurden. Die ganze Zunft der damaligen Kunst war von Prostituierten als Modell abhängig, da die bürgerliche Frau sich nie als Modell für ein Gemälde zur Verfügung gestellt hätte. Auch in der darstellenden Kunst, wie Theater, Oper oder Ballett, waren die Übergänge zur Prostitution fließend, so dass in der italienischen Oper aus Schicklichkeit Frauen sogar ganz untersagt wurde zu singen und Frauenrollen mit Kastraten besetzt wurden.
18. Jahrhundert mini|Transport der Freudenmädchen zur Polizeiwache, Étienne Jeaurat, 1755
Im Jahr 1794 wurde im § 999 des Preußischen Allgemeinen Landrechts festgelegt, dass sich „liederliche Weibspersonen … in die unter Aufsicht des Staates geduldeten Hurenhäuser“ zu begeben hätten. Als „liederliche Weibspersonen“ galten Frauen, „welche mit ihrem Körper ein Gewerbe betreiben“ wollen.
Der britisch-niederländische Arzt und Sozialreformer Bernard de Mandeville sprach sich 1724 in einer populären Streitschrift für eine legalisierte, staatlich kontrollierte Prostitution aus. Seine Bescheidene Streitschrift für Öffentliche Freudenhäuser enthält eine für die Zeit angesichts verschiedener Querelles des femmes durchaus einfühlsame und differenzierte Geschlechterpsychologie. Jonathan Swifts etwas später erschienene Satire A Modest Proposal spielt vermutlich auf den 1729 bereits sprichwörtlich gewordenen Titel an. Als Mittel gegen die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten empfiehlt Mandeville, die Prostituierten kostenlos medizinisch zu behandeln, wenn sie eine Ansteckung freiwillig meldeten, aber sie zu verbannen und hart zu bestrafen, wenn sie diese verbärgen.Bernard de Mandeville: Eine Bescheidene Streitschrift für Öffentliche Freudenhäuser Oder ein Versuch über die Hurerei wie sie jetzt im Vereinigten Königreich praktiziert wird. Verfasst von einem Laien. Aus dem Englischen, annotiert und mit einem Essay versehen von Ursula Pia Jauch. Carl Hanser Verlag, München 2001, S. 60, Anmerkung 55, ebenso S. 140.
19. Jahrhundert mini|Au Salon de la rue des Moulins von Henri de Toulouse-Lautrec, 1894 mini|hochkant|Prostituierte in einem Bordell in Yokohama, Ende 19. Jahrhundert; Fotografie von Kusakabe Kimbei mini|Loge im Sophiensaal von Josef Engelhart, 1903