Erziehung ist die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozess als auch das Ergebnis dieser Einflussnahme.
Der Ausdruck „Erziehung“ bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl die Gesamtheit allen erzieherischen Handelns, das die Personalisation, Sozialisation und Enkulturation eines Menschen steuert, als auch einzelne Teile dieses Gesamtprozesses, wie z. B. die Sexualerziehung, Gesundheitserziehung oder Verkehrserziehung. Die Wissenschaft, die sich mit dem Erziehen, der Erziehung als Tun und als Nachdenken über dieses Tun beschäftigt, ist die Pädagogik.Winfried Böhm, Martin Lindauer: Zur Einführung in den Band. In: Winfried Böhm, Martin Lindauer (Hrsg.): „Nicht Vielwissen sättigt die Seele“. Wissen, Erkennen, Bildung, Ausbildung heute. Ernst Klett, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-984580-1, S. 11–24; hier: S. 23, Anm. 10 (= Drittes Symposium der Universität Würzburg). Erziehung wird von Erziehungsnormen geleitet. Sie erfolgt im Rahmen von Erziehungskonzepten, die auf Erziehungsziele ausgerichtet sind, und greift auf Erziehungsmittel und Erziehungsmethoden zu.
Wortherkunft und Bedeutungsfeld Das neuhochdeutsche Verb erziehen geht auf protogermanisch *uzteuhaną zurück, das althochdeutsch zu *irziohan („herausziehen“) und mittelhochdeutsch zu irziehen, derziehen, reziehen, erziehen wurde. Die einzige weitere germanische Sprache, in der das protogermanische *teuhaną produktiv geworden und mit der Bedeutung von „(ein Kind) auf-/erziehen“ über das Frühmittelalterliche hinaus erhalten geblieben ist, war das Niederländische (altniederländisch *tīan → mittelniederländisch tiën). Im Neuniederländischen ging diese Bedeutung auch hier verloren, sodass das Deutsche neuzeitlich die einzige Sprache ist, in der sie mit diesem germanischen Wort verbunden wird.
Als indogermanischer Ursprung des protogermanischen Verbs *(uz)teuhaną wird allerdings eine Form *deuk- rekonstruiert, die auch den lateinischen Wörtern dux („Führer“) bzw. ducere („führen“) sowie den daraus abgeleiteten Formen educare („großziehen, ernähren, erziehen“) und educatio („Erziehung“) zugrunde liegt.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 883 (ziehen). Das lateinische Wort bezeichnete seit der Antike sowohl das Aufziehen und die Kultivierung von Pflanzen und Nutztieren als auch die Erziehung von Personen.Landwirtschaft: z. B. Lucius Iunius Moderatus Columella: Re de rustica; Erziehung: z. B. Quintilian: Institutio oratoria Nach dem Vorbild von educare nahm *irziohan noch in althochdeutscher Zeit die Lehnbedeutung „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“ an.Duden. Das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage. 2007.
Als Substantiv zu *(uz)teuhaną erschien schon im Protogermanischen die Form *tuhtiz. Das folgende ahd. zuht ist – über „Unterhalt“, „Nahrung“ und „Zucht“ hinaus – auch mit den Bedeutungen „Belehrung“, „Schulung“ und „Unterweisung“ verbunden, die gleichlautende mhd. Form überdies auch mit „feiner Lebensart“, „Wohlgezogenheit“ und „Bildung des inneren und äußeren Menschen“. Seit dem Spätmittelalter erscheint auch die Wendung „Zucht und Ordnung“, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Pejorisierung erlebt. Das Substantiv „Erziehung“ dagegen lässt sich erst in der Neuzeit nachweisen und wird dort zunächst insbesondere auf die Viehhaltung bezogen. Diese ursprüngliche Bedeutung wird erst nach und nach durch das Signifikat „Belehrung von Menschen“ zurückgedrängt. Der erste bedeutende deutsche Wörterbuchautor, der das Wort in diesem Sinne („die Sitten, das Herz, den Geist eines Kindes bilden“) inhaltlich bestimmt, ist im ausgehenden 18. Jahrhundert Adelung. Jacob Grimm und Wilhelm Grimm weisen in ihrem Deutschen Wörterbuch etwa auf Lichtenberg hin, der den Ausdruck mit zeitgenössischer Bedeutung in seinem 1780 veröffentlichten Bericht über James Cook verwendet.
Aus dem Ursprungsbegriff hat die Sprachgebung in der Folge ein differenziertes Vokabular geschaffen, um die Nuancen des Erziehungsprozesses genauer zu erfassen: Bezeichnungen wie „Aufziehen“, „Betreuen“, „Fördern“, „Belehren“, „Unterrichten“, „Sozialisieren“, „Ausbilden“, „Bilden“ oder „Enkulturieren“ spiegeln das breite Spektrum an Erziehungsvorstellungen, Einflussnahmen und Erziehungspraktiken, mit denen „Erziehen“ zu tun hat. Es handelt sich teils um Synonyme, teils um Teilbereiche des komplexen Erziehungsprozesses mit unterschiedlichen Niveauansprüchen, die sich in unterschiedlichen Definitionen von Erziehung wiederfinden.Peter Menck: Was ist Erziehung? Eine Einführung in die Erziehungswissenschaft. 3. neubearbeitete Auflage. universi, Siegen 2015; ub.uni-siegen.de (PDF).Timo Hoyer: Sozialgeschichte der Erziehung. Von der Antike bis in die Moderne. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015
Erziehung in den wissenschaftlichen Disziplinen Die wissenschaftliche Disziplin, die sich in erster Linie und schwerpunktmäßig mit der Theorie und Praxis von Erziehung befasst, ist die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft. Mit den gesellschaftlichen Strukturen des Erziehungssystems beschäftigt sich die Erziehungssoziologie, während die Pädagogische Psychologie und die Schulpsychologie die psychologischen Dimensionen der Erziehung im Blickfeld haben. Weitere Wissenschaften machen Erziehung im Rahmen ihres fachlichen Zuständigkeitsbereichs ebenfalls zum Gegenstand der Betrachtung, wie etwa die Philosophie, die Religionswissenschaft, die Rechtswissenschaft, die Politikwissenschaft, die Sportwissenschaft, die Psychologie, die Soziologie, die Sozialgeschichte oder die Kulturgeschichte. Sie tragen jeweils eine Verantwortung für einen essentiellen Beitrag aus ihren Fachgebieten zu der lebendigen Reflexion und Weiterentwicklung der Erziehungsnotwendigkeiten.
Einfluss von Erziehung Eltern können die schulischen und außerschulischen Leistungen sowie das Wohlbefinden ihrer Kinder durch einen positiven Erziehungsstil nachweislich verbessern. Wissenschaftliche Untersuchungen werden dadurch erschwert, dass Eltern, Genetik, soziales Umfeld und Schule / Kindergarten gleichzeitig Einfluss auf die Entwicklung der Kinder nehmen. Die Forschung stützt sich daher unter anderem auf Interventionsstudien, wodurch sich die reinen Erziehungseffekte isolieren lassen. Diese Untersuchungen sowie umfassende Metaanalysen belegen übereinstimmend, dass sowohl das Ausmaß des elterlichen Engagements als auch der spezifische Erziehungsstil deutliche Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben.
Es wurde ein deutlicher Einfluss von elterlichem Engagement auf die kognitive und schulische Entwicklung gefunden. Interventionsprogramme, die auf eine stärkere Einbindung der Eltern (bspw. Vorschulalter bis 3. Klasse) abzielen, weisen einen moderat positiven Effekt auf. Dies betrifft sowohl die akademischen Leistungen der Kinder als auch deren außerschulische Kompetenzen. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen hängt dabei stark vom Grad der Umsetzung ab: Je stärker messbar sich das elterliche Engagement durch eine Intervention erhöht, desto positiver entwickeln sich die Kinder. Ähnliche Programme gibt es auch in Deutschland, beispielsweise den Kurs Starke Eltern – Starke Kinder.
Neben der Leistungsfähigkeit beeinflusst der Erziehungsstil außerdem das subjektive Wohlbefinden und die emotionale Entwicklung der Heranwachsenden. Eine Auswertung (Metaanalyse) von über hundert Einzelstudien mit zehntausenden Teilnehmern belegt, dass ein positiver, unterstützender Erziehungsstil signifikant mit einer höheren Lebenszufriedenheit und positiven Emotionen der Kinder korreliert, während er das Erleben negativer Gefühle reduziert. Umgekehrt steht ein negativer oder ungünstiger Erziehungsstil in einem klaren Zusammenhang mit einem allgemein geringeren Wohlbefinden.
Eltern können ihre Kinder jedoch nicht nur fördern, sondern ihnen auch schaden. Eine Metaanalyse zu körperlicher Bestrafung kommt zu dem Ergebnis, dass diese stets schädlich ist, unabhängig vom familiären, kulturellen und sozialen Kontext. Die Autoren schreiben, dass die Befunde sogar die kausale Schlussfolgerung zulassen, dass körperliche Bestrafung schädliche Auswirkungen hat (und nicht nur eine Korrelation besteht). Eltern können hier Gutes bewirken, indem sie messbare Schäden vermeiden.
Theoretische Begründung des Erziehungsbegriffes
Von Seiten der Pädagogik Die Fachrichtung innerhalb der Pädagogik, die sich mit der theoretischen Begründung des Erziehungsbegriffs beschäftigt, ist die Allgemeine Pädagogik.
Der früheste Versuch, den Begriff der Erziehung theoretisch zu begründen, stammt von Johann Friedrich Herbart (1776–1841), für den Erziehen eine gewollte, geplante, organisierte Veranstaltung ist; sie ist nicht natürlich und ereignet sich bloß, ist nicht nur Sozialisation, die gleichsam naturwüchsig geschieht, sondern eine rationale Handlung, die nach bewussten Zwecken verfährt. Sie folgt dem Wollen, aber nicht irgendeinem Wollen, sondern demjenigen Wollen, das aus einem bestimmten Gesichtskreis bzw. Gedankenkreis ergibt. zitiert nach:
Siegfried Bernfeld schrieb 1929 aphoristisch: „Die Erziehung ist […] die Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache.“
Eduard Spranger (1882–1963) hat seinen Versuch, Erziehung theoretisch zu begründen, anthropologisch gefasst. In seiner berühmten Parabel vom Bogenschnitzer hat er den Ursprung der Erziehung zunächst sinnfällig beschrieben. Der in vorgeschichtlicher Zeit lebende Bogenschnitzer unterbricht seine Arbeit, um einen Knaben zu zeigen, wie dieser selbst einen Bogen herstellen kann. Spranger zielt hier vor allem darauf, dass Erziehung erst möglich ist, wenn die Lebensumstände es dem Menschen erlauben, sein Kernanliegen der Überlebenssicherung einen Moment zurückzustellen.
Von einer anthropologischen Grundlage ging ein halbes Jahrhundert später auch Wolfgang Sünkel (1934–2011) aus, für den Erziehung dazu dient, die kollektive Kulturalität des Menschen zu tradieren, weil diese ja nicht genetisch übergeben werden kann. Erziehung löst das Problem, wie die nichtgenetischen Tätigkeitsdispositionen – „das sind Kenntnisse, Fertigkeiten und Willensstellungen (Motive)“ – „über die Mortalitätsschwelle hinüber gebracht werden“ können. Als Definition ergibt sich für Sünkel daraus: „Erziehung ist die vermittelte Aneignung nichtgenetischer Tätigkeitsdispositionen.“
Klaus Prange (1996) versteht Erziehung als Synchronisierung und Symmetrisierung von Zeigen und Lernen.
Von Seiten der Psychologie Von Seiten der Psychologie gibt es keine prominenten Anstrengungen, den Erziehungsbegriff theoretisch zu begründen; einige Autoren haben sich jedoch um die theoretische Begründung von Begriffen verdient gemacht, die als Bestandteile einer Definition für „Erziehung“ herangezogen werden können.