mini|Schülerin in Indien bei den Hausaufgaben 250px|mini|Schüler bei Erledigung einer Mathematikhausaufgabe Hausaufgaben oder Schularbeiten (in Österreich offiziell Hausübungen, umgangssprachlich auch Hausaufgaben) sind Aufgaben des Lehrers an die Schüler, die diese in der unterrichtsfreien Zeit bearbeiten sollen. Hausaufgaben haben didaktische, erzieherische und soziale Funktionen. Je nach Kulturkreis, Fach und Hochschullehrer werden Hausaufgaben auch im tertiären Bildungsbereich aufgegeben und kontrolliert.

Im weiteren Sinne bezeichnet man als Hausaufgaben auch andere selbstverantwortlich zu erledigende Verpflichtungen im Haushalt.

Wortgeschichte und Wortgeografie Bis sich um 1880 der Ausdruck Hausaufgaben durchsetzte, wurden Aufgaben, die der Lehrer für die Erledigung zu Hause aufgab, meist als Privatarbeiten bezeichnet.

In weiten Teilen Deutschlands sagt man neben Hausaufgaben auch Hausarbeiten, Schulaufgabe oder Schularbeiten. Die beiden letztgenannten Ausdrücke erscheinen im Deutschen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, der erstere erst seit dem frühen 19. Jahrhundert.

Jacob und Wilhelm Grimm verstanden unter Schularbeiten Arbeiten, die dem Schüler in der Schule aufgegeben wurden. Noch im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde mit dem Ausdruck Schularbeit daneben aber auch die Tätigkeit des Lehrers bezeichnet. In Österreich versteht man unter einer Schularbeit einen schriftlichen Leistungsnachweis (in Deutschland: Klassenarbeit).

Ähnlich wird auch in Bayern unter einer Schulaufgabe bis heute nicht eine Hausaufgabe, sondern ein schriftlicher Leistungsnachweis verstanden.

Begriffsabgrenzung Von Hausaufgaben sind zu unterscheiden: Abschlussarbeiten wie z. B. Facharbeiten, deren Anfertigung ebenfalls außerhalb der regulären Unterrichtszeit erfolgt; ein weiteres Beispiel ist der Extended Essay, den Schüler im Rahmen des International Baccalaureate schreiben. Persönliche Projekte (personal projects), wie sie in den Vereinigten Staaten an vielen High Schools zum Lehrplan gehören. Das Thema kann vom Schüler im Rahmen der Richtlinien der Schule frei gewählt werden. Das Projekt wird vom Schüler in seinem Verlauf schriftlich dokumentiert und am Ende evaluiert und schulöffentlich präsentiert; die Vorbereitung nimmt meist ein ganzes Schuljahr in Anspruch. Die Einbeziehung außerschulischer Lernorte im Projektunterricht. Pflichtstunden ehrenamtlicher Tätigkeiten (community service), wie sie Schülern beispielsweise in den Vereinigten Staaten zur Voraussetzung bestimmter Privilegien (Aufnahme in Honors-Kurse, Mitgliedschaft in Honors Societies usw.) gemacht werden. Strafarbeiten, die eher dem Disziplinieren als einer vertieften Beschäftigung mit dem Unterrichtsstoff dienen.

Hausaufgaben im Lichte verschiedener pädagogischer Konzepte Viele pädagogische Konzepte sind mit expliziten Stellungnahmen zu Hausaufgaben verbunden. In Laborschulen werden verschiedene Hausaufgabenkonzepte empirisch geprüft.

Herbartianismus Der Herbartianismus war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die erste große pädagogische Strömung, die längere Zeit Einfluss auf die Schulwirklichkeit gewinnen konnte. Innerhalb dieser Erziehungslehre besteht ein markanter Gegensatz zwischen dem Begründer Johann Friedrich Herbart, der Schulkritiker war und nie auf die Idee gekommen wäre, eine Schulklasse im Takt von Unterrichtsstunden gemäß seinen methodischen Vorschlägen zu unterrichten, und manchen späteren Vertretern, die den Anforderungen ihrer Zeit entgegenkommen wollten und unter Berufung auf Herbart sture Formalismen praktizierten. Während auch führende Theoretiker wie Tuiskon Ziller und Wilhelm Rein Wert auf eine flexible Anwendung der Herbartschen Prinzipien legten, kam es in der Praxis oft zu Schematismen und der Aufgliederung des Unterrichts in rigide Formalstufen. Hausaufgaben übernahmen in diesem Kontext die Funktion des mechanischen Übens und Einprägens des im Unterricht behandelten Stoffes. Herbart selbst hatte umfangreiche Hausaufgaben stets abgelehnt: „Noch dringender ist, dass die Schüler nicht durch aufgegebene häusliche Arbeiten um die nötige Erholungszeit gebracht werden.“; siehe dort auch § 123, § 227.

Reformpädagogik Die Reformpädagogik, die auf eine „Pädagogik vom Kinde aus“ zielte und eine Eigentätigkeit des Kindes wünschte, lehnte Hausaufgaben nicht generell ab, betrachtete die gewöhnlichen Aufgaben zur Übung und Anwendung des gelernten Stoffes aber sehr kritisch, und zwar in dezidierter Abgrenzung vom Herbartianismus, dem sie „intellektualistischen Drill“ vorwarf. In ihrer Einschätzung, ob Hausaufgaben denn nun als kindliche Eigentätigkeit oder – im Gegenteil – als von außen aufgezwungen zu deuten seien, waren verschiedene Vertreter der Reformpädagogik sich dann aber recht uneinig:

;Hugo Gaudig: Von allen Reformpädagogen hat Hugo Gaudig sich am eingehendsten und ausführlichsten mit dem Thema beschäftigt. Gaudig war überzeugt, dass Hausaufgaben Schülern die Chance bieten, ohne die regulierende Aufsicht und Einwirkung des Lehrers zu arbeiten: „In der freien häuslichen Arbeit stellt sich uns die am meisten von dem Einfluss der Schule emanzipierte und darum eine für die Kultur der Selbstständigkeit äußerst wichtige Arbeitsform dar.“ Die Selbsttätigkeit des Schülers setzte für ihn freilich voraus, dass im schulischen Unterricht alle erforderlichen Arbeitsformen und -techniken eingeübt wurden.

;Berthold Otto: An der Hauslehrerschule, die Berthold Otto 1906 in Berlin gegründet hatte, gab es keine Hausaufgaben, es sei denn auf Wunsch der Schüler.

;Montessoripädagogik: Die Montessoripädagogik ist auf Freiwilligkeit und selbstständigem Tun der Schüler basiert. Ein charakteristisches Element, das im Tagesablauf der Montessorischulen breiten Raum einnimmt, ist die Freiarbeit. Regelmäßige verpflichtende Hausaufgaben, die für alle Schüler gleich sind, gibt es nicht.

;Daltonplan: Die radikalste Ablehnung von Hausaufgaben findet sich in der von Helen Parkhurst entwickelten Daltonplanpädagogik. Die Individualisierung des Unterrichts und Methoden wie die Arbeit mit schriftlichen Studieranleitungen und in Laboratorien (fachspezifisch eingerichteten Räumen, in denen zwar Fachlehrer anwesend sind, die Schüler aber im Selbststudium arbeiten) sollten Hausaufgaben gänzlich überflüssig machen.

;Waldorfpädagogik: Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik, lehnte Hausaufgaben nicht grundsätzlich ab, wollte es aber dem Kind überlassen, ob es Hausaufgaben erledigt oder nicht. Dennoch werden verpflichtende Hausaufgaben heute auch an den meisten Waldorfschulen erteilt.

;Jenaplan: In der Kölner Rosenmaarschule, einer Jenaplan-Schule, wurden die Hausaufgaben 1972 auf Wunsch der Familien abgeschafft. An Jenaplan-Schulen tritt an die Stelle des Stundenplans ein Wochenplan, in dem auch Zeiten für die Bearbeitung von Aufgaben vorgesehen sind, die anderswo als Hausaufgaben aufgegeben würden.

;Sudbury-Pädagogik: An Sudbury-Schulen entscheiden die Schüler über ihren Lehrplan und die Strukturierung ihrer Lernzeit autonom. Hausaufgaben sind weder vorgesehen noch ausgeschlossen.

;Mehlhorn-Pädagogik: In Mehlhornschulen (auch: „BIP-Schulen“, „BIP-Kreativitätsschulen“) werden keine täglichen Hausaufgaben erteilt. Die Schüler lassen ihren Schulranzen während der Woche in der Schule, weil alle Schularbeiten im schulischen Unterricht geleistet werden sollen. Nur bestimmte Aufgaben, wie das Auswendiglernen eines Gedichtes oder die Vorbereitung einer Präsentation, müssen zu Hause erledigt werden.

Funktion und Nutzen Funktion von Hausaufgaben gemäß der erziehungswissenschaftlichen Fachliteratur In der Fachliteratur werden grundlegend zwei Funktionen von Hausaufgaben unterschieden: didaktische, d. h. auf unterrichtliche Zwecke gerichtete Funktionen, erzieherische Funktionen. Rudolf W. Keck führt als drittes auch eine soziale Funktion, im Sinne einer „sozial-kommunikativen Brücke zwischen Elternhaus und Schule“, an.

Die unterrichtstheoretische Auseinandersetzung mit Hausaufgaben hat in Deutschland schwerpunktmäßig in den 1960er bis 1980er Jahren stattgefunden.

In der jüngeren Fachliteratur werden vor allem empirische Befunde dargestellt. Themenschwerpunkte sind dabei: Elternverhalten Hausaufgabenumfang Schülermotivation Qualität der Vorbereitung und Integration von Hausaufgaben in den nachfolgenden Unterricht

Bestimmung des Hausaufgabenzwecks in den Schulgesetzen der deutschen Bundesländer In Deutschland ist der Zweck der Hausaufgaben teilweise in den Schulgesetzen der Bundesländer ausdrücklich definiert. Ihre Funktion besteht demnach darin: die im Unterricht vermittelten Kenntnisse zu sichern und zu festigen, die im Unterricht vermittelten Einsichten zu verarbeiten, die im Unterricht vermittelten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Techniken zur Lösung unterschiedlicher Aufgaben zu üben, die im Unterricht vermittelten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einsichten zu vertiefen, die im Unterricht vermittelten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse anzuwenden, das selbstständige und eigenverantwortliche Arbeiten, bei dem die im Unterricht vermittelten Methoden angewandt werden, zu fördern, den Schülern Gelegenheit zu bieten, Kompetenzen selbstständig zu entwickeln, die Schüler über den Unterricht hinaus Kenntnisse und Einsichten gewinnen zu lassen, auf die Arbeit in den folgenden Unterrichtsstunden vorzubereiten, allgemein den Lernprozess zu unterstützen, das Interesse der Schüler am Fach zu fördern, Rückmeldung über den erreichten Leistungsstand zu geben.

Einschätzung des tatsächlichen Nutzens In Befragungen schätzen Lehrer, Schüler und insbesondere Eltern Hausaufgaben mit großer Mehrheit als nützlich oder sogar unbedingt notwendig ein. Aus der „Hattie-Studie“ von John Hattie geht jedoch hervor, dass das Erledigen von Hausaufgaben keinen signifikanten Einfluss auf den Lernerfolg hat.Hattie-Rangliste: Einflussgrößen und Effekte in Bezug auf den Lernerfolg. Auf: visible-learning.org, zuletzt eingesehen am 30. Dezember 2020. Hausaufgaben sind auf der Hattie-Rangliste auf Platz 88 hinter den untersuchten Einflussfaktoren „Medikamente“, „Reduzierung von Unterrichtsstörungen“ und „Schulleitung“.

Wissenschaftliche Pädagogik und Lehrerausbildung schenken dem Thema Hausaufgaben vergleichsweise geringe Beachtung, wenn aber doch, dann wird gerne kritisiert, dass Hausaufgaben auch in der Praxis nicht die nötige Beachtung finden, weshalb unreflektierte, phantasielose Routine überwiegt (TIMSS-Studien von 1994 und 1999). Hier findet sich eine negative Korrelation von durchschnittlichen Schülerleistungen und durchschnittlich aufgewendeter Zeit für Hausaufgaben; Hausaufgaben werden inzwischen in der Pädagogik teilweise als unsinnig angesehen, da sie nicht in der Lage seien, Verständnis zu vermitteln (vgl. Education Week vom 6. September 2006).

In einer Gesamtschau einer Vielzahl von Studien der 1960er-, '70er- und '80er-Jahre konnten vorwiegend positive Effekte von Hausaufgaben aufgezeigt werden. Verglichen mit Schülern, die keinerlei weitere Aufgabe oder Unterstützung erhielten, wiesen Schüler mit Hausaufgaben bessere Leistungen im Sinne von erzielten Noten oder Prüfungsergebnissen auf, wobei dieser Effekt für Oberschüler der höheren Jahrgangsstufen größer war als für die der kleineren Jahrgangsstufen und kein Effekt für Grundschüler festgestellt wurde. Im Vergleich zu Schülern, die in der Schule zu zusätzlichem selbständigem Lernen angehalten wurden, wiesen Oberschüler mit Hausaufgaben in geringem Maße bessere Leistungen auf, wobei auch dieser Effekt bei höheren Jahrgangsstufen größer war, und wiesen Grundschüler mit Hausaufgaben schlechtere Leistungen auf als die in der Schule zum zusätzlichen selbständigen Lernen angehaltenen Grundschüler.Harris Cooper, Jorgianne Civey Robinson and Erika A Patall: Does Homework Improve Academic Achievement? A Synthesis of Research, 1987–2003, Review of Educational Research (2006), Band 76, Nr. 1, S. 4, doi:10.3102/00346543076001001.