mini|Eine gedruckte Seite des I Ging aus der Song-Dynastie (960–1279 n. Chr.) Das Yijing, , frühere deutsche Transkription:Weitere historische Schreibweisen sind z. B. Wade-Giles: I-Ching, EFEO: Yi-King, Stange: Yi-King. I Ging, deutsch Das Buch der Wandlungen, ist im Kern ein antikes chinesisches Handbuch zur Orakelbefragung und der bekannteste der klassischen konfuzianischen Texte. Seine Entstehung führt die chinesische Legende in das 3. Jahrtausend v. Chr. zurück. Nach heutigem Kenntnisstand jedoch wurde der älteste Teil des Buchs wahrscheinlich in den letzten beiden Dekaden des 9. Jhdts. v. Chr. kompiliert, weitere Teile wurden in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende ausgearbeitet und hinzugefügt.

Die Texte und Bilder des Yijing wurden im Laufe von 2800 Jahren auf vielfältige Weise interpretiert: als kosmologische Prinzipien, als Richtschnur für ethisches Verhalten, als Sinnbilder von Lebens- und Entscheidungssituationen, als universale anthropologische Erfahrungen und als Wegweiser zu psychologischen und tiefenpsychologischen Einsichten.Dennis Schilling: Yijjing, Das Buch der Wandlungen. Frankfurt am Main / Leipzig 2009. Bis heute gilt das Yijing sowohl als „die Essenz chinesischen Denkens und Wissens“Siehe als auch „im Zuge seiner globalen Bedeutung … als Kulturgut zahlreicher Generationen und Gesellschaften, sodass sich vielfältige Deutungen herausgebildet haben. Es hat einen festen Platz in der Weltliteratur.“

Aufbau des Yijing Alle nachfolgende Schriftzeichen werden als Langzeichen dargestellt. Zeichen Nr. Bedeutung n. Wilhelm Pīnyīn 32px 1 Das Schöpferische qián 32px 2 Das Empfangende kūn 32px 3 Die Anfangsschwierigkeit chún 32px 4 Die Jugendtorheit méng 32px 5 Das Warten xū 32px 6 Der Streit sòng 32px 7 Das Heer shī 32px 8 Das Zusammenhalten bǐ 32px 9 Des Kleinen Zähmungskraft xiǎo chù 32px 10 Das Auftreten lǔ 32px 11 Der Friede taì 32px 12 Die Stockung pǐ 32px 13 Gemeinschaft mit Menschen tóng rén 32px 14 Der Besitz von Großem dà yǒu 32px 15 Die Bescheidenheit qiān 32px 16 Die Begeisterung yù 32px 17 Die Nachfolge suí 32px 18 Die Arbeit am Verdorbenen gǔ 32px 19 Die Annäherung lín 32px 20 Die Betrachtung guān 32px 21 Das Durchbeißen shì kè 32px 22 Die Anmut bì 32px 23 Die Zersplitterung bō 32px 24 Die Wendezeit fù 32px 25 Unschuld wú wàng 32px 26 Des Großen Zähmungskraft dà chù 32px 27 Die Ernährung yí 32px 28 Des Großen Übergewicht dà guò 32px 29 Das Abgründige kǎn 32px 30 Das Feuer lí 32px 31 Die Einwirkung xián 32px 32 Die Dauer héng 32px 33 Der Rückzug dùn 32px 34 Des Großen Macht dà zhuàng 32px 35 Der Fortschritt jìn 32px 36 Die Verfinsterung des Lichts míng yí 32px 37 Die Sippe jiā rén 32px 38 Der Gegensatz kúi 32px 39 Das Hemmnis jiǎn 32px 40 Die Befreiung xìe 32px 41 Die Minderung sǔn 32px 42 Die Mehrung yì 32px 43 Der Durchbruch guài 32px 44 Das Entgegenkommen gòu 32px 45 Die Sammlung cùi 32px 46 Das Empordringen shēng 32px 47 Die Bedrängnis kùn 32px 48 Der Brunnen jǐng 32px 49 Die Umwälzung gé 32px 50 Der Tiegel dǐng 32px 51 Das Erregende zhèn 32px 52 Das Stillehalten gèn 32px 53 Die Entwicklung jiàn 32px 54 Das heiratende Mädchen gūi mèi 32px 55 Die Fülle fēng 32px 56 Der Wanderer lǚ 32px 57 Das Sanfte xùn 32px 58 Das Heitere dùi 32px 59 Die Auflösung huàn 32px 60 Die Beschränkung jíe 32px 61 Innere Wahrheit zhōng fú 32px 62 Des Kleinen Übergewicht xiǎo gùo 32px 63 Nach der Vollendung jì jì 32px 64 Vor der Vollendung wèi jì

Das Buch besteht aus zwei unterschiedlich alten Textschichten.

Die ältere, aus der Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie stammende Schicht umfasst ein numerologisch-graphisches System, d. h. eine festgelegte Abfolge von 64 Zeichen () oder, im modernen Sprachgebrauch, Hexagrammen. Sie sind grafisch dargestellt () durch sechs waagerechte, übereinander angeordnete Striche, die entweder durchgezogen (⚊) oder zweigeteilt (⚋) sind. Jedes Hexagramm trägt einen Namen () und ist mit einem Spruch () versehen. Auch jedem der jeweils sechs Striche ist ein Spruch () beigefügt. Dieser erste Teil des Buchs, auch als Zhou Yi () oder „Die Wandlungen der Zhou“ bezeichnet, ist der Intention nach ein Mittel zur Orakelbefragung und kann heute noch als solches benutzt werden.Eine Beschreibung des Verfahrens ist auf der Seite Chinesisches Orakel zu finden.

Die mehrere Jahrhunderte jüngeren Textschichten sind sieben sehr unterschiedliche Interpretationen zu diesen Zeichen. Drei von ihnen sind zweigeteilt, sodass sich zehn ergeben; daher werden sie die Zehn Flügel () genannt. Davon sind zwei allgemeiner, theoretischer Natur, die anderen fünf befassen sich mit den einzelnen Hexagrammen. Der Übersichtlichkeit halber sind letztere in westlichen Übersetzungen meist dem betreffenden Hexagramm zugeordnet.

Die ersten beiden Flügel heißen Überlieferung zum Urteil (. Meist wird Zhuàn mit „Kommentar“ übersetzt. Dennis Schilling wählt in seiner Übertragung stattdessen das Wort 'Überlieferung', um diese Texte von weiteren Kommentaren aus späteren Zeiten abzugrenzen. Hier sei seinem Sprachgebrauch gefolgt. Mit 'Urteil' sind die Sprüche zu den Hexagrammen gemeint. Der 1. Flügel bespricht die Hexagramme 1 bis 30, der 2. Flügel die von 31 bis 64, da nach der überlieferten Anordnung zwischen Hexagramm 30 und Hexagramm 31 eine Zäsur besteht.

Der 3. und 4. Flügel, die Überlieferung zu den Bildern (), enthalten heterogene Materialien, Große Bilder und Kleine Bilder genannt. Sie sind auf die gleiche Weise zweigeteilt wie die Überlieferung zum Urteil. Die Großen Bilder leiten aus den sich aus den Zeichen ergebenden bildlichen Vorstellungen explizit ethische Normen ab, die Kleinen Bilder dagegen haben nichts mit Bildern zu tun, sondern kommentieren kurz die Sprüche zu den Strichen der Hexagramme.

Der 5. und der 6. Flügel, die in zwei Bücher geteilte Große Überlieferung (), liefert die theoretische Basis für das Gedankengebäude des Yijing.

Der 7. Flügel, Die Worte von (König) Wen, () enthält vier ausführlichere Besprechungen zu Hexagramm 1 und eine zu Zeichen 2. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um Aussprüche dieses Königs selbst, sondern um eine Deutung der beiden Hexagrammtexte aus späterer Sicht auf dem Hintergrund der Biografie dieses Königs.

Der 8. Flügel, die Besprechung der Zeichen () ist wieder ein theoretischer Text. Er befasst sich mit den acht möglichen Kombinationen von drei durchgezogenen oder durchbrochenen Strichen, die im Chinesischen ebenfalls Zeichen (), im Westen aber zur besseren Unterscheidbarkeit Trigramme genannt werden. Mit verschiedenen Eigenschaften und Attributen versehen, fügen sich diese Trigramme zu kosmologischen Systemen.

Der 9. Flügel, die Reihenfolge der Zeichen (), versucht anhand der Namen der Hexagramme ihre Abfolge nachvollziehbar zu machen.

Der 10. Flügel, die Gemischten Zeichen (), weicht von der üblichen Reihenfolge ab (daher der Titel). Er umschreibt mit knappen Worten den Namen des jeweiligen Zeichens.

Geschichte und Überlieferungen Entstehungsgeschichte des Yijing Nach chinesischer Tradition, wie sie teilweise schon in der Großen Überlieferung niedergelegt ist, erfand der legendäre Kaiser Fu Xi () die acht Trigramme, die dann zu den 64 Hexagrammen kombiniert wurden. Das daraus entstandene Orakelbuch sollte dazu verhelfen, das Schildkrötenorakel durch ein mittels Schafgarbenstengeln durchgeführtes Pflanzenorakel zu ersetzen. Die Formulierung der Sprüche zu den Hexagrammen wurde dem Zhou-König Wen (, 11. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, die der Sprüche zu den einzelnen Strichen einem seiner Söhne, Dan, dem Herzog von Zhou (). Auch galt Konfuzius noch bis ins 20. Jahrhundert hinein als Verfasser eines Teils der Zehn Flügel.

Archäologische Funde und philologische Vergleiche konnten nichts davon bestätigen. Beide Orakelformen gab es bereits vor der Machtübernahme der Zhou und lebten noch jahrhundertelang nebeneinander fort. Das Buch der Riten erwähnt zwei weitere, verlorengegangene „Wandlungsbücher“, die offenbar älter waren, das Guicang () und das Lianshan (). Durch Textvergleiche mit anderen Quellen, wie dem Buch der Lieder und Bronzeinschriften, kann der Beginn der Entstehung des Zhou Yi auf das Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. eingegrenzt werden, also lange nach König Wens Tod. Die Autoren des Buchs sind nirgendwo genannt, aber eigentlich kommen dafür nur Schreiber bzw. Gelehrte am Königshof der Zhou in Frage, da sie über das notwendige literarische Wissen verfügten und in die Orakelpraxis eingebunden waren.

Seitdem 1899 die ersten beschrifteten Schildkrötenpanzer entdeckt wurden, die dem Orakel dienten, geht die Forschung davon aus, dass das Zhou Yi zum Teil davon inspiriert wurde. Sowohl Zahlen als auch Vorbilder für die Striche und die Textbausteine sind auf den Panzern zu finden. Weiterhin wurden historische Begebenheiten, Mythen, Liedsequenzen, astronomische Beobachtungen und Textfragmente von Bronzeinschriften in die Texte eingearbeitet. Sie sind aber meist nur angedeutet und Eigennamen sind bis auf wenige Ausnahmen getilgt. Dennoch macht sich die Tendenz bemerkbar, die Herrschaft der Zhou-Dynastie ideologisch zu untermauern. Vor 600 v. Chr. wurde das Zhou Yi nur am Königshof der Zhou verwendet. Parallel zu deren Machtverlust verbreitete es sich auch in anderen Fürstentümern und beim niederen Adel. Das erklärt, warum sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Versionen des Buchs und regionale Auslegungstraditionen entwickelten.

Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. wandten sich die Philosophen dem Zhou Yi zu und erforschten dessen Kompositionsmuster, politische Aussagen und ethische Prinzipien. Daraus erwuchsen zahlreiche stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Kommentierungen, deren Verfasser unbekannt sind. Konfuzius gehörte sicher nicht dazu, denn in seinen eigenen Lehren geht er bis auf ein kurzes Zitat nicht auf das Zhou Yi ein. Möglicherweise stammen aber einige Textteile von seinen Nachfolgern.Lutz Geldsetzer, Hong Han Ding: Grundlagen der chinesischen Philosophie. Stuttgart 1998, S. 178. Daneben finden sich aber auch Elemente anderer philosophischer Richtungen wie des Taoismus oder der Yin-Yang-Lehre. Überhaupt darf man sich diese Überlieferungen nicht als klärende Auslegungen des mehrere Jahrhunderte älteren Textes des Zhou Yi vorstellen. In dieser langen Zeit hatte sich die Sprache von einem archaischen zum klassischen Chinesisch gewandelt und die soziokulturellen Bedingungen waren stark verändert. Die Sprüche wurden stets nach zeitgenössischem Verständnis gelesen. Zwar begriffen sich die Verfasser als Hüter eines literarischen Vermächtnisses, aber das hinderte sie nicht daran, ihre eigenen und oft ganz anders gearteten Erkenntnisse und Spekulationen einzubringen und so darzustellen, als lägen sie schon im Text. Dabei berücksichtigten sie teilweise nicht die Ursprungsbedeutung der Wörter und den damaligen Sinn der Aussagen, sondern interpretierten sie neu. Anders gesagt: Die Orakeltexte dienten nun auch als Illustration und Beleg für eigene philosophische Thesen und als Vorbild und Ratgeber in ethischen Fragen.

Überlieferungen und Textus receptus