mini|Alte und junge Gagausen Die Gagausen [] (gagausisch gagauz, pl. gagauzlar; ; oder ; ) sind ein Turkvolk, welches überwiegend in der autonomen Region Gagausien in der heutigen Republik Moldau lebt. Weltweit gibt es, je nach Schätzung, zwischen 200.000 und 230.000 Angehörige dieses Volks.Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Völker. Von Aborigines bis Zapoteken (= Beck’sche Reihe. 1593). C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51100-7, S. 122. Davon leben rund 150.000 in der Republik Moldau (knapp 128.000 davon in Gagausien)http://www.demoscope.ru/weekly/2006/0249/analit08.php, zirka 32.000 in der Ukrainehttp://2001.ukrcensus.gov.ua/rus/results/nationality_population und etwa 14.000 in Russland. Hinzu kommen noch einige Tausend Gagausen in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie in der Türkei, Rumänien, Bulgarien und Griechenland.
Die Gagausen sind mehrheitlich christlich-orthodox und zählen zur südwestlichen oder oghusischen Gruppe der Turkvölker. an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Sie sprechen die gagausische Sprache, eine Sprachvarietät des anatolischen Türkischen. Das Gagausische wird sowohl im kyrillischen als auch im lateinischen Alphabet geschrieben. In Gagausien setzt sich seit Mitte der 1990er Jahre ein an das Türkische angelehntes Lateinalphabet immer mehr durch.Halil İnalcık: Devlet-i 'Aliyye. Band 1: Klasik dönem (1302–1606). Siyasal, kurumsal ve ekonomik gelişim. 21. Auflage. Türkiye İş Bankası Kültür Yayınları, Istanbul 2009, ISBN 978-9944-88-645-1, S. 8, (Überarbeitung von The Ottoman Empire, The Classical Age, 1300–1600.).Jan J. Blezinger: Die Republik Moldau: Künftiges Mitglied der Europäischen Union? Zur Finalität der Zusammenarbeit zwischen Moldau und der Europäischen Union. Books on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-3920-2, S. 155. Seit 2012 wird Gagausisch von der UNESCO als gefährdete Sprache geführt, wobei diese Einschätzung von der Regierung Gagausiens jedoch zurückgewiesen wird. Fast alle Gagausen der Republik Moldau sprechen darüber hinaus auch Russisch.
Herkunft mini|Flagge der Gagausen Die ethnischen Wurzeln der Gagausen sind bis heute nicht restlos geklärt. So bestehen über die Entwicklung des gagausischen Volkes vier Hypothesen:
Die Abstammung der Gagausen von den Kumanen: Diese siedelten bis 1237 in der südrussischen Steppe und spielten dort und für Teile des Balkanraumes eine aktive Rolle. Die Identität der Gagausen mit einer als Karakalpaken bezeichneten türkischen Völkerschaft in Osteuropa (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Volk der Karakalpaken in Zentralasien), welche unter russischer Herrschaft die Griechische Orthodoxie angenommen hätten. Gegen diese wie auch die vorstehende Hypothese wird vorgebracht, dass die gagausische Sprache sehr nahe mit dem osmanischen Türkisch bzw. mit der heutigen türkischen Sprache verwandt ist.Grulich: Die Gagausen. In: Glaube in der 2. Welt. Bd. 12, Nr. 12, 1984, S. 15–16, hier S. 15. Die gegenwärtigen Turksprachen im ehemaligen Siedlungsraum der Karakalpaken und der Kumanen, dem Pontisch-kaspischen Steppenraum (Tatarisch und einige Turksprachen mit nur wenigen Sprechern im nördlichen Kaukasusvorland) gehören einem anderen Zweig der Turksprachen an. Die Sprache der Kumanen und Karakalpaken selbst ist nicht oder nur in Bruchstücken überliefert. Die Abstammung der Gagausen von slawischsprachigen Bulgaren, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert sprachlich türkisiert worden seien, aber ihren orthodox-christlichen Glauben beibehalten hätten. Diese Hypothese wird aber nur von bulgarischen Forschern vertreten. auf der Website des bulgarischen Nationalrates für Zusammenarbeit in ethnischen und demografischen Fragen(bulgarisch) Eine weitere Hypothese bezüglich der gagausischen Volksentwicklung sieht diese in einem engen Zusammenhang mit türkischen Oğuz. Die Oğuz siedelten nach dem Zusammenbruch des Türk-Reiches längere Zeit am Syrdarja. Um 1050 trennten sich die Clans und migrierten in verschiedene Richtungen.Milan Adamović: Die alten Oghusen. In: Materialia Turcica. Bd. 7/8, 1981/1982 (1983), S. 26–50, hier S. 45. So wanderte ein Teil von ihnen direkt in die Dobrudscha ein, ein anderer unter Sultan İzzeddin Keykavus über den „Umweg“ über Anatolien als „Seldschuken“ in diese Region.
Geschichte Frühgeschichte mini|150px|Dobrudscha heute (gelb und orange) Die Region Karwuna-Land (heute: Dobrudscha) war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von türkischen Oğuz-Stämmen besiedelt, die nach dem Zerfall des Türk-Reiches eingewandert waren. Unter der späteren Herrschaft von Keykavus über das Karwuna-Land sollten auch viele anatolische muslimische Oğuz, also Türkmenen, einwandern.Wlodzimierz Zajaczkowski: Gagauz. In: Encyclopaedia of Islam.
Die Oğuz-Stämme im Karwuna-Land gefährdeten mit ihren Raubzügen und Überfällen die Sicherheit des Byzantinischen Reichs. Um diesem Problem ein Ende zu bereiten, suchte Byzanz die Oğuz-Stämme als loyale Kräfte für sich zu gewinnen. In der Folge rekrutierte Byzanz seine Truppen aus der oghusischen Bevölkerung des Karwuna-Lands.
Staatsgründung unter Keykavus mini|links|Zwei Machtgebiete in Anatolien bei der Flucht von Sultan Keykavus Im Jahr 1261 erschien der seldschukische Sultan İzzeddin Keykavus mit zahlreichen oghusischen/türkmenischen Oba (oghusisch für Gemeinschaft/Sippe) am Hof des byzantinischen Kaisers Michael VIII. Palaiologos. Der Sultan war auf der Flucht vor den mongolischen Ilchanen, die Anatolien bedrohten. Anatolien war seit der Schlacht vom Köse Dağ, bei der die Türken den Mongolen unterlegen waren, in zwei Machtgebiete eingeteilt: In Ostanatolien bestand weiterhin das Sultanat der Rum-Seldschuken als Vasallen der Ilchane, in Westanatolien entstanden nach und nach autonome Fürstentümer (Beyliks), die formal dem Sultanat unterstanden. Sultan Keykavus floh mit seinen Gefolgsleuten zuerst zu den Türkmenen im Westen und von hier weiter in die byzantinische Hauptstadt. Unterwegs schlossen sich dem Sultan zahlreiche türkmenische Sippen an, davon bis zu 40 auf byzantinischem Territorium.Halil İnalcık: Devlet-i 'Aliyye. Band 1: Klasik dönem (1302–1606). Siyasal, kurumsal ve ekonomik gelişim. 21. Auflage. Türkiye İş Bankası Kültür Yayınları, Istanbul 2009, ISBN 978-9944-88-645-1, S. 7, (Überarbeitung von The Ottoman Empire, The Classical Age, 1300–1600.).
Der byzantinische Kaiser Michael Palaiologos belehnte Keykavus mit der Region der heutigen Dobrudscha. Keykavus errichtete in der Dobrudscha einen oghusischen Staat (ein Beylik) mit Karwuna (später von Beylik bzw. Balık in Baltschik umbenannt) als Hauptstadt. Das Ethnonym Gagavuz geht wahrscheinlich auf die Verbundenheit der turkmenischen Gruppe an Keykavus zurück, so dass sich Keykavus/Gagavuz als Ethnonym etablierte. Allerdings hatte Keykavus die Dobrudscha schon 1265 wieder in Richtung Krim verlassen.
Trotz des islamischen Bekenntnisses der seldschukischen Türken wurde die Griechische Orthodoxie als dominante Religion anerkannt. Die Gagausen unterstanden durch einen Exarchen in Karwuna dem Patriarchat in Konstantinopel.
Durch die Zuwanderung seldschukischer Türken gestärkt, stellte der neugegründete Staat eine eigene Armee und Flotte auf. Infolge von Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen wurde der Bulgare Balık zum Anführer aller Oğuz-Stämme und zum Oberhaupt des Despotats Dobrudscha. Im Jahr 1346 entsandte Balık zur Unterstützung der Regentin Anna von Savoyen 1000 Reiter nach Konstantinopel.
Nach dem Tod von Balık bestieg 1357 sein BruderSylvie Gangloff: Les Gagaouzes : État des Recherches et Bibliographie. In: Turcica. Bd. 30, 1998, S. 13–61, hier S. 21, . Dobrotič den Thron. Während seiner Herrschaft stabilisierte sich das Reich und die Flotte wurde vergrößert. Dobrotič änderte den Staatsnamen von Karwuna-Land in „Land des Dobrotič“, woraus sich später der heutige Name für die Region Dobrudscha entwickelte. Der Nachfolger von Dobrotič wurde 1386 sein Sohn Yanko (Ivanko nach anderen Quellen). Yanko war der letzte unabhängige oghusische Herrscher über die Dobrudscha.
Osmanische Herrschaft mini|150px|Osmanisches Reich ab 1683 Im Jahr 1398 war Yanko gezwungen, die Oberherrschaft der Osmanen anzuerkennen. Nach dem Verlust der Unabhängigkeit traten Teile der Bevölkerung zum Islam über. Nach der Eroberung Konstantinopels erkannte der osmanische Sultan Mehmed, der Eroberer das Griechische Patriarchat von Konstantinopel als Oberhaupt aller Christen im Imperium an. Für die nächste Zeit gibt es in historischen Quellen nicht viele Referenzen auf die Gagausen. Eine der Referenzen stammt aus dem Jahr 1652; dort bestimmt der Patriarch, die Autorität über alle Dörfer und Städte sei nicht mehr an den Exarchen von Karvyna, sondern an den lokalen Bischof zu vergeben.
Russische Herrschaft Zwischen den Jahren 1750 und 1846 setzten Migrationswellen der Gagausen (und der Bulgaren) über das osmanische Bulgarien nach Russland ein. Auslöser dieser Migrationen waren anscheinend die Plünderungen der Banden ( und ) Osman Pazvantoğlus, des Paschas von und von . Die ersten Migrationsbewegungen bis 1769 führten mehrheitlich in die Provinz Neurussland. Weitere Wanderungen zwischen 1787 und 1791 und insbesondere diejenigen zwischen 1801 und 1812 führten nach Bessarabien. Diese Einwanderungen wurden von der russischen Regierung nicht behindert, die Regierung blieb eher teilnahmslos. Erst später kümmerte sich die Regierung um Ordnung und Verwaltung.
Während der Russischen Revolution 1905–1907 kam es im Siedlungsgebiet der Gagausen zu einem Bauernaufstand, der in der Ausrufung einer Republik Komrat im Januar 1906 gipfelte. Nach fünf Tagen wurden diese Unabhängigkeits- oder Autonomiebestrebungen von den zaristischen Behörden unterdrückt.
Sowjetische Herrschaft 1940 wurde Bessarabien an die Sowjetunion angeschlossen. 1949 wurden die gagausischen Dörfer der Moldauischen und der Ukrainischen Sowjetrepubliken mit den gagausischen Dörfern in Rumänien und Bulgarien kollektiviert. Aufgrund der lange andauernden Nachbarschaft mit den Bulgaren haben die Gagausen viel vom Lebensstil und den Traditionen der Bulgaren übernommen.
Im Zweiten Weltkrieg wurden sehr viele Gagausen aus der Region deportiert und verloren ihr Leben. Nach Gründung der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik lebten 80 % der Gagausen in diesem Gebiet, 20 % lebten in Bulgarien und in der Ukraine.
Gagausien im unabhängigen Moldau mini|De-facto unabhängiges Gagausien 1990–1994 mini|Gagausische Autonomie innerhalb Moldaus (gelb) seit 1994 Nachdem die Sowjetunion kurz vor dem Zusammenbruch stand, nahmen in Moldau nationalistische und minderheitenfeindliche Tendenzen stark zu. 1990 spaltete sich Gagausien unter der Führung von Stepan Topal von Moldau ab und versuchte zunächst als eigenständige Teilrepublik innerhalb der Sowjetunion anerkannt zu werden. Nach dem endgültigen Zusammenbruch der Sowjetunion war Gagausien für einige Jahre als de facto unabhängiger Staat vollständig von Moldau losgelöst, die Stadt Comrat wurde zur gagausischen Hauptstadt.
Ab 1994 kam es zu Verhandlungen über eine Rückkehr Gagausiens zu Moldau. Am 23. April 1994 beschloss das moldauische Parlament eine Verfassungsänderung, welche umfangreiche Autonomierechte für Gagausien vorsah, darunter eine eigene Regierung sowie Gagausisch und Russisch als regionale Amtssprachen. Ende des Jahres 1994 stimmte Gagausien daraufhin der friedlichen Wiedervereinigung mit Moldau zu. Seitdem gilt der moldauisch-gagausische Konflikt als beigelegt, auch wenn es ab 2014 wieder vermehrt zu Spannungen zwischen der Regionalregierung in Comrat und der Zentralregierung Moldaus kam.
Im gagausischen Dorf Beșalma („Fünf-Äpfel“) befindet sich das Nationale Museum für Gagausische Geschichte und Ethnographie, welches von Dimitri Karaçoban gegründet wurde.Renate Nimtz-Köster: Gagausien in Moldawien. Die Nachfahren der Wölfe Spiegel online, 28. November 2008 Es bestehen gute Verbindungen zwischen Gagausien und der Türkei.
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