Der Vokativ, auch Anredefall, Anredeform oder Ruf-Fall, ist ein Kasus, somit eine Wortform, von Substantiven und anderen nominalen Wortarten. Er wird verwendet, um den Adressaten einer sprachlichen Äußerung direkt anzureden oder anzurufen. Solche Anreden sind freistehende Ausdrücke; daher markiert der Vokativ kein in den Satz integriertes Satzglied und ist kein regierter Kasus, anders als andere Kasusformen. Manchmal wird der Ausdruck Vokativ nicht nur auf die Kasusform, sondern auch auf die Funktion eines Ausdrucks als Anrede bezogen und dann auch auf größere Satzteile angewandt (genauer dann: Vokativphrase).Zwicky 1974, S. 787--788.
Eine Vokativform gab es sehr wahrscheinlich im Ur-Indogermanischen und ist bis heute in einigen Nachfolgesprachen Europas und des indoiranischen Sprachraums erhalten.Mallory/Adams 2006, S. 56–69.Maché 2025, S. 228--230.
Definitorisches
Der Vokativ wird in der deutschsprachigen Sprachwissenschaft, in den europäischen Philologien und in der Indogermanistik üblicherweise als Kasus aufgefasst und als solcher in der Formenlehre (Morphologie) verortet; in der angelsächsischen Sprachwissenschaft dagegen wird „vocative“ häufig als Phrase verstanden und fällt damit in das Teilgebiet der Syntax. Dieser Artikel behandelt zunächst die Definition des Vokativs als Anruf- und Anredeform des Nomens; der Begriff der Vokativphrase wird weiter unten erläutert.
Vokativ als Kasus Der Vokativ wird in den Grammatiken der klassischen Sprachen zu den Fällen (Kasus) gezählt, da es sich um eine Wortform handelt; man vergleiche die Deklinationsmuster des Wortes für Wolf in den miteinandern verwandten klassischen Sprachen Latein, Altgriechisch, Sanskrit und der mit diesen vermutlich nicht verwandten Kaukasussprache Georgisch:
Latein Altgriechisch Sanskrit Georgisch Nominativ lup-us lýk-os vṛk-aḥ mgel-i Ergativ mgel-ma Akkusativ lup-um lýk-on vṛk-an Genitiv lup-ī lýk-ou vṛk-asya mgel-is Dativ lup-ō lýk-ō(i) vṛk-āya mgel-s Instrumental vṛk-eṇa mgel-itAblativ lup-ō vṛk-āt Lokativ vṛk-e Adverbialis mgel-ad Vokativ lup-e! lýk-e! vṛk-a! mgel-o!
Funktion des Vokativs Der Vokativ hat eine andersartige Funktion als die übrigen Fälle. Während Genitiv, Akkusativ etc. dazu dienen, die grammatische Funktion eines abhängigen Satzteils (Satzglieds) zu markieren, steht ein Nomen im Vokativ außerhalb des Satzes. Ein Vokativ dient – vereinfacht gesagt – dazu, den Kontakt zwischen Sprecher und angesprochener Person herzustellen (Anruf) oder aufrechtzuerhalten (Anrede).Zwicky 1974, S. 787--788.Maché 2025, S. 212–217. Autoren wie Gutzmann sehen darüber hinaus sogenannte expressive Vokative als gesonderten Typus neben den oben genannten an.Gutzmann 2019, S. 172–260.
Eine ähnliche Erscheinung ist der freie Nominativ, und dieser wird im Deutschen auch für die Anrede verwendet. In einigen Sprachen wird aber ein Vokativ hiervon unterschieden.
Vokativbildung in den indogermanischen Sprachen Der indogermanische Vokativ, der sich für gewöhnlich auf den Singular beschränkt, sei am Beispiel des Wortes für „Wolf“ illustriert, einem typischen maskulinen o-Stamm:
Nominativ Vokativ Urindogermanisch *wl̥kʷ=o-s *wl̥kʷ=e! Altindisch vr̥k=a-s vr̥k=a! Altgriechisch lýk=o-s lýk=e! Latein lup=u-s lup=e! Gotisch wulf-s wulf! Altkirchenslavisch Litauisch vilk=a-s vilk=e!
Erklärung zur Notation: Der sog. Themavokal wird vom jeweiligen Wortstamm mittels Gleichheitszeichen (=) getrennt, die eigentliche Kasusendung (im Nominativ zumeist -s) mittels Bindestrich. Nullendungen werden nicht angegeben. Der Stern (*) vor den urindogermanischen Wörtern bedeutet, dass es sich um hypothetische Wortrekonstruktionen handelt, die nicht durch schriftliche Quellen belegt sind.
Zwei morphologische Phänomene lassen sich beschreiben: Vermutlich bereits im Urindogermanischen wurde das Wortbildungssuffix -o- im Vokativ zu -e- abgelautet. Dieser Vokalwechsel hält sich auch in den wichtigsten Nachfolgesprachen, wenngleich -o- teilweise verändert wird. Das typische Kasussuffix für den Nominativ war -s. Der Vokativ selbst war in der Regel ohne Suffix, woran sich bereits seine Ausnahmestellung im Kasussystem erkennen lässt.
Entwicklung des Vokativs in den indogermanischen Sprachzweigen In einigen indogermanischen Sprachzweigen ist der Vokativ außer Gebrauch geraten und seine Form darum verschwunden, in anderen dagegen ist er erhalten und wird bis heute verwendet. Einige Sprachen haben außerdem neue Vokativformen ausgebildet. Eine Übersicht:
Sprachfamilie Vokativ bewahrt maskuliner Vokativ erhalten,femininer Vokativ verschwunden Vokativ völlig verschwunden Vokativ neu gebildet Baltische Sprachen: Litauisch Lettisch Germanische Sprachen: Ostgermanisch (Gotisch) Westgermanisch(Englisch, Niederländisch, Friesisch)Nordgermanisch(Dänisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch) Keltische Sprachen Bretonisch Gälisch, Walisisch Italische Sprachen: Lateinisch Romanische Sprachen: Portugiesisch, Spanisch,Katalanisch, Provenzalisch,Französisch, Rätoromanisch,Italienisch Rumänisch Slawische Sprachen: Bulgarisch,Bosnisch/Kroatisch/Serbisch,Polnisch, Tschechisch,Ukrainisch Obersorbisch Niedersorbisch, Slowakisch, Slowenisch, Belarussisch Russisch Indoiranische Sprachen: Kurdisch Hindi/Urdu Persisch (Dari-Persisch, Fārsī) Andere Sprachen: Neugriechisch Armenisch Albanisch
Griechisch Im Griechischen ist der Vokativ Singular häufiger vom Nominativ verschieden, der Vokativ Plural ist aber immer identisch mit dem Nominativ Plural.
Altgriechisch Nominativ Vokativ Übersetzung Anmerkungen Maskulina o-Stämme lýkos(λύκος) lýke!(λύκε) Wolf i-Stämme óphis óphi! Schlange u-Stämme hyiýs hyiý! Sohn Nur im attischen Dialekt, sonst zum o-Stamm umgeformt: hyiós – hyié! n-Stämme kýōn(κύων) kýon!(κύον) Hund nt-Stämme gérōn(γέρων) géron!(γέρον) Greis r-Stämme patḗr(πατήρ) páter!(πάτερ) Vater ā-Stämme polítēs(πολίτης) políta! Bürger Feminina ā-Stämme nýmphē(νύμφη) nýmpha!(νύμφᾰ) Mädchen nur episch, in anderen Dialekten Synkretismus mit dem Nominativ: nýmphē! Konsonantenstämme nýx nýx! Nacht Besonderheiten gynḗ gýnai! Frau vereinzelte Form, vermutlich aus dem obliquen Stamm gýnaik- gebildet mit Abfall von -k
Bei Maskulina der ā-Deklination fällt das End-s (-ς) der Endungen -ēs (-ης) bzw. -as (-ας) weg; wenn der Endung -ēs (-ης) ein t (τ) vorangeht (-tēs, -της), ist die Endung -tă (-τᾰ). Beispiele: Nom. tamias (), „Verwalter, Schatzmeister“ > Vok. tamia! (); Nom. bouleutēs (), „Ratsmitglied“ > Vok. bouleuta! (). In der 3. Deklination entspricht der Vokativ fast immer dem Nominativ, es können aber Akzentverschiebungen oder Quantitätswechsel auftreten.
Neugriechisch Das Neugriechische führt die Vokativformen für Feminina nicht fort und hat auch die Zahl der maskulinen Deklinationsklassen stark reduziert: Im Prinzip endet im Neugriechischen heute jedes Maskulinum auf Sigma (-s); so wurde der altgriechische Nom.Sg. umgeformt zu . Dieses Sigma wiederum fehlt durchgehend in den neugriechischen Vokativformen. Eine Übersicht:
Nominativ Vokativ Übersetzung Maskulina auf -os: kýrios kýrie! Herr géros géro! Greis Maskulina auf -as: patéras patéra! Vater Maskulina auf -us: pappoús pappoú! Opa Maskulina auf -ís: polítis políti!políta! (archaisch) Bürger
Bei zweisilbigen männlichen Namen auf -os (z. B. Giorgos) sowie mehrsilbigen zusammengesetzten Namen, deren zweiter Bestandteil ein zweisilbiger Name ist (z. B. Karakitsos aus kara + Kitsos), lautet der Vokativ niemals auf -e, sondern stets auf -o. Bei Nomina auf -tis (-της) endet der Vokativ auf -ti (-τη). Die archaische Form mit der Endung -ta (-τα) kann im gehobenen Sprachniveau sowie unter älteren oder konservativen Sprechern auch benutzt werden (siehe Katharevousa) oder zur scherzhaften Parodie dieser Sprachform dienen.
Lateinisch Im Lateinischen ist der Vokativ fast immer mit dem Nominativ identisch. Als Fall mit unterscheidbarer Form erscheint er unter anderem bei den (allerdings recht häufigen) maskulinen Wörtern der o-Deklination, die im Nominativ auf -us enden. In diesem Fall wird aus der Nominativendung (im Singular) -us im Vokativ die Endung -e (z. B. Brutus → Brute!, Christus → Christe!). Eine Ausnahme bilden im Nominativ auf -ius endende Wörter sowie bestimmte Formen des Possessivpronomens: erstere enden im Vokativ auf -ī, letztere haben eigene Formen (z. B. Claudia clamat: „Consule tibi, mi fili!“ – Claudia ruft: „Sorge für dich, mein Sohn!“). Griechische Namen auf -ēs und -ās bilden einen Vokativ auf -ē bzw. -ā: Orestē! (auch Oresta!, zu Orestēs), Aenēā! (zu Aenēās, Nebenform Aenēa), Amyntā! (zu Amyntās). Unregelmäßige Vokative sind Hercle! für Hercules und Jesu! für Jesus, letzteres ist der griechische Vokativ.
Legendär ist die Ansprache des Augustus zum abgeschlagenen Kopf des Schlachtenverlierers Varus: „Quinctili Vare, redde legiones!“ – „Quinctilius Varus, gib [mir] die Legionen zurück!“
Romanische Sprachen Rumänisch Das Rumänische hat als einzige romanische Standardsprache den Vokativ für Maskulina auf -e aus dem Lateinischen bewahrt und darüber hinaus Vokativformen auf -ule entwickelt; zudem kennt es heute einen Vokativ für Feminina auf -o, welcher vermutlich durch Sprachkontakt entweder aus der benachbarten Slavia oder aus dem Albanischen entlehnt worden ist. Es gibt jedoch auch einige Substantive, die keine vom Nominativ unterschiedliche Vokativform ausgebildet haben, v. a. solche auf -e:
Nominativ Vokativ Übersetzung Maskulina bărbat bărbate! Mann soț soțulе! Ehemann frate frate! Bruder Feminina soră sorо! Schwester femeie femeio! Frau soție soție! Ehefrau
Eine weitere Besonderheit des Rumänischen besteht in der Herausbildung von Vokativformen im Plural. Diese Formen stimmen, anders als die entsprechenden Singularformen, allerdings mit einer anderen Kasusform überein, nämlich dem Casus obliquus im Plural, der in der rumänischen Sprachwissenschaft häufig Genitiv-Dativ genannt wird. Man vergleiche:
Nominativ Vokativ Übersetzung Maskulina bărbați bărbaților! Männer frați fraților! BrüderFeminina fete fetelor! Mädchen soții soțiilor! Ehefrauen
Der Gebrauch des Vokativs Plural ist jedoch nicht zwingend; auch ein Gebrauch des Nominativs für die Anrede ist möglich.
Baltische Sprachen Beide lebende Sprachen des baltischen Sprachzweigs zeigen bis heute Vokativformen, und auch die ausgestorbene altpreußische Sprache kannte solche.
Litauisch Die litauische Sprache hat den Vokativ aus der indogermanischen Ursprache nicht nur erhalten, sondern weiter ausdifferenziert, und zeigt von allen europäischen Sprachen darum die größte Vielfalt an Vokativformen:
Nominativ Vokativ Übersetzung Maskulina o-Stämme vilkas vilke! Wolf jo-Stämme vėjas vėjau! Wind jo-Stämme brolis broli! Bruder i-Stämme vagis vagie! Dieb u-Stämme žmogus žmogau! Mensch n-Stämme šuo šunie! Hund Feminina a-Stämme tautà táuta! Volk e-Stämme katė kate! Katze i-Stämme žuvis žuvie! Fisch r-Stämme duktė dukterie! Tochter
Lettisch In der lettischen Sprache ist der Vokativ zwar für die meisten Substantive vom Nominativ verschieden, aber weniger üblich als im Litauischen und wird v. a. bei den Feminina durch den Nominativ ersetzt.
Nominativ Vokativ Übersetzung Maskulina o-Stämme vilks vilk! Wolf jo-Stämme vējš vēj! Wind jo-Stämme brālis brāli! Bruder u-Stämme tirgus tirgu(s)! Markt n-Stämme suns suns! Hund Feminina ā-Stämme tauta tauta! Volk e-Stämme kundze kundz(e)! Dame i-Stämme zivs zivs! Fisch
Keltische Sprachen Für das Urkeltische, das uns nicht überliefert ist, können Vokativformen rekonstruiert werden. Jedenfalls kennt die älteste belegte keltische Sprache, das Gallische, durchaus Vokativformen auf -e für o-stämmige Substantive:
Nominativ Vokativ Übersetzung Urkeltisch (~ 500 v. Chr.) *makwos *makwe! Sohn Gallisch (~ 0 Chr.) mapos mape! Sohn
Gälisch