Täufer (früher auch Wiedertäufer oder Anabaptisten genannt) sind Anhänger einer radikalreformatorischen Bewegung, die nach 1520 in den deutsch- und niederländischsprachigen Teilen Europas entstand und zum linken Flügel der Reformation gerechnet wird.Dieser Begriff geht zurück auf Roland H. Bainton: The Left Wing of the Reformation. In: The Journal of Religion. Jg. 21, Nr. 2–1941, S. 124–134. Vergleiche dazu Heinold Fast (Hrsg.): Der linke Flügel der Reformation. Bremen 1962.

Das Täufertum wird im deutschsprachigen Raum meist als historisches Phänomen der Reformationszeit wahrgenommen, da abgesehen von den Mennoniten die Täufer durch Verfolgung und Assimilationsdruck aus dem deutschsprachigen Raum verschwunden sind. Jedoch haben täuferische Kirchen heute weltweit eine in die Millionen gehende Zahl von Anhängern, wobei traditionelle Täufergruppen wie die Amischen, die Altkolonier-Mennoniten, die Mennoniten alter Ordnung und die Hutterer zu den am schnellsten wachsenden christlichen Gemeinschaften gehören.

Wichtige Konzepte der Täufer sind die Nachfolge Jesu, die Kirche als Bruderschaft und die Gewaltlosigkeit. Ihr Denken und Verhalten begründen sie ganz aus der wortgetreuen Auslegung des Neuen Testamentes (sola scriptura), was auch in ihrem Sakramentsverständnis (Gläubigentaufe, Abendmahl) zum Ausdruck kommt. Hinzu kommen Forderungen nach Glaubensfreiheit, nach Trennung von Kirche und Staat, teilweise nach Gütergemeinschaft, so die Hutterer, und nach Absonderung von der Welt. Die genannten Konzepte und Glaubenshaltungen bzw. -praxen sind in den einzelnen Gruppierungen der Täuferbewegung unterschiedlich stark ausgeprägt und akzentuiert. Insgesamt war die Bewegung der Täufer vor allem in den ersten beiden Jahrhunderten ihrer Existenz heftigen Verfolgungen der Obrigkeiten und Amtskirchen ausgesetzt.

Heutige Täufer sind die Mennoniten, die Amischen und die Hutterer. Zu den jüngeren Strömungen im Täufertum zählen die pietistisch-täuferischen Mennonitischen Brüdergemeinden und die Bruderhöfer. Zu den Täufern im weiteren Sinne gehören die Schwarzenau-Brüder, der Bund Evangelischer Täufergemeinden (ETG, auch Evangelisch Taufgesinnte oder auch Neutäufer) und die River Brethren. Obwohl es auch einzelne Berührungspunkte mit vielen später entstandenen Konfessionen und Bewegungen wie den Baptisten, Adventisten oder Pfingstlern gibt, sind diese im konfessionellen Sinne nicht den Täufern zuzurechnen.

mini|Der Täufer Dirk Willems rettet seinen Verfolger. In der Folge kann er selbst nicht mehr fliehen und wird verbrannt. Bild von Jan Luyken (1685). mini|Mennonitenkirche in Friedrichstadt/Schleswig-Holstein

Begrifflichkeit mini|Täufer lesen die Bibel. Jan Luyken (1685)

Der Begriff Täufer hat sich im deutschen Sprachraum seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Bezeichnung für die radikal-reformatorischen Gruppen durchgesetzt, deren hervorstechendes Merkmal die Ablehnung der Kindertaufe war. Diese begründeten ihre Forderung nach der Gläubigentaufe damit, dass die Taufe ein aktives, persönliches Bekenntnis zum Glauben voraussetze.

Die diskreditierende Bezeichnung als „Wiedertäufer“ (abgeleitet vom griechischen anabaptista) stammt noch aus der Reformationszeit. Aus dem Blickwinkel der Gegner tauften die Täufer Menschen, die als Säuglinge bereits getauft worden waren, ein zweites Mal. Da aber für die Täufer die Säuglingstaufe als unbiblisch und demzufolge als ungültig anzusehen war, war die von ihnen vollzogene Taufe in ihren Augen keine Wieder-, sondern eine Ersttaufe. Die Täuferbewegung lehnte deshalb von Anfang an die Bezeichnung Wiedertäufer als pejorativ ab. Sie bezeichneten sich in ihren Anfangsjahren unter anderem als Brüder in Christo und Gemeinde Gottes.Stayer: Täufer. (TRE) (2001), S. 597.

Bereits Johann Conrad Füßlin vertrat Mitte des 18. Jahrhunderts die Auffassung, dass „der verhaßte Name Wiedertäufer zu unrecht beygelegt werde“.Johann Conrad Füßlin: Beyträge zur Erläuterung der Geschichten des Schweitzerlandes; Zurich 1741–1753, Bd. I–V, hier: Bd. II 69, zitiert nach Clarence Bauman: Gewaltlosigkeit im Täufertum. Eine Untersuchung zur theologischen Ethik des oberdeutschen Täufertums der Reformationszeit. (Studies in the History of Christian Thought, Bd. III). Leiden 1968, S. XIII, Anm. 4. In der heutigen Literatur wird mehrheitlich auf die polemisch aufgeladene Bezeichnung verzichtet und der unparteiische Begriff Täufer verwendet.So wurde die Editionsreihe „Quellen zur Geschichte der Wiedertäufer“ nach zwei Bänden in „Quellen zur Geschichte der Täufer“ umbenannt. Zuweilen werden die Täufergruppen auch als Teil der radikalen Reformation bezeichnet.

Im englischsprachigen Raum ist man bis heute bei der Bezeichnung Anabaptists (wörtlich „Wiedertäufer“) geblieben, um sprachlich zwischen den in der Reformationszeit entstandenen Täufern und den Angehörigen der später entstandenen Baptists (Baptisten, wörtlich „Täufer“) unterscheiden zu können.

Entstehung mini|Täufergericht in Schwäbisch Gmünd 1529. Jan Luyken (1685)

In der älteren Täuferforschung ging man in Hinblick auf die Entstehung der Täuferbewegung von einer Monogenese aus. Demnach hätte die Täuferbewegung im reformatorischen Zürich unter früheren Weggefährten Huldrych Zwinglis wie Konrad Grebel, Felix Manz und Jörg Blaurock im Jahr 1525 ihren alleinigen Anfang genommen und sich von dort auf unterschiedlichen Wegen zunächst in der Schweiz und dann im süddeutschen und österreichischen Raum und später auch im niederländisch-norddeutschen Gebiet verbreitet. Nach 1960 setzte sich dann die Vorstellung einer Polygenese durch,Vgl. Stayer, Packull, Deppermann: From Monogenesis to Polygenesis. 1975. wonach drei Hauptwurzeln des Täufertums ausgemacht werden können:

in der Zürcher Reformation mit Grebel, Manz und Balthasar Hubmaier, die später auch Schweizer Brüder genannt wurden. in der radikalen Reformation um Karlstadt und Thomas Müntzer mit dem apokalyptischen Hans Hut in Oberdeutschland (vgl. z. B. auch die Rolle der Zwickauer Propheten). in dem spiritualistisch-endzeitlichen Milieu von Straßburg, von wo aus über Melchior Hofmann das Täufertum in den niederdeutschen Raum gebracht wurde.Vgl. Goertz (1980), S. 12f.

Inzwischen wurde auch der polygenetische Ansatz in einigen Punkten weiterentwickelt, indem zum Beispiel die Beziehungen und Interaktionen der einzelnen Gruppen untereinander wieder stärker betont und erforscht wurden. Demnach kann der Beginn der Täuferbewegung, beginnend mit öffentlich verbreiteter Kritik an der Kindertaufe, mit 1521 angesetzt werden, ähnlich wie der Beginn der Reformation auf 1517 angesetzt wird, ohne dass bereits in diesem Jahr reformatorische Anliegen umgesetzt wurden.So dargelegt von Franz Graf-Stuhlhofer: Die Täuferbewegung begann um 1521, in Freikirchenforschung 31 (2022) S. 114–120, sowie in 500 Jahre Täuferbewegung – sie begann um 1521. In: Allianz–Spiegel Nr. 134, März 2021, S. 17f, sowie Als Taufen noch ein Schwerverbrechen war, in: Wiener Zeitung vom 22. Mai 2021. In beiden Fällen kam aber eine Bewegung ins Rollen, die in den folgenden Jahren schrittweise zu sichtbaren Konsequenzen führte.

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Täuferbewegung trotz massiver staatlicher und kirchlicher Verfolgungen zu einem bedeutenden mitteleuropaweiten Zweig der Reformation. Die Voraussetzungen aller Täufergruppen waren ähnlich: Die als „radikale Reformatoren“ Bezeichneten waren vom Fortgang der Reformation enttäuscht. Sie forderten die „sofortige Herstellung einer staatsfreien evangelischen Kirche nach dem Vorbild des Neuen Testaments“.Goeters: Wiedertäufer. 1958, S. 1812. Ihr Ideal war eine freie Kirche nach urchristlichem Vorbild, eine „Gemeinschaft der Gläubigen“, die auf dem freien Willen der einzelnen Gemeindemitglieder gründete. Deshalb verwarfen sie die Säuglingstaufe, für die es nach ihrem Verständnis keinen Beleg in den Schriften des Neuen Testaments gab. Sie tauften nur solche, die die Taufe persönlich begehrten, und nahmen nur Menschen in ihre Gemeinden auf, die sich als Gläubige hatten taufen lassen. Weitere zentrale Aspekte der Täuferbewegung waren unter anderem die Gemeindeautonomie, das Priestertum aller Gläubigen, die Eidverweigerung und das symbolhafte Abendmahlsverständnis. Auch soziale Aspekte spielten eine Rolle. Die Ausprägung der verschiedenen Täufergruppen kann jedoch keineswegs als einheitlich bezeichnet werden.

Radikale Anfänge in Zürich mini|Felix Mantz: Protestation und Schutzschrift an den Rat von Zürich (1524/25) mini|Täuferdisputation 17. Januar 1525 im Zürcher Rathaus. Darstellung aus dem frühen 17. Jahrhundert Ein wichtiger Zweig der Täuferbewegung entstand in Zürich, zunächst als Verbündete, später als Abspaltung der von Zwingli dort eingeleiteten und durchgeführten Reformation: Den sogenannten „Gründervätern“ der Täuferbewegung im Umkreis Zwinglis ging dessen Reform der Kirche nicht weit genug. Sie gehörten dem Bibellesezirkel um Andreas Castelberger an. Diese Prototäufer wirkten als Katalysatoren der zwinglischen Reformation. Sie machten sich bemerkbar mit radikalen Aktionen wie Fastenbrechen, Predigtstörungen und Bilderstürmen. Gleichzeitig waren in einigen Landgemeinden Geistliche tätig, die radikalere Maßnahmen forderten und die Bauern auch in ihren sozialen Forderungen unterstützten. Besonders aktiv waren Simon Stumpf in Höngg und Wilhelm Reublin in Witikon. Die Tauffrage war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zentral. Im Zuge der Zweiten Zürcher Disputation im Herbst 1523 kam es zu einem Bruch zwischen den späteren Täufern und Zwingli. Einer Gruppe um Simon Stumpf und Konrad Grebel war der Reformationsprozess nicht durchgreifend genug. Sie forderte die sofortige Abschaffung der Messe und die Entfernung der Bilder. Zwingli wollte es jedoch dem Rat der Stadt überlassen, den Zeitpunkt und das Vorgehen für die Errichtung der neuen Ordnung zu bestimmen.

Im Frühjahr 1524 wurde in einigen Landgemeinden von den Prädikanten offen zur Verweigerung der Säuglingstaufe aufgerufen. Der Rat der Stadt Zürich erließ daraufhin am 11. August 1524 einen Befehl, alle Kinder taufen zu lassen: Eß söllent ouch angentz die, so ungetouffte kind habent, dieselbigen touffen lassen, und welcher dass nit tätte, der sol 1 march silber zuo buoß geben.QGTS, Bd. 1, Nr. 12, S. 11. Dieser Anordnung widersetzte sich der Kreis um Manz und Grebel. Der Tauffrage kam nun eine zentrale Stellung in der Auseinandersetzung mit Zwingli zu. Man nahm brieflichen Kontakt mit anderen Reformatoren wie Karlstadt und Thomas Müntzer auf, was gleichzeitig eine Art von Selbstbesinnung war. Ende 1524 wurde mit den sogenannten beiden Dienstagsgesprächen zwischen Zwingli und dem Kreis um Grebel und Manz ein weiterer Verständigungsversuch unternommen.Leu / Scheidegger (2007), S. 29f. Die Gespräche verliefen ergebnislos, sodass Felix Mantz seine Taufanschauungen schriftlich darlegen wollte. Dazu verfasste er die Protestation und Schutzschrift, ein Verteidigungsschreiben an den Stadtrat. Mantz wehrte sich gegen den Vorwurf des Aufruhrs und forderte eine schriftliche Auseinandersetzung mit Zwingli, in der die Kindertaufe auf ihre biblische Begründung überprüft werden solle.