mini|hochkant=1.3|Minoische Kultur auf Kreta Nach dem mythischen König Minos wird die bronzezeitliche Kultur Kretas als minoisch, kretisch-minoisch oder kretominoisch bezeichnet. Die etwa gleichzeitige Kultur des griechischen Festlandes wird als Helladische Kultur oder Helladikum bezeichnet. Die minoische Kultur gilt als die früheste Hochkultur Europas. Die Epoche vor etwa 2000 bis 1900 vor Chr. wird als frühminoisch bezeichnet und erstreckte sich mithin bis in die ersten Dynastien des Mittleren Reiches im pharaonischen Ägypten. Sie wird selber in drei Phasen unterteilt, aber eine allgemein anerkannte absolute Datierung ist anscheinend noch nicht aufgestellt worden.
Übersicht, Genaueres siehe unter Chronologie und Periodisierung: Frühminoische Zeit vom Beginn der ägäischen Bronzezeit bis 2000 oder 1900 v. Chr. Mittelminoische Zeit von ca. 1900 bis 1600 v. Chr. Spätminoische Zeit, von ca. 1600 bis 1100 v. Chr.
Begrifflichkeit, Begriffsgeschichte Zunächst war es der Althistoriker und Altphilologe Karl Hoeck, der in seiner in den Jahren von 1823 bis 1829 entstandenen Trilogie über die Insel „Kreta: ein Versuch zur Aufhellung der Mythologie und Geschichte, der Religion und Verfassung dieser Insel; von den ältesten Zeiten bis auf die Römer-Herrschaft“ von einer „vorminoische(n) Zeit“ und „minoischer Zeit“ sprach. Schließlich prägte der Archäologe Arthur Milchhoefer den Begriff „minoisch“ im Jahre 1883 definitiv: „(…) Ich glaube nun in der That, dass wir in den Grundlagen, auf denen die minoische Herrschaft erwuchs, diejenigen Elemente und Beziehungen wiederfinden, aus denen sich uns auf anderm Wege auch die Gesammterscheinung der ältesten Kunst und Cultur in Griechenland und namentlich auf Mykenae ergab.(…)“Arthur Milchhoefer: Die Anfänge der Kunst in Griechenland. Brockhaus, Leipzig 1883, S. 128; 134; 200Nektarios Karadimas, Nicoletta Momigliano: On the term 'Minoan' before Evans' work in Crete (1894). Studi Micenei ed Egeo Anatolici. (2004)44 (2): 79–94, auf smea.isma.cnr.it hier S. 245
Einordnung mini|Ausgrabungen und Rekonstruktion in Knossos Die Entdeckung der mykenischen und minoischen Kultur veränderte das Verständnis der griechischen Antike. Deren eigentlichen Beginn setzten Althistoriker bis dahin mit dem Aufkommen einer griechischen Schriftkultur in archaischer Zeit an. Für Erkenntnisse über die griechische Vorzeit wurde in der Regel die griechische Mythologie herangezogen.Christoph Ulf: Von Knossos nach Mykene – die memoria der Mauern. In: Elke Stein-Hölkeskamp, Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die griechische Welt. C. H. Beck, München 2010, S. 18–38, hier S. 31 (online). Die Ausgrabungen von Heinrich Schliemann in Mykene inspirierten ein Vierteljahrhundert später den Archäologen Sir Arthur Evans zu Ausgrabungen auf Kreta. Evans konzentrierte sich auf Knossos, einen Ort, an dem bereits kleinere, aber nicht systematisch durchgeführte Grabungen stattgefunden hatten. Ab dem Jahr 1900 brachte er die Überreste des sogenannten Palastes von Knossos ans Tageslicht und initiierte auf eigene Kosten einen teilweisen Wiederaufbau des Komplexes. Evans brachte den Ort in Verbindung mit den mythischen Geschichten um König Minos. Auf Evans Interpretation dieser Geschichten gehen unter anderem die Vorstellungen von einem sakralen Königtum und einer betont friedlichen „minoischen“ Gesellschaft zurück.Christoph Ulf: Von Knossos nach Mykene – die memoria der Mauern. In: Elke Stein-Hölkeskamp, Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die griechische Welt. C. H. Beck, München 2010, S. 18–38, hier S. 33–34. Von der Existenz einer eigenständigen Kultur auf Kreta war der Historiker und Altphilologe Karl Hoeck bereits 1828 überzeugt, und so betitelte er den zweiten Band seines Kreta-Werkes Das Minoische Kreta.Karl Hoeck: Kreta: Ein Versuch zur Aufhellung der Mythologie und Geschichte, der Religion und Verfassung dieser Insel von den ältesten Zeiten bis auf die Römerherrschaft. Band 2: Das Minoische Kreta. Rosenbusch, Göttingen 1828.
mini|Palast von Phaistos Die minoische Kultur wird, wie die mykenische, zu den sogenannten Palastkulturen gezählt. Die Forschung versteht unter minoischen Palästen architektonische Großanlagen, die um einen zentralen Innenhof erbaut wurden. Die Paläste vereinten in sich viele verschiedene Funktionen: Sie dienten religiösen Kulten, der Verwaltung, Lagerung und Produktion von Gütern.Yasemin Leylek: Öffentliche Räume in der minoischen Kultur – Eine transdisziplinäre Studie der öffentlichen Sphäre und sozialen Interaktion in der Bronzezeit (Dissertation), S. 97. Welche Rolle und Bedeutung sie in der minoischen Gesellschaft spielten, ist umstritten. Arthur Evans hielt den Palast von Knossos Anfang des 20. Jahrhunderts für den Sitz eines Priesterkönigs. In den 1970er und 1980er Jahren wurden die Paläste dann als Zentren der sogenannten Redistribution angesehen, als lokale Lagerstätten, die die Umverteilung von Gütern an die Bevölkerung organisiert hätten. Diese These gilt inzwischen als überholt, da die Lagerkapazitäten der Paläste für eine solche Funktion wohl nicht ausgereicht hätten. Außerdem lässt sich die überlieferte Nutzung der mykenischen Paläste nicht ohne Weiteres auf die älteren minoischen Anlagen übertragen.Yasemin Leylek: Öffentliche Räume in der minoischen Kultur – Eine transdisziplinäre Studie der öffentlichen Sphäre und sozialen Interaktion in der Bronzezeit (Dissertation), S. 98.
Aktuell gibt es drei zentrale Theorien zur gesellschaftlichen Bedeutung/Nutzung der Paläste:
Die erste These sieht in der Architektur Hinweise auf eine Herrschaftsfunktion. Ob diese Herrschaft von einer elitären Gruppe oder einzelnen Herrschern ausging, bleibt unsicher. Für die Herrschaftsthese sprechen beispielsweise die beengten Zugänge der Paläste, die sich vermutlich leicht blockieren ließen – ein mögliches Indiz für die höfische Abgrenzung einer Elite oder eines Herrschers. Auch die hohe Westmauer des Palastes von Knossos grenzte sich wohl architektonisch deutlich von der Siedlung ab.
Die zweite These geht von einer öffentlich-kommunalen Nutzung aus. In den Palästen hätten also politische oder religiöse Zusammenkünfte einer Siedlungsgemeinschaft stattgefunden.Yasemin Leylek: Öffentliche Räume in der minoischen Kultur – Eine transdisziplinäre Studie der öffentlichen Sphäre und sozialen Interaktion in der Bronzezeit (Dissertation), S. 99.
Die dritte These beruft sich auf eine Beeinflussung der minoischen Paläste durch Vorbilder im Nahen Osten, wo Palast und Tempel baulich voneinander getrennt waren. In der Nähe der Paläste von Knossos und Malia wurden bereits mehrere Ruinen entdeckt, bei denen es sich um Residenzen gehandelt haben könnte. Dementsprechend seien die Paläste tempelähnliche Anlagen gewesen, in denen selbst keine Elite oder Herrscher residierten.Yasemin Leylek: Öffentliche Räume in der minoischen Kultur – Eine transdisziplinäre Studie der öffentlichen Sphäre und sozialen Interaktion in der Bronzezeit (Dissertation), S. 100–102. Zu den wichtigsten archäologischen Stätten des bronzezeitlichen Kreta gehören neben Knossos die Paläste von Phaistos und Malia sowie der Landsitz von Agia Triada.
Mythos Die Minoische Kultur hat einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der griechischen Welt geleistet und indirekt Einfluss auf kretische Sagen innerhalb der griechischen Mythologie ausgeübt.Antonis Vassilakis: Minoisches Kreta – Vom Mythos zur Geschichte. S. 34.
Zeus Ein Beispiel für das Nachwirken der Minoischen Kultur in der griechischen Mythologie stellt der Zeus-Kult dar. Während die restliche griechische Welt die Vorstellung eines unsterblichen Göttervaters auf dem Olymp vertrat, blieb auf Kreta die Vorstellung lebendig, Zeus werde jährlich in der Unterwelt wiedergeboren. Der kretischen Überlieferung zufolge soll sich auf dem Berg Giouchtas das Grab des Zeus befinden. Arthur Evans wies dort bereits im Jahr 1909 ein Gipfelheiligtum nach. Ab 1974 erfolgten umfangreichere Grabungen auf dem Giouchtas. Dabei wurden unter anderem ein Altar sowie zwei Doppeläxte aus minoischer Zeit entdeckt. Die Funde deuten auf eine mögliche Opferstätte hin.Eugenia Vikela: Der Hymnus aus Palaikastro, Eine Spurensuche nach Überresten der minoischen Religion. In: Im Labyrinth des Minos: Kreta. die erste europäische Hochkultur. Biering & Brinkmann, Karlsruhe/München 2000, S. 219–226, hier 221. Votivgaben aus minoischer Zeit wurden auch in der angeblichen Geburtshöhle des Zeus, der Idäischen Grotte, gefunden. Diese Entdeckungen werden von Archäologen als Indiz dafür gewertet, dass die Geburt und der Tod des Zeus auf Kreta ihren Ursprung in religiösen Kulten gehabt haben könnten, die in minoischer Zeit in Gebirgshöhlen praktiziert wurden.Eugenia Vikela: Der Hymnus aus Palaikastro, Eine Spurensuche nach Überresten der minoischen Religion. In: Im Labyrinth des Minos: Kreta. die erste europäische Hochkultur. Biering & Brinkmann, Karlsruhe/München 2000, S. 219–226, hier 221; Antonis Vassilakis: Minoisches Kreta – Vom Mythos zur Geschichte. Athen 2001, S. 34.
Der Stier mini|Minoische Wandmalerei mit Stierspringer aus Knossos (1600–1450 v. Chr.)