mini|Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli (Ölgemälde von Johann Heinrich Füssli, 1780)
Der Rütlischwur ist ein Element einer Geschichtserzählung des ausgehenden 15. Jahrhunderts, die während der Frühmoderne als Gründungslegende der Alten Eidgenossenschaft eine wichtige Rolle spielte und seit dem 19. Jahrhundert als Nationalmythos der Schweiz ausgebaut wurde.
Gemäss Befreiungstradition war das Rütli, eine Wiese oberhalb des Vierwaldstättersees, der geheime Treffpunkt der Verschwörer aus den Ländern Uri, Schwyz und Unterwalden. Nach dem Tyrannenmord des Vogtes Gessler durch Tell führten diese Verschwörer einen bewaffneten Aufstand gegen die tyrannischen Vögte der Habsburger aus, der als Burgenbruch bezeichnet wird. Der Eid der Genossen (Schwur) zu gegenseitigem Beistand gilt als Begründung der Alten Eidgenossenschaft, siehe auch Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft.
Aegidius Tschudi datierte in seinem Chronicon Helveticum diese Ereignisse auf den Herbst des Jahres 1307. Ebenfalls nach Tschudi wurden die drei Anführer des Aufstandes (die «Drei Eidgenossen») mit Werner Stauffacher von Schwyz, Walter Fürst von Uri und Arnold von Melchtal aus Unterwalden gleichgesetzt; andere Varianten ersetzen Fürst durch Wilhelm Tell. Werner Stauffacher und Walter Fürst sind in zeitgenössischen Quellen als historische Personen belegt, für Arnold von Melchtal und Wilhelm Tell gibt es dagegen keine vergleichbaren Belege.
Eine Reihe von Bundesbriefen aus dieser Zeit ist überliefert. Besondere Bedeutung erlangte Ende des 19. Jahrhunderts der Bundesbrief von 1291, der anlässlich der 600-jährigen Bundesfeier von 1891 in den Rang eines Gründungsdokuments der Eidgenossenschaft erhoben wurde.
Bildliche Darstellungen der drei Eidgenossen sind seit dem 16. Jahrhundert belegt und seit dem 17. Jahrhundert gelegentlich mit erhobener Schwurhand dargestellt. Diese ikonographische Tradition wurde im 19. Jahrhundert konventionell, und oft wurde seitdem auch der Schwur selbst auf das Rütli verlegt. Der Begriff «Rütlischwur» entstand um 1850 zusammen mit dieser eigentlich verkürzenden ikonographischen Konvention. Laut Befreiungstradition war das Rütli der nächtliche Treffpunkt der bereits Verschworenen und nicht Ort des Schwurs selbst.Rheinischer Antiquarius (1854) S. 290 hat eine frühe Verwendung der Vokabel «Rütlischwur» bezogen auf eine bildliche Darstellung der drei Eidgenossen in einer Wappenscheibe von 1601. Von dem österreichischen Historiker Eduard von Lichnowsky wird die Auflistung «Tell, Rütlischwur, Gessler u.s.w.» überliefert im Kontext einer kritischen Sicht auf die Historizität der Befreiungstradition als Ganzem. Kasimir Pfyffer, Geschichte der Stadt und des Kantons Luzern (1850), S. 109. Ottokar Lorenz schreibt 1860: «Ja selbst der Rütlischwur und die Gestalten eines Walther Fürst, Melchtahl und Stauffacher haben das Feld vor der ernsteren historischen Kritik geräumt» (Leopold III. und die Schweizer Bünde: Ein Vortrag gehalten im Ständehause am 21. März 1860, S. 7.)
Geschichte Alte Eidgenossenschaft mini|Nennung des Rüdli im Weissen Buch von Sarnen (S. 447): so furen sy für den myten stein in hin nachtz an ein End heist im Rüdli da tagten sy zu semmen […] und triben das eben lang und alwend heimlich und tagten der zyt niena anders denn im Rüdli mini|Bundestaler von Jacob Stampfer (ca. 1546)
Früheste Quellen Eine schriftliche Überlieferung der Geschichte der Alten Eidgenossenschaft setzt in den Chroniken des 15. Jahrhunderts ein. Ein Kern der Befreiungstradition, zu deren zentralem Symbol der Rütlischwur werden sollte, wird in der Berner Chronik Konrad Justingers um 1420 fassbar. Justinger berichtet, in der Zeit unmittelbar vor dem Morgartenkrieg (1315) seien die Waldstätten unter einer erdrückenden Willkürherrschaft der habsburgischen Vögte gestanden, was den Aufstand auslöste.G. Studer (Hrsg.), Die Berner-Chronik des Conrad Justinger, Bern (1871), 45–48.
Voll ausgestaltet in ihrer nun traditionellen Form findet sich die Befreiungstradition dann um 1470 im Weissen Buch von Sarnen. Datiert sind die Ereignisse, die zum offenen Bruch mit Habsburg führen, auf die Zeit zwischen dem Tod von Rudolf von Habsburg (1291)Dü nü der selb küng Rudolf abgineg/ dü würden die vögt die er den lendern geben hat hochmütig vnd streng […] Das bestand also lang untz das des küngs geslecht us starb/ dü arbten der grafen fröwen vnd kind von Tyrol die so von dem geslecht habksburg dar komen waren/ hie dis geslecht/ an landen vnd an lüten/ das Turgow vnd das zürichgow und das Ergow und ander land slöss und lüt und güt das der von habksburg gesin was. Weisses Buch von Sarnen, S. 441 (fol. 208r). und der Schlacht bei Morgarten (1315).
Nach der Erzählung im Weissen Buch von Sarnen wurden die Vogteien in den Waldkantonen nach dem Tode Rudolfs an neue Vögte aus dem niedern Adel aus Aargau und Thurgau vergeben, namentlich Unterwalden an einen Landenberger und Schwyz und Uri an einen Gessler. Als der Landenberger Vogt einem Bauern im Melchi (Sachseln) ein Ochsengespann wegnehmen wollte, habe dessen Sohn sich zur Wehr gesetzt. Da der Sohn entfloh, habe der Vogt zur Strafe den Vater geblendet. Kurz darauf wird ein anderer Vogt von einem Bauern (später als Konrad Baumgarten bezeichnet) in Altzellen mit der Axt erschlagen.
Derweil baut ein Stauffacher (stoupacher) aus Schwyz in Steinen ein steinernes Haus und fürchtet nun Repressionen durch den Vogt Gessler. Auf Rat seiner Frau sucht Stauffacher in Uri und Unterwalden den Beistand von Männern, die ebenfalls unter Gessler zu leiden hatten, und findet so zusammen mit einem Fürst aus Uri und dem Sohn des geblendeten Bauern von Melchi aus Unterwalden. Nachdem die drei Männer einander Beistand geschworen hatten, suchten sie nach und nach die Unterstützung anderer, mit denen sie sich ebenfalls verschworen, einander beizustehen gegen die Herren.und funden nu und aber lüt heimlich die zügen sy an sich und swuren einandern trüw und warheit und ir lib und gut zu wagen und sich der herren ze werren (S. 446)
Die wachsende Zahl der Verschwörer pflegte sich jeweils nachts zu heimlichen Beratungen zu treffen. Dazu fuhren sie nachts am Mythenstein vorbei «an ein Ende, das heisst im Rütli».und wenn sy ut tun und fürnemen wölten, so furen sy für den myten Stein in hinn nachtz an ein End heist im rüdli da tagten sy zu semmen und brach jr jeglicher lüt an sich denen sy möchten getruwen und triben das eben lang und alwend heimlich und tagten der zyt niena anders denn im rüdli (S. 447)
Als eigentlichen Auslöser der offenen Rebellion nennt das Weisse Buch von Sarnen die Tötung Gesslers durch Tell.ein redlicher man hiess der Thäll der hat ouch zu dem stoupacher gesworn und sinen gesellen (S. 447) Das Tellenlied (Halbsuterlied) von etwa 1477 nennt Tell gar den «ersten Eidgenossen». Die Erzählung des Burgenbruchs erwähnt die Schleifung der Burgen Zwing-Uri bei Silenen, «Swandowe» (Schwanau), Landenberg in Sarnen und Rotzberg.
Die Erzählung wurde erstmals 1507 in gedruckter Form von Petermann Etterlin veröffentlicht.
Rezeption im 16. Jahrhundert Der Geschichtsschreiber Aegidius Tschudi datiert in der um 1550 entstandenen Schweizer Chronik Chronicon Helveticum den Rütlischwur auf das Jahr 1307. Auf Tschudi gehen auch die inzwischen traditionellen Vornamen der Hauptfiguren zurück, die im 15. Jahrhundert erst nach ihrem Geschlecht bzw. ihrer Herkunft genannt sind, so Tell als Wilhelm Tell, Stauffacher als Werner Stauffacher, der «Fürst aus Uri» als Walter Fürst und «der aus Melche» als Arnold von Melchtal. «Wilhelm Tell von Ure» und «Erni von Underwald» werden auch auf dem Bundestaler von Jacob Stampfer genannt (ca. 1546), während hier «Stouffacher von Schwytz» ohne Vornamen bleibt.
Tschudi stellt den ursprünglichen Schwur nicht auf dem Rütli dar. Vielmehr war das Rütli der heimliche Treffpunkt der nach und nach zunehmenden Zahl der Verschworenen. Zunächst schworen sich die drei Eidgenossen, Walter Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal, in einem heimlichen Treffen gegenseitigen Beistand. Dieses Treffen findet nicht auf dem Rütli statt, es ist aber Teil der getroffenen Abmachung, dass «wenn etwas vorfiele» das weitere Unterredung nötig mache, man sich nachts auf dem Rütli (an einem end, heiszt im Rütlin) treffen würde, und dass in diesem Fall jeder der drei Männer «zwei, drei oder mehr» die ebenfalls auf den Bund geschworen hätten mitbringen solle. Dies sei alles «im Herbst» geschehen, ohne genauere Angabe eines Datums. Danach habe jeder in seinem Land weitere Eidgenossen gewonnen, und man habe sich manchmal nachts auf dem Rütli getroffen. Später, als etwa «20 oder 30» zusammengekommen waren, war man besorgt, der Bund könne nicht länger geheim gehalten werden, und entschied sich, den eigentlichen Aufstand gegen den Landvogt einzuleiten. Dazu wurde ein spezielles Treffen auf dem Rütli vereinbart, zu dem jeder der drei ursprünglichen Eidgenossen «9 oder 10 Mann» mit sich bringen. Es ist diese «nächtliche Tagleistung» der bereits Verschworenen, und nicht der Rütlischwur an sich, der von Tschudi auf den «Mittwoch vor Martini» 1307, also auf den 8. November 1307 datiert wird.Aegidius Tschudi, Chronicon Helveticum, ed. J. R. Iselin, Basel (1734), s.a. 1307
Während im 15. Jahrhundert und bei Tschudi das Rütli noch als heimlicher Treffpunkt der (bereits) Verschworenen genannt wird, verkürzt die frühmoderne Tradition die Geschichte dahingehend, dass der ursprüngliche Schwur der drei ersten Eidgenossen auf dem Rütli selbst stattgefunden habe. Erste Wandgemälde mit diesem Motiv entstehen bereits im 16. Jahrhundert, ebenso wie eine lokale Erinnerungskultur; so erwähnt Heinrich Brennwald bereits im frühen 16. Jahrhundert das Bestehen einer Tellskapelle auf der Tellenplatte, und Tschudi selber erwähnt eine Kapelle (ein heilig hüslin) das an der Stelle von Tells Tyrannenmord an Gessler erbaut worden sei. Das erste Tellspiel wurde 1512 oder 1513 aufgeführt.Bergier, Jean-François: Wilhelm Tell: Realität und Mythos. München: Paul List Verlag, 1990, S. 63.
Die Drei Tellen und der Bauernkrieg von 1653 mini|Rütlischwur, Darstellung an der Stauffacherkapelle in Steinen SZ
Die «Drei Eidgenossen» sind in der frühmodernen Schweiz auch unter der Bezeichnung «die Drei Telle(n)» bekannt. Diese drei Tellen wurden zu Symbolfiguren des Bauernaufstands von 1653. Jeweils drei Männer, in historische Tracht gekleidet, stellten die drei Eidgenossen dar bei Treffen in Schüpfheim, in den Freien Ämtern und im Emmental.
Eine Wiederkunft der drei Tellen wird in einem Tellenlied von 1653 prophezeit, um ihren Kampf für die Freiheit wieder aufzunehmen, wenn die Unterdrückung wieder überhandnimmt. Diese Prophezeiung wurde durch die Personifizierung der drei Tellen durch Kostümierte handfest umgesetzt, in einem verübte ein kostümierter Tell auch tatsächlich einen Anschlag: Die ersten drei Verkörperer der Tellen von 1653 waren Hans Zemp, Kaspar Unternährer von Schüpfheim und Ueli Dahinden von Hasli. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde, flohen Unternährer und Dahinden ins Entlebuch und Zemp ins Elsass. Dahinden und Unternährer nahmen ihre Rolle als Tellen wieder auf, mit Hans Stadelmann als Ersatz für Zemp, und verübten in ihrer Verkleidung einen Anschlag auf Ulrich Dulliker den Schultheissen von Luzern, in dem der Luzerner Rat Caspar Studer zu Tode kam. Die symbolische Wirkung dieses Anschlags war beträchtlich, da er die Aufständischen mit den Eidgenossen und die Obrigkeit mit den grausamen Habsburger Vögten der Gründungslegende gleichsetzte.
Im 18. Jahrhundert erscheinen die «drei Tellen» schliesslich in märchenhaften Volkserzählungen mit dem Motiv der Bergentrückung, als in der Rigi schlafend bis zu ihrer Rückkehr.Brüder Grimm: Deutsche Sagen.
Moderne Rezeption Die Befreiungstradition um den Rütlischwur wurde nach 1798 für die Helvetische Republik und von der Zeit der Regeneration im Hinblick auf die Bildung des Bundesstaats rezipiert.