mini|Walter Jens, 2005 bei einer Rede vor der Akademie der Künste (2005) mini|Signatur von Walter Jens Walter Jens (* 8. März 1923 in Hamburg; † 9. Juni 2013 in Tübingen) war ein deutscher Altphilologe, Literaturhistoriker, Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer. Er war Ordinarius für Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen (1964–1988), Präsident von PEN Deutschland (1976–1982 und 1988–1989) und Präsident der Akademie der Künste zu Berlin (1989–1997).

Leben Kindheit und Studium mini|Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg (2006)

Walter Jens war der Sohn der Lehrerin Anna Jens, geborener Martens, und des Bankdirektors Walter Jens.Jens, Walter. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 583. Ab 1929 besuchte er die koedukative Grundschule Breitenfelder Straße 35 in Hamburg-Eppendorf, die Hälfte seiner Mitschüler waren Juden.Walter Jens: Gelehrter – Schriftsteller – Rhetor. Ein Selbstporträt. In: Welt und Wort. 18/1963, S. 334. Von 1933 bis zum Abitur 1941 war er Schüler der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums, wo er sich mit Ralph Giordano anfreundete. Von 1941 bis 1945 studierte Jens Germanistik und Klassische Philologie – zunächst in seiner Heimatstadt an der Universität Hamburg, ab April 1943 in Freiburg im Breisgau. Zu seinen akademischen Lehrern zählten Bruno Snell und Martin Heidegger. Wegen seines schweren Asthmaleidens wurde er nicht zum Kriegsdienst in der Wehrmacht eingezogen. In der Zeit des Nationalsozialismus war Jens Mitglied der Hitlerjugend und von Kameradschaften des NS-Studentenbundes. In Hamburg war er Teil der Kameradschaft Hermann von Wissmann, in Freiburg der Kameradschaft Friedrich Ludwig Jahn. Am 20. November 1942 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. September desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.265.911).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/18211280Götz Aly: Was wusste Walter Jens? Wahrscheinlich geschah seine Aufnahme in die NSDAP ohne eigene Kenntnis. in: Die Zeit vom 7. März 2008.

Er war seit seiner Jugend vom Fußball begeistert. Er besuchte Spiele des Eimsbütteler TV, eines Hamburger Stadtteilklubs. Später war er Torwart in einer Freiburger Studentenmannschaft.Walter Jens: Republikanische Reden. Kindler Verlag, München 1976, ISBN 3-463-00677-4, S. 188 ff.: „Als ich zur Schule ging, war alles ganz einfach: Das Identifikations-Objekt hieß TV Eimsbüttel […]“Ich liebe den ETV. Interview mit Walter Jens, in: ETV-Magazin 2/2006, S. 8 (PDF; 3,4 MB): „Ich liebe den ETV, ich bin als Kind in Eimsbüttel groß geworden. Und in meiner Familie, die fußballbegeistert war, gab’s nur einen Favoriten und das war der ETV, das war Eimsbüttel. […] Ich bin nicht in Eimsbüttel aktiv gewesen. Da stand ich mehr auf den Rängen. Ich war Torwart in einer Freiburger Studentenmannschaft. Torwart, das ist der schwerste Posten, den es auszuüben gibt. Ich habe ihn nur kurz ausgeübt, wegen des Asthmas, das ich seit meinem dritten Lebensjahr habe.“

Assistent und Gruppe 47 mini|Walter Jens (Mitte) mit Ehefrau Inge Jens und Josef Tal (Juni 2004)

Am 8. Dezember 1944 wurde Jens an der Universität Freiburg bei Karl Büchner mit einer Arbeit über die sophokleische Tragödie „in abgekürztem Verfahren“ zum Dr. phil. promoviert.Walter Jens: Die Funktion der Stichomythie in Sophokles’ Tragödien der Mannesjahre. Dissertation Freiburg im Breisgau 1944.vgl. die Erinnerungen von Walter Jens an seine Zeit in Freiburg: Walter Jens: Memento. Zur Erinnerung an den 27. November 1944 in Freiburg. In: Stadt Freiburg im Breisgau (Hrsg.): Memento. Freiburg vom 27. November 1944. Chronik eines Gedenkens. Promo-Verlag, Freiburg im Breisgau 1995, ISBN 3-923288-15-8, S. 9 f. Das Rigorosum fand in einem Luftschutzkeller statt.Manfred Lauffs: Walter Jens. C. H. Beck, München 1980, ISBN 3-406-07440-5, S. 13. Von 1945 bis 1949 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent in Hamburg und Tübingen. Sein erster literarischer Text Das weiße Taschentuch erschien 1947 unter dem Pseudonym Walter Freiburger. Jens habilitierte sich 1949 im Alter von 26 Jahren mit der zu seinen Lebzeiten nicht gedruckten Schrift Tacitus und die Freiheit an der Eberhard Karls Universität Tübingen, wo er im selben Jahr seine Lehrtätigkeit begann. Ab 1950 gehörte er zur „Gruppe 47“; in diesem Jahr gelang ihm der Durchbruch mit dem Roman Nein. Die Welt der Angeklagten. Der Verleger Ernst Rowohlt hatte ihn bereits 1948 dazu engagiert, einen Roman zu schreiben. mini|„Dein kleiner, großer Walter.“ Handschriftliche Widmung „Für Irmgard“, in: Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten. Hamburg 1950.

Jens protestierte mit diesem Roman gegen ein utopisches Modell totalitärer Macht. Hauptfigur ist Walter Sturm, ein ehemaliger Dozent und Literat, der das Werk Franz Kafkas mehr als alles andere liebt. Diesem erklärt der oberste Richter und Machthaber des Staates, dass es „auf der ganzen Welt nur Angeklagte und Zeugen und Richter gibt.“Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten. Rowohlt, Hamburg 1954, S. 37. Der Roman entstand unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und Stalinismus. Die Kritik zeigte sich begeistert, das Buch wurde in Frankreich von Émile Favre dramatisiert und erhielt in dieser Fassung den Preis der Amis de la liberté.Manfred Lauffs: Walter Jens. C. H. Beck, München 1980, ISBN 3-406-07440-5, S. 27. 1951 heirateten Walter Jens und die promovierte Literaturwissenschaftlerin Inge Puttfarcken (1927–2021). Das Ehepaar bekam zwei Söhne, den Journalisten Tilman Jens (1954–2020) und den Fernsehredakteur Christoph Jens (* 1965).„Deutschland erlebt eine rhetorische Baisse“ Interview mit Walter Jens, Monatszeitschrift a tempo, September 2001.

Professor in Tübingen mini|Autogramm von Walter Jens vom 7. Jan. 2001

Als Altphilologe suchte Jens die Bedeutung der antiken Göttermythen und der neutestamentlichen Gottesgeschichte für aktuelle Fragen nach Wahrheit und Frieden durch Übersetzungen griechischer Literatur und der Bibel zu erweisen.Maria Behre: Jens, Walter. Artikel in: Walther Killy (Hrsg.): Literaturlexikon. Bd. 6, Bertelsmann-Lexikon-Verlag, Gütersloh 1990, ISBN 3-570-03706-1, S. 96 1956 wurde Walter Jens als außerplanmäßiger Professor für Klassische Philologie an die Universität Tübingen berufen. In seiner Erzählung Das Testament des Odysseus (1957) deutete er die antike Gestalt um. Odysseus wird zu einem Antihelden, der seinem Enkel Prasidas einen Lebensbericht überliefert. Er ist nicht der tapfere Abenteurer, sondern ein Pazifist, der das Gemetzel verabscheut und den Trojanischen Krieg mit allen Mitteln verhindern will. Doch er scheitert.Walter Jens: Das Testament des Odysseus. Neske, Pfullingen 1957, 4. Aufl. 1968, S. 40.

Mit der Rede Plädoyer für das Positive in der modernen Literatur eröffnete Jens 1961 die Frankfurter Buchmesse. 1962 wurde er ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In dem fiktiven Briefwechsel Herr Meister. Dialog über einen Roman untersuchte Jens die Möglichkeit dichterischer Produktion: Die Protagonisten, ein Literaturwissenschaftler und ein Dichter, erörtern ein scheiterndes Romanprojekt.Walter Jens: Herr Meister. Dialog über einen Roman. Piper, München 1963. 1963 wurde er außerordentlicher Professor.Jens, Walter. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 583. Von 1964 bis 1988 hatte Jens dann den Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen inne, der eigens für ihn eingerichtet worden war – den ersten dieser Art in Deutschland seit 1829. Er war zugleich Direktor des dortigen Seminars für Allgemeine Rhetorik. Zu seinen Schülern gehörten Wilfried Barner, Volker Jehle, Karl-Josef Kuschel sowie Gert Ueding, der die Nachfolge auf Jens' Lehrstuhl antrat.

Im März 1979 hielt Jens anlässlich der Verabschiedung des an der nach Paul Lechler benannten Tropenklinik tätigen Werner Röllinghoff eine Festrede.Johannes-Martin Hahn, Harald Kretschmet: Das Tropengenesungsheim. In: Der Mensch ist die Medizin des Menschen. 100 Jahre Difäm – Gesundheit in der Einen Welt. Difäm – Gesundheit in der Einen Welt, Tübbingen 2006, S. 43–48, hier: S. 47.

Öffentliches Wirken Unter dem Pseudonym Momos verfasste Jens von 1963 bis 1985 fast wöchentlich Fernsehkritiken für die Wochenzeitung Die Zeit. Seit 1965 war er Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. In der Gruppe 47 avancierte er zum gefürchteten Kritiker bei den Vorlesungen. Martin Walser beschrieb 1966 in seinem Brief an einen ganz jungen Autor satirisch seinen Umgang mit den Texten:

1971 wurde Jens in den Gründungssenat der Universität Bremen berufen. Er verstand sich als „Literat und Protestant“.So der Titel der Biographie Karl-Josef Kuschels, vgl. Literaturverzeichnis. Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland war er von 1976 bis 1982 und nochmals nach dem Tod Martin Gregor-Dellins von 1988 bis 1989. Von 1989 bis 1997 war er Präsident der Akademie der Künste zu Berlin; ihm gelang die problematische Vereinigung mit der Ostakademie.Walter Hinck: Walter Jens. Un homme de lettres. Zum 70. Geburtstag. Kindler, München 1993, ISBN 3-463-40171-1, S. 128. Danach war er deren Ehrenpräsident. Von 1990 bis 1995 war er außerdem Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung.

Christ und Pazifist In seinem letzten Roman Der Fall Judas behandelte der ChristWalter Jens (Hrsg.): Warum ich Christ bin. 1979. Jens 1975 einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas Ischariot in der Form einer forensischen Fallstudie: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer.“Walter Jens: Der Fall Judas. Kreuz-Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 3-7831-0453-X, S. 8. Er übersetzte Teile des Neuen Testaments: die vier Evangelien, den Brief des Paulus an die Römer und die Offenbarung des Johannes.Die Übersetzungen aus dem Neuen Testament erschienen zunächst einzeln und über die Jahrzehnte gestreckt. Walter Jens übersetzte in der Reihenfolge: Zuerst Am Anfang der Stall – am Ende der Galgen. Jesus von Nazareth, seine Geschichte nach Matthäus, Stuttgart 1972; Das A und das 0. Die Offenbarung des Johannes, Stuttgart 1987; Die Zeit ist erfüllt. Die Stunde ist da. Das Markus-Evangelium, Stuttgart 1990; Und ein Gebot ging aus. Das Lukas-Evangelium, Stuttgart 1991; Am Anfang: das Wort. Das Johannes-Evangelium, Stuttgart 1993; Die vier Evangelien. Matthäus – Markus – Lukas – Johannes, Stuttgart 1998; zuletzt Der Römerbrief, Stuttgart 2000. Mit Hans Küng verband ihn eine langjährige Freundschaft, ebenso mit Ralph Giordano, den er bereits aus seiner Schulzeit in Hamburg kannte, sowie – mit Unterbrechungen – mit Marcel Reich-Ranicki. Jens war Mitglied der evangelischen Kirche.

Er engagierte sich ab Anfang der 1980er Jahre im Widerstand der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen. Mit Heinrich Böll und anderen bekannten Schriftstellern sowie Theologen beteiligte er sich Anfang September 1983 an der „Prominentenblockade“ vor dem Pershing-Depot in Mutlangen.vergleiche Karl-Joseph Kuschel: Walter Jens. Literat und Protestant. Patmos-Verlag, Düsseldorf 2003, S. 182 f. Während des Zweiten Golfkrieges versteckten seine Frau und er desertierte US-Soldaten in ihrem Haus.Philipp Maußhardt: Das Ehepaar Jens fütterte heimlich US-Deserteure: Verwarnt, Die Zeit, 17. Juni 1994 Jens war Mitglied im Beirat der Humanistischen Union. Zwischen Januar 1989 und April 2011 war er Mitherausgeber der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik.Große Köpfe für große Fragen, Blätter für deutsche und internationale Politik 5/11

Bestreiten seiner NSDAP-Mitgliedschaft