Ein Mythos (seltener der Mythus, veraltend die Mythe, Plural Mythen, von , „Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär“, lateinisch mythus) ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, die natürliche oder soziale Phänomene erklären oder veranschaulichen soll. Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräften verknüpft.Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. München 2007, ISBN 978-3-423-13610-5, S. 7–16; Carl-Friedrich Geyer: Mythos. Formen, Beispiele, Deutungen. München 1996, S. 7–10.

Mythen erheben einen Anspruch auf Geltung der von ihnen behaupteten Wahrheit. Kritik an diesem Autoritäts- und Wahrheitsanspruch gibt es seit der griechischen Aufklärung bei den Vorsokratikern (z. B. Xenophanes um 500 v. Chr.). Für die Sophisten steht der Mythos im Gegensatz zum Logos, welcher durch verstandesgemäße Beweise versucht, die Wahrheit seiner Behauptungen zu begründen.Lexikon für Theologie und Kirche. Band 7, Freiburg 1962, S. 146.

In einem weiteren Sinn bezeichnet Mythos auch Personen, Dinge oder Ereignisse von hoher symbolischer BedeutungZ. B.: abgerufen am 12. November 2011. oder auch einfach nur eine falsche Vorstellung oder Lüge.Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. München 2007, S. 12. So wird etwa das Adjektiv „mythisch“ in der Umgangssprache häufig als Synonymbegriff für „märchenhaft-vage, fabulös oder legendär“ verwendet.Johannes Engels: Mythos. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik Online. Band 6, Niemeyer Verlag, Tübingen 2003, Spalten 80–98 (online über Verlag Walter de Gruyter: degruyter.com, kostenpflichtiger Zugang).

Eine bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchliche, heute seltene Verdeutschung ist „die Mythe“ als Singular.

Das Ensemble aller Mythen eines Volkes, einer Kultur, einer Religion wird als Mythologie (von griechisch „Sagendichtung“) bezeichnet.Karl Kerényi: Was ist Mythologie? In: Karl Kerényi (Hrsg.): Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. 5. Auflage. Darmstadt 1996, S. 216. So spricht man z. B. von der Mythologie der Griechen, der Römer, der Germanen.

Begriffliche Abgrenzung und Merkmale Im 19. und 20. Jahrhundert finden sich stark voneinander abweichende Definitionen. Die Ansicht, dass es „den“ Mythos als kulturübergreifende sinnstiftende Erzählweise gebe, hatte in der Zeit des Neuhumanismus zahlreiche Anhänger. Die Psychoanalyse oder die anthropologische Schule von Claude Lévi-Strauss führten diese Auffassung ins 20. Jahrhundert fort. Hans Ulrich Gumbrecht hat vor einigen Jahren versucht, das anscheinend Gemeinsame der Mythen auf eine moderne Art der Beobachtung zurückzuführen, die Bedeutung wahrnehmen will und eine auf Präsenz gerichtete Wahrnehmung im Unterschied dazu für mythisch hält.Hans Ulrich Gumbrecht: Präsenz-Spuren. Über Gebärden der Mythographie und die Zeitresistenz des Mythos. In: Udo Friedrich, Bruno Quast (Hrsg.): Präsenz des Mythos. Konfigurationen einer Denkform in Mittelalter und Früher Neuzeit. De Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-090575-2, S. 1–16.

Anders als verwandte Erzählformen wie Sage, Legende, Fabel oder Märchen gilt ein Mythos (sofern dieser Begriff nicht in seiner Bedeutung als ideologische Falle oder Lügengeschichte verwendet wird) als eine Erzählung, die Identität, übergreifende Erklärungen, Lebenssinn und religiöse Orientierung als eine weitgehend kohärente Art der Welterfahrung vermittelt.Johannes Engels: Mythos. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik Online. Band 6, Niemeyer Verlag, Tübingen 2003, Spalten 80–98 (online über Verlag Walter de Gruyter: degruyter.com, kostenpflichtig).

In manchen Mythen deuten die Menschen sich selbst, ihre Gemeinschaft oder das Weltgeschehen in Analogie zu Natur oder kosmischen Kräften. Regelmäßige Abläufe in der Natur und der sozialen Umgebung werden auf göttliche Ursprungsgeschichten zurückgeführt. So merkt André Jolles an, dass alles, was Bestand hat oder haben soll, in seinem Ursprung heiliggesprochen werden muss.A. Jolles: Einfache Formen. Halle 1930. Das Zeitverständnis des Mythos ist nicht auf Differenz und Entwicklung, sondern auf Einheit und zyklische Wiederholung ausgerichtet. Jenseits der geschichtlichen Zeit sind Mythen in einem von numinosen Kräften oder Personifikationen beherrschten Raum angesiedelt.

In inhaltlicher Hinsicht werden Mythen manchmal eingeteilt in kosmogonische oder kosmologische Mythen, die die Entstehung und Gestalt der Welt thematisieren, und anthropogene Mythen über die Erschaffung oder Entstehung des Menschen. Ebenso wird oft versucht, eine Unterscheidung zwischen einerseits Ursprungs- und Begründungsmythen zur Erklärung bestimmter Riten, Gebräuche oder Institutionen und andererseits Gründungsmythen über den Ursprung bestimmter Orte oder Städte, historischen Mythen über die Frühzeit eines Stammes oder Volkes sowie eschatologischen Mythen, die sich auf das Ende der Welt beziehen, zu treffen. Solche Abgrenzungen sind bei komplexen Mythensystemen nur schwer möglich. Zu vielen Mythen gibt es Gegenmythen, die den Untergang des Bestehenden oder den Kampf antagonistischer Kräfte versinnbildlichen. Doch denkt der Mythos oft auch Gegensätze als Einheit.

Die stoffwissenschaftliche Mythosforschung versteht den (antiken) Mythos als einen „insgesamt polymorphe[n] und je nach Variante polystrate[n] Erzählstoff mit implizitem Anspruch auf Relevanz für die Deutung und Bewältigung menschlicher Existenz, in dem sich transzendierende Auseinandersetzungen mit Erfahrungsgegenständen solchermaßen verdichten, daß aktive Eingriffe numinoser Mächte eine für die Gesamthandlung wesentliche Rolle spielen.“C. Zgoll 2019, S. 562.

Nach einer häufig vorgebrachten Idealvorstellung entstanden „ursprüngliche Mythen“Reinhard Brandt, Steffen Schmidt (Hrsg.): Mythos und Mythologie. Akademie, Berlin 2004, ISBN 3-05-003775-X, S. 10. in schriftlosen Kulturen und wurden durch einen ausgewählten Personenkreis wie Priester, Sänger oder Älteste mündlich weitergegeben. Die Verschriftlichung und anschließende Sammlung und Ordnung in Genealogien oder kanonischen Handbüchern wird verschiedentlich als Anzeichen für ein Nachlassen der traditionellen Wirkungsmacht der Mythen gesehen.

In schriftlosen Religionen spielten mündlich überlieferte Erzählungen eine vergleichbar wichtige Rolle wie die Heiligen Schriften in den Weltreligionen.Klaus Hock: Einführung in die Religionswissenschaft. 4. Auflage. WBG, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-24664-9, S. 8, 115. Sie dienen zum Teil heute noch der Weitergabe und Erhaltung des Glaubens und der damit verbundenen Wertvorstellungen.Josef Franz Thiel: Religionsethnologie. In: Horst Balz u. a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Band 28: Pürstinger – Religionsphilosophie. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1997, ISBN 3-11-019098-2, S. 560–565. Ob sich solche Erzählungen mit dem europäischen Begriff Mythos in Übereinstimmung bringen lassen, ist umstritten. Der Ethnologe und Erforscher der Mythen der nord- und südamerikanischen indigenen Völker Franz Boas plädierte bereits 1914 dafür, neben dem Begriff des Mythos die Gattungsbegriffe der Erzähler zu verwenden.Franz Boas: Mythology and Folk Tales of the North American Indians. In: Journal of American Folkore. 27, 1914, S. 454. Er sah in den Mythen einerseits einen Kulturspiegel der materiellen und geistigen Kultur der von ihm erforschten Völker, andererseits Geschichten (folk tales), die sich über weite Kulturräume hinweg in oft vereinfachter Form verbreiten. Unabhängig von den Abgrenzungsversuchen der Begriffe Mythos und Erzählung mischen sich nach Boas die Elemente beider in kaum trennbarer Weise: Der Mythos betone das ethnisch-partikulare Element, insofern sei er Element einer ethnographischen Autobiographie; die Geschichte könne aber auch wandern.Alan Dundes (Hrsg.): Sacred Narrative: Readings in the Theory of Myth. University of California 1984, S. 193. Diese Position vertritt auch Elke Mader, die sowohl alte indianische als auch moderne Mythen untersucht.Elke Mader: Anthropologie der Mythen: Kultur-und Sozialanthropologie. Wien 2007. Hartmut Zinser sieht hingegen zwischen den ethnologischen „Theorien des Mythos“ kaum Gemeinsamkeiten.Hartmut Zinser: Theorien des Mythos. In: Karl-Heinz Kohl: Mythen im Kontext. Ethnologische Perspektiven. Campus, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-593-34544-7, S. 147–161. Heute ist es in der wissenschaftlichen Literatur üblich, eine Präzisierung des Gemeinten voranzustellen, wenn das Wort Mythos verwendet wird.

Begriffsgeschichte Antike Die Vorstellung von Autorität, höherer Wahrheit und allgemeiner Relevanz war schon in der Antike nicht mehr mit dem Begriff Mythos verbunden. Die schriftliche Sammlung und Fixierung von Mythen bei Hesiod und Homer fällt bereits in ein Spätstadium, in dem die Mythen ihre ursprüngliche Funktion verloren hatten und in ästhetisch-poetisch distanzierter Form überliefert wurden. Die Vermenschlichung der Götter war in Hesiods Theogonie (um 700 v. Chr.) bereits so weit fortgeschritten, dass der Frühaufklärer Xenophanes und auch Hekataios von Milet Mythen, in denen die Götter lügen, stehlen und betrügen, für moralisch verwerfliche oder lächerliche Erfindungen hielten. Epikur lehnt Göttermythen radikal ab. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. gab es Versuche der Rechtfertigung insbesondere der homerischen Mythen. Theagenes von Rhegion, der als Begründer der allegorischen Homerinterpretation gilt, und die Stoa betrachten die Göttermythen als Naturallegorien. So erschien ihr Zeus als eine Allegorie des Himmels.

Rationalistische Mythenkritik Daneben entwickelten sich auch rationalistische Interpretationen des Mythos. Euhemeros führte die Göttermythen darauf zurück, dass Könige als Wohltäter der Menschheit für ihre Verdienste vergöttlicht worden seien, wie dies im hellenistischen und später im römischenPlinius der Ältere: Naturalis historia, 2,11 ff. Herrscherkult geschah. Auch Palaiphatos führte die griechischen Mythen auf historische Ereignisse und Verhältnisse zurück und verfiel dabei in rationalistische Spekulationen. So sei Europa, die Geliebte des Zeus, nicht von einem Stier entführt worden, sondern von einem Mann namens Ταῦρος (Stier).

Für Poseidonios hingegen, den von den keltischen Druiden faszinierten Begründer einer historischen Mytheninterpretation, bewahren die Mythen das Wissen einer goldenen Vorzeit. Die barbarischen Gesellschaften erschienen den Griechen in dieser Zeit des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs als Widerspiegelung ihrer eigenen Vergangenheit.Jean-Louis Brunaux: Druiden: die Weisheit der Kelten. Stuttgart 2009, S. 183.W. Burkert, A. Horstmann: Mythos, Mythologie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6, 1984, S. 282.

Mythos als literarische Gattung Für Platon kann mythos Wahres und Falsches enthalten; Dichter werden dazu aufgefordert, möglichst wahre mythoi zu dichten. Die literarische Gattung des so genannten platonischen Mythos hingegen kann ganz Unterschiedliches umfassen: ein Gleichnis, eine Metapher oder ein Gedankenexperiment. Platon schuf in seinem Dialog Timaios einen Mythos von der Entstehung der Welt (Kosmogonie), von dem wesentliche Aspekte durch den Neuplatonismus bis hin zu Georg Friedrich Creuzer rezipiert wurden.

Aristoteles billigt einem Mythos nur die Möglichkeit einer Annäherung an die Wahrheit zu. Er verstand unter Mythos die Nachahmung von Handlung, also von etwas Bewegtem, im Unterschied zu den statischen Charakteren, die seiner Auffassung nach noch keine Dichtung ausmachen. Mythos wäre also, vom Gehen eines Menschen zu sprechen, statt bloß seinen Gang zu charakterisieren. Aristoteles sah seinen Text als eine Art Gebrauchsanleitung für Dichter. Mythos war für ihn ein Merkmal einer gelungenen Tragödie. Ebenfalls bei Aristoteles findet die Verengung des Begriffs Mythos auf die bis heute gebräuchliche Bedeutung statt, nämlich auf den typischen griechischen Götter- und Heldenmythos.