mini|Der junge Kaspar Hauser. Undatierte getuschte Federzeichnung von Johann Georg Laminit (1775–1848) nach einer im August 1828 entstandenen Radierung von Friedrich Fleischmann.

Kaspar Hauser (* angeblich 30. April 1812; † 17. Dezember 1833 in Ansbach) war ein deutsches Waisenkind bzw. europäisches Findelkind. Er wurde als „rätselhafter Findling“ bekannt und war möglicherweise ein Hochstapler.

Leben Kaspar Hauser tauchte am 26. Mai 1828 in Nürnberg als etwa 16-jähriger, geistig anscheinend zurückgebliebener und wenig redender Jugendlicher auf. Seine späteren Aussagen, er sei, solange er denken könne, bei Wasser und Brot immer ganz allein in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden, erregten internationales Aufsehen. Bei buchstäblichem Verständnis sind Hausers Angaben mit den Kenntnissen der modernen Medizin nicht zu vereinbaren.

Ein zeitgenössisches Gerücht kolportierte, Hauser sei der 1812 geborene Erbprinz von Baden, den man gegen einen sterbenden Säugling getauscht und beiseitegeschafft habe, um einer Nebenlinie des badischen Fürstenhauses die Thronfolge zu ermöglichen. In der geschichtswissenschaftlichen Literatur gilt diese „Prinzenlegende“ auf Grund später publizierter Dokumente und Augenzeugenberichte über den Tod des Prinzen als widerlegt. Eine wissenschaftlich publizierte Genanalyse aus dem Jahr 1996 zeigte, dass eine Hauser zugeschriebene Blutprobe nicht vom badischen Erbprinzen stammen kann. Eine weitere Genanalyse aus dem Jahr 2002 konnte wegen zahlreicher Widersprüche keinen Gegenbeweis erbringen. 2024 wurde erneut bestätigt, dass Kaspar Hauser nicht der entführte Prinz von Baden war.

Am 17. Oktober 1829 wurde Hauser mit einer ungefährlichen Schnittwunde aufgefunden und am 14. Dezember 1833 kam er mit einer schließlich tödlichen Stichwunde nach Hause. In beiden Fällen behauptete er, Opfer eines Attentäters geworden zu sein. Seine Anhänger vermuteten ein politisch motiviertes Verbrechen. Nach kriminalwissenschaftlichen Untersuchungen handelte es sich jedoch um Selbstverletzungen, die er sich aus Enttäuschung über das nachlassende öffentliche Interesse an seiner Person beigebracht hatte.

Leben ab dem 26. Mai 1828 mini|Der Geleitbrief (Faksimile) mini|Die Adresse des Geleitbriefs (Faksimile) mini|Der „Mägdleinzettel“ (Faksimile)

Am Pfingstmontag, den 26. Mai 1828, trafen der Schuhmachermeister Weickmann und sein Kollege Beck auf dem Unschlittplatz vor Haus Nummer 9–11 in Nürnberg einen etwa 16-jährigen Jungen an, der „He Bue“ ausrief und beim Näherkommen „Neue Torstraße“ sagte. Später erinnerte sich Weickmann an eine knappe Unterhaltung, bei der der Junge auf die Frage nach seinem Herkunftsort „Regensburg“ gesagt habe. Er trug einen an den Rittmeister der 4. Eskadron des 6. Chevauxlegers-Regiments in Nürnberg (zu diesem Zeitpunkt Friedrich von Wessenig) adressierten Brief bei sich. Nachdem man ihm den Weg zu von Wessenigs Wohnung gezeigt hatte, sagte er zu diesem: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“ („Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.“). Von Wessenig ließ den Jungen nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Wohnung zur Polizeiwache führen, wo dieser den Namen „Kaspar Hauser“ aufschrieb und zeigte, dass er Geld kannte, Gebete sprechen und beschränkt lesen konnte. Er beantwortete nur wenige Fragen, und sein Wortschatz schien begrenzt zu sein.Ivo Striedinger: Hauser Kaspar, der „rätselhafte Findling“. In: Lebensläufe aus Franken, III. Bd., 1927, S. 199 f.; Fritz Trautz: Zum Problem der Persönlichkeitsdeutung: Anläßlich das Kaspar-Hauser-Buches von Jean Mistler. In: Francia 2, 1974, S. 716 f.; Walther Schreibmüller: Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser-Forschung. In: Genealogisches Jahrbuch 31, 1991, S. 43 f.

Der an von Wessenig adressierte Brief trug die Kopfzeile „Von der Bäierischen Gränz daß Orte ist unbenant 1828“. Sein anonymer Verfasser gab sich als armer Tagelöhner aus, der selbst zehn Kinder habe, und teilte mit, das Kind sei ihm im Oktober 1812 „gelegt“ worden. Er habe es aufgezogen, das Christentum gelehrt sowie lesen und schreiben, außerdem könne der Knabe „auch mein Schrift schreiben, wie ich schreibe“. Seit 1812 habe er ihn keinen Schritt vor die Tür gelassen; nun wolle der Junge ein Reiter werden. In einem beiliegenden, angeblich von der Mutter stammenden Brief, dem sogenannten „Mägdleinzettel“, wurde der Vorname Kasper genannt und als Geburtsdatum der „30. Aperil 1812“ angegeben. Der Vater des Kindes, ein Chevauxleger vom 6. Regiment, sei tot. Da offenbar dieselbe Tinte benutzt wurde und anhand von Schriftvergleichen, nahm man an, dass beide Briefe von derselben Person geschrieben worden waren. Der Mägdleinzettel jedoch nicht wie der Geleitbrief in Kurrentschrift, sondern hauptsächlich in Lateinischer Schreibschrift.Jean Mistler: Gaspard Hauser, un drame de la personnalité. Fayard 1971, S. 28.

Kaspar Hauser kam in das Gefängnis auf dem Luginsland unter die Obhut des Gefängniswärters Andreas Hiltel. Er aß zunächst nur Brot und trank nur Wasser. Sein geistiger Zustand erregte das Interesse von Juristen, Theologen und Pädagogen, die zahlreiche Untersuchungen an ihm durchführten und ihm Unterricht im Sprechen gaben. Seinen altbayerischen Dialekt behielt Hauser trotz der fränkischen Umgebung zeitlebens bei.Walther Schreibmüller: Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser-Forschung. In: Genealogisches Jahrbuch 31. 1991, S. 79. Rasch wurde er eine öffentliche Attraktion: „Jedermann wurde zu ihm gelassen, der ihn zu besehen Lust hatte. Wirklich genoß Kaspar vom Morgen bis zum Abend kaum eines geringeren Zuspruchs als das Känguru und die zahme Hyäne in der berühmten Menagerie des Herrn van Aken“, wie der Rechtsgelehrte Anselm von Feuerbach, selbst unter den Besuchern, anschaulich schilderte.Walther Schreibmüller: Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser-Forschung. In: Genealogisches Jahrbuch 31. 1991, S. 44. Hausers Sinnesorgane wurden als überempfindlich, seine Muskeln als unterentwickelt beschrieben.

Zunächst wurde vermutet, so in einem Gutachten des Stadtgerichtsarztes Karl Preu vom 3. Juni 1828, dass Kaspar „wie ein halbwilder Mensch in Wäldern erzogen“ worden sei. Nach vielen Gesprächen mit Hauser verfasste der Bürgermeister Jakob Friedrich Binder eine öffentliche Bekanntmachung (datiert vom 7. Juli 1828), in der er von einer anderen Vorgeschichte berichtete, die Kaspar dann später auch selbst – um einige Ergänzungen bereichert – schriftlich niederlegte. Nach dieser vielgeglaubten und vielbezweifelten Erzählung sei er, so lange er denken könne, immer ganz allein in halbliegender Stellung in einem fast lichtlosen Raum„Er befand sich stets in einem kleinen, engen, niedrigen Raum zu ebener Erde, dessen Boden nicht gebrettert war, sondern, wie es scheint, aus festgeschlagener Erde, dessen Decke aber aus ineinandergeschobenen und befestigten Brettern bestand. Zwei kleine, längliche Fenster waren mit Holzstößen verschlichtet und durch sie drang daher nur ein schwaches dämmerndes Licht; niemals sah er die Sonne.“ Hermann Pies: Kaspar Hauser Augenzeugenberichte und Selbstzeugnisse. Kapitel 17 gefangen gehalten worden. Während des Schlafes habe man ihm Wasser und Brot gebracht, ihn gereinigt und in frische Wäsche gekleidet, und es seien ihm Haare und Nägel geschnitten worden – die Tiefe des Schlafzustandes wurde durch die Vermutung erklärt, dass man ihm Opium gereicht habe. Seine Notdurft habe er in ein Gefäß verrichtet, das in einer Vertiefung des Bodens stand und ebenfalls nächtens geleert wurde. Erst kurz vor seiner Freilassung sei ein Mann, dessen Gesicht er nie gesehen habe, bei ihm erschienen. Dieser habe ihn durch Führen der Hand im Schreiben unterrichtet und ihn dann bis kurz vor Nürnberg gebracht. Erst auf diesem Marsch habe er das Stehen und Gehen gelernt. Den Satz, er wolle ein Reiter wie sein Vater werden, habe er von dem unbekannten Mann durch wiederholtes Nachsprechen erlernt, ohne den Sinn der Worte zu erfassen.Ivo Striedinger: Hauser Kaspar, der „rätselhafte Findling“. In: Lebensläufe aus Franken, III. Bd., 1927, S. 200 f.; Binders Bekanntmachung und die verschiedenen Fassungen von Hausers Selbstbiografie findet man z. B. in: Jochen Hörisch (Hrsg.): Ich möchte ein solcher werden wie…: Materialien zur Sprachlosigkeit des Kaspar Hauser. Suhrkamp 1979.

Am 18. Juli 1828 wurde Hauser zur Pflege und Erziehung bei dem wegen Kränklichkeit beurlaubten Gymnasialprofessor und späteren Religionsphilosophen Georg Friedrich Daumer untergebracht, der ihm in der Folgezeit Unterricht in zahlreichen Fächern erteilte. Hierbei zeigte sich, dass Hauser über eine beachtliche handwerkliche und künstlerisch-zeichnerische Begabung verfügte. Daumer, ein belesener Gelehrter mit einem selbst für seine Zeit ungewöhnlich starken Hang zum Spekulativen,Fritz Trautz: Zum Problem der Persönlichkeitsdeutung: Anläßlich das Kaspar-Hauser-Buches von Jean Mistler. In: Francia 2, 1974, S. 717 (online). führte mit Hauser auch zahlreiche homöopathische und magnetische Experimente durch. Er schrieb ihm besondere Eigenschaften und Sensitivitäten zu, etwa die Fähigkeit, ohne hinzusehen Armbewegungen Daumers aus einer Entfernung von 125 Schritten als ein „Anblasen“ zu fühlen.Walther Schreibmüller: Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser-Forschung. In: Genealogisches Jahrbuch 31. 1991, S. 44 f; Karl Leonhard: Kaspar Hauser und die moderne Kenntnis des Hospitalismus. In: Confinia Psychiatrica. 13, 1970, S. 217.

mini|Kaspar Hauser, Pastell, Juni 1830. Die Narbe auf der Stirn stammt von der 1829 erlittenen Schnittwunde. Das Porträt wurde von Johann Lorenz Kreul gemalt und nicht, wie meist zu lesen, von dessen Sohn Carl Kreul.

Am 17. Oktober 1829 zur Mittagszeit wurde Hauser im Keller der Wohnung Daumers mit einer stark blutenden Schnittwunde an der Stirn aufgefunden. Er gab an, auf dem Abtritt von einem maskierten Mann überfallen worden zu sein, der ihm die Wunde mit einem scharfen Instrument beigebracht und ihm gedroht habe: „Du musst doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst.“ Hauser gab an, den Maskierten an der Stimme als denjenigen erkannt zu haben, der ihn nach Nürnberg geführt habe. Wie Blutspuren zeigten, war Kaspar zunächst in die erste Etage, in der sich sein Zimmer befand, geflüchtet – dann jedoch nicht weiter in Richtung der oberen Räume, wo sich, wie er wusste, andere Leute aufhielten, sondern wieder hinunter und durch eine Falltür in den Keller.Fritz Trautz: Zum Problem der Persönlichkeitsdeutung: Anläßlich das Kaspar-Hauser-Buches von Jean Mistler. In: Francia 2, 1974, S. 717 f. (online); Walther Schreibmüller: Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser-Forschung. In: Genealogisches Jahrbuch 31. 1991, S. 62 ff. Trotz polizeilicher Ermittlungen und des Aussetzens einer hohen Belohnung konnte der Vorfall nicht aufgeklärt werden. Aus Sicherheitsgründen wurde Hauser danach bei der Familie des Magistratsrates Biberbach untergebracht, dauernd bewacht von zwei Polizeibeamten. Das angebliche Attentat belebte das öffentliche Interesse an Kaspar Hauser und gab Gerüchten über dessen mögliche Herkunft aus dem Hochadel neue Nahrung.Antonius von der Linde: Kaspar Hauser. Eine neugeschichtliche Legende. Erster Band: 1823–1833. 1887, S. 193 ff. Es wurden aber auch Betrugsvorwürfe geäußert, so zuerst im Juli 1830 von dem Berliner Polizeirat Johann Friedrich Karl Merker (1775–1842) in seiner Schrift: Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger.