mini|Christian Drosten (2020)
Christian Heinrich Maria Drosten (* 12. Juni 1972 in Lingen im Emsland) ist ein deutscher Virologe. Von 2007 bis 2017 war er Professor an der Universität Bonn. Seit 2017 ist er Professor, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind neu auftretende Viren (englisch ). Einer breiten Öffentlichkeit wurde Drosten im Zuge der COVID-19-Pandemie bekannt, unter anderem mit dem NDR-Podcast Coronavirus-Update und als wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung und verschiedener Landesregierungen. In der Berichterstattung zur Pandemie gehört er zu den in Deutschland am häufigsten erwähnten Wissenschaftlern.
Leben Ausbildung und Privatleben Christian Drosten wurde 1972 in Lingen geboren. Er wuchs in Geeste und auf einem Bauernhof in Groß Hesepe im Emsland als ältestes von drei Geschwistern auf. Nach dem Abitur am Bischöflichen Gymnasium Marianum (Meppen) leistete er Zivildienst als Sanitäter im Rettungswesen. Ab 1992 studierte er zunächst Chemietechnik und Biologie an der Technischen Universität Dortmund und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ab 1994 studierte er Humanmedizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und absolvierte im Mai 2000 das dritte Staatsexamen. Drosten wurde 2003 in Frankfurt mit einer Dissertation zur Etablierung eines Hochdurchsatz-PCR-Testsystems für Immundefizienz-Viren und Hepatitis-B-Virus zur Blutspendertestung, angefertigt am Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie des Blutspendedienstes des Roten Kreuzes, mit summa cum laude zum Doktor der Medizin promoviert.Korrektur von Seit 2006 ist er Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie.
Drosten und seine Partnerin wohnen in Berlin und sind Eltern eines Kindes..
Wissenschaftliche Laufbahn Ab Juni 2000 arbeitete Drosten als Arzt im Praktikum in der Laborgruppe des Mediziners Herbert Schmitz der Abteilung für Virologie des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg, wo er die Laborgruppe Molekulare Diagnostik leitete und ein Forschungsprogramm zur molekularen Diagnostik tropischer Viruskrankheiten etablierte. Ab 2007 leitete Drosten das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Seit März 2017 hat er eine W3-Professur des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung an der Charité in Berlin inne.Bericht für 2016 über Fortgang des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung, 13. Juni 2017, PDF Er ist Direktor des Instituts für Virologie am Campus Charité Mitte und des Fachbereiches Virologie der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH. Außerdem leitet er das seit 1. Januar 2023 etablierte CharitéCenter für Global Health (CCGH).
Im Jahre 2003 gehörte Drosten zu den Mitentdeckern desjenigen Coronavirus, welches die SARS-Pandemie 2002/2003 verursachte und das heute als SARS-CoV bzw. als SARS-CoV-1 bezeichnet wird. Der alternative Ausdruck SARS-CoV-1 dient der besseren Unterscheidung vom später in Erscheinung getretenen SARS-CoV-2. Mit Stephan Günther gelang Drosten wenige Tage nach der Identifizierung und noch vor den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta die Entwicklung eines diagnostischen Tests auf das neue Virus.
Seine Erkenntnisse zu SARS stellte Drosten der Wissenschaftsgemeinde über das Internet sofort zur Verfügung, noch bevor sein Beitrag im Mai 2003 im New England Journal of Medicine erschien.Christian Drosten, Stephan Günther, Wolfgang Preiser, Sylvie van der Werf, Hans-Reinhard Brodt, Stephan Becker, Holger F. Rabenau, Marcus Panning, Larissa Kolesnikova, Ron A. M. Fouchier, Annemarie Berger, Ana-Maria Burguière, Jindrich Cinatl, Markus Eickmann, Nicolas Escrioum, Klaus Grywna, Stefanie Kramme, Jean-Claude Manuguerra, Stefanie Müller, Volker Rickerts, Martin Stürmer, Simon Vieth, Hans-Dieter Klenk, Albertus „Albert“ Dominicus Marcellinus Erasmus Osterhaus, Herbert Schmitz, Hans Wilhelm Doerr: Identification of a Novel Coronavirus in Patients with Severe Acute Respiratory Syndrome. In: New England Journal of Medicine. Band 348, 2003, S. 1967–1976, doi:10.1056/NEJMoa030747 Dies wurde u. a. von der Zeitschrift Nature gewürdigt.Alison Abbott: SARS testing: First past the post. In: Nature. Band 423, 2003, S. 114, doi:10.1038/423114a. Im gleichen Jahr veröffentlichte die Arbeitsgruppe um Drosten das sequenzierte Genom des SARS-Coronavirus (SARS-CoV-1) in der Zeitschrift SciencePaul A. Rota, M. Steven Oberste, Stephan S. Monroe, W. Allan Nix, Ray Campagnoli, Joseph P. Icenogle, Silvia Penaranda, Bettina Bankamp, Kaija Maher, Min-hsin Chen, Suxiong Tong, Azaibi Tamin, Luis Lowe, Michael Frace, Joseph L. DeRisi, Qi Chen, David Wang, Dean D. Erdman, Teresa C.T. Peret, Cara Burns, Thomas G Ksiazek, Pierre E. Rollin, Anthony Sanchez, Stephanie Liffick, Brian Holloway, Josef Limor, Karen McCaustland, Melissa Olsen-Rasmussen, Ron Fouchier, Stephan Günther, Albert D.M.E. Osterhaus, Christian Drosten, Mark A. Pallansch, Larry J. Anderson, William J. Bellini: Characterization of a Novel Coronavirus Associated with Severe Acute Respiratory Syndrome. In: Science. Band 300 (5624), Mai 2003, S. 1394–1399, doi:10.1126/science.1085952. und identifizierte es als Hauptursache des Schweren akuten Atemwegssyndroms (englisch Severe acute respiratory syndrome, SARS).Thijs Kuiken, Ron A.M. Fouchier, Martin Schutten, Guus F. Rimmelzwaan, Geert Van Amerongen, Debby van Riel, Jon D. Laman, Ton de Jong, Gerard van Doornum, Wilina Lim, Ai Ee Ling, Paul K.S. Chan, John S. Tam, Maria C. Zambon, Robin Gopal, Christian Drosten, Sylvie van der Werf, Nicolas Escriou, Jean-Claude Manuguerra, Klaus Stöhr, J.S. Malik Peiris, Albert D.M.E. Osterhaus: Newly discovered coronavirus as the primary cause of severe acute respiratory syndrome. In: The Lancet. Band 362 (9380), Juli 2003, S. 263–270, doi:10.1016/S0140-6736(03)13967-0.
Ab 2012 erforschte die von Drosten geleitete Forschungsgruppe unter anderem auch das Middle East respiratory syndrome-coronavirus (MERS-CoV) und entwickelte den anschließend weltweit verwendeten Standardtest zum Nachweis dieses Erregers.
Im März 2020 erhielt Drostens Arbeitsgruppe eine Förderung von 250.000 US-Dollar von der Bill & Melinda Gates Foundation für die Entwicklung diagnostischer Verfahren im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie.
Christian Drosten hatte im Juli 2026 laut Google Scholar einen h-Index von 154 und laut der Datenbank Scopus einen solchen von 122. Neun seiner Publikationen über die SARS-Pandemie 2002/2003 und über SARS-CoV-2 wurden laut Google Scholar bisher (Stand April 2024) jeweils über 3000-mal in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zitiert. Science zählt ihn zu den „weltweit führenden Experten im Hinblick auf Coronaviren“.
Wirken Aktivität im Rahmen der COVID-19-Pandemie Die von Drosten geleitete Forschungsgruppe war maßgeblich an der Entwicklung des weltweit ersten Diagnostiktests für das erstmals im Dezember 2019 aufgetretene Coronavirus SARS-CoV-2 beteiligt, welcher Mitte Januar 2020 frei zur Verfügung gestellt wurde. Es folgte die Publikation dieser Forschungsergebnisse, wobei das sequenzierte Genom nur aus Online-Übermittlungen bekannt war und physisch nicht vorlag.Sonja Kastilan: Was uns morgen erwartet. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 2. Februar 2020, Nr. 5, S. 53 (Interview mit Christian Drosten)C. Drosten, Marion Koopmans, Victor M Corman, Chantal Reusken, Olfert Landt, Maria Zambon, Herman Goossens, Malik Peiris, Richard Molenkamp, Joanna Ellis, Adam Meijer, Jean-Louis Romette et al.: Detection of 2019 novel coronavirus (2019-nCoV) by real-time RT-PCR, publiziert in Eurosurveillance am 23. Januar 2020, im Abschnitt „Discussion“ wird unter anderem die „absence of physical sources“ ausdrücklich erwähnt.
Im Verlauf der COVID-19-Pandemie beriet Drosten Politik und Behörden und erlangte hohe Aufmerksamkeit in den Medien, so in dem seit 26. Februar 2020 gesendeten Podcast Coronavirus-Update des Norddeutschen Rundfunks. Am 17. März 2020 schrieb der Stern: „Das Coronavirus hat den Virologen Christian Drosten zum gefragtesten Mann der Republik gemacht. Und zum Star“, und „[…] seit Corona grassiert, ist Drosten der Mann, der die Krise steuert, der uns durch die Krise navigiert. Der nichts beschönigt und nichts dramatisiert. Der abwägt und korrigiert, der sagt, wenn er etwas nicht weiß oder am Vortag zu kurz gedacht hat.“Der Aufklärer: So wurde Christian Drosten zum wichtigsten Mann Deutschlands. In: Stern.de, 17. März 2020. Im März 2020 betonte er, dass er nur einer von vielen Wissenschaftlern sei, welche die Bundesregierung zu Rate ziehe, die Hauptrolle komme dabei dem Robert Koch-Institut zu. Insbesondere habe er nicht über die Notwendigkeit von Maßnahmen wie einer Ausgangssperre mit der Regierung gesprochen.Julia Schaaf: Ein Virologe wird zum Hoffnungsträger. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. März 2020, S. 10. In seinem Podcast (Nr. 32) vom 16. April 2020 erklärte Drosten, schon seit Wochen nicht mehr in die Politikberatung eingebunden zu sein.
Im Mai 2020 verkündete Drosten, dass es klare Beweise dafür gäbe, dass SARS-CoV-2 nicht aus dem Labor in Wuhan entwichen sein könne, da ein Hauptoberflächenprotein des Virus in Fledermäuse eindringen könne, was seinen Angaben zufolge lediglich bei einer Entstehung des Virus außerhalb des Labors der Fall sein könne. Damit widersprach er Luc Montagnier, welcher Hinweise auf einen Ursprung im Labor sah.
Rückblickend gab Drosten in einem Interview am 13. November 2020 an, dass mit den Erkrankungsfällen in der Firma Webasto durch eine infizierte Mitarbeiterin aus China ab dem 27. Januar 2020 „die Zeit des Rätselratens“, ob es bei einzelnen importierten Fällen bliebe oder eine Pandemie käme, vorbei gewesen sei: „Da war es klar, es wird eine Pandemie.“ Am darauffolgenden 28. Januar forderte er, dass Deutschland seine Denkweise von „wir halten das Virus aus dem Land“ zu „es könnte eine Pandemie auf uns zukommen“ verändern und „die Pandemiepläne rausholen“ müsse.
Drosten war von Dezember 2021 bis zu dessen Auflösung im April 2023 ein Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Drosten wurde 2021 in den Sachverständigenausschuss nach § 5 Absatz 9 Infektionsschutzgesetz zur Evaluation der Coronamaßnahmen berufen, aus dem er Ende April 2022 auf eigenen Wunsch ausschied.Tim Röhn, Benjamin Stibi: Drosten zieht sich nach Diskussionen aus Sachverständigenrat zurück, welt.de, 28. April 2022Sachverständigenausschuss nach § 5 Absatz 9 Infektionsschutzgesetz (Stand: 23. März 2022), bundesgesundheitsministerium.de Seit 2024 ist er Mitglied im Expertenrat Gesundheit und Resilienz.
Weitere Aktivität Drosten ist Mitunterzeichner eines Briefes von 100 Ärzten, Pflegekräften und Gesundheitsexperten, die ein stärkeres Vorgehen gegen Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie forderten. Melanie Brinkmann, ebenfalls Mitunterzeichnerin, wird zitiert: „Wir müssen sicherstellen, dass Informationen, die noch nicht gar sind, keine massenhafte Verbreitung finden.“ Der Brief kam über das Kampagnennetzwerk Avaaz zu Stande.
Drosten ist Mitunterzeichner des John Snow Memorandum, das einen Schutz aller Bevölkerungsgruppen bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffes fordert.
Drosten setzt sich für die transparente Verbreitung von wissenschaftlichen Daten ein und publiziert deshalb in Fachzeitschriften wie Eurosurveillance, in denen alle Artikel online frei verfügbar sind.
Eine weitere Aktivität im Rahmen von Open Science war die versuchsweise Publikation einer wissenschaftlichen Studie in einem Open-peer-review-Verfahren. Die Studie erschien zunächst nur auf einem Server seiner Universität, zusammen mit der Aufforderung an die wissenschaftlichen Kollegen auch aus anderen Fächern, die frühe preprint-Studie öffentlich zu diskutieren.Claudia Frick: Peer-Review im Rampenlicht: Ein prominentes Fallbeispiel. In: Informationspraxis. Band 6 (2), 2020. doi:10.11588/ip.2020.2.74406.