mini|Betroffene Länder Die Hungerkrise am Horn von Afrika 2011 bedrohte internationalen Organisationen zufolge etwa 11,5 Millionen Menschen (darunter 760.000 Flüchtlinge) in Somalia (3,7 Millionen), Äthiopien (4,8 Millionen), Kenia (2,9 Millionen) und Dschibuti (164.000).Horn of Africa Drought Crisis Situation Report No. 5 (PDF; 171 kB). OCHA, 21. Juli 2011. Von der Hungerkrise betroffen waren auch Eritrea und weitere ostafrikanische Staaten, doch liegen bezüglich dieser Gebiete keine zuverlässigen Daten vor.
Laut UN-Kinderhilfswerk UNICEF waren im Jahr 2011 über zwei Millionen Kinder in der Region unterernährt, 500.000 davon „in lebensgefährlichem Zustand“. Gegenüber dem Jahr 2009 handle es sich um eine Steigerung von 50 Prozent.In Ostafrika bahnt sich eine Katastrophe an, in: Welt Online, 12. Juli 2011 Die Vereinten Nationen sprechen von einer „der schlimmsten Dürren seit 60 Jahren“. António Guterres, der UN-Flüchtlingskommissar, bezeichnete die Situation im Juli 2011 als „schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt“.Dürre bedroht 10 Millionen Afrikaner, in: Neues Deutschland, 13. Juli 2011 Ende desselben Monats begann das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, eine Luftbrücke nach Somalia zu starten., in: tagesschau.de, 27. Juli 2011
Allein in Somalia kamen durch die Krise zwischen Oktober 2010 und April 2012 fast 260.000 Menschen ums Leben.Uno-Bericht zu Somalia: 258.000 Todesopfer bei Hungerkatastrophe, in: Spiegel Online, 2. Mai 2013UN-Bericht zu Somalia: Über 250.000 Tote durch Hungersnot, in: Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2013Hunger: 258.000 Tote durch Hungerkatastrophe in Somalia, in: Die Welt, 2. Mai 2013
Ursachen und Vorgeschichte miniatur|Totes Vieh in Somaliland, März 2011 Die Region um das Horn von Afrika war in den letzten Jahrzehnten mehrfach von schweren Hungerkrisen betroffen. Die Hungersnot in Somalia 1974–1975 führte zum Tod von 1500 Menschen und von Millionen Stück Vieh. Zehn Jahre später fielen einer katastrophalen Dürre in Äthiopien sowie politischer Untätigkeit bis zu einer Million Menschen zum Opfer. Ursachen für die Hungersnot in Somalia in den 1990er-Jahren waren Kampfhandlungen und Plünderungen im Rahmen des somalischen Bürgerkrieges sowie eine langanhaltende Dürre. Eine weitere Hungerkrise im Jahr 2006 traf vor allem Viehzüchter in Nordostkenia, Südsomalia, im Süden und Osten Äthiopiens und in Dschibuti.
Die Hungerkrise des Jahres 2011 war wesentlich dadurch ausgelöst worden, dass zwei saisonal aufeinanderfolgende Regenzeiten (die kurze Regenzeit von September bis Dezember; die Hauptregenzeit von März bis Juli) sehr wenig Niederschlag brachten. Die Anbausaison 2010/2011 war somit eine der trockensten seit 1950/51. Die kurze Regenzeit war eine der niederschlagärmsten der Geschichte. In einigen Gebieten war dies bereits die zweite oder dritte schwache Regenzeit in Folge. Im Dezember kam es zu Ernteausfällen in den marginalen Gebieten des Horns, und der Zustand des Viehbestands verschlechterte sich. Dies führte zu einer Verschärfung der Nahrungsmittelknappheiten.
mini|links|hochkant=1.4|Niederschlagsmengen (April–Juni im Durchschnitt seit 1995, 2011 und im Vergleich) Die Hauptregenzeit setzte daraufhin spät und unregelmäßig ein. In einigen Gebieten fielen weniger als 30 % des Niederschlages, der zwischen 1995 und 2010 im Durchschnitt gemessen wurde. Die Viehsterberaten in Hirtengebieten lagen bei 15 bis 30 Prozent, teilweise 40 bis 60 Prozent, vor allem unter Rindern und Schafen. Aufgrund der dadurch rückläufigen Produktion von Milch, einem wesentlichen Nahrungsmittel vor allem für Kinder, stiegen deren Preise dramatisch an.High food prices exacerbate crisis in drought-affected Horn of Africa, Vereinte Nationen, 10. August 2011 Die Ernte der Hauptregenzeit wurde im Juni als schwach erwartet, Missernten teilweise wahrscheinlich. Die Preise für Grundnahrungsmittel erreichten im Mai Rekordstände. Im somalischen Baidoa war Sorghumhirse um 240 % teurer als im Mai 2010, im äthiopischen Jijiga hatte sich der Preis von weißem Mais mehr als verdoppelt; im kenianischen Mandera lag der Preis von gelbem Mais um 58 % höher.
Im Juni 2011 waren knapp zehn Millionen Menschen in Nordostafrika von humanitären Maßnahmen und Nahrungsmittelhilfe abhängig, darunter jeweils 3,2 Millionen Menschen in Äthiopien und Kenia, 2,6 Millionen Menschen in Somalia und 117.000 Menschen in Dschibuti., in: wfp.org, 8. Juli 2011
USAID-Direktor Rajiv Shah sah in der globalen Erwärmung einen Beitrag zu der Situation in Ostafrika. Ein einzelnes Ereignis könne laut Philip Thornton vom ILRI und dem Institute of Atmospheric and Environmental Science der University of Edinburgh jedoch nicht auf die globale Erwärmung zurückgeführt werden. Thornton weist darauf hin, dass der Vierte Sachstandsbericht des IPCC eher eine Zunahme der Niederschläge in der Region über den Verlauf des Jahrhunderts für wahrscheinlich hält und dass es derzeit keine Hinweise auf einen verstärkten Trend zu Dürren in Ostafrika gebe. Hingegen werden Dürren in Ostafrika mit starken La-Niña-Ereignissen assoziiert.
Situation nach Ländern mini|FEWS-NET-Vorhersage der IPC-Stufen für August–September 2011 Zu den am schwersten betroffenen Gebieten (mindestens Stufe 4 der IPC-Skala) gehören der Südosten Äthiopiens, Nordostkenia sowie weite Teile von Zentral- und Südsomalia. Die islamistische Shabaab-Miliz erschwert die humanitäre Hilfe insbesondere im Süden Somalias.
Somalia In Somalia war mit 3,7 Millionen Menschen fast die Hälfte der Bevölkerung hilfsbedürftig. Davon benötigen 3,2 Millionen sofortige, lebensrettende Maßnahmen. 2,8 Millionen dieser Menschen befinden sich im Süden des Landes. Die Hungerkrise in Somalia war die schwerste der Welt seit der Hungersnot in Somalia 1992. Für die Regionen Bakool und Shabeellaha Hoose erklärte die UN am 20. Juli den Status der Hungersnot. Am 3. August wurde auch in zwei Distrikten in der Region Shabeellaha Dhexe, in den Flüchtlingslagern im „Afgooye-Korridor“ und in Teilen der Hauptstadt der Status der Hungersnot erreicht.Situation Report No. 6. (PDF; 328 kB) OCHA, 3. August 2011. Für die Regionen Jubbada Hoose, Jubbada Dhexe, Bay, Banaadir, Gedo und Hiiraan besteht ebenfalls ein Risiko der Hungersnot in den nächsten Wochen. In den zentralen und nördlichen Regionen benötigen fast eine halbe Million Menschen humanitäre Hilfe.
Der gesamte Süden von Somalia litt unter schwachen Ernten und zunehmenden Krankheitsausbrüchen. Eine massive Anstrengung war notwendig, um die Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung kurzfristig zu verbessern. Die Übergangsregierung Somalias hat 500.000 US-Dollar bereitgestellt, um die Binnenflüchtlinge in Mogadischu mit Wasser, Decken und Lebensmitteln zu versorgen. Die islamistische Shabaab-Miliz, die unter anderem den von der Hungersnot besonders stark betroffenen Süden des Landes kontrolliert, ließ Hilfeleistungen an die lokale Bevölkerung seit 2010 nicht zu. Angesichts der besorgniserregenden Entwicklung änderten Teile der Organisation Anfang Juli jedoch ihre Strategie und baten Entwicklungshelfer – „egal ob muslimisch oder nicht-muslimisch“ – um Unterstützung.Weekly Humanitarian Bulletin, Nr. 27, herausgegeben vom Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Somalia (OCHA Somalia) tagesschau.de, 11. Juli 2011 Am 22. Juli revidierte ein Sprecher von al-Shabaab diese Entscheidung. Er bezeichnet die Einstufung der Lage als Hungersnot als „absoluten Schwachsinn“ und „reine Propaganda“ seitens der UN.Hungerkatastrophe in Somalia – Islamisten verhindern Hilfe. Süddeutsche Zeitung, 22. Juli 2011. UN-Behörden waren bereit, Hilfe zu leisten, wenn ihre Sicherheit und Nichteinmischung seitens der Islamisten gewährleistet sind. Die UN hat bereits via Luftbrücke dringend benötigte medizinische Güter, Lebensmittel und Wasser geliefert. Medizinische Pakete mit Arzneimitteln zur Behandlung verbreiteter Kinderkrankheiten für bis zu 100.000 Menschen befinden sich auf dem Weg. Laut UNICEF haben 3.000 Kartons von Nahrungsergänzungsmitteln bereits das stark betroffene Gebiet um Qansahdhere erreicht. Weitere Pakete zur Versorgung von 17.500 stark und 21.000 moderat mangelernährten Kindern wurden am 21. Juli nach Somalia geschickt. mini|Somalische Flüchtlinge in Dadaab, Kenia Die Rate von akuter Mangelernährung lag im Süden über 20 %, in manchen Gebieten bis zu 30 %. Infektionskrankheiten sorgen aufgrund des mangelnden Impfschutzes für hohe Sterblichkeit. Der mangelnde Zugang zu Trinkwasser erhöhte das Risiko für Durchfallerkrankungen. Verletzungen durch Gewalteinwirkungen nahmen zu. Im Mai wurden in Mogadischus Krankenhäusern 1.590 Verletzungen durch Waffengewalt registriert, von denen fast die Hälfte Kinder unter fünf Jahren betreffen. Die WHO führte eine Kampagne in Somaliland und Puntland durch, um 569.000 Kinder gegen Kinderlähmung und Masern zu impfen. Im Süden und Zentrum des Landes war die medizinische Versorgung durch mangelnden Zugang für humanitäre Hilfsorganisationen erschwert. WHO, 20. Juli 2011.
Laut WFP konnten 1,5 Millionen Somalier durch Nahrungsmittel erreicht werden. Bedürftige Menschen im Süden Somalias konnten seit Januar 2010 nicht erreicht werden. Dem WFP wurden nach eigenen Angaben zwischen Juli und Dezember 2011 insgesamt 77.660 Tonnen Lebensmittel im Wert von 99,4 Millionen US-Dollar fehlen. Täglich versorgte es in Mogadischu 85.000 Menschen. UNHCR hat im Süden des Landes mehr als 63.000 Menschen versorgt. Die UN und Partner leisteten auch in den Grenzgebieten zu Äthiopien und Kenia Hilfe, wo sich mittlerweile der Zugang verbessert hatte. Die Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Mission der Afrikanischen Union in Somalia unterhielt unabhängig davon ein Lager neben dem Flughafen Mogadischu zur medizinischen Versorgung.
Am 27. Juli 2011 begann WFP, eine Luftbrücke von Kenia nach Somalia einzurichten. Vom Flughafen Nairobi startete eine Maschine der UN-Behörde, die zehn Tonnen Hilfsgüter transportierte, darunter Nahrungsmittel speziell für unterernährte Kinder. In den kommenden Tagen sollen per Luftbrücke weitere 74 Tonnen Nahrungsmittel transportiert werden. Geplant wurde auch, Gebiete in Äthiopien und im kenianischen Grenzgebiet zu versorgen.UN starten Luftbrücke nach Somalia, in: sueddeutsche.de, 27. Juli 2011
Äthiopien Mehr als 4,5 Millionen Menschen benötigten humanitäre Hilfe. Der Einfluss der durch La Niña ausgelösten Dürre wird zunehmend akut im Flachland von Süd- und Südostäthiopien. Späte Regenfälle im Mai hatten vorübergehend einige der kritischen Wasserknappheiten im Flachland reduziert, die Knappheiten kamen jedoch zurück und machten Wasserlieferungen notwendig. Im südlichen und zentralen Hochland hatten späte Regenfälle hingegen die Aussaat ermöglicht. Die Ernte wurde daher erst im September (bis zu zwei Monate später als normal) erwartet. Die Zahl der hilfsbedürftigen Menschen nahm seit April um knapp 50 % zu. Der äthiopische Desaster Risk Management and Food Security Sector (DRMFSS) schätzte am 11. Juli die bis zum Ende des Jahres benötigten Finanzmittel auf knapp 400 Millionen US-Dollar. Die wichtigste Maßnahme laut DRMFSS war die Beschaffung und Verteilung von angereicherten Mais-Soja-Rationen.
Wasserlieferungen gingen nach Afar, Amhara, Oromia, Somali und Tigray. Es wurde erwartet, dass kurzfristig mehr Regionen Lieferungen benötigen. Prioritär wurden Wasserquellen in Oromia rehabilitiert. Frühere Anstrengungen in Somali stellten die Funktion von 90 % der Brunnen sicher.
Über 700.000 Kinder und schwangere und stillende Frauen benötigten neben den Notrationen spezielle Nahrungsergänzung. Knapp 160.000 Kinder im Alter von unter fünf Jahren benötigten innerhalb der zweiten Jahreshälfte medizinische Behandlung wegen akuter Mangelernährung. In der ersten Jahreshälfte wurden bereits 153.000 Kinder behandelt.