mini|321px mini|321px|Die kurdische Sprache in Nachbarschaft mit anderen modernen iranischen Sprachen:
Die kurdischen Sprachen (Eigenbezeichnung „Kurdisch“, kurz für Kurmandschi Zimanê kurdî „kurdische Sprache“, auf Sorani und Südkurdisch/Leki ) gehören zur nordwestlichen Gruppe des iranischen Zweigs der indogermanischen Sprachen. Sie werden hauptsächlich in den historischen Siedlungsgebieten der Kurden gesprochen, die auf mehrere Staaten verteilt sind: in der östlichen Türkei, im nördlichen Syrien, im Norden des Irak und Nordwesten und Westen Irans. Es gibt vier kurdische Sprachen oder Hauptdialektgruppen: Kurmandschi (Nordkurdisch), Sorani (Zentralkurdisch), Südkurdisch und Leki.
Zazaki und Gorani werden heute von der Forschermehrheit als eigenständige Untergruppe des Nordwestiranischen betrachtet und sprachwissenschaftlich nicht zu den kurdischen Sprachen gerechnet (siehe auch Zaza-Gorani), obwohl diese Sprachen unter den historisch und herkömmlich als „Kurden“ bezeichneten Bevölkerungsgruppen Verwendung finden oder fanden und daher unter kulturellen Aspekten als „kurdisch“ bezeichnet werden bzw. wurden.
Kurdische Sprachen Kurmandschi (Nordkurdisch) Kurmandschi (Nordkurdisch, kurdisch Kurmancî oder Kirmancî) ist die am weitesten verbreitete kurdische Sprache. Sie wird in der Türkei, in Syrien, im Irak und in Iran sowie in Armenien, im Libanon und in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken von etwa acht bis zehn Millionen Menschen gesprochen. Nordkurdisch wird seit den 1930er Jahren vorwiegend im kurdisch-lateinischen Alphabet geschrieben und durchläuft gerade einen Prozess des Sprachausbaus.
Dabei wird versucht, den Dialekt Botani aus Botan in Cizre zur Standardsprache zu entwickeln. Dieser Dialekt wurde von Kamuran Bedirxan in den 1920er Jahren als Grundlage für sein Buch über die kurdische Grammatik benutzt. Auch werden viele türkische und arabische Lehnwörter durch kurdische Wörter aus anderen Hauptdialekten ersetzt.
Beispiele dafür sind: jiyan „Leben“ (vom Sorani-Verb jiyan „leben“) zanist „Wissenschaft“ (aus südkurdisch zanist-in „wissen“) wêne „Bild“ (von Sorani wêne „Bild“, vrgl. awêne „Spiegel“, aus mitteliranisch wēn- „sehen“) wêje „Literatur“ (möglicherweise von Südkurdisch wişe „Wort; Gesagtes“ adaptiert oder ein altes Kurmandschi-Relikt, vrgl. Persisch vāže „Wort“Francis Joseph Steingass: A Comprehensive Persian English dictionary, including the Arabic words and phrases to be met with in Persian literature. Routledge & K. Paul, London 1892., aus Parthisch wāž- „sagen“)
Die echten Kurmandschi-Kognate zu diesen Wörtern wären „leben“, „wissen“, „sehen“ und „sagen“.
Dialekte: Şengalî (in Mossul), Judikani (in Zentralanatolien), Qerejdaxî (in Şanlıurfa, Qamischli usw.), Botanî (Boxtî) (in Botan), Serhedkî (in West-Aserbaidschan, Van, Erzurum, Erzincan, Kars, Ağrı, Muş usw.), Hekkarî (in Hakkâri, West-Aserbaidschan), Behdînî (in Dahuk und West-Aserbaidschan), Torî (in Mardin und Siirt), Xerzî (Batman und Siirt), Qochanî (in Chorasan), Birjandî (in Chorasan), Elburzî (in Dailam), Westdialekt (Marashkî) (in Kahramanmaraş, Gaziantep, Sivas, Tunceli, Erzincan, Adıyaman usw.), Zentraldialekt (um Diyarbakır) Efrînî (in Afrin, Gaziantep und Şanlıurfa).
Sorani (Zentralkurdisch) Sorani (Zentralkurdisch) wird im Süden der Autonomen Region Kurdistan und in Westiran von etwa fünf Millionen Menschen gesprochen. Zur Schreibung des Zentralkurdischen wird meist die arabische Schrift mit persischen Sonderzeichen verwendet, zunehmend aber auch das kurdisch-lateinische Alphabet. Es gibt eine umfangreiche literarische Produktion.
Die Ausbreitung des Sorani ist eng mit der Herrschaft der Baban-Dynastie von Sulaimaniyya verbunden. Die wirtschaftliche Kraft der Stadt verbreitete das Zentralkurdische in der Region und verdrängte somit das ältere Kelhuri und Gorani. Heute wird das Zentralkurdische auch als Quelle für Wortschöpfungen des Nordkurdischen benutzt.
Dialekte und Mundarten: Hewlêrî (in Arbil), Pishdarî (südlich von Arbil) Xaneqînî (in Chanaqin), Mukrî (in Mukriyan), Rewandzî (in Rawanduz), Silêmanî/Soranî/Babanî (in Sulaimaniyya), Erdelanî (in Ardalan), Sineyî (in Sanandadsch), Warmawa (nordöstlich von Arbil), Germiyanî (in Kirkuk), Jaffi (von Jaff-Stamm gesprochen), Judeo-Kurdisch (in Kermanschah und Hamadan)
Südkurdisch Das Südkurdische weist viele Eigentümlichkeiten auf und ist lautlich in vielerlei Hinsicht älter als die anderen kurdischen Sprachen (z. B. w- im Anlaut wie in Mitteliranisch, vergl. Kelhuri waran „Regen“, wefr „Schnee“, auf Kurmandschi-Sorani baran, berf/befr). Möglicherweise kann man im Südkurdischen die Spuren einer älteren kurdischen Sprachschicht erkennen. Südkurdisch wird in Westiran (Ilam und Kermanschah) und im Osten des Nordiraks (Süd-Chanaqin, Kirind und Qorwaq), in den lurischen Gebieten, in Aleschtar, Kuhdescht, Nurabad-e Dolfan und Chorramabad von etwa vier Millionen Menschen gesprochen. Durch den Kontakt mit dem Persischen wurde das Südkurdische erheblich beeinflusst. Die Sprecher des Südkurdischen sind überwiegend Schiiten; viele gehören zur Religionsgemeinschaft Ahl-e Haqq.
Dialekte: Kelhuri, Kolyai, Kirmanshahi, Garrusi, Sanjabi, Malekshahi, Bayray, Kordali Faili-Kurdisch (Feylî) (vor allem in Ilam) von Faili gesprochen
Leki
Der Dialekt Leki wird von den meisten Forschern als eine kurdische Sprache betrachtetAnonby, Erik John (2021), "Atlas of the Languages of Iran A working classification", Languages of Iran, retrieved 25 May 2019.. Leki unterscheidet sich in grammatischer Hinsicht kaum von Kelhuri und den anderen südkurdischen Dialekten. Allerdings besitzt es lautlich eine noch ältere Basis als das schon altertümlich wirkende Kelhuri, z. B. wird der Laut m statt v bevorzugt (vergl. Leki çem „Auge“ : Kelhuri çew, Kurmandschi çav, aus mitteliranisch čašm) und generell ein e statt i (Leki kerden „tun, machen“, Kelhuri/Sorani kirdin, wobei es auch Leki-Dialekte mit kirdin gibt)Kiani Kolivand Karim: Farhang-e Vāženāme-ye Lakī. Intishārāt-i Sīfā. 2011.
Leki, Biranavendî, Kurdshûlî (in Fars), Shêx Bizinî (in der Türkei, vor allem um Ankara), Silaxûrî und Xacevendî (in Mazandaran)
Klassifikation Obwohl sich die vier kurdischen Sprachen einigermaßen unterscheiden, gibt es eine Reihe von gemeinsamen Merkmalen, durch die sie sich von anderen iranischen Sprachen abheben. So gibt es laut David Neil MacKenzie den Übergang vom postvokalen und intervokalen altiranischen *-m- zu -v-/-w-, den Verlust des ersten Konsonanten in den Konsonantengruppen *-gm-, *-xm- und die Wiedergabe des altiranischen *x- im Anlaut durch k'- oder k-.Garnik Asatrian: Die Ethnogenese der Kurden und frühe kurdisch-armenische Kontakte. In: Iran & the Caucasus. 5, 2001, S. 41–74. Allerdings bleibt im Südkurdischen /x/ erhalten (zum Beispiel Kurmandschi und Sorani ker, aber Südkurdisch und Leki xer „Esel“; Kurmandschi kanî, aber Südkurdisch/Leki xanî „Brunnen“).
Innerhalb der indogermanischen Sprachen nehmen die kurdischen Sprachen folgende Position ein:
Indogermanische Sprachen Indoiranische Sprachen Iranische Sprachen Westiranische Sprachen Nordwestiranische Sprachen Kurdische Sprachen Kurmandschi Sorani Südkurdisch Leki
Zur umfassenden Klassifikation vergleiche man den Artikel Iranische Sprachen.
Kurdisch als nordwestiranische Sprache Die kurdischen Sprachen werden im Allgemeinen als nordwestiranische Sprachen klassifiziert oder von einigen Forschern als eine Zwischenform zwischen nordwest- und südwestiranischen Sprachen eingeordnet.Windfuhr, Gernot: The Iranian Languages (1st ed.). London 2009: Routledge. Kurdisch weist einige typisch nordwestiranische Laut-Eigenschaften auf, die die Sprache deutlich von Persisch abgrenzen und schon in Altiranisch existiert haben (zum Beispiel Avesta zānā- „wissen“, Altpersisch dānā-). Beispiele:
Laut Kurdisch Persisch Deutsche Bedeutung s/z : h binasgunāh/gonāhSchuldmasîmahīFischasināhanEisenxwaz-xāh-wollen (Präs.)z : dzavadāmādBräutigamzanîndānistan/dānestanwissen
Es gibt jedoch auch persische Lehnwörter wie dil „Herz“, die eine Ausnahme bei diesen Lautisoglossen darstellen. Hier wäre die pure nordwestiranische Form wie in Gorani zillî und Zazaki zerrî (Belutschi zird) mit z- im Anlaut zu erwarten.
Zaza-Gorani Zaza-Gorani gehört wie die kurdischen Sprachen der nordwestiranischen Sprachgruppe anKlassifizierung von Zaza-Gorani: https://www.ethnologue.com/subgroup/1700/ und bildet eine eigenständige sprachgenetische Einheit. Zum einen weisen Zazaki und Gorani auffällige lautliche Eigenschaften auf, die auch im Parthischen vorkommen, z. B. das Wort für „Tür“ fängt wie in Parthisch mit b-Ludwig Paul: The position of Zazaki among the westiranian languages. Wiesbaden. 1998. PDF, S. 166. an (parthisch bar, aus altiranisch dvar (avestisch) „Tür“, Zazaki ber, Gorani bere, Kurmandschi derî) und zum anderen sind manche Verben, Endungen und Numerale unterschiedlich. So lautet das Verb „kommen“ in Kurdisch hatin (Leki hetin/heten), in Gorani dagegen amay und in Zazaki amayene. Oder die Personalendung in der 1. Pers. sg. ist in Kurdisch -im (z. B. degir-im „ich nehme“) oder in Leki -em (vergl. megir-emBelelli, Sara: The Laki variety of Harsin: grammar, texts, lexicon. University of Bamberg Press, 2021, S. 239 (online).), in Zaza-Gorani dagegen -an (regional: -a, -û) (vergl. Gorani migêr-anMacKenzie, D. N.: THE DIALECT OF AWROMAN. Kopenhagen, 1966, S. 33, 48 (online) und Zazaki gên-an „ich nehme“). Die Kardinalzahl für „drei“ kommt in Gorani als yerê und in Zazaki als hîrê, in Kurdisch jedoch als sê vor.
Gemeinsamkeiten mit Kurdisch sind z. B. das Vorhandensein von lediglich zwei Fällen Casus Rectus (gerade) und Obliquus (gebeugt) sowie Ähnlichkeiten in den Personalpronomen (z. B. ez „ich“ und mi(n) „mich“) und der Genus-Unterscheidung (z. B. ist die feminine Endung auf Zaza-Gorani -e, auf Kurmandschi -ê). Lautliche Übereinstimmungen finden sich z. B. beim Anlaut h in vielen Wörtern (z. B. Zazaki huşk „trocken, hart“, hak „Ei“ und hurdî „klein“, Kurmandschi hişk, hêk und hûr) im Gegensatz zu persisch x (vergl. xošk „trocken“, xāye[k] „Hoden“ und xorde „Bruchstück“). Beim Verb für „sagen, erzählen“ wird überdies eine Präsens-Wurzel mit selber Herkunft benutzt (von altiranisch vač-Bartholomae, Christian: Altiranisches Wörterbuch. Strassburg. 1855–1925, Sp. 1330 ().), vergl. Zazaki vac-, Gorani vaç-/waç- und Kurdisch bêj- (Kelhuri wiş-), was in Persisch gū- lautet und von einer anderen Wurzel ist.
Proto-kurdische Entwicklung
Die kurdischen Sprachen haben sich von ihrer gemeinsamen Protosprache durch die Zeit weiterentwickelt und zeichnen sich durch Eigenschaften aus, die sie von archaischen Sprachgruppen wie Zaza-Gorani und Belutschi entfernt haben. Einige lautliche Trennungen wären zum BeispielLeezenberg, Michiel: GORANI INFLUENCE ON CENTRAL KURDISH. University of Amsterdam, 1993, S. 11 (online).:
Laut Kurdisch Gorani Zazaki BelutschiN. A. A Collett: A grammar, phrase book and vocabulary of Baluchi: (as spoken in the Sultanate of Oman). 2nd ed. Camberley. 1986 (online). Deutschv : mnavnamenāmNamei : e : ukirdkerdkurthat getank : h kerherharEselj : ç/č, crojroç roceročTagj : j, c/ǰjinjenîcenîyeǰanēnFrau
Formen wie jenî „Frau“ in Gorani sind laut Mann-Hadank wahrscheinlich von Alt-Kurdisch entlehnt, vergl. Leki jen.
Auch Leki konnte einige altertümliche Laute konservieren, z. B. die Wiedergabe von altiranischem v- im Anlaut im Adjektiv versî/virsîAlimardan Askari Alam: Farhang-e Vāžgān. Fārsī be Lakī. Khorramabad, 2005, S. 237. „hungrig“ statt dem b- in der Südkurdisch/Zentralkurdisch-Form birsî (vergl. Zazaki veyşan, Talisch vəşi, persisch gorosne/gošne).
Geschichte