mini|Linearschrift A Die Linearschrift A (oft verkürzt, etwa von Arthur Evans,George A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 68–69. als Linear A bezeichnet) ist neben der kretischen Hieroglyphenschrift eines der beiden Schriftsysteme der minoischen Kultur Kretas. Sie wurde etwa vom 18. bis ins 15. Jahrhundert v. Chr. verwendet und konnte bisher nur ansatzweise entziffert werden. Ihr Gebrauch ist aus den Perioden MM II bis SM I B der minoischen Kultur bezeugt.Ivo Hajnal: Grammatik des mykenischen Griechisch (Teil I) S. 5–9 Onlinepublikation auf der Website des Instituts für Sprachen und Literatur der Universität Innsbruck (PDF-Datei; 1,1 MB) Geschrieben wurde von links nach rechts. Aus Linearschrift A wurden später die an das Griechische angepasste Linearschrift B sowie die kypro-minoische Schrift entwickelt. Da die abstammenden Schriften (vorwiegend) Silbenschriften sind, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei Linear A um eine Silbenschrift.
Im Juni 2014 wurde die Schrift im Standard Unicode 7.0 als Unicodeblock Linear A (U+10600–U+1077F) aufgenommen.
Beschreibung mini|Bruchstücke von Linear-A-Täfelchen aus Akrotiri Bekannt sind etwa 70 Silbenzeichen, 100 Zeichen mit Wortbedeutung, die teilweise mit Silbenzeichen kombiniert und dadurch näher bestimmt wurden, sowie diverse Zahlzeichen. Obwohl die der Schrift zugrundeliegende minoische Sprache unbekannt ist und bisher keiner bekannten Sprachfamilie zugeordnet werden konnte, lässt sich der Lautwert vieler Silbenzeichen durch Vergleiche mit der Linearschrift B mehr oder weniger erschließen.
mini|links|Tafel mit Linearschrift A (Archäologisches Museum Chania) Die große Zahl von logographischen Zeichen ermöglicht die inhaltliche Erschließung aufgefundener Texte. Es wird angenommen, dass die auf Tontäfelchen eingeritzten Notizen häufig der Verwaltung dienten, so dass ihre Entzifferung vor allem Rückschlüsse auf wirtschaftliche Verhältnisse der Epoche ermöglichen würde. Die meisten Texte sind offenbar Listen, bei einzelnen, die die sogenannte Libationsformel enthalten, handelt es sich vermutlich um Dedikationsinschriften; längere Texte fehlen ganz.
mini|Linearschrift A auf einer Vase, gefunden in Akrotiri Für das Schreiben in Ton ist das Ritzen von Linien, wie bei den Linearschriften, wenig geeignet. Man geht daher davon aus, dass hauptsächlich auf anderen, nicht sehr haltbaren Materialien wie Papyrus oder Pergament geschrieben wurde. Die Tontafeln waren wohl Notizzettel, die nur kurze Zeit aufbewahrt wurden. Erhalten blieben sie nur deshalb, weil sie durch Brandkatastrophen gebrannt und so für Jahrtausende konserviert wurden.
Einige Zeichen der Linear A sind den archaischen Urbildern der mesopotamischen Keilschrift sehr ähnlich. Eine Verwandtschaft beider Schriftsysteme, die einen Weg zum Verständnis der Linear-A-Inschriften bahnen könnte, gilt daher als möglich, wenn auch wegen des zeitlichen Abstandes als unwahrscheinlich.Hans Glarner: Sumerische Schriftzeichen in der Linear A. In: Kadmos 41 (2002), S. 121–122.
Harald Haarmann sieht bei 40 % bis 50 % des Zeicheninventars von Linear A Äquivalenzen mit der Donauschrift. Sie stehe in der Kulturtradition der „balkanisch-ägäischen Konvergenzzone“.Harald Haarmann: Auf den Spuren der Indoeuropäer. Von den neolithischen Steppennomaden bis zu den frühen Hochkulturen. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68824-9, S. 323.
Verzeichnis der Zeichen Zeichen und Nummerierung nach E. Bennett. Das Lesen von Zeichen basiert auf Analoga von Linear B. *01-*20 *21-*30 *31-*53 *54-*74 *76-* 122 * 123-* 306 class=skin-invert DA
*01 class=skin-invert QI
*21 class=skin-invert SA
*31 class=skin-invert WA
*54 class=skin-invert*76 class=skin-invert* 123 class=skin-invert RO
*02 class=skin-invert*21f class=skin-invert*34 class=skin-invert*55 class=skin-invert KA
*77 class=skin-invert* 131a class=skin-invert PA
*03 class=skin-invert*21m class=skin-invert TI
*37 class=skin-invert PA3
*56 class=skin-invert QE
*78 class=skin-invert* 131b class=skin-invert TE
*04 class=skin-invert MI?
*22 class=skin-invert E
*38 class=skin-invert JA
*57 class=skin-invert WO2?
*79 class=skin-invert* 131c class=skin-invert*05 class=skin-invert*22f class=skin-invert PI
*39 class=skin-invert SU
*58 class=skin-invert MA
*80 class=skin-invert* 164 class=skin-invert NA
*06 class=skin-invert*22m class=skin-invert WI
*40 class=skin-invert TA
*59 class=skin-invert KU
*81 class=skin-invert* 171 class=skin-invert DI
*07 class=skin-invert MU
*23 class=skin-invert SI
*41 class=skin-invert RA
*60 class=skin-invert*82 class=skin-invert* 180 class=skin-invert A
*08 class=skin-invert*23m class=skin-invert KE
*44 class=skin-invert O
*61 class=skin-invert*85 class=skin-invert* 188 class=skin-invert S
*09 class=skin-invert NE
*24 class=skin-invert*45 class=skin-invert JU
*65 class=skin-invert*86 class=skin-invert* 191 class=skin-invert*10 class=skin-invert RU
*26 class=skin-invert*46 class=skin-invert TA2
*66 class=skin-invert TWE
*87 class=skin-invert* 301 class=skin-invert*11 class=skin-invert RE
*27 class=skin-invert*47 class=skin-invert KI
*67 class=skin-invert* 100/* 102 class=skin-invert* 302 class=skin-invert ME
*13 class=skin-invert I
*28 class=skin-invert*49 class=skin-invert TU
*69 class=skin-invert* 118 class=skin-invert* 303 class=skin-invert QA2
*16 class=skin-invert*28b class=skin-invert PU
*50 class=skin-invert*70 class=skin-invert* 120 class=skin-invert* 304 class=skin-invert ZA
*17 class=skin-invert*29 class=skin-invert DU
*51 class=skin-invert MI
*73 class=skin-invert* 120b class=skin-invert* 305 class=skin-invert ZO
*20 class=skin-invert NI
*30 class=skin-invert*53 class=skin-invert ZE
*74 class=skin-invert* 122 class=skin-invert* 306
Zahlen Ganze Zahlen Ganze Zahlen können gelesen werden. Das System ist wie bei den ganzen Zahlen der ägyptischen Hieroglyphenschrift rein additiv und damit etwas weniger kompliziert als bei der römischen Zahlschrift. Die Operationen der Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division sind ähnlich wie bei den römischen Zahlen.W. French Anderson: Arithmetical Procedure in Minoan Linear A and in Minoan-Greek Linear B. In: American Journal of Archaeology, Band 62, Nr. 3, 1958, S. 363–368; .
+ Ägäische Ziffern123456789𐄇𐄈𐄉𐄊𐄋𐄌𐄍𐄎𐄏30px|rahmenlos|1 |class=skin-invert30px|rahmenlos|2 |class=skin-invert30px|rahmenlos|3 |class=skin-invert30px|rahmenlos|4 |class=skin-invert30px|rahmenlos|5 |class=skin-invert, 30px|rahmenlos|5 |class=skin-invert30px|rahmenlos|6 |class=skin-invert30px|rahmenlos|7 |class=skin-invert30px|rahmenlos|8 |class=skin-invert30px|rahmenlos|9 |class=skin-invert102030405060708090𐄐𐄑𐄒𐄓𐄔𐄕𐄖𐄗𐄘30px|rahmenlos|10 |class=skin-invert30px|rahmenlos|20 |class=skin-invert30px|rahmenlos|30 |class=skin-invert30px|rahmenlos|40 |class=skin-invert30px|rahmenlos|50 |class=skin-invert30px|rahmenlos|60 |class=skin-invert30px|rahmenlos|70 |class=skin-invert30px|rahmenlos|80 |class=skin-invert30px|rahmenlos|90 |class=skin-invert100200300400500600700800900𐄙𐄚𐄛𐄜𐄝𐄞𐄟𐄠𐄡30px|rahmenlos|100 |class=skin-invert30px|rahmenlos|200 |class=skin-invert30px|rahmenlos|300|class=skin-invert, 30px|rahmenlos|300 |class=skin-invert30px|rahmenlos|400 |class=skin-invert30px|rahmenlos|500 |class=skin-invert30px|rahmenlos|600 |class=skin-invert30px|rahmenlos|700 |class=skin-invert30px|rahmenlos|800 |class=skin-invert30px|rahmenlos|900 |class=skin-invert Tausenderzeichen wurden durch Kreise mit vier oder mehr Strahlen oder Spikes dargestellt, die mehr oder weniger regelmäßig verteilt dargestellt wurden, so bedeutet beispielsweise 20px|rahmenlos|3000|class=skin-invert 3.000 und 20px|rahmenlos|4000|class=skin-invert 4.000.John G. Younger: . Siehe insbesondere Fig. MA_9 und Fig. HT_31 (Zeile 6).
Samuel Verdan hat 2007 13px|rahmenlos|10000|class=skin-invert für das 10.000er-Zeichen vorgeschlagen.Samuel Verdan: Systèmes numéraux en Grèce ancienne: description et mise en perspective historique. In: CultureMATH, 2007, PDF (revised version). Siehe insbes. Fig. 4 und Tbl. 7 (es muss wohl „10 000“ statt „10 0000“ heißen, sonst müsste es „100 000“ sein.).
Brüche In der Wissenschaft besteht kein Einvernehmen über die Brüche.Jon C. Billigmeier: Linear A Fractions: A New Approach. In: American Journal of Archaeology, Band 77, Nr. 1, Archaeological Institute of America, 1973, S. 61–65, .Emmett L. Bennett: Linear A fractional retractation. In: Kadmos, Band 19, Br. 1, 1980Peter Schrijver: Fractions and food rations in Linear A. In: Kadmos, Band 53, Nr. 1–2, 2014, S. 1–44 Corazza et al. (2020/21) schlugen die folgenden Werte vor, von denen die meisten auch bereits früher vorgeschlagen worden waren.Michele Corazza, Silvia Ferrara, Barbara Montecchi, Fabio Tamburini, Miguel Valério: The mathematical values of fraction signs in the Linear A script: A computational, statistical and typological approach. In: Journal of Archaeological Science. Band 125, Beitrag 105214, 2021, S. 1–14, DOI:10.1016/j.jas.2020.105214. Siehe dazu Nadja Podbregar: Mathematik der Minoer enträtselt? Forscher entziffern Bruchzahlen der minoischen Linear-A-Schrift. Auf: scinexx vom 22. September 2020.
+Vorgeschlagene Werte der Bruchglyphen Abkürzung Glyphe Wert J 𐝆 E 𐝃 B 𐝁 D 𐝂 F 𐝄 K 𐝇 H 𐝅 ? L2 𐝉 A 𐝀 ? L3 𐝊 L4 𐝋 L6 𐝌 W 𐝍 = BB? () X 𐝎 = AA? () Y 𐝏 ?Ω ist ein Hapaxlegomenon (Einzelbeleg), und der Wert für Y wurde bisher noch nicht ermittelt. Ω 𐝐 ?
Andere Brüche werden durch Addition gebildet: Die gebräuchlichen Werte 𐝕 JE und 𐝓 DD sind und (= ), 𐝒 BB = , EF = usw. Tatsächlich sieht auch B = so aus, als ob es von KK = abstammen könnte. Die genannten Autoren schlagen vor, dass die Glyphe L 𐝈 – ein Hapaxlegomenon (Einzelbeleg) – in der bisherigen Weise nicht korrekt gedeutet ist.
Mehrere dieser Werte werden von Linear B unterstützt. Obwohl Linear B ein anderes Nummerierungssystem verwendet, wurden mehrere der Brüche von Linear A als fraktionelle Maßeinheiten übernommen. So entsprechen zum Beispiel in Linear B 𐝓 DD und 𐝎 (vermutlich gleich AA) und einer Lana, während 𐝇 K der Haupteinheit für das Trockengewicht ist.
Anmerkungen
Verwandte Themen Ägäische Schriftsysteme Byblos-Schrift Donauschrift Kyprische Schrift Kypro-minoische Schrift Protosinaitische Schrift
Literatur Maurizio Del Freo, Julien Zurbach: Recueil des inscriptions en Linéaire A. Supplément 1 (= Études Crétoises. Band 21,6). École française d’Athènes, Athen 2024, ISBN 978-2-86958-642-0.
Louis Godart, Jean-Pierre Olivier: Recueil des inscriptions en Linéaire A (= Études Crétoises. Band 21). 5 Teilbände, Librairie Orientaliste Paul Geuthner, Paris 1976–1985; (Umfassendes Inschriftencorpus; Band 1 online). Dimitris Michalopoulos: Débris d’un monde d’antan. La mer toujours. par le collège des Lettres de l’Académie des Arts et Sciences de la Mer. Éditions le Cormoran, Guimaec 2019, ISBN 978-2-916687-27-8, S. 31–46.
Weblinks
Linear A Homepage (Textcorpus in phonetischer Umschrift und Bibliographie; englisch) Alte Schriften – Alte Kulturen, Linear A, u. a. TrueType-Font Linear A (englisch) (nicht allgemein akzeptierter) Versuch zur Entzifferung Isolierte Sprachen: Linear A und B scinexx.de Archäologen finden Elfenbeinobjekt Enträtselt Fundstück die Minoer-Schrift?
Quellen
Kategorie:Silbenschrift Kategorie:Nichtentziffertes Schriftsystem Kategorie:Minoische Kultur Kategorie:Kultur (Kreta)