mini|Symbol des Bundes: Die Eule der Minerva, auf einem Buche sitzend. Druckgraphik aus dem Jahr 1788 Der Illuminatenorden () war eine kurzlebige Geheimgesellschaft mit dem Ziel, durch Aufklärung und sittliche Verbesserung die Herrschaft von Menschen über Menschen überflüssig zu machen. Der Orden wurde am 1. Mai 1776 vom Philosophen und Kirchenrechtler Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründet und existierte bis zu seinem Verbot 1784/85 vornehmlich im Kurfürstentum Bayern.
Zahlreiche Mythen und Verschwörungstheorien ranken sich um das angebliche Fortbestehen dieser Gesellschaft und ihre angeblichen geheimen Tätigkeiten, darunter die Französische Revolution, der Kampf gegen die katholische Kirche und das Streben nach Weltherrschaft.
Geschichte Gründung
Der Professor für Kirchenrecht und praktische Philosophie an der Universität Ingolstadt, Adam Weishaupt (1748–1830), gründete am 1. Mai 1776 mit fünf seiner Studenten den Bund der Perfektibilisten (von lateinisch perfectibilis: zur Vervollkommnung befähigt).Reinhard Markner: Einleitung. Zur historischen Einführung. In: derselbe, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Band 1: 1776–1781. Niemeyer, Tübingen 2005, ISBN 3-484-10881-9, S. XII f. Als Symbol des Bundes wählte er die Eule der Minerva, der römischen Göttin der Weisheit.Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. Oldenbourg, München 1987, S. 150. Hintergrund war das intellektuelle Klima an der Universität, das fast vollständig von ehemaligen Jesuiten beherrscht wurde, deren Orden 1773 aufgehoben worden war. Der erst achtundzwanzigjährige Weishaupt war der einzige Professor in Ingolstadt ohne jesuitische Vergangenheit und dementsprechend isoliert im Lehrkörper, was auch an seiner Begeisterung für die Ideen der Aufklärung und seinem bisweilen konfliktträchtigen Auftreten lag. Weishaupt wollte mit dieser Gründung seinen Schülern Schutz vor jesuitischen Intrigen bieten, die er allerorten vermutete, ihnen aber vor allem Zugang zu zeitgenössischer kirchenkritischer Literatur ermöglichen. Er garnierte seine Gründung mit antiken Mythen, namentlich aus dem Zusammenhang der Mysterien von Eleusis. Laut der britischen Historikerin Peggy Stubley ähnelte Weishaupts Gründung zu diesem Zeitpunkt „eher einer extra-curricularen studentischen Lerngruppe […] als einer Dissidentenzelle auf Verschwörerkurs“.Peggy Stubley: Johann Adam Joseph Weishaupt (1748–1830). In: Helmut Reinalter (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier Verlag, Leipzig 2018, ISBN 978-3-96285-004-3, S. 329 (hier das Zitat).
Zudem sah Weishaupt im Orden der Gold- und Rosenkreuzer, einem mystisch-spirituellen, antiaufklärerischen Orden in der Freimaurerei, ein immer stärker werdendes Übel, das es zu bekämpfen gelte. Über diesen Gründungsanlass der Illuminati berichtete er 1790 in seiner Schrift Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt- und Regierungskunst:
1777 gelang die Unterwanderung zweier Münchner Freimaurerlogen, in deren eine sich auch Weishaupt aufnehmen ließ.Peggy Stubley: Johann Adam Joseph Weishaupt (1748–1830). In: Helmut Reinalter (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier Verlag, Leipzig 2018, S. 330. Einen weiteren, wenngleich noch bescheidenen Aufschwung nahm der Orden im Jahr darauf, als er von Franz Xaver von Zwackh, einem ehemaligen Schüler Weishaupts und späteren Regierungspräsidenten der Pfalz, reorganisiert wurde. Weishaupt schlug als neuen Namen „Bienenorden“ vor, weil ihm vorschwebte, dass die Mitglieder unter der Leitung einer Bienenkönigin den Nektar der Weisheit sammeln sollten. Doch entschied man sich für „Bund der Illuminaten“ und schließlich für „Illuminatenorden“. 1780 hatte dieser etwa 60 Mitglieder.Jeffrey L. Pasley: Illuminati. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. Band 1, ABC Clio, Santa Barbara 2003, ISBN 1-57607-812-4, S. 336.
Die ersten Jahre verliefen eher chaotisch, da Weishaupt nicht willens war, die anfallende inhaltliche und organisatorische Arbeit alleine zu leisten. Andererseits wollte oder konnte er auch nicht delegieren. Wie seine engsten Mitarbeiter Zwackh und Franz Anton von Massenhausen fühlte er sich häufig überlastet oder missverstanden. Schließlich wurde in München ein so genannter Areopag als Ordensleitung eingesetzt, der aber ebenfalls nicht konfliktfrei arbeitete. Mehrmonatige Lücken in der Quellenüberlieferung 1777 und 1779 lassen den Schluss zu, dass der Orden in dieser Zeit streitbedingt gar nicht arbeitete.Reinhard Markner: Einleitung. Zur historischen Einführung. In: derselbe, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Band 1: 1776–1781. Niemeyer, Tübingen 2005, S. XV.
Kurze Blüte mini|hochkant|Adolph Freiherr Knigge, der wirksamste Werber für den Illuminatenorden
Eine weitere Umorganisation folgte nach dem Beitritt des niedersächsischen Adligen Adolph Freiherr Knigge. Dieser war am 1. Juli 1780 in der Loge L’Union in Frankfurt am Main von dem bayerischen Hofkammerrat Constantin Costanzo für den Orden geworben worden und entfaltete nach seinem Beitritt eine rege Tätigkeit.Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. Oldenbourg, München 1987, S. 73 f.; Peggy Stubley: Johann Adam Joseph Weishaupt (1748–1830). In: Helmut Reinalter (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier Verlag, Leipzig 2018, S. 330. Er gab dem Orden, der zu dieser Zeit nach Weishaupts eigenem Eingeständnis „eigentlich noch gar nicht, sondern nur in seinem Kopfe“ existierte,Zitiert nach Dolf Lindner: Ignaz von Born, Meister der Wahren Eintracht: Wiener Freimaurerei im 18. Jahrhundert. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1986, S. 152. 1782 eine den Freimaurerlogen ähnliche Struktur: Die Hochgrade, die die Adepten nach Durchlaufen der traditionellen drei Gradstufen der Freimaurerei erreichen konnten, wurden nun vom Illuminatenorden gebildet. Auf diese Weise lasse sich, wie Knigge 1780 und 1781 in Briefen an Weishaupt schrieb, „auf gewisse Art die ganze Freymaurerey regieren“ und in neuer Gestalt „mit dem Operations-Plan des O[rdens] zum Besten und zur Erleuchtung der Welt verbinden“.Reinhard Markner: Einleitung. Zur historischen Einführung. In: derselbe, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Band 1: 1776–1781. Niemeyer, Tübingen 2005, S. XVIII ff. Knigge entwickelte dazu ein Narrativ, das er Weishaupt am 13. Juli 1781 brieflich mitteilte: Demnach habe es schon immer eine kleine Gesellschaft von Männern gegeben, „welche sich dem Verderbniß, und den Pfaffen-Künsten entgegengesetzt haben“ und die ältesten Quellen von Religion und Philosophie genutzt hätten, um diese zu reinigen. Sie seien die wahren Urheber der Aufklärung. Sie hätten den Freimaurer „Spartacus“ in ihre Weisheit eingeweiht, der daraufhin die Gesellschaft der Illuminaten gegründet habe. Diese Vorstellung, einer jahrhundertealten Verbindung beitreten zu können, die durchsetzungsstärker sei als alle anderen Geheimbünde, erwies sich als enorm werbewirksam.„Spartacus“ war Weishaupts Ordensname. In Wahrheit hatte er den Orden bereits vor seiner Einweihung in die Freimaurerei gegründet. Peggy Stubley: Johann Adam Joseph Weishaupt (1748–1830). In: Helmut Reinalter: (Hrsg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Salier Verlag, Leipzig 2018, S. 330.
Mit dieser Strategie brachte Knigge die Illuminaten von Weishaupts ursprünglichem Plan der „geheimen Weisheitsschule“ ab. Nun wurden nicht mehr Studenten angeworben, die es durch Lektürevorschriften zu bilden und zu formen galt, sondern gestandene Männer, die in Staat und Gesellschaft bereits Karriere gemacht hatten. Damit hatte er großen Erfolg.Reinhard Markner: Einleitung. Zur historischen Einführung. In: derselbe, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Band 1: 1776–1781. Niemeyer, Tübingen 2005, IS. XX f. Hintergrund war die Krise, in welche die deutsche Freimaurerei in ihren Hochgraden nach 1776 mit dem Zusammenbruch der Strikten Observanz geraten war. Mit dieser eher unpolitisch-romantisierenden Bewegung, die behauptete, in der Nachfolge des 1312 aufgehobenen Templerordens zu stehen, war es Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau gelungen, die deutschen Logen unter seiner Führung anzuwerben. Er hatte jahrelang behauptet, er stünde in Kontakt mit „Unbekannten Oberen“, die ihn in das tiefste Geheimnis der Freimaurerei eingeweiht hätten. Als sich nach von Hunds Tod 1776 aber keine „Geheime Oberen“ meldeten, war die Ratlosigkeit in den Logen groß. Knigge erkannte die Chance, die hierin für den Illuminatenorden lag. Am 16. Dezember 1780 schrieb er an Weishaupt:
Kurz darauf veröffentlichte er in Weishaupts Auftrag unter dem Titel Ueber Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosenkreuzer ein anonymes Verschwörungsszenario, in dem er behauptete, hinter der Strikten Observanz stecke in Wahrheit der Jesuitenorden, der damit die Aufklärung bekämpfen, Deutschland rekatholisieren und es der Herrschaft des Papstes unterwerfen wolle. Daher sei eine Gegenverschwörung nötig, die die Jesuiten spiegelbildlich mit deren eigenen Methoden, aber mit aufklärerischem Ziel bekämpfe:
Diese „Gesellschaft der besten Menschen“ sollte der Illuminatenorden sein. Auf dem großen Freimaurerkonvent der Strikten Observanz, der vom 16. Juli bis zum 1. September 1782 in Wilhelmsbad stattfand, konnte der Illuminat Franz Dietrich von Ditfurth die Meinungsführerschaft für den Orden gewinnen, und dies, obwohl er eine Woche zu spät angereist und Knigge selber nicht teilnehmen konnte: Es war ihm nicht gelungen, sich von seiner Freimaurerloge als Delegierter aufstellen zu lassen. Das Templersystem wurde aufgegeben; der Orden der Gold- und Rosenkreuzer, der sich seinerseits bemüht hatte, die Strikte Observanz zu beerben, blieb in der Minderheit. Die Illuminaten konnten zahlreiche prominente Freimaurer für sich gewinnen, darunter Johann Christoph Bode, einen der führenden Vertreter der Strikten Observanz. Gern hätte Knigge die gesamte Organisation der Strikten Observanz inkorporieren lassen, doch Weishaupt bestand darauf, dass der Logik des Ordens entsprechend nur Einzelpersonen aufgenommen werden konnten.Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Ein Höhe- und Wendepunkt in der Geschichte der deutschen und europäischen Geheimgesellschaften. Max Niemeyer Verlag, Heidelberg 1980, ISBN 3-7953-0721-X, S. 42 ff.; Reinhard Markner: Einleitung. Zur historischen Einführung. In: derselbe, Monika Neugebauer-Wölk, Hermann Schüttler (Hrsg.): Die Korrespondenz des Illuminatenordens. Band 2: Januar 1782–Juni 1783. Niemeyer, Tübingen 2013, S. XI–XIV.