miniatur|Spielstätte im Kulturzentrum Barockfabrik
Die Aachener Stadtpuppenbühne „Öcher Schängche“ ist ein traditionelles Stockpuppenspiel in Aachen, das am 4. Mai 1921 durch fünf Aachener gegründet wurde und mit Stockpuppen aus Lindenholz spielt. Der Name der Puppenbühne basiert auf der Hauptfigur der Aufführungen, dem Schängche.
Nachdem die Bühne in den ersten Jahrzehnten verschiedene Spielstätten hatte (zuletzt im damaligen Jugendzentrum Kalverbenden in Aachen-Burtscheid, wo sie von 1954 bis 1981 beheimatet war), ist sie seit Januar 1982 im Kulturzentrum Barockfabrik, einer ehemaligen Tuchfabrik, am Löhergraben 22 ansässig.
Zum Repertoire gehören neben Märchenadaptionen, Aachener Sagen und anderen Kinderstücken auch Stücke für Erwachsene, darunter Komödien, Kriminalstücke und eine jährlich in der Karnevalszeit mehrfach stattfindende Puppen-Karnevalssitzung („Öcher fiere met et Schängche Fastelovvend“). Als Sprache wird eine Mischung aus dem Aachener Dialekt Öcher Platt und Hochdeutsch verwendet, die aber im Zusammenhang der Handlung verständlich ist. Insbesondere bei den Kinderstücken wird darauf geachtet, dass der Anteil der Mundart nicht zu groß ist, so dass die Kinder auch ohne Dialektkenntnisse den Stücken gut folgen können und langsam an den Dialekt herangeführt werden.
Die Kinderstücke laufen von September bis Ostern an Sonntagnachmittagen, wobei Kindergärten und Schulen auch Sondervorstellungen an anderen Tagen buchen können. Die Erwachsenenstücke werden bis in den Sommer gespielt und finden in der Regel Donnerstags abends statt. Das Ensemble arbeitet nebenberuflich und wird von einem hauptamtlichen Bühnentechniker unterstützt.
Geschichte mini|Jugendzentrum Kalverbenden in Aachen-Burtscheid, Heimat der Puppenbühne von 1954 bis 1981 (Aufnahme: 2019) Übersicht der acht Spielstätten 1921 – 1922: Haus „Zur Maus“, Hartmannstraße 1922 – 1935: Gasthof St. Martin, Alexanderstraße 1935 – 1942: Altes Kurhaus, Komphausbadstraße 1942 – 1943: „Mittelstandshaus“, Wirichsbongardstraße 1946 – 1952: Stadtbücherei, Peterstraße 1952 – 1954: Werkkunstschule, Südstraße 1954 – 1981: Jugendheim Kalverbenden, Aachen-Burtscheid seit 1982: Kulturhaus Barockfabrik, Löhergraben 22
Gründung und frühe Jahre Am 4. Mai 1921 wurde die Bühne unter dem Namen „Aachener Marionettenspiele“ im Saal der Gaststätte „Zur Maus“ an der Hartmannstraße eröffnet. Der Heimatdichter Will Hermanns (der auch viele Stücke für das Schängchen geschrieben hat), der Bildhauer Alfred Pieper, der Kunstmaler Willi Kohl, der Dekorateur Hein Lentzen und der Ingenieur Joseph Lausberg hatten sich durch ein Gastspiel des Puppenspielers Ivo Puhonny im Aachener Kurhaus inspirieren lassen. Sie wollten dem aufkommenden Kinofilm etwas Handgemachtes und Lebendiges entgegebsetzen und ein Theatererlebnis für alle Menschen schaffen, auch für diejenigen, denen die große Bühne zu teuer war. Will Hermanns schrieb basierend auf der Aachener Dombau-Sage als erstes Stück „Der Teufel in Aachen oder Et Schängche köllt der Krippekratz“, das Stück, das noch heute jede Spielsaison eröffnet.Oecher Schängche – Historie auf Aachen.de, eingesehen am 14. Juni 2019.Ausstellung zum 105. Geburtstag der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche vom 29. Mai 2026 bis zum 12. Juni 2026 in der Sparkasse Aachen am Friedrich-Wilhelm-Platz 1–4.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 27–32.
Will Hermanns schrieb 1921: „Wir wollen Kunst bringen – und wollen es mithilfe des volkstümlichen Puppenspiels.“
Als am 22. Januar 1922 die Spielstätte in der Hartmannstraße aufgrund baulicher Bedenken von einem Tag auf den nächsten geschlossen wurde, musste schnell Ersatz gefunden werden. Ab März 1922 spielte die Bühne im Gasthof „St. Martin“ in der Alexanderstraße unter dem Namen „Schängche ajjen Hotmannspief“. In den Jahren 1923 und 1924 führten interne Streitigkeiten zur Spaltung und es folgten weitere turbulente Jahre. Schließlich übernahm die Stadt Aachen im Jahr 1935 die Bühne und Will Hermanns übernahm die künstlerische Leitung. Ab Oktober 1935 spielte die Aachener Puppenbühne im Alten Kurhaus an der Komphausbadstraße.Manfred Birmans: Geschichte des Aachener Puppenspiels Oecher Schängche – Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches. Aachen: Alano-Verlag 1990, S. 178–225. 1942 stellte die Stadt der Bühne einen Saal im „Mittelstandshaus“ in der Wirichsbongardstraße zur Verfügung, wo jedoch im September 1943 ein Bombenangriff den gesamten Fundus der Bühne mit allen Figuren, Kostümen und Kulissen vernichtete.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 45–53.
Neubeginn nach dem Krieg Am 19. Juni 1946 beschloss der Kulturausschuss die Einrichtung der städtischen Puppenbühne zum 1. Juli 1946 und der Bühnenbildner Paul Schneeloch wurde zum künstlerischen Leiter ernannt. Trotz der widrigen Bedingungen der ersten Nachkriegsjahre mit ihrer Materialknappheit in einer zerstörten Stadt baute er die Bühne neu auf und am 26. Oktober 1946 konnte in der damaligen Stadtbücherei in der Peterstraße die Wiedereröffnung gefeiert werden. Doch schon bald wurde die Bühne aufgrund interner Streitigkeiten und finanzieller Schwierigkeiten aus der städtischen Trägerschaft entlassen und wieder privat geführt. Stetiges Engagement des damaligen Puppenspieler-Ensembles führte jedoch dazu, dass die Stadt Aachen im Jahr 1952 die Bühne offiziell als kommunale Kultureinrichtung übernahm. Zunächst spielte man in einem Raum in der Werkkunstschule in der Südstraße. Bereits 1954 zog man dann in das Jugendheim Kalverbenden in Aachen-Burtscheid um, was die zweitlängste Spielstätte der Bühne wurde und wo sie bis 1981 beheimatet war.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 54–58.
Eine neue Ära ab 1963 Im Jahr 1963 übernahm der Bühnenbildner Matthias Stevens die künstlerische Leitung der Bühne. Er war bereits 1946 bei der Neugründung als Puppenspieler dabei. Es gelang ihm nicht nur, zahlreiche junge Talente als Puppenspieler zu gewinnen, sondern er schuf auch zahlreiche Bühnenbilder und Bühnenbildentwürfe, die sich immer noch im Fundus der Bühne befinden.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 54–58.
In dieser Zeit fanden auch immer wieder Gastspiele in verschiedenen Stadtteilen und angrenzenden Ortschaften (Haaren, Richterich, Würselen, Merkstein, Broichweiden) und sogar in benachbarten Gemeinden der angrenzenden Niederlanden (Hoensbroek, Maastricht) und Belgien (Hasselt). Auch in Burtscheid gab das Schängchen in der damaligen Wandelhalle sowie dem damaligen Landesbad Gastspiele. Außerdem gab es drei bis vier mal im Jahr Vorstellungen speziell für Aachens Senioren.
Eine neue Spielstätte ab 1982 Unter der Leitung von Matthias Stevens zog die Bühne im Winter 1981/82 vom Jugendheim Kalverbenden zurück ins Stadtzentrum. Neuer Spielort war das Kulturzentrum „Barockfabrik“ am Löhergraben 22, eine ehemalige Tuchfabrik aus dem frühen 19. Jahrhundert. Am 16. Januar 1982 wurde der Spielbetrieb im neuen Haus wieder aufgenommen. Das neue Haus stellte einen enormen technischen Fortschritt dar. Es bot nicht nur ein fest installiertes Bühnenportal mit professioneller Beleuchtung, sondern erstmals auch einen elektrisch betriebenen Schnürboden mit zwölf normalen Zügen und einem Schwerlastzug, der es ermöglicht, Kulissen direkt in den Keller abzusenken. Auch eine eigene Werkstatt stand nun zur Verfügung.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 57.
Im Jahr 1989 übergab Matthias Stevens nach 26 prägenden Jahren die künstlerische Leitung an Otto Trebels, der bereits seit 1982 zum Ensemble der Puppenspieler gehörte. In seiner 34 Jahre währenden Zeit in dieser Funktion gelang es auch ihm, neue Puppenspieler ins Ensemble zu nehmen und einige Uraufführungen ins Repertoire der Bühne aufzunehmen. In der Spielzeit 1995/96 rief er gemeinsam mit Manfred Birmans und dem Aachener Karnevalisten Hubert Crott die Karnevalsveranstaltung „Öcher fiere met et Schängche Fastelovvend“ ins Leben, die seitdem in jeder Karnevalssession an fünf Abenden stattfindet.
Im September 2023 übergab Otto Trebels nach 34 Jahren die Leitung an Hanna Birmans, blieb der Bühne jedoch als Spieler erhalten.
Puppen mini|Schängche, Tant Hazzor und Poliss Noppeney (Bronzeplastik am Holzgraben, gestaltet von Klaus Gehlen) Ca. 25 Figuren sind im aktiven Einsatz. Dazu kommen 20 Köpfe, die sich auf freie Figuren aufschrauben lassen. Die meisten Puppen sind rund 90 cm groß, für Kinderrollen gibt es entsprechend kleinere Körper. Alle Figuren lassen sich durch einen großen Kostümfundus an wechselnde Rollen anpassen. Das Gewicht der aus Lindenholz geschnitzten Figuren liegt meist zwischen 10 und 12 Kilogramm, kann jedoch in Einzelfällen auch deutlich darüber liegen. Von der Hauptfigur Schängche gibt es zwei Figuren, falls ein schneller Kostümwechsel notwendig ist.Manfred Birmans: Luese Holzköpp. Et Oecher Schängche – Das Aachener Puppenspiel. Aachen: Alano-Verlag 1984, S. 59–62.
Hauptfiguren Neben der namensgebenden Figur des Schängchens gibt es weitere Figuren, die in den Stücken regelmäßig auftauchen.
Schängche: Hauptfigur in allen Stücken; ein junger, stets fröhlicher und hilfsbereiter Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist und dem es immer wieder gelingt, sich mit seiner Bauernschläue und Pfiffigkeit auch aus den gefährlichsten Situationen zu retten. Meist trägt er eine ärmellose grüne Weste über einem weißen Hemd und eine schwarze Kniehose mit weißen Strümpfen. Je nach Stück ist er z. B. Handwerksbursche oder Musikant. Nieres: ein guter Freund des Schängchens, der nicht gerne arbeitet und manchmal etwas ängstlich ist. Veries: ein weiterer guter Freund des Schängchens, der sich im Gegensatz zu Nieres nicht vor Arbeit drückt, der aber auch einem Schnaps nicht abgeneigt ist. Er stammt aus kleinsten Verhältnissen und oft spielt ihm das Leben übel mit, was er auch lautstark kundtut. Häufig trägt er die Tracht eines Müllers. Tant Hazzor: Marktfrau auf dem Aachener Markt, wo sie einen Gemüsestand hat. Sie hat vor nichts und niemandem Angst und verfügt über ein schier unerschöpfliches Repertoire an Schimpfwörtern und Beleidigungen. Sie ist aber auch für ihr gutes Herz bekannt und wenn es drauf ankommt, kann man immer auf sie zählen. Je nach Stück ist sie Tante des Schängchens, seine Nachbarin o. ä. Jretchen: Je nach Stück ist sie Verlobte oder Angebetete des Schängchens, die ihm immer mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn er Hilfe braucht. Poliss Noppeney: Stadtpolizist (in manchen Stücken Nachtwächter), der sich über alles und jeden ärgert, ohne wirklich ernst genommen zu werden. Obwohl er die Obrigkeit repräsentiert, schläft er auch manchmal im Dienst und ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Eulalia: Altjungferliches Fräulein, die etwas naiv und schwer von Begriff ist. Sie will gesellschaftlich aufsteigen und versucht deshalb, ihren Dialekt zu verbergen. Meist gelingt ihr das jedoch nicht, so dass sie eine unfreiwillig komische Mischung aus Platt und Hochdeutsch spricht. Je nach Stück ist sie auch Haushälterin des Aachener Bürgermeisters. Krippekratz & Pesteluures: zwei Teufel, die immer wieder versuchen, dem Schängchen und den Aachener Bürgern eins auszuwischen, die aber regelmäßig mit ihren Plänen scheitern.
Stücke des Öcher Schängche