mini|Helmuth Rilling (2013) Helmuth Rilling (* 29. Mai 1933 in Stuttgart; † 11. Februar 2026 in Warmbronn) war ein deutscher Kirchenmusiker, Dirigent und Musikpädagoge, der als Vermittler der geistlichen Musik von Johann Sebastian Bach bekannt wurde. Rilling war 1954 einer der Gründer der Gächinger Kantorei. 1965 gründete er das Bach-Collegium Stuttgart und 1981 die Internationale Bachakademie Stuttgart. Mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart nahm er als erster Dirigent sämtliche geistlichen Bachkantaten auf. In zahlreichen Ländern hat er Bachs Musik durch seine Konzerttätigkeit sowie im Rahmen von Musikfestivals vermittelt, beispielsweise als langjähriger Leiter des Oregon Bach Festival.

Leben und Werk Herkunft und Ausbildung Helmuth Rilling wurde 1933 als Sohn von Eugen Rilling und dessen Ehefrau Hildegard Rilling geb. Plieninger in Stuttgart geboren. Sein Vater war Lehrer am Aufbaugymnasium in Markgröningen, später am Mörike-Gymnasium in Stuttgart und unter anderem im Motettenchor in Stuttgart aktiv. Rillings Mutter, eine Pfarrerstochter, war Geigenlehrerin. Sie starb zehn Tage nach seiner Geburt im Alter von 23 Jahren. Die ersten Jahre seines Lebens wurde er von seiner Tante Maria Plieninger betreut.

Rilling besuchte ab 1939 die Markgröninger Volksschule und ab 1943 das Schillergymnasium in Ludwigsburg. 1948 wurde er in das Evangelische Seminar im Kloster Schöntal aufgenommen und später in das Evangelische Seminar im Stift Urach, wo er im Frühjahr 1952 sein Abitur machte. Anschließend arbeitete er für einige Zeit bei der Orgelbaufirma Walcker in Ludwigsburg.

Ab Herbst 1952 studierte er zunächst an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart unter anderem bei Karl Ludwig Gerok, Hermann Keller und Hans Grischkat, dann ab 1955 Orgel bei Fernando Germani in Rom.Kai Luehrs-Kaiser: Ein Bach-Papst mit den Tugenden des Häusle-Bauers. Würdigung zum 80. Geburtstag, welt.de, 29. Mai 2013, abgerufen am 29. Mai 2013.

Tätigkeiten Rilling gründete im Januar 1954 mit seinem Schulfreund Christof Planck sowie Bärbel und Ulrike Haberer die Gächinger Kantorei Stuttgart. Das erste Konzert fand am 3. Januar 1954 in der Gächinger Dorfkirche statt. Am 1. Dezember 1957 wurde er Kantor an der wiederaufgebauten Gedächtniskirche in Stuttgart-Nord, wo er maßgeblich auf die Konzeption der neuen Walcker-Orgel Einfluss nehmen konnte.Information zur Orgel der Gedächtniskirche auf Organ index, abgerufen am 14. Mai 2024. 1963 erhielt er den Titel eines Kirchenmusikdirektors in Stuttgart. Anschließend hatte er von 1963 bis 1966 einen Lehrauftrag an der Kirchenmusikschule in Berlin-Spandau. In dieser Zeit leitete er die Spandauer Kantorei. 1965 gründete er das Bach-Collegium Stuttgart.

1969 übernahm Rilling eine Professur für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, die er bis 1985 innehatte. Von 1969 bis 1982 leitete er die Frankfurter Kantorei.

Eine besondere Freundschaft verband ihn mit dem Israel Philharmonic Orchestra, das er 1970 als erster deutscher Dirigent nach dem Zweiten Weltkrieg dirigieren durfte. Seitdem leitete er das Israel Philharmonic Orchestra zusammen mit der Gächinger Kantorei bei mehr als 100 Konzerten.Akademiegründer Helmuth Rilling bachakademie.de.

Von 1970 bis 2013 war Rilling künstlerischer Leiter des Oregon Bach Festival, das er 1970 als Kombination von Kursen und Abschlusskonzert begründete. Danach wurde das Festival von Rilling und dem Mitgründer Royce Saltzman als regelmäßige Veranstaltung etabliert und ausgebaut.History of OBF oregonbachfestival.org. Nach dem Vorbild in Oregon gründete Rilling 1981 die Internationale Bachakademie Stuttgart, die er bis 2013 leitete. Seit den 1980er Jahren wurden Rillings Bachakademien – Konzert-Festivals mit Vorträgen und Meisterkursen für Gesang und Dirigieren – auch in Japan veranstaltet. Zwischen 1986 und 2000 fanden zahlreiche Bachakademien in osteuropäischen Ländern statt, die auch einen Beitrag zur Völkerverständigung leisteten.

Das geistliche Werk von Johann Sebastian Bach war Rillings Arbeitsschwerpunkt. So spielte er zwischen 1970 und 1985 als erster Dirigent alle geistlichen Bachkantaten auf Schallplatte ein. Für diese Produktion erhielten Rilling und der Musikverleger Friedrich Hänssler 1985 den Grand Prix du Disque. Seither galt Rilling in Stuttgart als „Mister Bach“.Gerhard R. Koch: Bach für daheim und für die Welt fat.net, 29. Mai 2013. Rillings Einspielungen der geistlichen Bachkantaten bis 1985 bildeten den Grundstock der ersten Gesamtaufnahme aller Werke von Johann Sebastian Bach. Diese „Edition Bachakademie“ mit Rilling als künstlerischem Leiter erschien im Bach-Jahr 2000 auf 172 CDs. 2011 folgte eine limitierte Sonderausgabe.Die komplette Bach-Edition unter der Leitung von Helmuth Rilling bei Hänssler Classic.Johann Sebastian Bach: Die komplette Bach-Edition der Bachakademie Stuttgart bei jpc.de.

Eine Spezialität Rillings waren seine Gesprächskonzerte, in denen er Musikanalyse und Konzert verband. Mit Gedanken zu Bach, Anfang der 1980er, erschien auch ein ähnlich gelagerter Tonträger.

1988 wurde unter Helmuth Rilling die Messa per Rossini uraufgeführt und 1995, unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, das Requiem der Versöhnung von 14 zeitgenössischen Komponisten, als Geste der Versöhnung 50 Jahre nach Kriegsende. 1996 nahm Helmuth Rilling eine Vervollständigung von Franz Schuberts Oratorium Lazarus durch den russischen Komponisten Edison Denissow auf CD auf. Weitere Uraufführungen unter Rillings Leitung waren 1998 das Credo von Krzysztof Penderecki und 2004 Der Onkel aus Boston oder die beiden Neffen, eine Jugendoper von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Von 1985 bis 1996 war Rilling Künstlerischer Leiter des Landesjugendchors Baden-Württemberg. Von 1990 bis 1996 war er als Nachfolger von Hans Pischner Präsident der Neuen Bachgesellschaft.Die Leitungsgremien der Neuen Bachgesellschaft. In: Rudolf Eller (Hrsg.): 100 Jahre Neue Bachgesellschaft. S. 139–146.

Abschied in Stuttgart Im Februar 2012 wurde gemeldet, dass Rilling mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als künstlerischer Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart zurücktrete, nachdem er diese mehr als 30 Jahre lang geleitet hatte. Rilling protestierte damit gegen die geplante Berufung von Gernot Rehrl zum neuen Intendanten der Bachakademie. Rilling hätte sich gewünscht, dass Christian Lorenz Intendant bleibt. Rilling leitete die Internationale Bachakademie Stuttgart dann noch bis 2013.

Am 24. August 2013 fand ein feierliches Abschiedskonzert in der Liederhalle Stuttgart statt. Bundespräsident Joachim Gauck, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann und der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn hielten Reden. Auch Rilling selbst hielt eine Rede, in der er seinem Nachfolger Hans-Christoph Rademann Glück wünschte. Zu hören waren zwei Bachkantaten. Die erste wurde von Rilling dirigiert, die zweite von Rademann.Abschied in der Liederhalle Stuttgart: Gauck würdigt Helmuth Rilling stuttgarter-zeitung.de, 25. August 2013.

Rilling hatte mit der Gächinger Kantorei einen traditionellen, „romantischen“ Bach-Klang gepflegt und daran auch festgehalten, als bei Aufführungen von Barockmusik zunehmend die historische Aufführungspraxis angestrebt wurde. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann folgte der Entwicklung, den „Originalklang“ des Barocks zu bevorzugen. Er ersetzte im Jahr 2016 die Gächinger Kantorei und Rillings Bach-Collegium Stuttgart durch zwei Barock-Ensembles mit dem gemeinsamen Namen Gaechinger Cantorey.

Privates Rilling war verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebte mit seiner Frau in Warmbronn, einem Stadtteil von Leonberg.Helmut Rilling wird 85: Bachs Musik ist immer präsent stuttgarter-zeitung.de, 29. Mai 2018. Beide Töchter wuchsen in Warmbronn auf und wurden Musikerinnen. Sara Maria Rilling spielt Bratsche,Vita sara-maria-rilling.de. Rahel Maria Rilling ist Geigerin.Lebenslauf rahelrilling.com. Sara Maria Rilling schrieb eine Biografie ihres Vaters (siehe Literatur). Sein jüngerer Bruder war der Cellist Raimund Rilling von Os Mundi. Helmuth Rilling starb im Februar 2026 in Warmbronn im Alter von 92 Jahren.Tim Schleider: Stuttgarter Dirigenten-Legende Helmuth Rilling ist tot. Meldung der Eßlinger Zeitung vom 12. Februar 2026.

Ehrungen und Auszeichnungen Helmuth Rilling war Träger vieler Auszeichnungen, darunter 1978: Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1984: Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg 1985: Ehrenbürger der Stadt Eugene (Oregon) in: Forum Bachakademie Nr. 80, 2013, S. 19. 1988: Preis der Stiftung Bibel und Kultur, Kategorie Bibel und MusikPreisträger:innen 1988–2022 in: bibel-und-kultur.de 1985: Ehrendoktorwürde der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen 1993: Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1993: Brenz-Medaille in Silber, die höchste Auszeichnung der Evangelischen Landeskirche in WürttembergAngaben zur Brenz-Medaille auf der Website der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. (mit der Begründung, Rilling sei ein „Botschafter in Sachen Kirchenmusik rund um den Globus“ und ein „Prediger in Tönen“Unterm Strich taz.de, 21. Mai 1993.) 1994: IMC-UNESCO-Musikpreis, 1994: Internationale Bachakademie Stuttgart. 1995: Theodor-Heuss-Preis 2000: Ehrenbürger der Gemeinde St. Johann (Württemberg) 2000: Rheingau Musikpreis 2001: Grammy für die Einspielung von Krzysztof Pendereckis Credo in der Kategorie „Best Choral Performance“Helmuth Rilling. In: Grammy Awards 2001: Hanns Martin Schleyer-Preis 2001: Bürgermedaille der Stadt Stuttgart 2003: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2003: Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences 2003: Ehrendoktorwürde der Musikakademie Krakau 2004: Bach-Medaille 2004: Otto-Hirsch-Medaille 2008: Große Staufermedaille in Gold, die höchste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg (anlässlich des 75. Geburtstags) 2008: Georg-Friedrich-Händel-Ring des Verbandes Deutscher KonzertChöre 2008: Preis der Europäischen Kirchenmusik 2011: Herbert-von-Karajan-Musikpreis 2012: Martin-Luther-Medaille 2013: ECHO Klassik als Würdigung des LebenswerksHelmuth Rilling erhält ECHO Klassik für sein Lebenswerk musik-heute.de, 9. September 2013. 2014: Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2016: Hoffnungsträger-Preis , epd.de, Meldung vom 27. Mai 2016. 2019: Ehrenbürger der Stadt Leonberg (diese Auszeichnung wurde in 140 Jahren nur 21-mal vergeben)Auszeichnung in Leonberg: Helmuth Rilling ist jetzt Ehrenbürger stuttgarter-zeitung.de, 26. September 2019.

Schüler (Auswahl) Zu den Schülern von Helmuth Rilling zählen: Helmut Bartel, ab 2008 Universitätsmusikdirektor in FrankfurtUMD Dr. Helmut Bartel uni-frankfurt.de. Rolf Beck, Dirigent und Chorleiter Hans Michael Beuerle, Dirigent, Professor Jürgen Blume, Komponist, Professor, Kirchenmusiker Mathias Breitschaft, Kirchenmusiker und Hochschullehrer Heribert Breuer, Dirigent Joachim Eichhorn, zuletzt Domkantor in Wetzlar Ludger Engels, Opern- und Theaterregisseur Eberhard Friedrich, Chordirektor der Bayreuther Festspiele und der Staatsoper Hamburg Angela Gehann-Dernbach, Dirigentin, Organistin und Sängerin Volkher Häusler, Dirigent und Chorleiter Johanna Irmscher, Kirchenmusikerin und Professorin Matthias Janz, Kirchenmusiker und Dirigent Hans Jaskulsky, langjähriger Universitätsmusikdirektor in BochumVita auf hans-jaskulsky.de. Hanns-Friedrich Kunz, Leiter der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben Walter Mik, Musikdirektor Hans-Christoph Rademann, Dirigent Karl Rathgeber, Dirigent, Professor Silvia Sanz Torre, spanische Dirigentin, Orchester- und Chorgründerin und -leiterin, Professorin in Madrid Christoph Schönherr, Komponist, Dirigent und Professor