Der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen (/Jamalo-Nenezki awtonomny okrug; /Jamaly-Nenjozije awtonomnoi njokruk) ist eine Verwaltungseinheit im Norden Russlands. Er ist ein Autonomer Kreis innerhalb der Oblast Tjumen und ein Föderationssubjekt der Russischen Föderation.
Geographie Der Autonome Kreis liegt im Norden des Westsibirischen Tieflandes an der Karasee, einem Nebenmeer des Arktischen Ozeans. Der Ob durchfließt den Autonomen Kreis und mündet in einem gewaltigen Ästuar, dem Obbusen. Dadurch werden die Jamal-Halbinsel und die Gydan-Halbinsel gebildet. Weitere bedeutende Flüsse sind Tas und Pur.
Bevölkerung Wie viele Regionen Nordrusslands ist der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen äußerst dünn besiedelt. Die indigene Bevölkerung macht nur 9 Prozent aus und besteht neben der Titularnation der Nenzen, einem samojedischen Volk, aus Chanten, Komi und Selkupen, die teilweise ihre traditionelle Lebensweise und Kultur bis heute bewahrt haben. Die Russen stellen die Bevölkerungsmehrheit in diesem Verwaltungsbezirk. Wegen der gewaltigen Erdgas- und Erdölvorkommen sind seit 1970 Hunderttausende Menschen zugewandert. Während nach dem Ende der Sowjetunion zahlreiche Ukrainer, Weißrussen und Moldawier in ihre Heimat zurückkehrten, sind aus Aserbaidschan und allen Teilen Russlands weiterhin zahlreiche Personen zugewandert. Im Jahr 2010 wurden zudem 4466 (=0,85 %) Kumyken und 3479 (=0,67 %) Nogaier gezählt.
Volksgruppe VZ 1939 VZ 1959 VZ 1970 VZ 1979 VZ 1989 VZ 2002 VZ 2010 Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Anzahl % Nenzen 13.454 29,3 % 13.977 22,4 % 17.538 21,9 % 17.404 11,0 % 20.917 4,2 % 26.435 5,2 % 29.772 5,7 % Russen 19.308 42,1 % 27.789 44,6 % 37.518 46,9 % 93.750 59,0 % 292.808 59,2 % 298.359 58,8 % 312.019 59,7 % Ukrainer 395 0,9 % 1.921 3,1 % 3.026 3,8 % 15.721 9,9 % 85.022 17,2 % 66.080 13,0 % 48.985 9,4 % Tataren 1.636 3,6 % 3.952 6,3 % 4.653 5,8 % 8.556 5,4 % 26.431 5,3 % 27.734 5,5 % 28.509 5,5 % Chanten 5.367 11,7 % 5.519 8,9 % 6.513 8,1 % 6.466 4,1 % 7.247 1,5 % 8.760 1,7 % 9.489 1,8 % Aserbaidschaner 0 0,0 % 0 0,0 % 28 0,0 % 308 0,2 % 3.418 0,7 % 8.353 1,6 % 9.291 1,8 % Baschkiren 5 0,0 % 25 0,0 % 113 0,1 % 871 0,5 % 6.830 1,4 % 7.933 1,6 % 8.297 1,6 % Weißrussen 74 0,2 % 388 0,6 % 808 1,0 % 2.121 1,3 % 12.609 2,5 % 8.989 1,8 % 6.480 1,2 % Komi 4.722 10,3 % 4.866 7,8 % 5.445 6,8 % 5.642 3,6 % 5.746 1,2 % 6.177 1,2 % 5.141 1,0 % Moldawier 1 0,0 % 211 0,3 % 191 0,2 % 537 0,3 % 5.570 1,1 % 5.400 1,1 % 4.712 0,9 % Tschuwaschen 43 0,1 % 233 0,4 % 255 0,3 % 875 0,6 % 3.657 0,7 % 3.730 0,7 % 3.471 0,7 % Selkupen 87 0,2 % 1245 2,0 % 1.710 2,1 % 1.611 1,0 % 1.530 0,3 % 1.797 0,4 % 1.988 0,4 % Russlanddeutsche 101 0,2 % 957 1,5 % 679 0,8 % 1.026 0,6 % 3.188 0,6 % 2.584 0,5 % 1.847 0,4 % Andere 647 1,4 % 1.251 2,0 % 1.500 1,9 % 3.956 2,5 % 19.871 4,0 % 34.675 6,8 % 52.903 10,1 % Einwohner 45.840 100 % 62.334 100 % 79.977 100 % 158.844 100 % 494.844 100 % 507.006 100 % 522.904 100 %
Geschichte Um 3000 v. Chr. entstanden die ersten Siedlungen an Ob und Tas, und erst etwa 1000 Jahre später wanderten die südsibirischen Samojeden in das Gebiet ein und vermischten sich mit den bereits ansässigen Völkern zum neuen Volk der Nenzen. Erste Beziehungen zu den Fürstentümern im Westen bestanden eventuell bereits im 13. Jahrhundert, ab 1500 jedoch drangen russische Händler auch ins Landesinnere vor. 1595 wurde der heutige Hauptort Salechard als Obdorsk von Kosaken gegründet.
Der Nationale Kreis der Jamal-Nenzen ( „Ende des Landes“) wurde am 10. Dezember 1930 im Bestand der Oblast Ural gegründet. Nach deren Auflösung zum 17. Januar 1934 wurde der Nationale Kreis der Oblast Ob-Irtysch unterstellt, die am 7. Dezember 1934 in der Oblast Omsk aufging. Seit dem 14. August 1944 ist der Nationale Kreis der Oblast Tjumen unterstellt. Durch die sowjetische Verfassung von 1977 wurde die Bezeichnung aller Nationalen Kreise in Autonomer Kreis geändert.
Politik +Liste der GouverneureNameAmtszeitLew Bajandin1991–1994Juri Nejolow1994–2010Dmitri Kobylkin2010–2018Dmitri Artjuchowseit 9. September 2018
Wirtschaft Wichtigster Wirtschaftszweig ist die Erdgas- und Erdölförderung. So dominiert im Gebiet von Nojabrsk der Ölkonzern Gazprom Neft, der früher dem Oligarchen Roman Abramowitsch gehörte. Auf der Halbinsel Jamal befinden sich einige der größten Erdgasvorkommen der Erde, insgesamt lagern in der Region 90 % der Gasvorräte und 12 % der verfügbaren Ölkondensatreserven Russlands. Diese werden seit wenigen Jahren durch den Staatskonzern Gazprom ausgebeutet.
Die traditionellen Wirtschaftszweige der indigenen Bevölkerung sind Rentierhaltung, Jagd und Fischfang. Diese sind durch die Folgen der Öl- und Gasförderung schwer in Mitleidenschaft gezogen, da die Gas- und Ölindustrie große Territorien in Beschlag nimmt und Weidegebiete im großen Stil zerstört oder zerschneidet. Knapp 70 Prozent der Ölkatastrophen in Russland werden in den autonomen Bezirken Chanty-Mansijsk und Jamal-Nenzen verzeichnet, wo ungefähr 60 Prozent des russischen Erdöls gefördert werdenJulia Ponomarewa: Lecks an russischen Erdölleitungen. In: Russia beyond the headlines - rbth.com in The Moscow News vom 30. August 2012. (siehe auch: Ölpest in Westsibirien). Die intakteren Gebiete sind deshalb oft überweidet; rund 700.000 Rentiere werden im Gebiet gehalten, welches gleichzeitig von einer Verarmung der Tundrenvegetation geprägt ist: Nach Aussage von Forschern hatten sich bis ins Jahr 2018 „sechs Prozent der Tundra buchstäblich in Wüste verwandelt“.
Heute ist der Kreis mit seiner Öl- und Gasförderung einer der nördlichsten Industriegebiete Russlands. Er verfügt über kulturelle und touristische Ressourcen, die sich auf eine teils unberührte Landschaft und das reiche kulturelle Erbe der indigenen Völkerschaften gründen.
Verwaltungsgliederung mini|Gliederung in Rajons Der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen gliedert sich in sieben Rajons und sechs Stadtkreise. Den Rajons sind insgesamt 6 Stadt- und 36 Landgemeinden (entsprechen gorodskoje posselenije und selskoje posselenije) unterstellt. Die Stadtgemeinden umfassen jeweils nur die namensgebende Ortschaft, die Landgemeinden insgesamt 71 Orte (Stand: 2015). Daneben gibt es in den Rajons Jamalski, Nadymski, Purowski und Tasowki zusammen acht Ortschaften auf gemeindefreiem Gebiet (meschselennaja territorija), darunter als größte Tibei-Sale im Tasowski und Jamburg im Nadymski rajon.
Stadtkreise Nummer des Rajons/Stadtkreises (in alphabetischer Reihenfolge der Namen im Russischen)StadtkreisEinwohner beim Föderalen Dienst für staatliche Statistik Russlands (Berechnung per 1. Januar; Exceldatei; 562 kB)Fläche(km²)Bevölkerungs-dichte(Ew./km²)Stadt-bevölkerung Land-bevölkerung AnzahlstädtischerSiedlungen AnzahlländlicherSiedlungen I Gubkinski 23.499 710 33 23.499 – 1 – II Labytnangi 26.991 171 158 26.991 – 1 – III Murawlenko 37.307 91 410 37.307 – 1 – V Nojabrsk 110.960 1093 102 110.960 – 1 – IV Nowy Urengoi 119.624 342 350 119.624 – 1 – VI Salechard 43.546 19 2292 43.414 132 1 1
Rajons RajonEinwohnerFläche(km²)Bevölkerungs-dichte(Ew./km²)Stadt-bevölkerungLand-bevölkerungVerwaltungssitz Weitere OrteSiedlungen städtischen Typs bzw. StadtgemeindenAnzahlStadt-gemeindenAnzahlLand-gemeinden 7 Jamalski 16.640 117.400 0,14 – 16.640 Jar-Sale – 6 1 Krasnoselkupski 6.303 106.300 0,06 – 6.303 Krasnoselkup – 3 2 Nadymski 68.320 104.200 0,66 59.052 9.268 Nadym Pangody, Sapoljarny 3 6 3 Priuralski 15.894 64.200 0,25 6.950 8.944 Aksarka Charp 1 3 4 Purowski 49.827 106.000 0,47 29.546 20.281 Tarko-Sale Urengoi 2 6 6 Schuryschkarski 10.017 54.000 0,19 – 10.017 Muschi – 7 5 Tasowski 17.598 137.400 0,13 6.792 10.806 Tasowski – 5 Anmerkungen:
Städte und städtische Siedlungen Im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen gibt es acht Städte (Name fett dargestellt) und vier Siedlungen städtischen Typs (SsT, Stand 2019). Sechs Städte besaßen vor Erlangung der Stadtrechte den Status einer Siedlung städtischen Typs:
Name Russischer Name Rajon/Stadtkreis Einwohner() SsTseit Stadtrechteseit Charp Priuralski 198x – Gubkinski Gubkinski (Stadtkreis) 1986 1996 Labytnangi Labytnangi (Stadtkreis) 1952 1975 Murawlenko Murawlenko (Stadtkreis) 1984 1990 Nadym Nadymski – 1972 Nojabrsk Nojabrsk (Stadtkreis) 1979 1982 Nowy Urengoi Nowy Urengoi (Stadtkreis) – 1980 Pangody Nadymski 1979 – Salechard Salechard (Stadtkreis) 1933 1938 Sapoljarny Nadymski 1998 – Tarko-Sale Purowski 1976 2004 Urengoi Purowski 1979 –
Ehemalige Siedlungen städtischen Typs auf dem Territorium des Autonomen Kreises sind: Tasowski, Verwaltungssitz des Rajons Tasowski, Siedlung städtischen Typs seit 1964, seit 2012 wieder ländliche Siedlung (possjolok) Korottschajewo und Limbjajacha (seit 1982 beziehungsweise 1988), eingemeindet nach Nowy Urengoi 2004 Stary Nadym (seit 1979), eingemeindet nach Nadym 2004
Weblinks
Website der Regierung des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen
Einzelnachweise
Jamal-Nenzen Jamal Nenzen
JamalNenzen