mini|Ina Seidel in Der Bücherwurm 18.1933, S. 178 Ina Seidel (* 15. September 1885 in Halle (Saale); † 2. Oktober 1974 in Ebenhausen (Schäftlarn)) war eine deutsche Lyrikerin und Romanautorin. 1930 erschien ihr als Hauptwerk eingeschätzter Roman Das Wunschkind, zwei Jahre später wurde sie als zweite Frau in die Preußische Akademie der Künste berufen. 1933 gehörte sie zu den 88 Schriftstellern, die Adolf Hitler das Gelöbnis treuester Gefolgschaft schworen, und wurde von ihm persönlich 1944 in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen. Auch nach 1945 erhielt Seidel noch zahlreiche Ehrungen.

Leben

mini|Das Grab von Ina Seidel und ihrem Ehemann Heinrich Wolfgang Seidel auf dem Neuen Friedhof in Tutzing

Ein halbes Jahr nach ihrer Geburt zogen die Eltern nach Braunschweig. Hier verbrachte sie ihre Kindheit. Ihr Vater Hermann Seidel, ein Bruder des Schriftstellers Heinrich Seidel, leitete als Arzt das Herzogliche Krankenhaus. Die Mutter, geborene Lösevitz und Rigaer Kaufmannstochter, war als Stieftochter von Georg Ebers aufgewachsen. Nachdem Hermann Seidel aufgrund von Kollegenintrigen 1895 Suizid begangen hatte, siedelte sie 1896 mit den Kindern nach Marburg und 1897 nach München über. Ina Seidels Bruder Willy Seidel (1887–1934) war ebenfalls Schriftsteller; ihre Schwester Annemarie Seidel (1895–1959) war Schauspielerin.

Seidel heiratete 1907 ihren Cousin, den Schriftsteller Heinrich Wolfgang Seidel (1876–1945). Im Folgejahr zog sie sich eine Kindbettinfektion zu und war seither gehbehindert. Ab 1914 wohnte die Familie in Eberswalde. 1919 wurde ihr Sohn Georg Seidel geboren, der später unter den Pseudonymen Christian Ferber und Simon Glas als Reporter, Kritiker und Essayist tätig war. 1923 zog die Familie zurück nach Berlin. 1934 verzog Seidel nach Starnberg.

Schriftstellerin Seidel debütierte mit empfindsamen, naturnahen Gedichtsammlungen. 1914 erschien Gedichte, es folgten 1915 Neben der Trommel her und 1918 Weltinnigkeit. Sie entwickelte sich dann zur Erzählerin mit einer großen Bandbreite an Stilen: Realistische historisch-biographische Werke, imaginierte Traumwelten, Familien- und Frauenschicksale, christliche Glaubenswelt. Neben ihrer Rolle als Verfasserin solcher Erzählungen trat sie auch als Essayistin und Herausgeberin in Erscheinung.Gisela Brinker-Gabler, Karola Ludwig, Angela Wöffen: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800–1945. dtv München, 1986. ISBN 3-423-03282-0. S. 270

In ihren Prosawerken behandelte sie „in mehr oder weniger starker mystischer oder symbolischer Verbrämung immer wieder die gleichen Themen und Probleme – ‚das Mütterliche‘, das ‚Geheimnis des Blutes‘, das ‚Schicksalhafte‘, ‚Vererbung und Eigenleben‘ –, denen sie eine Ausdeutung gab, die den Nazis nicht unwillkommen sein konnte.“Kurt Böttcher (Gesamtredaktion): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1975; Band 2, S. 310

1930 veröffentlichte Seidel den literarisch anspruchsvollen Roman Das Wunschkind, an dem sie seit 1914 gearbeitet hatte, und der als ihr Hauptwerk gesehen wird. Als zweite Frau nach Ricarda Huch wurde sie, zusammen mit Gottfried Benn, am 29. Januar 1932 in die Preußische Akademie der Künste (Berlin) berufen. Für die Annahme dieser Wahl – noch zu Zeiten der Weimarer Republik – erntete sie Kritik des rechtsgerichteten Autors Börries von Münchhausen, dem sie ansonsten jedoch persönlich und politisch nahestand.Angelika Döpper-Henrich: „…es war eine trügerische Zwischenzeit“. Schriftstellerinnen der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zu den gesellschaftlich-politischen Umgestaltungen ihrer Zeit. Kassel : Kassel Univ. Press 2004 [Zugl.: Frankfurt (Main), Univ., Dissertation 2003], S. 246.

In der Zeit des Nationalsozialismus Ina Seidel ließ sich trotz bürgerlich kultivierter und religiöser Vorbehalte von den Nationalsozialisten gleichschalten und identifizierte sich wie Börries von Münchhausen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Im Oktober 1933 gehörte sie mit acht weiteren Frauen zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 565. 1932 heiratete ihre Tochter Heilwig den Buchwissenschaftler Ernst Schulte Strathaus, der von 1934 bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo 1941 in der NSDAP-Zentrale Braunes Haus beschäftigt war. Dort hatte er im Stab von Rudolf Heß als Amtsleiter für Kunst- und Kulturfragen fungiert.

Unter der Rubrik „Deutsche Dichter huldigen dem Führer“ und der Überschrift „Der lebendige Pol in unsrer Mitte“ schrieb Seidel anlässlich des 50. Geburtstags Hitlers am 20. April 1939:

1941 gipfelte ihr Gedicht Lichtdom in den Zeilen: „Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“.Veröffentlicht in der Anthologie Dem Führer. Worte deutscher Dichter. Ausgewählt von August Friedrich Velmede. Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht (Abteilung Inland), 1941, S. 15.

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahm Hitler 1944 Seidel in die Gottbegnadeten-Liste (Sonderliste) unter die sechs wichtigsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller auf.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 564.

Werner Bergengruen (1892–1964) nannte Seidel wegen ihrer häufigen Hitlerhuldigungen in seinen Aufzeichnungen in Anspielung auf ihren Bestseller Das Wunschkind das „Glückwunschkind“.Erschienen unter dem Titel Schriftstellerexistenz in der Diktatur, siehe Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 564 und 690. Der Philologe Victor Klemperer bemerkte 1947 enttäuscht: „[...] Ina Seidel ist ein trauriges Kapitel für sich“.Victor Klemperer: LTI – Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1947, 10. Auflage Reclam 1990, S. 165.

In den Jahren 1945 bis 1974 In der Nachkriegszeit publizierte Seidel weiter. In ihrem letzten Roman Michaela unternahm sie 1959 einen Versuch der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus; darin postulierte sie eine Mitschuld des religiös orientierten Bildungsbürgertums, dem sie selbst entstammte. Der Roman brachte jedoch – so das in der DDR erschienene Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller (1975) – „… statt der angekündigten Abrechnung und Auseinandersetzung eine Bagatellisierung und Verzerrung der Nazizeit, verbunden mit einer Verunglimpfung des Volkes (‚Pöbel‘, ‚Geschmeiß‘), das den … ‚Gebildeten‘, die dagegen waren, gegenübergestellt ist.“Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, s. o., S. 311

Ina Seidel erhielt in der Bundesrepublik zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1966 das Große Bundesverdienstkreuz.

In der sowjetischen Besatzungszone setzte 1946 die Deutsche Verwaltung für Volksbildung den 1942 von Seidel mit Hans Grosser veröffentlichten Sammelband Dienende Herzen. Kriegsbriefe von Nachrichtenhelferinnen des Heeres auf die Liste der auszusondernden Literatur.Eintrag auf polunbi.de

Ehrungen, Mitgliedschaften, Sonstiges 1932: Ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Künste (Berlin); Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft 1937: Benennung des späteren Lily-Braun-Gymnasiums nach ihr 1941: Franz-Grillparzer-Preis der Stadt Wien 1948: Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1949: Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig 1954: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland 1955: Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West) 1958: Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen 1964: Bayerischer Verdienstorden 1966: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 1970: Ehrenbürgerwürde der Stadt Starnberg

In vielen Städten (West-)Deutschlands sind Straßen und Wege nach der Schriftstellerin benannt.Google-Suche nach Ina-Seidel-Weg und Ina-Seidel-Str. Am 29. August 2012 entschied der Bezirksausschuss in Neviges, den Ina-Seidel-Weg am Wimmersberg umzubenennen, da der Name der Schriftstellerin wegen ihrer offenen Sympathiebekundungen für die Nationalsozialisten in die Kritik geraten war. Dieser Beschluss zur Umbenennung wurde gekippt, allerdings wurde ein Schild angebracht, das auf die Verstrickung in der NS-Zeit hinweist. Auch in Landshut wurde ein Antrag, die Ina-Seidel-Straße umzubenennen, abgelehnt.Landshut: Straßen in brauner Tradition, Neues Deutschland, 18. März 2021

Die Stadt Braunschweig betrieb von 1957 bis zur Auflösung 1990 die Ina-Seidel-Schule (ISS).Gisela Boll: Ina-Seidel-Schule. In: .

Werke Lyrik Gedichte. Berlin 1914. (Neuauflage: Berlin / Stuttgart 1919) Familie Mutz. Verse zu Bildern von Eugen Osswald (1879–1960). Mainz 1914. (Neuauflagen: 1936, 1947) Neben der Trommel her. Gedichte. Berlin / Stuttgart 1915 Weltinnigkeit. Gedichte. Berlin 1918 (Neuauflage: 1921) Planetenspiel zur Erdenfeier der Sonnenwende. In drei Tanzkreisen. In: Die Tat. 16. Jg. 1924, Heft 3, S. 161 ff. Neue Gedichte. Stuttgart 1927 Der volle Kranz. Gedichte. Ausgewählt und eingeleitet von Karl Plenzat. Leipzig (Eichblatt) 1929 Tröstliche Begegnung. Leipzig 1932. Erweiterte Ausgabe: Stuttgart 1933 (Neuauflagen: 1934, 1935) Das Russische Abenteuer und ausgewählte Gedichte. Mit einer Einführung von Wilhelm Dietrich. Paderborn 1935 (Neuauflage: 1954) Gesammelte Gedichte. Stuttgart 1937 Verse. In: Das Gedicht, 4. Jg. 1938, 6. Folge Gedichte. München 1941 Gedichte. In: Der Burglöwe, Jg. 1944, Heft 16 Gedichte. Eine Auswahl. Stuttgart 1949 Gedichte. Festgabe zum 70. Geburtstag der Dichterin. Stuttgart 1955

Erzählende Prosa Das Haus zum Monde. Roman. Berlin / Stuttgart 1917 (Neuauflage: 1931. Weitere Neuausgabe zusammen mit Sterne der Heimkehr unter dem Titel Das Tor der Frühe, Stuttgart 1952) Hochwasser. Novellen. Berlin / Stuttgart 1920 Das Labyrinth. Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert (siehe auch: Georg Forster). Jena (Diederichs Verlag) 1922 (Neuauflagen: 1924; Stuttgart 1931; 1936 ff.; 1940, 1943, 1944, 1949, 1950, 1954 ff.) Englische Übersetzung von Oakley Williams. London, New York 1932 Sterne der Heimkehr. Eine Junigeschichte. Stuttgart 1923 (Neuauflage: 1924. Weitere Neuausgabe zusammen mit Das Haus zum Monde unter dem Titel Das Tor der Frühe, Stuttgart 1952) Das wunderbare Geißleinbuch. Neue Geschichten für Kinder, die die alten Märchen gut kennen (mit 30 Illustrationen von Wilhelm Scholz), Stuttgart 1925 (Neuauflagen: 1935; Reutlingen 1949, 1950; Stuttgart 1953) Die Fürstin reitet. Stuttgart 1926 (Neuauflagen: Berlin 1929, 1935; Stuttgart 1942, 1943; Hameln 1948, Sollham / Berlin 1948 ff.) Finnische Übersetzung von Helka Varho. Porvoo 1944 Brömseshof. Eine Familiengeschichte. Stuttgart 1928 (Neuauflagen: 1930, 1933, 1940, 1944; Düsseldorf 1949) Finnische Übersetzung von J. A. Hollo. Helsinki 1942 Französische Übersetzung von Edith Vincent. Paris 1944 Renée und Rainer. Erzählung. Weimar 1928 (Neuauflagen: Stuttgart 1930, 1933, 1938) Die Brücke. Erzählungen. Berlin 1929 Der vergrabene Schatz. Drei Erzählungen. Berlin 1929 (Neuauflagen: 1937; München 1951) Die Brücke und andere Erzählungen. Hrsg. und eingeleitet von Regina Tieffenbach. Leipzig 1930 Das Wunschkind. Roman (geschrieben 1914–1930). Stuttgart 1930 (Neuauflagen: 1931 ff.; Köln 1934; Berlin 1934; Stuttgart 1936, 1939, 1940, 1941, 1942, 1944 [auch als Frontbuch-Ausgabe], 1945, 1946; Köln 1948; Stuttgart 1949; Stuttgart / Gütersloh 1950, 1951, Gütersloh 1952, Stuttgart / Hamburg 1953; Köln 1953, Stuttgart / Darmstadt 1955 ff.; Frankfurt / Berlin 1987) Niederländische Übersetzung von T. de Ridder. Amsterdam 1933 (Neuauflagen: 1938, 1943) Englische Übersetzung von G. Dunning. London / New York (Gribble) 1935 Tschechische Übersetzung von Jarmila Urbánková. Prag 1941 (Neuauflage: 1941/42) Ungarische Übersetzung von Kosáryné Réz Lola. Budapest 1941 (Neuauflage: 1942)