mini|hochkant|Friedrich Weinreb (undatiert, nach 1960) Friedrich Weinreb (Efraim Fischl Jehoschua WeinrebJugend- und Studienzeit, Weinreb-Stiftung, abgerufen am 6. August 2024, geboren am 18. November 1910 in Lemberg, Österreich-Ungarn; gestorben am 19. Oktober 1988 in Zürich) war ein jüdisch-chassidischer Erzähler und Schriftsteller. Zu Beginn der deutschen Besetzung der Niederlande 1940 gelang es ihm, von den deutschen und niederländischen Behörden die Erlaubnis zu erhalten, Listen anzulegen. Mithilfe seiner Listen über Juden („Weinreb-Listen“) gelang es ihm zwischen 1940 und 1945, den Transport von etwa 1500 niederländischen Juden hinauszuzögern und sie so vor der Ermordung in den deutschen Vernichtungslagern zu bewahren. Allerdings ist Weinrebs Rolle zwischen Widerstand und Kollaboration in den Niederlanden und Israel umstritten, da er auch Juden an die NS-Behörden verriet.Wer war Friedrich Weinreb – ein genialer Betrüger zur Rettung der Juden in den besetzten Niederlanden oder ein versteckter Verräter, der im Dienste der Nazis arbeitete?, Haʾaretz (Hebräisch) abgerufen am 6. August 2024

Leben Herkunft und Ausbildung Die Vorfahren Weinrebs waren traditionelle osteuropäische chassidische Juden. Seine Eltern David Herch Weinreb (geboren 1877 in Salischtschyky) und Hermine geb. Sternhell (geboren 1888 in Tschortkiw) waren jedoch modern-orthodox. Sie emigrierten nach Beginn des Ersten Weltkriegs mit ihren beiden Söhnen, dem 1910 geborenen Friedrich und dem 1913 geborenen Edmond,Edmond Weinreb wurde 1940 bei einer Razzia in Amsterdam von den deutschen Besatzern verhaftet und war danach im KZ Buchenwald sowie KZ Mauthausen inhaftiert. Vermutlich wurde er 1941 in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet. Vgl. 1916/1917 über Wien in die NiederlandeBevolkingsregister gemeente Den Haag, 's-Gravenhage, Archiv 354-01, Inventarnummer 1916, 1913, Haags Bevolkingsregister (gezinskaarten) und ließen sich in Scheveningen nieder. David Herch Weinreb war Großhändler für Tabakwaren. 1927 nahmen die Weinrebs die niederländische Staatsangehörigkeit an.

Friedrich Weinreb (andere Namensformen: Fryderyk, Freek, Fischel) wuchs in Scheveningen auf. Als Gymnasiast beschäftigte er sich mit Nietzsche und Schopenhauer, aber auch mit dem osteuropäischen Judentum.Andreas Kilcher: Kabale und Kabbala. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. November 2010. Ab 1930 studierte er Volkswirtschaft an der Nederlandsche Handels-Hoogeschool in Rotterdam. Nach dem frühen Tod der ElternDavid Herch Weinreb starb am 4. April 1931, Hermine geb. Sternhell am 4. Dezember 1931. Vgl. Bevolkingsregister gemeente Den Haag, 's-Gravenhage, Archiv 354-01, Inventarnummer 1916, 1913, Haags Bevolkingsregister (gezinskaarten) fand er eine Anstellung am Nederlandsch Economisch Instituut, die ihm die Fortsetzung des Studiums in Abendkursen ermöglichte. Zu seinen Dozenten gehörte dabei Jan Tinbergen.

hochkant|mini|Lithografie zum Buch Jona von Uriel Birnbaum. Weinreb übernahm Birnbaums Jona-Zyklus 1970 als Illustration seines Werks Das Buch JonahEls Andringa: Deutsche Exilliteratur im niederländisch-deutschen Beziehungsgeflecht. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, S. 192–195. Sein Interesse am Judentum, das er durch Reisen nach Osteuropa vertiefte, machte Weinreb mit Nathan Birnbaum bekannt, einer Führungspersönlichkeit der Agudat Israel. Er wurde kurzzeitig Birnbaums Sekretär. Mit dessen Sohn, dem Künstler Uriel Birnbaum, verband ihn eine enge Freundschaft. Friedrich Weinreb lernte durch Birnbaum die Antwerpenerin Esther Gutwirth kennen, die er 1936 heiratete. In dieser Lebensphase war Weinreb im ultra-orthodoxen europäischen Judentum gut vernetzt.

1938 promovierte Weinreb in Ökonomie mit einer Arbeit über Nachfragestatistik (De ontwikkeling van het bouwbedrijf in Nederland). Der Achtundzwanzigjährige erhielt einen Lehrstuhl für Ökonometrie.Huygens-Institut für die Geschichte der Niederlande: Weinreb, Fryderyk (Friedrich) (1910-1988).

Leben unter deutscher Besatzung 1940 bis 1945 mini|Lager Westerbork (um 1944) Die deutsche Besetzung der Niederlande unterbrach die akademische Karriere Weinrebs; seine Dissertation konnte schon nicht mehr gedruckt erscheinen. Er arbeitete zunächst weiter am Nederlandsch Economisch Instituut in Rotterdam, während er mit seiner Familie in Scheveningen wohnte. Im November 1941 musste ihn das Institut wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, ab 1942 hatte er eine sekundäre Position in einem der Büros des örtlichen Judenrates in Den Haag inne.Die Figur der jüdischen Führung in den Ländern unter Nazi-Kontrolle 1933–1945 Vorträge und Diskussionen beim dritten internationalen Treffen von Holocaust-Forschern in Jerusalem, April 1977. Hrsg.: Israel Gutman (Yad Vashem) Jerusalem, 1977, S. 217 (Hebräisch, zusätzliche Begleittexte in Englisch). Bereits ab Dezember 1941 hatte Weinreb unter seinen jüdischen Bekannten die Information gestreut, er sei von den Besatzern (nach späteren Angaben, von einem fiktiven Generalleutnant der Wehrmacht namens Herbert Joachim von Schumann) beauftragt, eine Liste von Juden zusammenzustellen, die bereit waren, dafür zu zahlen, dass sie für einen Gruppentransport mit dem Zug nach Vichy-Frankreich (später Portugal) vorgemerkt würden. Angeblich hatte er von Schumann bei einem Verkehrsunfall das Leben gerettet, und dieser hatte ihm aus Dankbarkeit angeboten, Juden, deren Namen Weinreb ihm nennen würde, aus der Haft zu entlassen bzw. ihre Ausreise zu ermöglichen. Die Interessenten mussten in Weinrebs Emigrationsbüro Passfotos abgeben, Formulare ausfüllen und medizinische Tests durchlaufen. Zunächst ließen sich vor allem Juden aus dem Raum Den Haag auf Weinrebs Liste setzen; nachdem im Sommer 1942 die Deportationen via Westerbork in die osteuropäischen Vernichtungslager begonnen hatten, meldeten sich Menschen aus dem ganzen Land bei Weinreb und bezahlten dafür, über seine Liste eine Chance auf Ausreise zu erhalten. Weinreb verlangte mit 100 Gulden einen relativ bescheidenen Betrag. Da aber 3000 bis 4000 Menschen ihren Namen auf die Liste setzen ließen, wurde diese für ihn zu einer guten Einnahmequelle. Weinreb nahm zusätzlich Geld an von Leuten, die glaubten, damit könne er für sie Vergünstigungen bei den deutschen Behörden erreichen.Ivo Schöffer: Weinreb, een affaire van lange duur. 1982, S. 200.

In dieser Zeit hatte Weinreb auch Kontakte zum bewaffneten Widerstand in den Niederlanden und war bei Dokumentenfälschungen und Vermittlung von Verstecken behilflich. Am 11. September 1942 wurde er vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) in Scheveningen gefangen genommen und verhört. (Er gab später an, dass die kurz zuvor vom SD verhaftete Widerstandskämpferin Bep Turksma ihn verraten habe, doch diese konnte nach 1945 nachweisen, dass sie Weinreb gar nicht kannte.) Es gelang Weinreb, den SD-Sachbearbeiter Fritz Koch davon zu überzeugen, dass er mit seiner Liste nur Weisungen des Wehrmachtsoffiziers von Schumann in Berlin ausführte, der über die Mittelsmänner „von Rath“ und „Six“ mit ihm in Kontakt stehe. Der Haager SD deutete dies so, dass Wehrmachtsangehörige sich an jüdischem Vermögen persönlich bereichern wollten und außerdem in die Befugnisse des SD eingriffen; er beschloss daraufhin, Weinreb seine Liste weiterführen zu lassen, um diesen Korruptionsfall in der Wehrmacht aufzudecken.Ivo Schöffer: Weinreb, een affaire van lange duur. 1982, S. 198. Im Oktober kam Weinreb frei und dehnte seine Aktivitäten erheblich aus, indem er behauptete, Plätze nicht in einem, sondern in drei Zügen vergeben zu können. Als Abreisedatum gab er den 24. Dezember 1942 an, erschien aber im Gegensatz zu den Getäuschten selbst nicht am Bahnhof. Später erklärte er, es könnten keine Züge mehr fahren, da Südfrankreich bereits von der Wehrmacht besetzt sei. Seine Einnahmen aus der Liste verschenkte Weinreb in dieser Phase teilweise an notleidende Juden und half ihnen unterzutauchen. Da der SD den Druck auf Weinreb erhöhte, entschied sich dieser, die Kontaktperson „Six“ zu präsentieren. Er fand einen ehemaligen Sträfling namens Kotte,Ivo Schöffer: Weinreb, een affaire van lange duur. 1982, S. 220. der für 10.000 Gulden bereit war, diese Rolle zu spielen und den er entsprechend instruierte.Jacques Presser: Ondergang. ’s Gravenhage 1965, S. 105 (Online). Aber gleich beim ersten Treffen erkannte der SD die Täuschung und verhaftete Weinreb am 19. Januar 1943. Die Weinreb-Liste schützte zwischenzeitlich im Durchgangslager Westerbork die darauf eingetragenen Personen vor dem Transport in die Vernichtungslager. Aber ab Anfang Januar 1943 war die Liste für die Deportationen ohne Belang.

Weinrebs Familie war ab Januar 1943 in Westerbork interniert; sein ältester Sohn David starb am 27. AprilDrenthe Archiv: Overlijdensregister Kamp Westerbork 1943, Archivnummer 238 an einer der dort grassierenden Kinderkrankheiten. mini|Strafgefängnis Oranjehotel Scheveningen (1950) Weinreb selbst wurde bei den verschärften Verhören im berüchtigten Oranjehotel von Scheveningen vom SD gezwungen, Mitgefangene auszuhorchen, was für mehrere von ihnen den Tod zur Folge hatte. „Sicher ist, dass kurz nach Weinrebs zweiter Gefangennahme viele Mitglieder des Widerstands und Juden, die mit ihm in Kontakt gestanden hatten, festgenommen wurden.“Ivo Schöffer: Weinreb, een affaire van lange duur. 1982, S. 200. Aber das heißt nicht, dass Weinreb all diese Personen verraten hatte; es reichte, wenn er unter Zwang einzelne verriet und dadurch eine Kettenreaktion in Gang setzte.Ivo Schöffer: Weinreb, een affaire van lange duur. 1982, S. 216. Am 13. Mai 1943 brachte man Weinreb, schwer misshandelt und völlig erschöpft, als Strafgefangenen nach Westerbork;Jacques Presser: Ondergang, ’s Gravenhage 1965, S. 105 (Online) die Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz stand ihm bevor. Doch der SD-Mitarbeiter A. Bolland hatte den Plan, Weinreb und seine Liste zu nutzen, um noch in Freiheit befindliche Juden und deren Vermögen aufzuspüren. Am 28. Juni 1943 brachte man Weinreb zurück ins Gefängnis von Scheveningen. Dort kam er zunächst zeitweilig frei, um auf Reisen Interessenten für eine neue Liste zu werben. Im September 1943 kam er endgültig frei, und seine Familie kehrte aus dem Lager Westerbork zu ihm zurück. Weinrebs neue Liste erhielt in Westerbork Ende November 1943 wieder insofern offiziellen Status, als die darauf Eingetragenen zunächst nicht in die Vernichtungslager deportiert wurden. So entstand der Eindruck, dass die Weinreb-Liste Schutz bot. Die Verhaftungen, die durch Weinrebs zweite Liste ermöglicht wurden, erfüllten die Erwartungen des SD nicht, und anderen deutschen Behörden waren die damit verbundenen Ausnahmeregeln in Westerbork lästig. Nachdem die Liste Anfang Februar 1944 kassiert worden war, gelang es Weinreb, mit seiner Familie in der Provinz Gelderland unterzutauchen. Rund 900 Personen, meist Internierte im Lager Westerbork, hatten sich auf Weinrebs zweite Liste setzen lassen in der Hoffnung, mit dem Zug nach Portugal ausreisen zu können. Sie wurden nun ins Vernichtungslager Auschwitz transportiert und fast alle dort ermordet.

Kontroverse ab 1945, Prozesse, Haft Aufgrund von Anzeigen aus der jüdischen Gemeinde wurde Weinreb am 3. Juni 1945 vom Politieke Opsporingsdienst verhaftet. Er bestritt jede Schuld und war davon überzeugt, zahlreiche Menschenleben gerettet zu haben. Am 27. November 1947 verurteilte ihn der Sondergerichtshof in Den Haag wegen nachgewiesenem Landesverrat und Spionage zu 3½ Jahren Gefängnisstrafe. Der Bijzondere Raad van Cassatie erhöhte das Strafmaß auf sechs Jahre. Die Untersuchungshaft wurde auf die Haftzeit angerechnet. Weinreb studierte während seiner Haft die Kabbala und gab seine Kenntnisse an interessierte Mithäftlinge weiter. Anlässlich des Thronjubiläums von Königin Wilhelmina wurde er teilweise begnadigt und am 11. Dezember 1948 auf Bewährung entlassen. Er sammelte neben seiner Berufstätigkeit Anhänger seiner spirituellen Lehre.