alternativtext=Silbermünze des Flavius Odovacar (FL ODOVAC). Auf der Rückseite befindet sich das Monogramm des Königs in einem Kranz und darunter das Münzzeichen RV.|mini|Silbermünze des Flavius Odovacar (FL ODOVAC) von 477, mit Schopf und Schnurrbart eindeutig als Germane, wahrscheinlich thüringischer Herkunft, dargestellt. Die Thüringer ( Thuringi, Tueringi oder Thoringi) waren ein Stammesverband/Volksstamm im Wesentlichen germanischer Stämme, der seit dem Ende des 4. Jahrhunderts belegt ist und der Ende des 5. Jahrhunderts ein ausgedehntes Königreich zwischen Rhein, Elbe und Donau bildete. Auf dieses geht die Gebietsbezeichnung Thüringen zurück.

Etymologisches Für die Etymologie der Bezeichnung Thüringer gibt es verschiedene Hypothesen. Die lange Zeit übliche Ableitung des Namens von den Hermunduren wie auch die Ableitung von den germanisch-keltischen Turonen wird inzwischen mehrheitlich in Zweifel gezogen.Zur Kritik der neueren Forschung vgl. zusammenfassend Wilhelm Heizmann, Matthias Springer, Claudia Theune-Vogt, Jürgen Udolph: Thüringer. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2. Auflage. Band 30, Berlin / New York 2005, S. 519–521; vgl. auch Matthias Springer: Zwischen Thüringern und (H)Ermunduren besteht keinerlei Zusammenhang. In: Helmut Castritius (Hrsg.): Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 63). Berlin/New York 2009, S. 135–170.

Heike Grahn-Hoek bringt den Namen der Thüringer in Verbindung mit den ostgermanischen Terwingi. Diese Verbindung zwischen den Namensformen Theruingi/Thuringi weise, so Grahn-Hoek, „genügend Wahrscheinlichkeit“ auf, um bisher ungeklärte Vorgänge zu den Thüringern besser zu verstehen.Heike Grahn-Hoek: Das Recht der Thüringer und die Frage ihrer ethnischen Identität: mit einer Bemerkung zur Entstehung von Begriff und Institution „Adel“. In: Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 63). Berlin/New York 2009, S. 415–456, hier S. 334–337. Zur völkerwanderungszeitlichen Ethnogenese der Thüringer, ihres Königtums im Barbaricum, rekonstruiert Grahn-Hoek die Bildung eines multiethnischen thüringischen Großreiches, das sich vor 534 auf dem Weg befand, „eine Vormachtstellung in der rechtsrheinischen Germania zu gewinnen“.Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte. Band 56, 2002, S. 7–90, hier S. 89. Demnach, so der Mittelalterhistoriker Matthias Kälble, bezeichnete der Name Thüringen im Verlauf des 5. und frühen 6. Jahrhunderts auch Gebiete, deren Bewohner die thüringischen Könige anerkannten, ohne den Thüringern ethnisch zugehörig zu sein.Vgl. Mathias Kälble: Ethnogenese und Herzogtum: Thüringen im Frankenreich (6.–9. Jahrhundert). In: Helmut Castritius et al. (Hrsg.): Die Frühzeit der Thüringer: Archäologie, Sprache, Geschichte (Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde). Walter de Gruyter, Berlin/New York 2009, S. 329–413, hier S. 391–392.

Die Nachrichten der Autoren des 6. und 7. Jahrhunderts zu der Thoringia, der regio Thoringa, den termini Thoringorum oder der patria Thoringia bezogen sich auf ein großes Gebiet „vom Main und der oberen Donau bis über den Harz hinaus in den Süden des heutigen Niedersachsen und von der Elbe bis an den Rhein“. Der Begriff Thüringen wurde damit laut Heike Grahn-Hoek zu einem ethnographischen Sammelnamen, unter dem diejenigen gentes zusammengefasst wurden, die unter der Herrschaft der Thüringerkönige vereint waren. Die Kernregion der Thüringer hingegen stimmte in etwa bereits mit jenem Gebiet überein, das sich später zur Thuringia des Hochmittelalters entwickeln sollte.Mathias Kälble: Ethnogenese und Herzogtum: Thüringen im Frankenreich (6.–9. Jahrhundert). In: Helmut Castritius et al. (Hrsg.): Die Frühzeit der Thüringer: Archäologie, Sprache, Geschichte (Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde). Walter de Gruyter, Berlin/New York 2009, S. 329–413, hier S. 391–392 (dort das Zitat); daneben siehe Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte. Band 56, 2002, S. 7–90, hier S. 73–76.

Neben und nach Grahn-Hoek hat Wolfgang Haubrichs auf Basis sämtlicher bekannter Überlieferungen für die Thüringer in der späten Antike und dem frühen Mittelalter eine Deutung vorgenommen.Vgl. Wolfgang Haubrichs: Der „Name“ der Thüringer. In: Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte. In: Helmut Castritius (Hrsg.): Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 63). Berlin/New York 2009, S. 83–102. Seine onomastisch-sprachwissenschaftliche Analyse – insbesondere der Schreibweisen mit der zugrundeliegenden Phonologie sowie der Morphologie – ergab, dass die Bezeichnung Thüringer zu einem germanischen Adjektiv thur- ‚stark, machtvoll, groß, reich’ mit einer Ableitung auf ing zu stellen ist. Sie sei damit jenen Völkernamen zuzuordnen, die die Stärke und die Größe der Stammesangehörigen betonten, wie dies auch bei Franken und Alamannen der Fall ist. Auch sei eine Etymologie von der Basis germanisch dur- ‚Hügel, Erhebung’ von Jürgen UdolphJürgen Udolph: Der Name Thüringen. In: Namenkundliche Informationen 79/80. Leipzig 2001, S. 125–144 (Digitalisat), hier S. 128; vgl. auch Ernst Förstemann: Altdeutsches Namenbuch. Band 2: Die deutschen Ortsnamen. Nordhausen 1863; 3. Auflage des 2. Bandes: Orts- und sonstige geographische Namen. Hrsg. von Hermann Jellinghaus, 1. Hälfte: A–K. Bonn 1913, Sp. 779–780 (Digitalisat). sprachwissenschaftlich ebenso wenig möglich wie die vorgeschlagene VerbindungVgl. Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 56. 2002, S. 9–32. des Namens der Thüringer mit den ostgermanischen Terwingi von Heike Grahn-Hoek.Tagungsbericht: Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte, 20. Oktober 2006 bis 22. Oktober 2006 Jena.

Zur Entstehung der Thüringer Die Region nördlich des Thüringer Waldes und Erzgebirges – das Siedlungsgebiet der Naumburger Gruppe (300–60 v. Chr.) – war noch im zweiten Jahrhundert n. Chr. PtolemaiosPtolemaios, Geographike 2,11,11 (Text mit lateinischer und englischer Übersetzung). als „Heim der Teurier“ (Τευριοχαῖμαι, Teuriochaĩmai) bekannt. Karte zur Germania magna des Ptolemäus (S. 386) Die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt sehen damit erstmals eine hiesige archäologische Kultur mit einem antiken Volksnamen verbunden.Vgl. Harald Meller (Hrsg.): Glutgeboren. Mittelbronzezeit bis Eisenzeit (= Begleithefte zur Dauerausstellung im Landesmuseum Halle. Band 5). Halle an der Saale 2015, ISBN 978-3-944507-14-9, S. 75–82.

Mit Beginn der Völkerwanderung tritt in Mitteldeutschland eine Bevölkerung in Erscheinung, die von archäologischer Seite als Niemberger Gruppe bezeichnet wird. Die Bestattungen dieser Gruppe erfolgten auf vorwiegend kleinen Gräberfeldern, auf denen die Toten in Körpergräbern meist einzeln beigesetzt wurden. Der elbgermanische Stamm der Langobarden, der mit den archäologischen Funden der Wahlitzer Gruppe in Verbindung gesetzt wird, siedelte zu dieser Zeit in der heutigen Altmark.

Der Stamm der Thüringer bildete sich vermutlich im dritten oder vierten Jahrhundert durch einen Zusammenschluss verschiedener germanischer Gruppen und Verbände heraus. Als Vorgängerformation wird heute die Haßleben-Leuna-Gruppe angesehen.Matthias Hardt: The Merovingians, the Avars, and the Slavs. In: Bonnie Effros, Isabel Moreira (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Merovingian World. Oxford u. a. 2020, S. 424ff., hier S. 424. Es wird traditionell angenommen, dass einzelne Gruppen der Angeln, Warnen und anderer germanischer Stämme in das Gebiet der Mittelelbe einwanderten. Diese Stämme verbündeten sich wahrscheinlich mit den Einheimischen zu einem neuen Stammesverbund der Thüringer, aus dem wohl später das Reich der Thüringer hervorging. Auf die Anwesenheit der Angeln und Warnen in Thüringen weisen der Gauname Engilin im Bereich der Hainleite, der Name der zwischen Saale und Elster liegenden Landschaft Werenofeld sowie die Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum hin, die Karl der Große um 800 aufzeichnen ließ. Auch die sogenannten „Engelsdörfer“ (wie Feldengel, Kirchengel, Holzengel und Westerengel) bei Großenehrich im Kyffhäuserkreis könnten ihren Wortstamm aus dieser Besiedlung erhalten haben. Verschiedene spätantike Quellenberichte sprechen für eine recht enge Verbindung der Warnen mit den Thüringern. Das Siedlungsgebiet dieser ,frühen Thüringer‘ umfasste wahrscheinlich vor allem Teile des heutigen Mitteldeutschlands, d. h. den Raum zwischen Thüringer Wald (Rennsteig), Unterlauf der Werra, Harz und Elbe, in dem ein bis zwei Jahrhunderte zuvor, während der frühen römischen Kaiserzeit, noch Hermunduren bzw. die Träger der Großromstedter Kultur siedelten.

Geschichte mini|Reich der Thüringer an der Ostgrenze des Fränkischen Reichs um 500 n. Chr.

Die Thüringer werden erstmals als Toringi um 400 im Werk Mulomedicina („Maultier-Heilkunde“) des spätantiken Autors Flavius Vegetius Renatus erwähnt, der die Kriegstauglichkeit ihrer Pferde rühmt.Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 56, 2002, S. 33f.

Sidonius ApollinarisSidonius Apollinaris carm. VII 323 berichtet, dass die Thüringer zu Beginn des 5. Jahrhunderts unter die Herrschaft der Hunnen gerieten und thüringische Kontingente auf Seiten Attilas bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Jahr 451 kämpften.Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 56, 2002, S. 38f. Die Hunnenherrschaft endete bald nach dem Tod Attilas und der Schlacht am Nedao in Pannonien im Jahr 454.

Gregor von Tours berichtet über ein Exil des Frankenkönigs Childerich I. in Thüringen, aus dem ihm Basina folgte, die seine Gemahlin wurde und ihm Chlodwig gebar. Teile der Erzählung weisen sagenhafte Züge auf, was zu Zweifeln daran führte, nicht jedoch an der Ehe mit Basina.Vgl. Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt. München 2011, S. 124–127.

Eugippius und seiner Vita des Severin von Noricum zufolge unternahmen die Thüringer im Verbund mit den Alamannen um 480 Raubzüge gegen Passau und andere Städte an der Donau.Allgemein dazu und zur folgenden Zeit siehe Heike Grahn-Hoek: Stamm und Reich der frühen Thüringer nach den Schriftquellen. In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 56, 2002, S. 40ff.

Thüringer Königreich