mini|Der niederländische Musikethnologe Jaap Kunst 1930 auf der indonesischen Insel Nias: regelmäßig versammelte sich eine Menschenmenge bei Tonaufzeichnungen um den Phonographen („Sprechmaschine“)
Die Musikethnologie, Ethnomusikologie oder Vergleichende Musikwissenschaft ist innerhalb der Musikwissenschaft eine Nachbardisziplin der Historischen Musikwissenschaft und zugleich ein Teilbereich der Ethnologie (ehemals Völkerkunde). Sie untersucht weltweit die klanglichen, kulturellen und sozialen Aspekte von Musik und Tanz.
Die englische Bezeichnung ethnomusicology wurde 1950 vom niederländischen Musikethnologen Jaap Kunst (1891–1960) programmatisch eingeführt, um in der bis dahin als comparative musicology („Vergleichende Musikwissenschaft“) bezeichneten Fachrichtung den Schwerpunkt zu verschieben: Gegenüber der vergleichenden Analyse musikalischer Strukturen und Stile verlangte er eine stärkere Betrachtung der jeweiligen kulturellen Zusammenhänge im Untersuchungsgebiet.
Forschungsansätze Musikethnologie beschäftigt sich mit der musikalischen Praxis und den Strukturen der Musik, interpretiert Musik als soziale Interaktion und als global zirkulierendes Identitätssymbol gesellschaftlicher Gruppen. In ihren Ansätzen unterscheidet sich die Disziplin von der Historischen Musikwissenschaft, in deren Zentrum die Opusmusik der abendländischen Kunstmusik und die Notentext-Hermeneutik abendländisch-europäischer Musiktheorie steht. Für die Historische Musikwissenschaft ist die Bedeutung der Musik als Kunstform die das Fachgebiet begrenzende Voraussetzung, während die Musikethnologie die unterschiedlichen Vorstellungen von Musik selbst erforscht und die Frage der Bedeutung von Musik zum Thema macht. Daher bestimmte der US-amerikanische Musikethnologe Jeff Todd Titon Musikethnologie einfach als die Erforschung von Menschen, die Musik machen. Mit der Popularmusikforschung, der Musiksoziologie und der Musikpsychologie teilt die Musikethnologie zahlreiche Fragestellungen und Methoden.
Bis in die 1950er Jahre lag der musikethnologische Forschungsbereich schwerpunktmäßig bei der außereuropäischen traditionellen Musik. Seither wird Musikethnologie umfassender betrachtet. Der Forschungsbereich umfasst traditionelle Musik (Volksmusik) und außereuropäische Kunstmusik; des Weiteren Popularmusik einschließlich Jazz, Musik von Subkulturen, Regionalmusikkulturen sowie neue, hybride Musikformen, die aus dem durch Migration und Reisen beförderten Zusammenspiel von Musikern aus unterschiedlichen Musikkulturen entstanden sind (Transkulturalität). Heute werden musikethnologische Methoden auch auf die abendländische Kunstmusik angewendet.
Allgemein haben zunehmender kultureller Austausch und digitale Verbreitungsmöglichkeiten von Musik die Fragestellungen und Methoden der Musikethnologie erweitert, die nun teilweise auf die Musikpädagogik Einfluss nehmen.
Geschichtliche Entwicklung mini|Die amerikanische Musikethnologin Frances Densmore macht 1916 eine phonographische Aufnahme mit dem Blackfoot-Häuptling Mountain Chief.
Das Sammeln und die analytische Beschreibung von außereuropäischer Musik stand im deutschsprachigen Raum am Anfang der musikethnologischen Forschung. Da die weltweit praktizierte Musik zum großen Teil nur mündlich überliefert wurde und wird, hatten Musikethnologen zu Anfang ihrer Forschungstätigkeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts methodische Schwierigkeiten mit der Dokumentation der Musik. 1877 hatte Thomas Alva Edison den Phonographen erfunden. Dadurch konnten Tonaufzeichnungen gemacht werden, um die Strukturen der Musik später zu analysieren.
Zu Beginn wurde außereuropäische Musik vor dem normativen Hintergrund der abendländischen Musik betrachtet und in Verbindung mit dem Weltbild der soziokulturellen Evolution entwicklungsgeschichtlich auf einer bestimmten Stufe eingeordnet. Innerhalb dieses Rahmens legte der Österreicher Guido Adler ab 1885 die Ziele für eine Historische Musikwissenschaft zunächst in Prag, dann in Wien fest. In dieser Zeit postulierte Hugo Riemann in seiner Musiktheorie eine naturgesetzlich begründete Tonleiter und Harmonie, die universell gültig zu sein habe, die jedoch abweichende außereuropäische Musiksysteme nicht zu beschreiben vermochte.
Deutschsprachiger Raum Die Voraussetzungen für eine Musikethnologie wurden in Berlin durch Carl Stumpf (1848–1936) geschaffen. Sein 1893 gegründetes Psychologisches Institut an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin ermöglichte den Forschungs- und Lehrbetrieb für psychologische Fragestellungen im Bereich außereuropäischer Musik. An Musikinstrumenten aus dem damaligen Siam wurden umfangreiche Tonhöhenmessungen vorgenommen. Stumpf beauftragte seinen Assistenten, den Musikethnologen Erich von Hornbostel (1877–1935) und den Psychologen Otto Abraham (1872–1926) mit dem Aufbau einer musikwissenschaftlichen Sammlung, die Tondokumente und Studien zusammentrug. 1905 erhielt diese Dokumentation mit dem zugrundeliegenden Konzept einer Vergleichenden Musikwissenschaft als Berliner Phonogramm-Archiv innerhalb des Psychologischen Instituts einen organisatorischen Rahmen. In erster Linie wurde hier ausgewertet, was andere Forscher im Feld zusammengetragen hatten. Bis 1914 fand diese Feldforschung überwiegend in deutschen Kolonien statt.
Von Hornbostel beeinflusste in Berlin zwischen 1900 und der nationalsozialistischen Machtergreifung eine Reihe von Musikwissenschaftlern. Hierzu zählen Curt Sachs (1881–1959), Robert Lachmann (1892–1939), Mieczyslaw Kolinski (1901–1981), Kurt Huber (1893–1943) und Abraham Zvi Idelsohn (1882–1938). Fast alle waren Juden und hatten bis spätestens 1933 das Land verlassen. Richard Wallaschek (1860–1917) entwickelte in London eine Theorie zur psychologischen Wahrnehmung von Musik. Erich Stockmanns Schwerpunkt war neben der europäischen Volksmusik die Vermittlung von außereuropäischer Musik allgemein. Zusammen mit Oskár Elschek (* 1931) entwickelte er eine neuartige Klassifikation der Musikinstrumente von unten nach oben. In der Schweiz prägte Hans Oesch (1926–1992) die Musikethnologie.
Weitere deutschsprachige Vertreter der Musikethnologie Birgit Abels, seit März 2011 Professorin für Kulturelle Musikwissenschaft/Musikethnologie am Musikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, Forschungsschwerpunkte Südostasien und Pazifik Regine Allgayer-Kaufmann (* 1950), Professorin für Vergleichende Musikwissenschaft an der Universität Wien, Forschungen in Brasilien Raymond Ammann, Schweizer, Dozenturen an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und der Universität Basel, Forschungen in der Südsee, unter anderem bei den Kanak und in Vanuatu Brigitte Bachmann-Geiser (* 1941), Schweiz, spezialisiert auf Schweizer Volksmusikinstrumente Max Peter Baumann (* 1944), Schweiz, Professuren in Bamberg und Würzburg, Schwerpunkte Lateinamerika und interkulturelle Beziehungen Wolfgang Bender (* 1946), gründete an der Universität Mainz das Archiv für afrikanische Musik, als Ethnologe mehrfach in Afrika Rudolf Maria Brandl (1943–2018), ethnologische und musikwissenschaftliche Ausbildung in Wien, 1982 bis 2008 Professur an der Georg-August-Universität Göttingen. Schwerpunkte Südosteuropa, China Helmut Brenner (1957–2017), Schwerpunkt Lateinamerika, Volkslied in Österreich Klaus-Peter Brenner (* 1958), Georg-August-Universität Göttingen, Schwerpunkte in Afrika und der Türkei, Musikinstrumentenkunde sowie Ton- und Modalsysteme Dieter Christensen (1932–2017), Professor und Leiter des Center for Ethnomusikology an der Columbia University; Feldforschungen in der Türkei, Mexiko und Oman, Veröffentlichungen zur Musik der Kurden, Balkan, Neuguinea und Musik von Tuvalu Veit Erlmann, Professor für Music History an der University of Texas at Austin; Forschungsschwerpunkt Afrika, besonders Kamerun, Niger und Südafrika Franz Foedermayr (* 1933), von 1973 bis 1999 Lehrstuhl für Vergleichende Musikwissenschaft an der Universität Wien Gerd Grupe (* 1955), Professor für Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, Schwerpunkt Musik des subsaharischen Afrika, afroamerikanische Musik und Gamelan Gerlinde Haid (1943–2012), ehemals Professorin am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Schwerpunkt alpenländische Volksmusik Ursula Hemetek (* 1956), Leiterin des Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Schwerpunkt Musik von Minderheiten Ralf Martin Jäger (* 1963), Professor für Ethnomusikologie und Europäische Musikgeschichte am Institut für Musikwissenschaft der Universität Münster; Schwerpunkte: Vorderer Orient und Südosteuropa, transkulturelle Musikforschung und historische Ethnomusikologie Gerhard Kubik (* 1934), afrikanische und afroamerikanische Musik, umfangreichste Sammlung traditioneller afrikanischer Musik, abgelegt im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien Josef Kuckertz (1930–1996), ehemals Professor am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln; ab 1980 Professor für Vergleichende Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin; Feldforschungen in Indien und Iran; Habilitationsschrift über südindische Musik Wolfgang Laade (1925–2013), ehemals Professor an der Universität Zürich, seine umfangreiche Sammlung von Musikinstrumenten, Tonaufnahmen und Printmedien wird am Center for World Music der Universität Hildesheim archiviert Robert Lach (1874–1958), Professor für vergleichende Musikwissenschaft an der Universität Wien Ernst Lichtenhahn (1934–2019), Professor an der Universität Neuchâtel und der Universität Zürich, Feldforschungen in Westafrika Andreas Meyer, Professor an der Folkwang Universität der Künste, regionale Forschungsschwerpunkte Afrika und Karibik Tiago de Oliveira Pinto, Professor am Institut für Sozialanthropologie an der Universidade de São Paulo, seit 2006 an der Universität Hamburg, seit 2009 am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena, Feldforschungen in Brasilien, Südostasien und Afrika Kurt Reinhard (1914–1979), Leiter des Berliner Phonogramm-Archivs, 1957–1977 Professor für Vergleichende Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Schwerpunkte: türkische und chinesische Musik Rüdiger Schumacher (1953–2007), ehemals Professor am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln, Feldforschungen auf Java und Bali; weitere Schwerpunkte: Theorie der Musikethnologie und Kirchenmusik Marius Schneider (1903–1982), ab 1933 Leiter des Berliner Phonogramm-Archivs; kulturhistorische Theorien Gretel Schwörer-Kohl (* 1951), Professorin für Musikethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Regionalschwerpunkte Süd- und Südostasien Tilman Seebass (* 1939), emeritierter Professor am Institut für Musikwissenschaft Innsbruck, Schwerpunkt Indonesien Artur Simon (1938–2022), von 1972 bis 2003 Leiter der Abteilung Musikethnologie am Ethnologischen Museum in Berlin, Sammlung Berliner Phonogramm-Archiv Forschungsschwerpunkte Sudan, Sumatra und die Musik Neuguineas Erich Stockmann (1926–2003), Forschungsschwerpunkte: Musikinstrumente, osteuropäische Musik Wolfgang Suppan (1933–2015), Forschungsschwerpunkte: Musikanthropologie, österreichische Volksmusik Raimund Vogels, Professor am Institut für Musikpädagogische Forschung an der Hochschule für Musik in Hannover, seit April 2011 Direktor des Center for World Music der Universität Hildesheim
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