mini|Porträts von Bulgaren mini|hochkant|Bulgarische Frauen auf dem Markt in Bitola (1864)
Die Bulgaren ( []) sind eine südslawische Ethnie. Sie bildet die Mehrheit der Bevölkerung Bulgariens. Von dessen 7,36 Millionen Einwohnern sind 76,9 % Bulgaren.Zensus in Bulgarien 2011 (PDF; 1,1 MB), abgerufen am 3. Januar 2013 Ein Viertel bis ein Drittel der heutigen Bevölkerung sind Nachkommen von makedonischen Bulgaren und thrakischen Bulgaren.Ulrich Büchsenschütz: Nationalismus und Demokratie in Bulgarien seit 1989, in Egbert Jahn (Hg.): Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa, Band 2: Nationalismus in den Nationalstaaten. Verlag Nomos, 2009, ISBN 978-3-8329-3921-2, S. 573.
Geschichte Spätestens nach 612 siedelten sich Slawen im Rahmen der Landnahme der Slawen auf dem Balkan in den oströmischen Provinzen Moesia und Thrakien an. Der Name „Bulgar“ bzw. „Bolgar“ bezeichnete ursprünglich jedoch die im 7. Jahrhundert aus der Schwarzmeersteppe verdrängten, sogenannten Urbulgaren (), die unter Kuwer und Asparuch auf den Balkan einwanderten. Hier errichteten sie nach kriegerischen Auseinandersetzungen unter Zustimmung von Byzanz jeweils unabhängige Reiche: Kuwer 680 eines der Region um Bitola im heutigen Nordmazedonien und Asparuch 681 das so genannte Erste Bulgarische Reich in der Dobrudscha im heutigen Nordbulgarien und Rumänien. Beide Reiche vereinten sich zu Beginn des 8. Jahrhunderts. Heute wird angenommen, dass sprachlich die dünne Oberschicht der Urbulgaren bald von der slawischsprachigen Mehrheit assimiliert wurde, während das Ethnonym Bulgaren auf alle Untertanen der bulgarischen Reiche übertragen wurde. In der Wissenschaft wird meistens erst nach der Christianisierung der Bulgaren 864 nicht mehr zwischen Bulgaren und Urbulgaren unterschieden. Die urbulgarische Dynastien regierten das Erste Bulgarische Reich, bis es 1018 unter byzantinische Herrschaft fiel. Gleichzeitig existierte an den oberen Läufen der Wolga das Reich der Wolgabulgaren, dessen turkstämmige Bevölkerung weiterhin als „Bolgaren“ bezeichnet wurde.
Als drittes Element, das im neuen bulgarischen Ethnos aufging, sieht die bulgarische Nationalhistoriographie die Thraker, die seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. im Süden und seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. im Norden der Halbinsel ein einheitliches Siedlungsgebiet hatten und auf die im Wesentlichen die Städte und Handelszentren am Schwarzen Meer zurückgehen. Inwieweit tatsächlich im 7. Jahrhundert noch eine zum großen Teil romanisierte thrakische Bevölkerung neben den nach ihnen eingewanderten Slawen im Herrschaftsgebiet der bulgarischen Herren lebte, ist umstritten. Kritiker sehen diese Darstellung vor allem aus dem Interesse geleitet, eine ethnische Kontinuität zur antiken Bevölkerung der Region herzustellen. Andererseits ist die Zurückdrängung der byzantinischen Herrschaft breit dokumentiert, während die meisten Städte und Siedlungen lange ihre slawischen und thrakischen Namen behielten und Konflikte mit der heimischen Bevölkerung unbekannt sind. Die meisten Wissenschaftler vertreten aber die Meinung, dass die Thraker zum Zeitpunkt der slawischen Ankunft schon längst romanisiert bzw. hellenisiert waren.
Religion mini|hochkant|Rosenpflücker in Bulgarien (1870)
Obwohl es schon vor der Gründung des Bulgarenreiches 681 christliche Gemeinden der romanisierten Thraker oder unter den Protobulgaren (Kubrat) gab, repräsentierten sie nicht die Mehrheit der Bevölkerung, die aus Slawen und Protobulgaren bestand. Slawen und Protobulgaren hatten ihre eigenen heidnischen Götter und Gottheiten. Die slawische Mythologie war weitgehend naturreligiös geprägt mit mehreren Hauptgöttern wie Perun, Svarog oder Svarožić. Ob Slawen schon damals den christlichen Glauben angenommen hatten, ist nicht bekannt.
Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen verschwanden seit der Christianisierung in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts. Unter Knjaz Boris I. wurde 864 die Christianisierung des bulgarischen Volkes durch Photios I., den Patriarchen von Konstantinopel, vollzogen und das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Die Bulgaren gehören noch heute mehrheitlich dem orthodoxen Christentum an. Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche wurde 927 vom Byzantinischen Kaiser Romanos I. Lakapenos und dem byzantinischen Senat als autokephale kanonisierte orthodoxe Patriarchat-Kirche anerkannt und zählt somit zu einer der ältesten der Welt. Die im Verhältnis zu den übrigen Slawen frühe Christianisierung unter Kyrill und Method gehört zu den tragenden Momenten der bulgarischen nationalen Identität.
Sprache Die Bulgaren sprechen die bulgarische Sprache, die zu den südslawischen Sprachen gehört. Diese Sprache weist keine Verwandtschaft mit den nur bruchstückhaft überlieferten, ausgestorbenen Sprachen der Wolgabulgaren und Protobulgaren auf, welche zum oghurischen oder bolgarischen Zweig der Turksprachen gehörten.
Wegen der Verbreitung der altbulgarischen Sprache und Kultur (u. a. die Schaffung des kyrillischen Alphabets am Hofe der bulgarischen Zaren) auf die anderen slawischen Völker spricht man vom „südslawischen Einfluss“ und von der altkirchenslawischen Sprache. Da ihre Anfänge im heutigen Bulgarien liegen und da die meisten erhaltenen altkirchenslawischen Denkmäler bulgarische Züge haben, sehen einige Wissenschaftler und viele Bulgaren das Altkirchenslawische als historische Form der bulgarischen Sprache an, das auch „Altbulgarisch“ () bezeichnet wird.
Ethnische Gruppen mini|hochkant|Trachten der Tronker
In Bulgarien unterscheidet man je nach geographischer Region folgende ethnische Gruppen:
in Thrakien – thrakische Bulgaren, oder Thraker (nicht zu verwechseln mit den antiken Thrakern) im Balkangebirge – Balkaner, oder Balkandschii im Rhodopen-Gebirge – Rupen, oder Rupzi in der Dobrudscha – Dobrudschaner oder Dobrudschanzi in der Sofiaebene – Schopen, oder Schopi in Nordmazedonien – makedonische Bulgaren, oder Mazedonier (nicht zu verwechseln mit den antiken Makedonen) in der Region Silistra-Tutrakan – Charzeoer, oder Charzoi
Weitere kleinere Gruppen stellen z. B. die Tronken im Strandscha-Gebirge, die Poljaner oder die Kapanzer im Ludogorie dar.
Eine eigene Ethnie bilden die ebenfalls Bulgarisch sprechenden muslimischen Pomaken.
In anderen Staaten der Welt
In der Region des Banats und Ungarn
mini|hochkant|Bulgarische Siedlungen im Banat
Banater Bulgaren sind eine bulgarische Bevölkerungsgruppe römisch-katholischen Glaubens im Banat. Sie sind die Nachkommen der Paulikianer, die nach dem Aufstand von Tschiprowzi (Bulgarien) nach Norden flohen und sich im Banat (heute in Serbien und Rumänien) niederließen. Heute leben laut den Volkszählungsergebnissen aus dem Jahre 2002 6.468 Bulgaren im rumänischen Teil des Banats sowie 1.658 Bulgaren in der Vojvodina.
Die größte Einwanderungswelle von Bulgaren nach Ungarn kam am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 95 % der insgesamt 7.000 Einwanderer kamen aus der Weliko-Tarnowo-Region im Norden des heutigen Bulgariens. Die meisten stammten aus den Dörfern Draganowo und Polikraishte. Die bulgarische Minderheit baute eigene Schulen und Kapellen in mehreren Städten des Landes und eine Bulgarisch-Orthodoxe Kirche in Budapest. Das bulgarische Kulturzentrum in Budapest wurde mit öffentlichen Spenden gebaut. Heute leben 30.000 bis 35.000 Personen bulgarischer Abstammung in Ungarn. Der Großteil von ihnen ist vollkommen assimiliert und sieht sich selbst als Ungarn. Nur 7.000 bis 8.000 sehen sich selbst noch als Bulgaren, die meisten bezeichnen sich gleichzeitig als Bulgaren und Ungarn. Der Großteil der Bulgaren in Ungarn spricht besser Ungarisch als Bulgarisch.
Bei Treffen werden die bulgarische Flagge, die ungarische Flagge mit Wappen und die Flagge der Union der Bulgaren in Ungarn, einer kulturellen Organisation, verwendet. Die Vorfahren der Bulgaren, die heute in Ungarn leben, kamen als Gärtner und Marktleute in das Land. Daher zeigt das Wappen der Union einen stilisierten Baum als Symbol der Gärtner. Die Zahl 1914 nennt das Gründungsjahr der Union.Flags of the world: Hungary – Minorities, Bulgarians
In der ehemaligen Sowjetunion Infolge der Türkenkriege wanderten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Bulgaren in das Russische Kaiserreich ein, besonders in die Region Budschak. Heute leben etwa 373.000 Bulgaren auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. In der Ukraine leben sie vor allem in den Gebieten Odessa und Saporoschje und in geringer Zahl auch in denen von Kirowograd und Nikolajew. Die meisten Bulgaren in der Ukraine, rund 150.000, leben traditionell im Süden der Region Odessa, wo es zahlreiche mehrheitlich von Bulgaren besiedelte Ortschaften gibt. Seit 2012 erkennt die Ukraine Bulgarisch dort als regionale offizielle Sprache an.
Ein weiterer Siedlungsschwerpunkt der Bulgaren ist Moldau, wo sich bei der Volkszählung 2004 fast 80.000 Menschen als Bulgaren identifizierten.Volkszählung 2004 Die moldauischen Bulgaren sind insbesondere auf den Rajon Taraclia konzentriert, wo sie mit 65,6 % eine deutliche Bevölkerungsmehrheit darstellen. In diesem Gebiet unterhalten bulgarische Organisationen ein Netz bulgarischer Schulen und an der Staatlichen Universität Taraclia ist Bulgarisch eine der Unterrichtssprachen. Über offizielle kulturelle Sonderrechte verfügen die Bulgaren in Moldau jedoch nicht, auch wenn bulgarische Organisationen seit Jahren eine Autonomie für das Gebiet Taraclia fordern. Weitere bulgarische Minderheiten gibt es im ganzen Süden Moldaus, in Gagausien und in Transnistrien, wo rund 11.000 Bulgaren leben. Auch außerhalb Taraclias gibt es Siedlungen, die mehrheitlich von Bulgaren bewohnt sind. So liegt etwa der Anteil der Bulgaren in der transnistrischen Ortschaft Parcani bei rund 80 %. Sowohl in Moldau als auch in der Ukraine haben viele Bulgaren ihre ursprüngliche Muttersprache verloren. So gaben beispielsweise rund 35 % der in Moldau lebenden Bulgaren Russisch und nicht Bulgarisch als Muttersprache an, was jedoch noch kein Indikator für Sprachkenntnisse des Bulgarischen ist.
In Russland lebten 2010 rund 24.000 Bulgaren. Kleinere bulgarische Gruppen leben in Kasachstan und im nördlichen Kaukasus. 68,1 % sprechen Bulgarisch.Rudolf A. Mark: Die Völker der ehemaligen Sowjetunion. 1992 Sie sind nicht zu verwechseln mit den Wolgabulgaren.
In Serbien mini|hochkant|Appell (27. Mai 1878) der Bulgaren aus Pirot an Dondukow-Korsakow für die Angliederung der Stadt an Bulgarien
Das traditionelle Konkurrenzverhältnis beider Länder im Wettstreit um die Hegemonie auf der Balkanhalbinsel wurde zum Teil auf dem Rücken der Bulgaren Ostserbiens ausgetragen.
Infolge des Friedensvertrages von Neuilly-sur-Seine nach dem Ersten Weltkrieg gelangten bulgarische Gebiete an Jugoslawien. Die mit den Friedensverträgen von 1919 eingeführten Regelungen zum Minderheitenschutz wurde auf sie nie angewandt, sie wurden neben den Albanern am stärksten unterdrückt. Da die offizielle Politik Serbiens eine bulgarische Minderheit ausschloss, verfügten sie über keine muttersprachliche Institutionen und Schulen. Bei Volkszählungen wurden sie als Serben registriert. Der starke Assimilationsdruck und große Auswanderungen minderten die Zahl der in Serbien lebenden Bulgaren beträchtlich.