mini|Die Angeklagten am Tag der Prozesseröffnung, 27. August 1947 Im I.G.-Farben-Prozess (auch IG-Farben-Prozess) mussten sich 23 leitende Angestellte der I.G. Farbenindustrie AG vor einem US-amerikanischen Militärgericht verantworten. Der Prozess „Vereinigte Staaten vs. Carl Krauch et al.“ begann am 27. August 1947 und endete am 30. Juli 1948 mit dem Urteil. Es war der sechste der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse, die gegen Verantwortliche im NS-Staat geführt wurden.
13 der Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, während die restlichen zehn aufgrund fehlender Beweise freigesprochen wurden. Mit den Urteilen wurden „Plünderungen“ ausländischer Betriebe in den ehemaligen deutschen Feindländern Polen, Norwegen, Frankreich und der Sowjetunion geahndet. Ein weiterer Straftatbestand war „Versklavung“, der planmäßige Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem eigens für den Bau der Buna-Werke errichteten KZ Auschwitz III Monowitz. Auch die Herstellung von Giftgas (Zyklon B) und dessen Lieferung an die SS zum Zwecke der massenhaften Tötung von Menschen in Konzentrationslagern wurde im Prozess behandelt.
Vorgeschichte Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Alliierten USA und UdSSR als einen der Kriegsgründe gemeinsam den wirtschaftlichen Imperialismus Nazideutschlands angesehen. Für die Planung und Durchführung dieses verbrecherischen Krieges wurde den Großindustriellen eine Schlüsselrolle zugerechnet. Die amerikanische Sicht war dabei vom I.G.-Farben-Bericht der Kilgore-Kommission und der Deutschlandbeschreibung Behemoth des Politikwissenschaftler Franz Neumann beeinflusst und man wollte die Großindustriellen dafür strafrechtlich zur Verantwortung ziehen und deren Kartelle zerschlagen.Grietje Baars: Capitalism’s Victor’s Justice? The Hidden Stories Behind the Prosecution of Industrialists Post-WWII. In: The Hidden Histories of War Crime Trials. Hrsg.: Heller und Simpson, Oxford University Press 2013, ISBN 978-0-19-967114-4, S. 163, 169 f.
mini|Luftaufnahme KZ Monowitz (Auschwitz III), Januar 1945 Die I.G. Farben war von den Nationalsozialisten zum Führen eines Angriffskrieges benötigt worden, hatte sich durch die Plünderung und Aneignung fremden Eigentums in Deutschland und den besetzten Gebieten bereichert, Zyklon B an die Konzentrations- und Vernichtungslager geliefert, von Menschenversuchen in Konzentrationslagern profitiert und zum Kriegsende zahlreiche Zwangsarbeiter beschäftigt sowie das KZ Monowitz (Auschwitz III) errichtet, um Arbeitskräfte für die neu errichteten Buna-Werke verfügbar zu haben. Dabei hatten die Konzernführer, die ganz überwiegend keine überzeugten Nationalsozialisten waren, die Gewinne seit 1933 um das fünffache gesteigert.Florian Jeßberger: Die I. G. Farben vor Gericht, S. 925.
Schon im April 1945 bezogen Ermittler der Finance Division General Eisenhowers das I.G. Farben-Gebäude in Frankfurt, um belastendes Material zu sammeln, das die Verstrickung der I.G. Farben in den nationalsozialistischen Unrechtsstaat in einem öffentlichen Strafverfahren sichtbar machen sollte. Mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 9 wurde das gesamte Vermögen der I.G. Farben beschlagnahmt.Florian Jeßberger: Die I. G. Farben vor Gericht, S. 925.
Nach dem Potsdamer Abkommen vom August 1945 sollte Deutschland demokratisiert, denazifiziert, demilitarisiert und dekartelliert werden, um den moralischen und ökonomischen Neuaufbau durch einen Elitenwechsel zu fundieren. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher waren wichtige juristische Richtlinienentscheidungen zum Zwangsarbeitereinsatz (als verbrecherischem „Sklavenarbeits“-Programm) und zur SS als verbrecherischer Organisation gefällt worden. Es war aber kein Industrieller verurteilt worden, da der einzige angeklagte Privatindustrielle durch einen Fehler der verhandlungsunfähige schwerkranke Gustav Krupp war. Ein zweiter internationaler Hauptkriegsverbrecherprozess konzentriert auf die Wirtschaft wurde aus finanziellen Gründen und weil man den Sowjets keine Möglichkeit für ein Tribunal gegen das kapitalistische System bieten wollte, verworfen. Durch die Hinwendung zur Reintegration Deutschlands als Bollwerk gegen den Kommunismus im Rahmen des Marshallplans, wurden die Mittel für die Industriellen-Prozesse gekürzt und es wurden nur noch die Prozesse gegen Mitglieder von Flick, I.G. Farben und Krupp vor einem Nationalen Militär Tribunal (NMT) der Amerikaner sowie im Fall des Röchling-Konzerns vor einem französischen Tribunal durchgeführt.Kim Christian Priemel: Flick – Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Wallstein 2007. ISBN 978-3-8353-0219-8, S. 616 ff.
Der Prozess Der Prozess Vereinigte Staaten gegen Carl Krauch et al. fand vom 14. August 1947 bis zum 30. Juli 1948 vor dem nationalen amerikanischen Nürnberger Militärtribunal VI nach Kontrollratsgesetz Nr. 10 im Nürnberger Justizpalast statt.
Die Ankläger Brigadegeneral Telford Taylor, Chefankläger Josiah E. DuBois, stellvertretender Chefankläger Drexel A. Sprecher, Chef des Anklageteams im Fall I.G. Farben
Die Anklagepunkte mini|Angeklagte bei der Verlesung der Anklageschrift, 5. Mai 1947 Aufgrund der Anklageschrift vom 3. Mai 1947 wurde eine Anklage in den folgenden Punkten erhoben: Verbrechen gegen den Frieden durch Planung, Vorbereitung, Einleitung und Führung von Angriffskriegen und Invasionen anderer Länder Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Plünderung und Raub öffentlichen und privaten Eigentums in kriegerisch besetzten Ländern Versklavung der Zivilbevölkerung in von Deutschland besetzten oder kontrollierten Gebieten, Einziehung dieser Zivilisten zur Zwangsarbeit, Teilnahme an der Versklavung von Konzentrationslagerinsassen innerhalb Deutschlands, an der völkerrechtswidrigen Verwendung von Kriegsgefangenen bei Kriegshandlungen, Misshandlung, Einschüchterung, Folterung und Ermordung versklavter Menschen Mitgliedschaft von drei Vorstandsmitgliedern (Christian Schneider, Heinrich Bütefisch, Erich von der Heyde) in der SS, die vom Internationalen Militärtribunal im vorangegangenen Hauptprozess als verbrecherische Organisation eingestuft worden war Verschwörung zur Begehung von Verbrechen gegen den Frieden
Die Richter Die Jury bestand aus den folgenden Persönlichkeiten: Präsident: Curtis Grover Shake, ehemaliger Richter am Obersten Gericht des Staates Indiana James Morris, Richter am Obersten Gericht des Staates North Dakota Paul M. Hebert, Law School, Louisiana State University Clarence F. Merrell, Staat Indiana
Die Angeklagten Gegen 23 Personen wurde Anklage erhoben. Die Tabelle stellt die wichtigsten Daten zusammen, darunter die Urteile zu den einzelnen Anklagepunkten (S – schuldig, U – unschuldig), Strafmaß und Jahr der Entlassung.Priemel und Stiller: NMT – Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtschöpfung. Hamburger Edition 2013, ISBN 978-3-86854-577-7, S. 773 ff.
+ Übersicht der Angeklagten Bild Angeklagter Funktion VerteidigerAssistent des Verteidigers Anklagepunkte Strafmaß Entlassung Nachfolgende TätigkeitenIIIIIIIVV 75pxCarl Krauch* 1887; † 1968 Aufsichtsratsvorsitzender der I.G. Farben Conrad BöttcherEduard Wahl (bis 3. September 1947)Wahl war ab 3. September 1947 Special Counsel für alle Angeklagten für Fragen des internationalen Rechts.,Heinrich von Rospatt (ab 11. September 1947) UUS-U 6 Jahre 1950 entlassen 1955 Aufsichtsratsmitglied der Hüls GmbH 75pxOtto Ambros * 1901; † 1990 Vorstandsmitglied der I.G. Farben, Planung IG Auschwitz Friedrich Drischel (bis 15. Dezember 1947),Karl Hoffmann (ab 15. Dezember 1947)Gernot Gather (bis 9. September 1947),Wolfgang Alter (ab 9. September 1947),Hermann Münzel (vom 2. April 1948 bis 15. Juni 1948) UUS-U 8 Jahre 1952 entlassen ab 1954 diverse Vorstandsfunktionen in der Pharmaindustrie und anderen Bereichen, z. B. Grünenthal GmbH, oder als Berater für F. K. Flick 75pxErnst Bürgin * 1885; † 1966 Vorstandsmitglied der I.G. Farben Werner SchubertWolfgang Theobald USU-U 2 Jahre 1949 entlassen ? 75pxHeinrich Bütefisch * 1894; † 1969 Vorstandsmitglied der I.G. Farben, Benzin-Synthese IG Auschwitz Hans FlächsnerHeinz Reintges (bis 8. Januar 1948),Werner Bross (ab 8. Januar 1948) UUSUU 6 Jahre 1951 entlassen 1952 Aufsichtsratsmitglied u. a. von Ruhrchemie und Deutsche Gasolin AG 75pxWalter Dürrfeld * 1899; † 1967 Betriebsführer Buna-Werk im KZ Auschwitz III - Monowitz Alfred SeidlHeinz Trabandt UUS-U 8 Jahre 1951 entlassen mehrere Aufsichtsratsmandate 75pxFritz Gajewski * 1885; † 1965 Vorstandsmitglied I.G. Farben, Kontakt zu Dynamit Nobel AG Ernst Achenbach (bis 1. Februar 1948), Wolfram von Metzler (ab 1. Februar 1948)Carl WeyerUUU-U Freispruch 1949 Geschäftsführer und 1952 Vorstandsvorsitzender Dynamit Nobel AG 75pxHeinrich Gattineau * 1905; † 1985 SA-Führer, Direktor der I.G. Farben Rudolf AschenauerHelmut Dürr UUU-U Freispruch u. a. im Vorstand der WASAG-Chemie AG (Krupp-Konzern) 75pxPaul Häfliger * 1886; † 1950 Vorstandsmitglied der I.G. Farben Walter Vinassa (bis 28. Januar 1948), Wolfram von Metzler (ab 28. Januar 1948)Wolfram von Metzler (bis 28. Januar 1948), Walter Vinassa (ab 28. Januar 1948) USU-U 2 Jahre 1948 entlassen – 75pxErich von der Heyde * 1900; † 1984 SS-Hauptscharführer, Agrarwissenschaftler bei den I.G. Farben Karl HoffmannWalter Bachem (ab 22. August 1947),Josef Kössl (ab 2. April 1948)UUUUU Freispruch – 75pxHeinrich Hörlein * 1882; † 1954 Vorstandsmitglied der I.G. Farben, Aufsichtsratsvorsitzender der Behringwerke und der DeGeSch Fritz Sauter (bis 26. Mai 1947), Otto Nelte (ab 26. Mai 1947)Heinrich Hendus (vom 2. April 1948 bis 5. Mai 1948),Ernst Braune (vom 5. Mai 1948 bis 12. Juni 1948)UUU-U Freispruch 1952 Aufsichtsratsvorsitzender der Bayer AG, Senator bei der Max-Planck-Gesellschaft 75pxMax Ilgner * 1899; † 1966 Vorstandsmitglied der I.G. Farben Hans Laternser (bis 13. August 1947),Herbert Nath (ab 13. August 1947)Walter Bachem (bis 22. August 1947),Joachim Lingenberg (ab 22. August 1947),Agnes Nath-Schreiber (ab 13. Januar 1948) USU-U 3 Jahre 1948 entlassen im Auftrag der Evangelischen Kirche Deutschlands tätig, u. a Planung und Oberaufsicht der Flüchtlingsstadt Espelkamp 75pxFriedrich Jähne * 1879; † 1965 Vorstandsmitglied I.G. Farben, Chefingenieur Oskar Krauss (bis 3. Dezember 1947),Hans Pribilla (bis 3. Dezember 1947)Adolf P. Eisemann (ab 21. November 1947), Oskar Krauss (vom 3. Dezember 1947 bis 31. Mai 1948)USU-U 1½ Jahre 1948 entlassen 1955 Aufsichtsratsmitglied der „neuen“ Farbwerke Hoechst 75pxAugust von Knieriem * 1887; † 1978 Jurist und Wirtschaftsführer Horst PelckmannFriedrich Silcher UUU-U Freispruch 1950 Berater beim Wiederaufbau der BASF, ab 1955 Aufsichtsratsvorsitzender der I.G. Farbenindustrie i. L.August von Knieriem bei wollheim-memorial.de. 75pxHans Kugler* 1900; † 1968 Leitender Angestellter I.G. Farben; Beirat für Exportfragen der Prüfungsstelle Chemie Helmut HenzeHeinrich von Rospatt (bis 11. September 1947),Leopold Krafft von Dellmensingen (ab 13. Oktober 1947) USU-U 1½ Jahre 1948 entlassen u. a. im Vorstand der Cassella Farbwerke Mainkur AG 75pxHans Kühne * 1880; † 1969 Vorstandsmitglied I.G. Farben Günther Lummert (bis 5. Mai 1948)Herbert Nath (ab 5. Mai 1948)Günther Hindemith,Erna Kroen (ab 22. Juli 1947) UUU-U Freispruch Beschäftigung bei Bayer in Elberfeld 75pxCarl Lautenschläger * 1888; † 1962 Wehrwirtschaftsführer Fritz Sauter (bis 26. Mai 1947)Hans Pribilla (ab 26. Mai 1947)Helmut Eisenblätter UUU-U Freispruch übernahm die Leitung der Entnazifizierung des Werkes, 75pxWilhelm Rudolf Mann * 1894; † 1992 Manager der I.G. Farben Erich BerndtRolf W. Müller (vom 22. August 1947 bis 17. Oktober 1947) UUU-U Freispruch 1949 Leiter des Verkaufs von Pharmazeutika bei Bayer AG 75pxFritz ter Meer * 1884; † 1967 Vorstandsmitglied, Verwalter IG Auschwitz Erich Berndt,