mini|Blick auf Merchingen mini|Blick auf Ballenberg
Ravenstein ist eine fränkische kreisangehörige Stadt in Baden-Württemberg am Ostrand des Neckar-Odenwald-Kreises im Nordosten von Baden-Württemberg. Sie gehört zur europäischen Metropolregion Rhein-Neckar.
Geographie Geographische Lage Die Gemarkung liegt im Bauland und ist zu etwa 28 Prozent bewaldet. Alle Ortsteile liegen an Bächen, die zur Jagst hin fließen: Hüngheim und Merchingen an der Kessach, Erlenbach am Erlenbach und Ober- und Unterwittstadt sowie Ballenberg an dessen großem Mittellauf-Zufluss Hasselbach.
Stadtgliederung Die Stadt Ravenstein besteht aus der ehemaligen Stadt Ballenberg, dem Markt Merchingen und den Gemeinden Erlenbach, Hüngheim, Oberwittstadt und Unterwittstadt.
Zu Ballenberg gehört die Stadt Ballenberg. Zu Erlenbach gehört das Dorf Erlenbach. Zu Hüngheim gehört das Dorf Hüngheim. Zu Merchingen gehören das Dorf Merchingen, das Gehöft Dörnishof und das Haus Untere Mühle. Zu Oberwittstadt gehören das Dorf Oberwittstadt, der Weiler Schollhof und das Haus Heckmühle. Zu Unterwittstadt gehört das Dorf Unterwittstadt.
Im Gebiet der ehemaligen Stadt Ballenberg liegen die Wüstungen Mutzenbrunn und Wellendorf, im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Erlenbach die Wüstungen Johanneskirchlein und Obererlenbach, im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Hüngheim liegt die Wüstung Hof Hohenschwarz, im Gebiet der ehemaligen Marktgemeinde Merchingen liegen die Wüstungen Bensenweiler und Wolfhausen und im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Oberwittstadt liegen die Wüstungen Höringen und Nebenhausen, auf die jeweils nur ein Flurname hindeutet.Regierungsbezirk Karlsruhe (= Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band V). Kohlhammer, Stuttgart 1976, ISBN 3-17-002542-2, S. 314–316.
Nachbargemeinden An Ravenstein grenzen (im Uhrzeigersinn) im Norden die Gemeinde Ahorn und die Kleinstadt Boxberg, beide im Main-Tauber-Kreis; im Osten die Kleinstadt Krautheim und im Süden die Gemeinde Schöntal, beide im Hohenlohekreis; im Westen die Kleinstädte Adelsheim und Osterburken sowie die Gemeinde Rosenberg, alle im Neckar-Odenwald-Kreis.
Geschichte Die Herrschaft über Hüngheim und MerchingenAlfred Schröcker (Bearb.), Statistik des Hochstifts Würzburg um 1700, 1977, S. 26–30.Würzburger Hof- und Staatskalender, 1801, S. 111–114 hatten die Würzburger Fürstbischöfe inne, die ab 1657 mit dem Aussterben derer von Aschhausen im Mannesstamm das Heimfallrecht des Mannlehens nutzten, um Merchingen ganz und Hüngheim teilweise an die Berlichinger zu entlehnen. Die Stadtteile Ballenberg, Erlenbach, Ober- und Unterwittstadt gehörten bis 1802 zum Territorium des Erzstifts Mainz/Kurmainz. Diese letztgenannten Stadtteile waren Teil des kurrheinischen Reichskreises. Merchingen lag sowohl im fränkischen Ritterkreis, zunächst über die von Aschhausen und ab 1657 über die Berlichinger, wie auch im fränkischen Reichskreis über das Hochstift Würzburg. Hüngheim lag auch im fränkischen Reichskreis.
Alle Stadtteile fielen 1806 mit Ausnahme Merchingens rechtmäßig an das Großherzogtum Baden und wurden mit diesem ab 1871 Teil des Deutschen Reichs. Nach dessen Zusammenbruch gehörten die Orte bis 1945 zur Republik Baden in der so genannten Weimarer Republik und waren anschließend Teil des NS-Staates. Von 1945 bis 1952 war das Gebiet Bestandteil des Landes Württemberg-Baden in der Amerikanischen Besatzungszone, das 1952 Teil des Bundeslandes Baden-Württemberg wurde.
Im Rahmen der Kommunalen Gebietsreform wurde zunächst eine Gemeinde Ravenstein zum 1. Dezember 1971 aus der zuvor selbständigen Stadt Ballenberg und der Marktgemeinde Merchingen sowie den Gemeinden Erlenbach, Hüngheim, Oberwittstadt und Unterwittstadt gebildet. Namensgeber ist das in Ballenberg gelegene Gelände Rabenstein. auf ravenstein.de Mit der Stadtrechtsverleihung vom 1. April 1974 wurde Ravenstein eine Stadt.
Merchingen Der im mainfränkischen Ortsdialekt als „Marchene“ bezeichnete Ortsname Merchingen beruht vermutlich auf einer alemannischen Siedlung vor 500 n. Chr. Im Zuge der Schlacht von Zülpich. 496 n. Chr. begann die fränkische Landnahme im heutigen Norden Baden-Württembergs und Unterfrankens, d. h. die Kolonialisierung durch fränkische Siedler und Vertreibung der Alamannen aus der Gegend, die bis dato bis zum Main siedelten. Der nunmehrig fränkische Ort war vermutlich Ausgangsort weiterer fränkischer Siedlungsgründungen in der Gegend, um die neuen fränkischen Territorien zu sichern. Charakteristisch für die fränkische Landnahme ist die Entstehung von Siedlungen mit den Grundwörtern -heim, -hausen/-husen, -rod, -ingen und -weiler/-wiler. Nach 780 n. Chr. ist keine Neugründung mit dieser Endung mehr nachzuweisen. Die älteren Formen -husen und -wiler entwickelten sich im Spätmittelalter in Gebieten mit Neuhochdeutscher Diphthongierung zu den jüngeren Formen -hausen und -weiler. Hier ist auf die alten Merchinger Wüstungen „Bensenweiler“ und „Wolfhausen“ zu verweisen, die vermutlich rasch bis 780 n. Chr. gegründet wurden. Im Vertrag von Verdun 843 n. Chr. wurde der Ort, wie die übrigen Stadtteile Ravensteins auch, Teil des Ostfrankenreichs. Mit der Aufteilung des Herzogtums Franken ab 939 n. Chr. wurden Merchingen und die übrigen Stadtteile Teil des ducatus franconiae orientalis, also des Herzogtums Ostfranken. Mit dem Tod des letzten salischen Herrschers über das Herzogtum Ostfranken (Heinrich V.) im Jahr 1125 begann sich dieses Herzogtum mangels Erbe aufzulösen.
Im Jahre 1168 ging ganz Ravenstein an die Bischöfe von Würzburg, die zugleich Herzöge von Franken waren. Deshalb werden in ganz Ravenstein bis heute andauernd ostfränkische Dialekte gesprochen. In Merchingen wird jedoch aufgrund der über 600-jährigen politischen Zugehörigkeit zum Hochstift Würzburg ein mainfränkischer Dialekt gesprochen, obwohl in der Umgebung keine mainfränkischen Dialekte, mit Ausnahme des taubergründischen, gesprochen werden. 1188 wird ein allodium (dt.: allod = Eigengut) in Merchingen in einem Vertrag zwischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa und König Alfons VIII. von Kastilien, in dem die Ehe zwischen Friedrichs Sohn Konrad und Alfons Tochter Berengaria vereinbart wurde, erwähnt.Peter Wanner: Der staufisch-kastilische Ehepakt des Jahres 1188. Erkenntnisse aus Anlass einiger "kleiner" Stadtteils- und Gemeindejubiläen 2013. In: Christhard Schrenk/Peter Wanner (Hrsg.): heilbronnica 6. Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte. Heilbronn 2016, S. 453–460, hier: S. 458–459. PDF 366 kB. Dies ist die erste urkundliche Erwähnung von Merchingen. Das Eigengut gehörte mit weiteren 29 staufischen Gütern zur Morgengabe der Braut, welche jedoch nie umgesetzt wurde und wodurch das Allod würzburgisch blieb. Unter dem Würzburger Fürstbischof Manegold von Neuenburg wurde 1303 der Ort an die Herren von Aschhausen entlehnt. Damit gab es den ersten fränkischen Ortsadel, wodurch die Mitgliedschaft des Ortes im Kanton Odenwald des Fränkischen Ritterkreises begründet wurde. 1570 wird auf Antrag von Johann Erasmus von Aschhausen das Marktrecht für Pfingstdienstag verliehen.
Nachdem bereits unter dem Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn eine rigide Rekatholisierung im Ort stattfand, wurde dies unter seinem Nachfolger Johann Gottfried von Aschhausen fortgeführt, der ab Oktober 1617 zugleich Fürstbischof von Würzburg und Bamberg war. Schließlich war dieser auch sein eigener Lehnsherr und musste „dahemm“ für Ordnung sorgen. Merchingen wurde im Zuge der gegenreformatorischen Bestrebungen Teil der Bildstocklandschaft Franken, wovon heute noch das Gewann westlich des „Kirchgrunds“ mit dem Namen „Emes“ zeugt; es ist nach dem mainfränkischen Bildhauer und Bildstockmeister Julius Emes benannt, weil sich dort mindestens ein Bildstock von diesem befand. Im Zuge des Aussterbens des fränkischen Rittergeschlechts der Aschhausen im Jahr 1657 fiel Merchingen als Mannlehen an das Hochstift Würzburg zurück. Nur am Schloss konnten die fränkischen Berlichinger Eigentum erwerben. Der Ort selbst fiel dann wieder an die Würzburger Bischöfe zurück, die sodann die Berlichinger mit Merchingen belehnten, wodurch der Ort nach dem Grundsatz eius regio cuius religio wieder protestantisch wurde. Damit ergab sich die selbst für fränkische Verhältnisse einmalige Situation, dass ein Ort in einem katholischen Hochstift durch Lehensherrschaft eines Niederadligen zum Teil protestantisch wurde, und dies obendrein vom Würzburger Fürstbischof gebilligt wurde, obwohl noch unter dem Würzburger Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg bis zu dessen Tod eine harte Rekatholisierungs- und Hexenverfolgungspolitik betrieben wurde. Jedoch folgte erst nach dessen Tod, unter Herrschaft des Franz von Hatzfeld und vor allem zuletzt unter Regentschaft des Johann Philipp von Schönborn, eine liberalere Haltung gegenüber dem Protestantismus, wodurch der Ort in der Folgezeit mehrheitlich protestantisch wurde. Diese neue Freiheit fand mit dem Dreißigjährigen Krieg ihr jähes Ende, als der Ort des Öfteren Lageplatz für Würzburgische Truppen der Katholischen Liga war und zum Teil gewaltvoll die verlorenen Reihen mit Merchingern aufgefüllt wurden. Ebenso lagerten auch französische und schwedische Truppen vor Merchingen. Unter den Schweden wurden auch erhebliche Kriegskontributionen in Form von Geld, Einquartierungen und Lebensmittellieferungen eingetrieben. Mit der Zerschlagung der politischen Zugehörigkeit zu Franken, rechtlich ab 1803 und tatsächlich ab 1806 nach der erfolgten badischen Besetzung Merchingens, endete auch die rund 640 Jahre andauernde politische Zugehörigkeit zum Hochstift Würzburg bzw. zum Herzogtum Franken, jedoch nicht die fränkische Kultur („Kerwe“ = Kirchweih, mainfränkische „Maderbrodworschd“ etc.) und die landsmannschaftliche Identität der Bevölkerung zu Franken. Dafür sorgte auch die rechtliche Zugehörigkeit Merchingens zum Großherzogtum Würzburg von 1805–1814. Im Zuge der Annexion war Merchingen Grenzort zu Württemberg und verlor deshalb in der Folgezeit seine wirtschaftliche Primusstellung in der Umgebung. Diese neue Grenze ruinierte auch die engen Verflechtungen ins mainfränkische Kernland um Würzburg und ins fränkische Hohenlohe. Dies lässt sich insbesondere an den Bevölkerungszahlen ausweisen. Vom Bevölkerungshöchststand im Jahr 1840 von rund 1300 sank die Bevölkerungszahl zwischenzeitlich auf rund 700, und damit um rund 46,2 %. Bis heute konnten die Bevölkerungszahlen nur auf 1020 Einwohner ansteigen, insbesondere deshalb, weil man im Zuge der sog. Beispieldorfsanierung 1963Dorfsanierung in Merchingen, auf ardmediathek.de den Ortskern entkernte und damit indirekt Menschen aus ihrer Heimat vertrieb – wenn auch mit Entschädigung. Dadurch verließen rund 200 Einwohner oder rund 20 % der damaligen Bevölkerung den Ort, wodurch die nach dem Zweiten Weltkrieg eigens durch die Amerikanischen Besatzungsbehörden angesiedelten Franken aus dem Sudetenland wieder „exiliert“ wurden.