mini|Otto Ohlendorf während der Aussage zu seiner Person beim Einsatzgruppenprozess am 9. Oktober 1947
Der Einsatzgruppen-Prozess war der neunte von zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen. Er wurde vom 15. September 1947 bis zum 10. April 1948 im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes durchgeführt, in dem bereits der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vor dem International Military Tribunal (IMT) stattgefunden hatte. Im Gegensatz zum Hauptkriegsverbrecherprozess fand der Einsatzgruppen-Prozess vor einem amerikanischen Militärgericht (Nuremberg Military Tribunal, NMT) statt, es gab keine Viermächte-Kontrolle. Offiziell wurde der Fall als „The United States of America against Otto Ohlendorf, et al.“ (deutsch: „Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Otto Ohlendorf und andere“) bezeichnet.
Angeklagt waren 24 ehemalige SS-Führer, die als Kommandeure der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD die Verantwortung für die Verbrechen der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion trugen. Die Einsatzgruppen erhielten vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion den Auftrag, sowjetische Funktionäre und die „jüdische Intelligenz“ der Sowjetunion zu ermorden. Innerhalb der ersten drei Monate des Krieges gegen die Sowjetunion eskalierte die Mordtätigkeit der Einsatzgruppen im Osten, so dass spätestens Anfang Oktober 1941 unterschiedslos jüdische Männer, Frauen, Kinder und Greise erschossen wurden. Auch versprengte Kriegsgefangene, „Zigeuner“, Psychiatriepatienten und Geiseln aus der Zivilbevölkerung gehörten zu den Opfern der Einsatzgruppen.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer: Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. 2. Auflage. Oldenbourg, München 2007, ISBN 3-486-58341-7, S. 520–521. Die Zahl der Opfer, die von den Einsatzgruppen von Juni 1941 bis 1943 in der Sowjetunion ermordet wurden, wird auf mindestens 600.000, nach anderen Angaben auf mehr als eine Million Menschen geschätzt.Literaturangaben zur Zahl der Opfer:
Leni Yahil, Ina Friedman und Haya Galai: The Holocaust: the Fate of European Jewry, 1932–1945. Oxford University Press US, 1991, ISBN 0-19-504523-8, S. 270, Tabelle 4 „Victims of the Einsatzgruppen Aktionen in the USSR“ gibt 618.089 Opfer der Einsatzgruppen in der Sowjetunion an. Ronald Headland: Messages of Murder, 2. Auflage. Fairleigh Dickinson University Press, Rutherford (NJ) 2000, S. 124 gibt die Zahl der Opfer in der Verantwortung der Einsatzgruppen, eingeschlossen andere deutsche Polizeieinheiten und Kollaborateure, mit mehr als einer Million Menschen an. Helmut Langerbein: Hitler’s Death Squads: The Logic of Mass Murder. Texas A&M University Press, College Station 2004, ISBN 1-58544-285-2, S. 15–16 gibt die Zahl der Opfer auf sowjetischem Territorium durch die Einsatzgruppen in Verbindung mit anderen SS-Einheiten, der Wehrmacht und der Polizei mit ungefähr anderthalb Millionen Menschen an, betont aber gleichzeitig die Schwierigkeiten der Schätzung und Abgrenzung. Die Anklage ging auf Basis der Einsatzgruppen-Meldungen von mehr als einer Million Opfern aus.Benjamin Ferencz: Opening Statement of the Prosecution, vorgetragen am 29. September 1947. In: Trials of War Criminals Before the Nuernberg Military Tribunals Under Control Council Law No. 10. Vol. 4. District of Columbia 1950, S. 30.
Das Verfahren endete ohne Freisprüche: 14 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, zwei erhielten lebenslange Haftstrafen und fünf wurden zu Freiheitsstrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren verurteilt. Ein Angeklagter verübte vor Prozessbeginn Suizid, einer schied wegen Krankheit aus dem Verfahren aus und ein weiterer wurde nach Anrechnung der verbüßten Untersuchungshaft entlassen. Im Zuge der Westintegration wandelte Hochkommissar John McCloy Anfang 1951 auf Empfehlung des Advisory Board on Clemency for War Criminals von den 14 Todesurteilen gegen die in Landsberg Inhaftierten des Einsatzgruppenprozesses zehn Urteile in Haftstrafen um. Davon wurden vier Todesurteile in lebenslange Haftstrafen umgewandelt und sechs Haftstrafen auf zehn beziehungsweise fünfundzwanzig Jahre reduziert. Vier Todesurteile wurden am 7. Juni 1951 vollstreckt. Auch die Haftstrafen weiterer Häftlinge wurden verkürzt. Die letzten drei Inhaftierten des Einsatzgruppenprozesses wurden im Mai 1958 aus der Haft entlassen.
Vorgeschichte und Vorbereitung des Verfahrens Einsatzgruppen im Krieg gegen die Sowjetunion (1941–1943) Einsatzgruppen zur „Säuberung der befreiten Gebiete von marxistischen Volksverrätern und anderen Staatsfeinden“Völkischer Beobachter vom 10. Oktober 1938. wurden erstmals bei dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich eingesetzt. Die erste Einsatzgruppe, das Einsatzkommando Österreich, stand unter Befehl von Franz Six, einem späteren Angeklagten im Einsatzgruppen-Prozess. Auch bei der Annexion des Sudetenlandes 1938 und bei der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ 1939 wurden Einsatzkommandos beziehungsweise Einsatzgruppen eingesetzt, die Gegner der nationalsozialistischen Herrschaft aufspüren und vernichten sollten. Während die Einsatzgruppen bei diesen Einsätzen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch auf Basis von Listen mit namentlich aufgeführten Gegnern operierten, nahm der Einsatz beim Überfall auf Polen erstmals Züge von Völkermord an. Bestimmte Gruppen, wie Angehörige der polnischen Intelligenz, katholische Pfarrer und Adelige wurden pauschal zu Feinden erklärt und in vielen Fällen ermordet. Obwohl die Zahl der Opfer wie auch die Menge der beteiligten Einsatzgruppen-Angehörigen in Polen beträchtlich war, spielten diese Morde im Einsatzgruppen-Prozess keine Rolle. Aufgrund der Beweislage konzentrierte sich die Anklage auf die Taten der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion, beginnend mit der Vorbereitung auf den Überfall auf die Sowjetunion 1941 bis zur Eingliederung in stationäre Verbände beziehungsweise den beginnenden Rückzug 1943.
Bereits am 13. März 1941, etwa drei Monate vor dem Überfall des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion, informierte der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) Reinhard Heydrich den Generalquartiermeister der Wehrmacht Eduard Wagner über die Verwendung von Einsatzgruppen im Zuge des „Unternehmens Barbarossa“.Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS, Augsburg 1998, S. 324 f. Hitler selbst hatte zuvor den Reichsführer SS Heinrich Himmler mit der Umsetzung der „Sondermaßnahmen“ während des Unternehmens Barbarossa betraut:
Heydrich, als Stellvertreter Himmlers, und der Oberbefehlshaber des OKH Walther von Brauchitsch legten schließlich nach Verhandlungen folgendes fest: Die Wehrmacht sollte die Einsatzgruppen logistisch unterstützen und die Einsatzgruppen sollten eigenverantwortlich sicherheitspolizeiliche Sonderaufgaben im rückwärtigen Heeresgebiet wahrnehmen. Diese Aufgaben sollten die Sicherung wichtiger Dokumente staatsfeindlicher Organisationen, die Verhaftung wichtiger Einzelpersonen sowie das Erkunden „staatsfeindlicher Bestrebungen“ umfassen.Israel Gutman: Enzyklopädie des Holocaust; Piper Verlag, München 1998, Band 1, Seite 393 ff.
mini|Vormarsch der Einsatzgruppen im Krieg gegen die Sowjetunion (1941) Für die Einsatzgruppen wurden etwa 3000 geeignete Angehörige des RSHA und der Waffen-SS angeworben und im Mai 1941 im sächsischen Pretzsch versammelt.Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS, Augsburg 1998, S. 330. Ein allgemeiner „Judentötungsbefehl“ existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, vielmehr entwickelte sich die Befehlsgebung dazu allmählich. Im Juni/Juli 1941 sollte es zunächst Aufgabe der Einsatzgruppen sein, die „jüdisch-bolschewistische Intelligenzschicht“ und Widerstandskämpfer in den besetzten Gebieten zu ermorden sowie die einheimische Bevölkerung bei antijüdischen Pogromen zu unterstützen. Erst im August/September 1941 erging ein allgemeiner „Judentötungsbefehl“ an die Führer der Einsatzgruppen.Ralf Ogorreck und Volker Rieß: Fall 9: Der Einsatzgruppenprozess (gegen Ohlendorf und andere), Frankfurt am Main 1999, S. 165 f. Insgesamt wurden vier Einsatzgruppen gebildet, die sich wiederum in Einsatz- oder Sonderkommandos gliederten: Der Einsatzgruppe A, zunächst unter dem Kommandeur Walter Stahlecker, gehörten etwa 1000 Männer an. Ihr Operationsgebiet war ausgehend von Ostpreußen das rückwärtige Armeegebiet der Heeresgruppe Nord im Baltikum und den angrenzenden nordöstlichen russischen Bezirken bis vor Leningrad. Der Einsatzgruppe B, zunächst unter dem Kommandeur Arthur Nebe, gehörten etwa 655 Männer an. Ihr Operationsgebiet war ausgehend von Warschau das rückwärtige Armeegebiet der Heeresgruppe Mitte von Weißrussland bis an den Rand von Moskau. Der Einsatzgruppe C, zunächst unter dem Kommandeur Otto Rasch, gehörten etwa 700 Männer an. Ihr Operationsgebiet war ausgehend von Oberschlesien das rückwärtige Armeegebiet der Heeresgruppe Süd in der mittleren Ukraine. Der Einsatzgruppe D, zunächst unter dem Kommandeur Otto Ohlendorf, gehörten etwa 600 Männer an. Ihr Operationsgebiet war das rückwärtige Armeegebiet der deutschen 11. Armee und des rumänischen Heers in Moldawien, der südlichen Ukraine und auf der Krim.
Am 23. Juni 1941, einen Tag nach dem Überfall auf die Sowjetunion, folgten die Einsatzgruppen der Wehrmacht. Die Kommandos der Einsatzgruppen verübten, teilweise mit Angehörigen der ortsansässigen Polizei und im Beisein beziehungsweise sogar unter Mithilfe der Bevölkerung, Massaker an den einheimischen Juden, „Zigeunern“, Kriegsgefangenen sowie kommunistischen Funktionären. Die Opfer, darunter Frauen, Kinder und Greise, wurden hauptsächlich durch Erschießen in Schluchten, Gruben oder Steinbrüchen in Gruppen ermordet. Die Massenerschießungen führten bei vielen Angehörigen der Einsatzgruppen zu psychischen Ausnahmeerscheinungen, die auch durch den tolerierten erheblichen Alkoholkonsum nicht schwanden. Daher wurden seitens des RSHA den Einsatzgruppen zusätzlich so genannte Gaswagen zur Verfügung gestellt, in denen mittels Auspuffgasen ab Ende 1941 die größtenteils jüdischen Opfer ermordet wurden. Bekanntheit erlangte insbesondere das Massaker in der Schlucht Babi Yar, dem am 29. und 30. September 1941 über 33.000 Juden zum Opfer fielen.Aktion 1005 auf www.deathcamps.org Zum Jahreswechsel 1941/42 meldeten die Einsatzgruppen folgende Zahlenangaben zu den getöteten Juden: Einsatzgruppe A 249.420, Einsatzgruppe B 45.467, Einsatzgruppe C 95.000, Einsatzgruppe D 92.000.Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS, Augsburg 1998, S. 332. Ein Angehöriger der Wehrmacht wurde Zeuge von Erschießungen und berichtete nach Kriegsende:
Nach der Etablierung einer deutschen Zivilverwaltung in den besetzten sowjetischen Gebieten wurden durch Einheiten der Ordnungspolizei, Waffen-SS und sogenannter einheimischer Hilfswilliger, die den eingesetzten Höheren SS- und Polizeiführern unterstanden, weitere Massenmorde an Juden begangen. Insgesamt fielen mindestens 600.000 und möglicherweise über 1.000.000 Menschen diesen Mordaktionen zum Opfer. Die Sonderkommandos der Aktion 1005 unter der Leitung von Paul Blobel mussten ab Sommer 1943 die verscharrten Leichen der Ermordeten exhumieren und anschließend verbrennen, um die Spuren dieser Verbrechen zu beseitigen.
Otto Ohlendorf als Zeuge (1945–1946) mini|Ohlendorf bei der Zeugenaussage zu Organigramm, 3. Januar 1946