Als Demokratischer Sozialismus wird eine politische Zielvorstellung bezeichnet, die Demokratie und Sozialismus als untrennbare, zusammen zu verwirklichende Einheit betrachtet. Der Begriff entwickelte sich um 1920 und wurde seitdem von sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Gruppen und Parteien in Anspruch genommen. Bestrebungen zur Demokratisierung in Ländern des Realsozialismus werden auch Reformkommunismus genannt.

Begriff Friedrich Engels bezeichnete in seinem Programmentwurf für den Bund der Kommunisten vom November 1847 (einem Vorentwurf für das Kommunistische Manifest von 1848) manche Vertreter des Frühsozialismus als „demokratische Sozialisten“. Sie strebten wie die Kommunisten eine Überwindung des Elends und Aufhebung der Klassengesellschaft an, gäben sich aber mit einer demokratischen Staatsverfassung und einigen anschließenden Sozialreformen zufrieden. Daher seien praktische Bündnisse für gemeinsame Teilschritte ebenso wie eine Diskussion mit ihnen über weitergehende Maßnahmen zum Kommunismus erforderlich.Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus. In: Marx-Engels Werke, Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974, S. 361–380; referiert bei Wolfgang Schieder: Sozialismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe Bände 1–8. Klett-Cotta, 2004, ISBN 3-608-91500-1, S. 964.

Der Ausdruck „demokratischer Sozialismus“ wurde etwa ab 1920 infolge der inzwischen eingetretenen Spaltung der europäischen Arbeiterbewegung gebräuchlich. Er sollte den Reformismus der Sozialdemokratie, also die fortschreitende Demokratisierung aller Gesellschaftsbereiche im Rahmen einer pluralistischen Demokratie, vom Marxismus-Leninismus unterscheiden. 1919 hatte Lenin den Marxschen Begriff „Diktatur des Proletariats“ mit der Eroberung der Staatsmacht durch eine (seine) revolutionäre proletarische Partei und der darauffolgenden gewaltsamen Umgestaltung der Produktionsverhältnisse durch sie gleichgesetzt und gegen die Sozialdemokratie abgegrenzt.Vladimir Ilʹich Lenin: Die Diktatur des Proletariats und der Renegat K. Kautsky. Frankes Verlag, 1919; referiert bei Heinrich Heiter: Vom friedlichen Weg zum Sozialismus zur Diktatur des Proletariats: Wandlungen der sowjetischen Konzeption der Volksdemokratie 1945–1949. Haag und Herchen, 1977, ISBN 3-88129-083-4, S. 18 ff. Josef Stalin erhob Lenins Theorie ab 1924 als „Leninismus“ zur Staatsideologie der Sowjetunion, um seine Herrschaft abzusichern und zu rechtfertigen.Christoph Henning: Philosophie nach Marx: 100 Jahre Marxrezeption und die normative Sozialphilosophie der Gegenwart in der Kritik. Transcript, 2005, ISBN 3-89942-367-4, S. 108 f. In dieser Ideologie wurden die von Karl Marx nur ungenau unterschiedenen Begriffe Sozialismus und Kommunismus als gesetzmäßig determinierte, aufeinander folgende Epochen jeder Gesellschaftsentwicklung aufgefasst und der Sozialismus als die Alleinherrschaft einer kommunistischen Partei, die schrittweise Verstaatlichung der Produktionsmittel und die Einführung einer zentral gelenkten Planwirtschaft definiert.Thomas Meyer: Sozialismus (Elemente der Politik). Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, ISBN 978-3-531-15445-9, S. 11 f.

Seitdem haben sowohl sozialdemokratische und sozialistische als auch kommunistische Gruppen, Parteien und Regierungen unterschiedliche politische Positionen als „demokratischen Sozialismus“ bezeichnet. Die SPD versteht demokratischen Sozialismus seit dem Godesberger Programm 1959 als soziale Marktwirtschaft mit gerechter Verteilung von Gewinnen, die gleiche Lebenschancen eröffnen soll.Knut W. Nörr: Die Republik der Wirtschaft. Band 1: Von der Besatzungszeit bis zur Großen Koalition: Recht, Wirtschaft und Staat in der Geschichte Westdeutschlands. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-147213-6, S. 66 f. Der Ausdruck wurde ab etwa 1970 im Reformkommunismus Osteuropas, im Eurokommunismus Westeuropas, in manchen Staaten Lateinamerikas sowie 1989 von Teilen der DDR-Opposition verwendet. Dort wurde er zuweilen auch als dritter Weg zwischen Kapitalismus und „real existierendem Sozialismus“ bezeichnet.Stefan Bollinger: Dritter Weg zwischen den Blöcken? Prager Frühling 1968: Hoffnung ohne Chance. Trafo, 1995, ISBN 3-930412-78-0; Helmut Richter, Günter Trautmann (Hrsg.): Eurokommunismus: Ein dritter Weg für Europa?, 1979; Christof Geisel: Auf der Suche nach einem dritten Weg: Das politische Selbstverständnis der DDR-Opposition in den 80er Jahren. Ch. Links Verlag, 2005, ISBN 3-86153-378-2. Einen „dritten Weg“ des Sozialismus beanspruchten auch Vertreter des Austromarxismus und Neoliberalismus, so etwa Thomas Meyer: Theorie der Sozialen Demokratie. Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, ISBN 3-531-14612-2, S. 651.

Joseph Schumpeter beschrieb den demokratischen Sozialismus in seinem Werk Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942) als demokratischen Übergang ohne Revolution und Gewalt vom Kapitalismus zum Sozialismus.Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 3. Auflage, Francke, München 1972, ISBN 3-7720-0917-4. Nach dem Politikwissenschaftler Thomas Meyer vertreten alle Theorien eines demokratischen Sozialismus ein egalitäres Gerechtigkeitskonzept, bejahen den demokratischen Rechtsstaat, streben sozialstaatliche Sicherungen aller Bürger an, wollen das Privateigentum sozialverträglich begrenzen und den Wirtschaftssektor gesellschaftlich einbinden und politisch regulieren.

Deutschland Kaiserreich Wilhelm Liebknecht, Marxist und einer der Gründerväter der SPD, verstand Demokratie und Sozialismus ab 1869 als untrennbare und einander ergänzende Aspekte einer freien und gerechten Zukunftsgesellschaft:Wilhelm Liebknecht: Über die politische Stellung der Sozialdemokratie, insbesondere mit Bezug auf den Norddeutschen „Reichstag“ (1869); referiert bei Wolfgang Schieder: Sozialismus. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe Bände 1–8. 2004, S. 979.

Demgemäß taucht der Ausdruck „demokratischer Sozialismus“ in den ersten SPD-Programmen im Kaiserreich nicht auf. 1875 hieß es im Gothaer Programm der zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei vereinten Vorläufergruppen (VDAV und ADAV):, dokumentiert bei Hermann Weber (Hrsg.): Das Prinzip Links. Beiträge zur Diskussion des demokratischen Sozialismus in Deutschland 1848–1990. Eine Dokumentation. Ch. Links, 1998, ISBN 3-86153-031-7, S. 37.

Ökonomische Ausbeutung und politische Unterdrückung wurden hier als untrennbare Merkmale der kapitalistischen Klassengesellschaft begriffen, die nur gemeinsam zu überwinden seien. Sozialismus sollte sie beide überall beseitigen und so die Menschenrechte verwirklichen. Den Ausdruck „Ehernes Lohngesetz“ hatte Ferdinand Lassalle 1863 geprägtJürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster, Benjamin Benz: Sozialpolitik in Deutschland: Eine systematische Einführung. Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, ISBN 978-3-531-16669-8, S. 53, Anm. 33. und im Sinne der Aussagen des Kommunistischen Manifestes von 1848 über den Arbeitslohn aufgefasst. Darin hatten Karl Marx und Friedrich Engels die „freie Entfaltung des Einzelnen zur Bedingung für die freie Entfaltung Aller“ erhoben und so ihrerseits an die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 angeknüpft.Ingo Pies, Martin Leschke: Karl Marx’ kommunistischer Individualismus. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148702-8, S. 71 ff. Gleichwohl kritisierten sie das Gothaer Programm 1875 scharf,Karl Marx, Friedrich Engels: Kritik des Gothaer Programms. Band 2 von Grundschriften des wissenschaftlichen Kommunismus. Olga Benario, Herbert Baum, 1997, ISBN 3-932636-01-5; dazu Franz Mehring: Karl Marx: Geschichte seines Lebens. (1918) Nachdruck 2000, ISBN 3-88634-075-9, S. 480. unter anderem wegen der Begrenzung auf damals legale Mittel.Ulrich von Alemann, Philipp Erbentraut, Jens Walther: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland (Grundwissen Politik). Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN 978-3-531-17665-9, S. 35.

Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze behielt die nunmehr erlaubte SPD im Erfurter Programm von 1891 Friedrich-Ebert-Stiftung diese Zielvorstellung bei. Im theoretischen, von Karl Kautsky verfassten Teil hieß es: Aufgrund wissenschaftlich feststellbarer ökonomischer Entwicklungsgesetze würden die Arbeiter im Kapitalismus zwangsläufig zu besitzlosen Proletariern, die nur ihre Arbeitskraft zum Lebensunterhalt anzubieten hätten. Daraus wurde gefolgert:Sozialdemokratische Partei Deutschlands: Das Erfurter Programm (1891)

Der praktische, von Eduard Bernstein verfasste Teil des Programms forderte an erster Stelle das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Männer und Frauen, einige Schutzrechte für Arbeiter und einige weitere politische und soziale Reformen. Gefordert wurde kaum mehr als die allgemeinen Bürgerrechte, die seit der Französischen Revolution auf der politischen Tagesordnung standen. Ein Weg zu ihrer Verwirklichung und zur Beseitigung der diagnostizierten zwangsläufigen ökonomischen Unfreiheit wurde nicht beschrieben. Damit wurde sichtbar, dass Teile der SPD damals die weltweite Demokratisierung der Produktionsverhältnisse nur noch als theoretisches Fernziel ohne konkrete Auswirkung auf die praktische Alltagspolitik auffassten und über das Verhältnis von Ziel und Weg zueinander keine programmatische Klärung bestand. Dies führte ab 1896 zur Revisionismus-Debatte innerhalb der SPD, in deren Verlauf die Parteiführung unter August Bebel die Sozialrevolution als Parteiziel theoretisch beibehielt, aber die Reformisten in der Partei hielt.

Am 4. August 1914 stimmte die SPD unter Friedrich Ebert den Kriegskrediten für den am 1. August begonnenen Ersten Weltkrieg zu und beschloss eine Burgfriedenspolitik für dessen Dauer. Dieses Kriegsbündnis der SPD mit der kaiserlichen Monarchie zerbrach die Sozialistische Internationale und führte zur Spaltung der deutschen Sozialdemokratie. Dabei wurden die bis dahin weitgehend synonym verwendeten Leitbegriffe „Demokratie“ und „Sozialismus“ nun sowohl unterschieden als auch beide verschieden definiert. Während die Mehrheits-SPD (MSPD) auf eine Akzeptanz auch bei bürgerlichen Schichten und eine allmähliche legale Durchsetzung parlamentarischer Mitbestimmung setzte, die sie für soziale Reformen nach dem Krieg nutzen wollte, trat die im April 1917 gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) für die sofortige Beendung des Krieges ein, notfalls durch eine soziale Revolution. Sie begrüßte die russische Oktoberrevolution von 1917 als Impuls für eine umfassende Demokratisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft in Deutschland, teilweise im Sinne einer Räterepublik. Die USPD hatte jedoch kein einheitliches ökonomisches Programm; sie vereinte Reformisten wie Bernstein und marxistische Theoretiker wie Kautsky mit revolutionären Sozialisten der Spartakusgruppe, die an den Vorkriegszielen der SPD und der Sozialistischen Internationale festhielten.

Rosa Luxemburg, die Gründerin und Wortführerin der Spartakusgruppe, grenzte ihr Sozialismusverständnis während des Ersten Weltkriegs in ihren im Gefängnis verfassten Aufsätzen gegen den Reformismus der SPD und gegen das Partei- und Revolutionskonzept Lenins ab. In ihrer 1918 verfassten Schrift „Die russische Revolution“ bekräftigte sie die Notwendigkeit diktatorischer Eingriffe des Proletariats, nicht einer Parteielite, in die Wirtschaftsordnung zur Durchführung der Revolution unter den gegebenen Umständen Russlands und kritisierte zugleich scharf das Vorgehen der Bolschewiki:; Textauszug online mini|Rosa Luxemburg

Breiteste demokratische Partizipation und Bewusstseinsbildung der arbeitenden Bevölkerung waren für die Autorin die einzigen Garantien für einen erfolgreichen Aufbau des Sozialismus in Russland und überhaupt in Europa und der Welt.

Weimarer Republik