mini|hochkant|Meister Heinrich Frauenlob (Codex Manesse, 14. Jahrhundert)
Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (* zwischen 1250 und 1260 in Meißen; † 29. November 1318 in Mainz), war ein einflussreicher Dichter deutscher Volkssprache, dessen programmatischer Künstlername wohl von seinem Marienleich herrührt. Die darin gepriesene vrouwe ist die Himmelskönigin Maria.
Leben und Wirken mini|hochkant|Grabstein des Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, im Kreuzgang des Mainzer Doms. Gefertigt 1783 von Johann Matthäus Eschenbach.|alternativtext=Grabstein des Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, im Kreuzgang des Mainzer Doms. Gefertigt 1783 von Johann Matthäus Eschenbach. Der aus Meißen stammende Dichter hielt sich um 1276/78 in Böhmen auf, 1299 diente er – urkundlich als ystrio dictus Vrowenlop bezeugt – dem Herzog Heinrich von Kärnten. Frauenlob dichtete für König Rudolf I. von Habsburg, König Wenzel II. von Böhmen, den König von Dänemark, Fürst Wizlaw III. von Rügen, Erzbischof Giselbert von Bremen und andere. Einige Sprüche sind dem Rostocker Ritterfest von 1311 gewidmet. Zuletzt lebte er als Schützling von Peter von Aspelt, einem Erzbischof und früheren Kanzler Wenzels II., in Mainz. Nach seinem Tod wurde er im östlichen Kreuzgang des Mainzer Doms beigesetzt.Gustav Faber: Denk ich an Deutschland ... Neun Reisen durch Geschichte und Gegenwart. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-458-05898-2, S. 16.
1774 wurde sein Grabstein bei Bauarbeiten zerstört, er wurde 1783 von Johann M. Eschenbach und erneut 1841/42 von Ludwig Schwanthaler ersetzt.„Es lebt des Sängers Bild“. Flyer zur Jubiläumsausstellung im Dom- und Diözesanmuseum Mainz, abgerufen am 20. November 2018 (PDF; 3,21 MB)
Frauenlob war einer der einflussreichsten deutschsprachigen Dichter des 14. Jahrhunderts. Sein Werk ist in zahlreichen Handschriften überliefert. Er war so einflussreich, dass viele seinen Stil imitierten. Insgesamt stellt sich dadurch immer die Frage nach der „Echtheit“ des Frauenlob-Gutes, da oft nicht eindeutig ist, ob es sich um seine eigene Autorschaft handelt. Zu seinem Werk zählen 13 Minnelieder, der „Marienleich“, auch bekannt als „Frauenleich“, der „Minneleich“ und der „Kreuzleich“, das Streitgespräch zwischen Minne und Welt sowie eine große Menge Sangsprüche in einer Vielzahl eigener Töne. Über die genaue Anzahl herrscht kein völliger Konsens, Schätzungen liegen bei etwa 300 Sprüchen in vermutlich 15 eigenen Tönen.
Den größten Einfluss auf das Werk Frauenlobs hatte Konrad von Würzburg als sein Vorbild. Bei aller Verehrung seines Vorbilds ist Frauenlobs dichterischer Stil dennoch eigenständig. Seine Sprache ist künstlerisch, gewählt und bildreich, während seine Töne komplex strukturiert sind. Das Bild als dichterisches Mittel wurde von Frauenlob in besonderer Weise etabliert und ist ein herausragendes Merkmal seines dichterischen Erfindungsgeistes. Er war ein Meister des „geblümten Stils“.
Bekannt wurde Frauenlob durch seine Leichs und erfuhr schon zu Lebzeiten Bewunderung und mäzenatische Förderung wie außer ihm in vergleichbarer Weise vielleicht nur Walther von der Vogelweide. Später ab dem 15. Jahrhundert wurde Frauenlob von der meistersängerischen Gesangspflege als einer der großen Meister verehrt und viele Meisterlieder wurden mit leichten Variationen in seinen Tönen und seiner Manier ihm zu Ehren verfasst, teilweise in den Mund gelegt oder in Handschriften dieser Zeit zugeschrieben.
In der Forschung gelten Frauenlob und Regenbogen als die letzten großen Sangspruchdichter. Helmut Tervooren spricht davon, dass Frauenlob als „eine Art Fluchtpunkt“ gesehen werden könne.Tervooren, 2001, S. 127. Damit ist gemeint, dass sich durch Frauenlob noch einmal der gesamte Facettenreichtum höfischen Sangspruchs in seiner „letzten Konsequenz“ offenbarte, bevor es zum Bruch in der „Überlieferungskultur“ kam, indem es auch mit aufwändigen lyrischen Handschriften und Sammlungen im höfischen Umfeld zunehmend vorbei war, während die bürgerlichen, meistersängerischen Handschriften – nun meist Papierhandschriften – aufkamen.
Zur Echtheitsfrage Um zu Erkenntnissen in der Echtheitsfrage zu gelangen, müssen die Handschriften verglichen werden. Dabei muss analysiert werden, was die besonderen Merkmale des Stils Frauenlobs sind. Abweichungen davon werden zu Indizien, die gegen seine Autorschaft sprechen. Einer, der dies tat, und zugleich einer der für die Frauenlob-Forschung prägendsten Männer war Helmuth Thomas. In den 1939 in der Fachzeitschrift Palaestra 217 – Untersuchungen und Texte aus der deutschen und englischen Philologie erschienenen „Untersuchungen zur Überlieferung der Spruchdichtung Frauenlobs“ stellte er anhand seiner Echtheitskriterien eine Übersicht des Werkes Frauenlobs in den verschiedenen Handschriften zusammen und legte die Argumente dar, die für seine Zusammenstellung sprechen. Thomas’ Analyse liegt bis heute der Forschung und Rekonstruktion des Werkes Frauenlobs maßgeblich zugrunde.
Überlieferungsquellen mini|hochkant|Anfang eines Liedes Frauenlobs mit Neumennotation Die Quellen potentieller Überlieferung sind zahlreich. Als die wichtigsten Textzeugen des Werkes gelten nach Helmuth Thomas:vgl. Thomas, 1939. Inhalt die Jenaer Liederhandschrift (J) mit ihren Nachträgen (Jn1, Jn2) die Große Heidelberger Liederhandschrift, auch genannt Manessische Handschrift (C)
Weitere Quellen sind: die Kolmarer Liederhandschrift (k – auch mit den Siglen t, K und ko bezeichnet) die Wiener Handschrift (W) die Breslauer Handschriftenfragmente die Anhänge der Heidelberger Handschrift (H und R) die Würzburger Handschrift (E) die Niederrheinische Liederhandschrift (n) die Möserschen Bruchstücke einer niederdeutschen Liederhandschrift (m) die Haager Handschrift die Weimarer Handschrift (f) die Donaueschinger Liederhandschrift (u) die Wiltener Meistersängerhandschrift (w) die Münchener Meistersängerhandschrift (s) das Prager Gebetbuch Karls IV. ein Brief von Johannes von Neumarkt weitere Meistersingerhandschriften
Die wichtigsten Überlieferungsquellen im Einzelnen Höfische Handschriften Jenaer Liederhandschrift (J) In der Jenaer Liederhandschrift befindet sich die vermutlich unverfälschteste Sammlung von Sangsprüchen Frauenlobs. Es befinden sich insgesamt 3 Überlieferungen in der Handschrift. Ein relativ großer Abschnitt von 55 Sprüchen durch den Hauptschreiber der Handschrift aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und 2 Nachträge. Durch 5 verloren gegangene Blätter der Handschrift ist auch der Anfang des Frauenlob-Abschnittes nicht erhalten geblieben, der Verlust ist nicht klar zu ermessen, die Theorien gehen dabei auseinander – von großem Verlust bis hin dazu, dass durch den Blattausfall nur auch anderswo überlieferte Texte verloren gegangen seien. Der erste Nachtrag wurde zeitnah zur Entstehung der Handschrift von einem anderen Schreiber am Rand vorgenommen und umfasst 30 Strophen des langen Tons. Dieser Abschnitt wird mit Jn1 bezeichnet. Der zweite Nachtrag am unteren Rand einer Seite umfasst 3 Sprüche im zarten Ton und wurde vermutlich im 15. Jahrhundert vorgenommen – er trägt die Bezeichnung Jn2. Eine besondere Qualität der Frauenlob Überlieferung durch diese Handschrift besteht in der vergleichsweise leichten Korrigierbarkeit der Schreibfehler.Thomas, 1939, S. 2–26.
Große Heidelberger Liederhandschrift (C) Die Große Heidelberger Liederhandschrift oder auch Manessische Handschrift überliefert den Frauenleich und 30 Sprüche im langen, kurzen und grünen Ton. Die Autorschaft Frauenlobs gilt als besonders gesichert, da sein Name in der Handschrift mehrfach festgehalten wird. Frauenlob wird hier bereits Meister Heinrich vrouwenlop genannt. Sowohl der Frauenleich als auch die beiden letzten Sangsprüche erscheinen jedoch im Vergleich zu J laut Thomas im Wortlaut bis hin zu ganzen Absätzen entstellt, wobei der Frauenleich im Vergleich zu den letzten Sprüchen der Sammlung noch näher am Ursprung scheint. In vorangehenden Analysen sei durch Pfannmüller auf schlechte Vorlagen für den Schreiber der Handschrift geschlossen worden – besonders bei den letzten beiden Sprüchen. Die übrigen Sprüche sind jedoch gut erhalten.Thomas, 1939, S. 27–43.
Würzburger Handschrift (E) In der Würzburger Handschrift werden entgegen den Versprechungen des Registers nur der Frauenleich und ein Spruch im langen Ton überliefert, da die Kapitel 2–14 verloren gegangen sind. Die Handschrift gilt laut Thomas aber auch als eher unzuverlässig.Thomas, 1939, S. 81–85.
Wiener Handschrift (W) Die Wiener Handschrift, die sich aus mehreren eigenständigen Überlieferungen zusammensetzt, enthält im ersten Teil den Schluss des Frauenleichs und den Anfang der lateinischen Übersetzung. Im zweiten Teil drei Sprüche Frauenlobs im grünen Ton und weitere drei im Würgendrosselton. Die Sprüche im Grünen Ton stammen gemäß der Überschrift in der Handschrift von kurz vor Frauenlobs Tod. Jedoch weichen die Sprüche formal von anderen Sprüchen im Grünen Ton in einer weise ab, wie es in späterer meistersingerischer Tradition vorkam. Laut Thomas ist die ein Indiz dafür, dass die Sprüche im grünen Ton nicht als gesichert angesehen werden dürfen. Die drei Sprüche m Würgendrosselton hingegen können durch den Vergleich mit der Weimarer Handschrift f als echt angesehen werden.Thomas, 1939, S. 43–53.
Meistersängerische Handschriften Kolmarer Liederhandschrift (k) Die im 15. Jahrhundert entstandene Kolmarer LiederhandschriftVgl. etwa Gisela Kornrumpf: Die Kolmarer Liederhandschrift. Bemerkungen zur Provenienz. In: „Ja muz ich sonder riuwe sin.“ Festschrift Karl Stackmann. Göttingen 1990, S. 155–169. überliefert mindestens 32 echte Sprüche Frauenlobs und dessen Marienleich, der gesondert vorangestellt den Auftakt der Handschrift bildet. Dies deutet darauf hin, dass Frauenlob von den Verfassern dieser Handschrift, darunter auch ein als AutorVgl. Roland Siegmund: Das „Speyrer Frauenbüchlein“. Medizinische Dissertation, Würzburg 1990, S. X und öfter. und (laien)ärztlich tätigerGundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 243, Korrekturnote. Schreiber, meistersängerischer Tradition hoch geschätzt wurde. Das Frauenlob-Corpus von k umfasst neben dem Marienleich und einem weiteren Leich mehrere hundert Sprüche im Überzarten Ton, Langen Ton, Würgendrüsselton, der Froschweise, im Goldenen Ton, in der Hundeweise und Spiegelweise, im Vergessenen Ton, Neuen Ton, Zarten Ton, Grünen Ton, in der Ritterweise und in der Zugweise. Die Echtheitsfrage bzw. die Frage der Autorschaft ist in k durch die meistersängerische Redaktion besonders komplex und nicht alle Kommentare der Verfasser sind verlässlich. So wird zum Beispiel die Briefweise in der Handschrift k Frauenlob und Regenbogen gemeinsam angerechnet, ist aber durch den Vergleich mit der Großen Heidelberger Liederhandschrift C Regenbogen zuzuordnen. Insgesamt ist jedenfalls davon auszugehen, dass ein Teil der Sprüche in Frauenlobs Tönen von Angehörigen der meistersängerischen Tradition in seiner Manier verfasst wurde. Ebenso ist durch den Hintergrund der meistersängerischen redaktionellen Verzerrung des Originalgutes die Beziehung zwischen Frauenlob und Regenbogen insgesamt nicht klar belegbar, da es sich auch um eine nachträgliche nicht authentische Inszenierung handeln könnte.Baldzuhn, 2002, S. 142–217.
Weimarer Papierhandschrift (f)