Die Geschichte Kretas lässt sich in die vorgeschichtliche und die historische Zeit unterteilen. Die Minoische Kultur (ca. 3000 v. Chr.–ca. 1050 v. Chr.) wird teilweise zur vorgeschichtlichen, teils zur historischen Epoche gerechnet.
Urgeschichte Der Zeitpunkt der ersten Besiedlung Kretas ist nicht bekannt. Spuren möglicher früher Hominiden reichen bis 5,7 Millionen Jahre zurück, der Zeit der Messinischen Salinitätskrise. Im Jahr 2002 entdeckte und 2010 von Forschern bei Trachilos, nahe dem Hafen von Kissamos, untersuchte versteinerte Fußspuren von etwa 50 Abdrücken wären eines der ältesten Zeugnisse menschlicher Vorfahren überhaupt. Die Abdrücke stammen von einem aufrecht gehenden Lebewesen, unterscheiden sich jedoch von denen gewöhnlicher Tiere, wie Bären oder Affen. Neben einem Fußballen weisen fünf Zehen, darunter ein großer Zeh, nach vorn, was auf einen Homininen weist.
Paläolithische Funde von Steinwerkzeugen werden auf ein Alter von mindestens 130.000 Jahren zurückgeführt, sind indes nicht zuverlässig datiert.John Noble Wilford: The New York Times, 15. Februar 2010. Die neun Fundstellen liegen an der Südküste bei Plakias (Kotsifou, Schinaria, Timeos Stavros, Gianniou) und am Unterlauf des Megalopotamos (Preveli), alle in der Gemeinde Agios Vasilios. Curtis Runnels, Steinwerkzeug-Fachmann und Expeditionsteilnehmer in Südkreta, hält nach stilistischen Merkmalen der gefundenen Schaber und Faustkeile ein Alter von 130.000 bis 700.000 Jahren für möglich. Damit stammten sie nicht vom anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens), sondern von einer vorzeitlichen Menschenart, dem Homo heidelbergensis oder dem Neandertaler (Homo neanderthalensis).
Ebenfalls an der Südküste Kretas in der Gemeinde Agios Vasilios wurden an zwanzig Stellen etwa 1600 mesolithische (mittelsteinzeitliche) Steinobjekte entdeckt, beispielsweise Projektilspitzen, Stichel und Schaber. Diese sind bis zu 11.000 Jahre alt. Die Fundstellen befinden sich bei Damnoni, Ammoudi, Schinaria, Timeos Stavros, Preveli und Agios Pavlos. Die archäologische Expedition von 2008/09 unter Leitung von Thomas Strasser hatte das Ziel, Belege für eine vor dem Neolithikum (Jungsteinzeit) erfolgte Besiedlung Kretas zu finden und damit die bis dahin fraglichen mesolithischen Funde aus der Samaria-Schlucht, die hauptsächlich durch Begehung entstanden sein sollten, beweiskräftig zu ersetzen.
Die ersten neolithischen Siedler kamen um 7000 v. Chr. auf die Insel.Petros Drineas, Fotis Tsetsos, Anna Plantinga, Iosif Lazaridis, Evangelia Yannaki, Anna Razou, Katerina Kanaki, Manolis Michalodimitrakis, Francisco Perez-Jimenez, Giustina De Silvestro, Maria C. Renda, John A. Stamatoyannopoulos, Kenneth K. Kidd, Brian L. Browning, Peristera Paschou, George Stamatoyannopoulos: Genetic history of the population of Crete. In: Annals of Human Genetics 83 (2019), S. 373–388, hier: S. 374 (online, PDF). In den neolithischen Siedlungen wurden bisher keine Knochen der endemischen Inselfauna gefunden, sie starb vor Ankunft der ersten bäuerlichen Siedler aus, wie dies auch von anderen Mittelmeerinseln (Zypern, Sardinien, Mallorca) bekannt ist. Erste eindeutige anthropomorphe Zeugnisse stammen aus dem frühen Neolithikum und werden auf etwa 6000 v. Chr. datiert. Hier sind die akeramischen Schichten von Knossos bedeutsam. In dieser Periode betrieb man bereits Ackerbau. Erst seit etwa 5500 v. Chr. wurde Keramik hergestellt. Genetische Untersuchungen erwiesen, dass um 3500 bis 3000 v. Chr. erneut eine starke Zuwanderung aus Anatolien den Osten der Insel erreichte; ähnlich enge Beziehungen bestanden zwischen dem Peloponnes und dem Westen Kretas.
Minoische Zeit mini|Minoische Kultur auf Kreta
Die Minoische Zeit beginnt etwa 3000 v. Chr. und steht einerseits in der Tradition der einheimischen neolithischen Vorgängerkultur, wurde andererseits aber auch durch starke Einflüsse und eventuelle Einwanderung aus Kleinasien befruchtet. Auch die Metallverarbeitung wurde wahrscheinlich aus Kleinasien übernommen. Dies bewirkte einen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung, der sich im Entstehen der „Minoischen“ Kultur niederschlug. Die Minoische Kultur endete im 13. Jahrhundert v. Chr., als sich auf Kreta die Mykenische Kultur vom griechischen Festland durchsetzte.
Archaische und klassische Zeit Nach dem Untergang der minoischen Kultur wurde Kreta von den mykenischen Griechen beherrscht, ihnen folgten seit dem 11. Jahrhundert v. Chr. weitere Eroberer vom griechischen Festland. Auf der Insel bildeten sich eine Anzahl selbstständiger Poleis heraus. Auf die Geschehnisse des griechischen Festlands nahmen diese keinen Einfluss und umgekehrt versuchten die Hauptmächte des antiken Griechenlands – allen voran Sparta und Athen – niemals, Kreta zu erobern. Gering war das Interesse der griechischen Historiker an den Geschehnissen auf der Insel und es gibt daher eher wenige schriftliche Zeugnisse über die Geschichte Kretas.
mini|Theseus und Minotaurus(antikes Mosaik) Über das archaische Zeitalter lässt sich aber mit Sicherheit aussagen: In der Zeit vom 6. bis zum 4. Jahrhundert währte auf der Insel Kreta eine relative Friedensperiode, durch umfassende herrschaftspolitische Maßnahmen (u. a. Gesetze, vgl. das Stadtrecht von Gortys) war oberflächlich ein Ausgleich zwischen den dominierenden aristokratischen Kräften ersichtlich. Erst in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ging die alte aristokratische Ordnung, die stark an den Machterhalt einiger weniger Familien orientiert war, durch Machtkämpfe zwischen diesen zu Grunde.
Die Gesellschaft des archaischen Kretas kann man als recht eigentümlich auffassen. In vielen Merkmalen ähnelte sie der Spartas. Der Adel betrieb Herrschaftspolitik durch Einflussnahme auf die jungen Männer in Form von Päderastie und gemeinsam lebende Jungmannschaften, also Sport- und Kampfgruppen unter einem Paidonomos. Diese Jungmannschaften gingen nach der Volljährigkeit in die Mahlgemeinschaften über, in denen die Bürgerschaft organisiert waren.Stefan Link: Das griechische Kreta: Untersuchungen zu seiner staatlichen und gesellschaftlichen Entwicklung vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. Stuttgart 1994, S. 23 f. Bürger konnte man nur sein, sofern man an den gemeinsamen Mählern, die überwiegend von den wohlhabenden Kretern finanziert wurden, teilnahm. „Regiert“ wurde Kreta durch Kosmen, deren Anzahl pro Stadt differierte. Jenes Amt wurde nach dem Rotationsprinzip an die einflussreichsten Familien vergeben – freilich, um Machtkämpfe zu vermeiden. Wohl einen großen Stellenwert im archaischen Kreta hatte die Familie – ihr Schutz und Erhalt wurde von vielerlei Gesetzen (vgl. das Erbschafts-, Schuld- und Familienrecht der „Großen Inschrift“ von Gortys) gewährleistet. Das wirtschaftliche Potential der Insel wurde durch fortwährende Kriege zwischen den verschiedenen Poleis geschwächt.
Hellenismus und römische Kaiserzeit mini|Personifikation Kretas, Haus des Theseus, Paphos (Zypern), 4. Jahrhundert n. Chr. mini|Stele von Hierapytna, 2. Jahrhundert v. Chr., Archäologisches Nationalmuseum Venedig Der Spartanerkönig Agis III. setzte, als Alexander der Große in Kleinasien stand und einen ersten Sieg gegen das Perserreich errungen hatte, 333 v. Chr. noch immer auf die persische Karte. Durch seinen Bruder und Mitregenten Agesilaos ließ er Kreta besetzen. Im Frühjahr 332 v. Chr. begannen die makedonischen Nauarchen Hegelochos und Amphoteros die Inseln zu besetzen – von Tenedos und Chios bis nach Kos und schließlich Lesbos. Amphoteros unterwarf schließlich die kretischen Stützpunkte.
Zwischen 267 und 261 v. Chr. intervenierten die ägyptischen Ptolemäer auf Kreta, aber sie konnten die Insel, zwischen deren Städten der Krieg zum Dauerzustand geworden war, nicht befrieden. 220 folgte eine Intervention Philipps V. von Makedonien, der mit der kretischen Stadt Gortyn verbündet war. Er konnte die Verhältnisse auf Kreta stabilisieren, zog aber die Kreter in seinen Konflikt mit der römischen Republik hinein. In den Makedonischen Kriegen zwischen 214 und 196 war Kreta mit Philipp verbündet, ohne dass sich die Niederlagen des Königs auf die Insel auswirkten. Der römische Sieg führte nur zur erneuten Unabhängigkeit der kretischen Städte und die alten Rivalitäten zwischen Knossos, Cydonia und Gortyna flammten unverzüglich wieder auf. Der römische Senat schickte mehrfach (184, 180 und 174 v. Chr.) Gesandte als Vermittler, ohne dass diese etwas bewirkten. Die Instabilität Kretas bot den besten Nährboden für Piraten und Sklavenhändler, die auf der Insel leicht Unterschlupf fanden und mit dieser oder jener Stadt paktierten. Die Rhodier, als wichtigste griechische Handelsmacht jener Zeit, versuchten die Situation zu ordnen und unternahmen 154 v. Chr. einen Kriegszug nach Kreta. Sie wurden jedoch vernichtend geschlagen. Nur eine römische Intervention verhinderte die totale Niederlage.
Im ersten Jahrhundert v. Chr. begannen die Römer ernsthafter gegen die Piraten in der Ägäis vorzugehen. 74 v. Chr. ordnete der Senat deshalb die Eroberung Kretas an. Der erste Versuch unter dem Befehl des Marcus Antonius war schlecht vorbereitet und es standen zu wenig Schiffe und Truppen zur Verfügung. Antonius erlitt eine herbe Niederlage und viele Römer gerieten in Gefangenschaft. Unterdessen verhinderte der Krieg gegen Mithridates von Pontus und der Aufstand des Spartacus für einige Jahre einen neuen römischen Eroberungsversuch.
mini|Kreta in römischer Zeit 69 v. Chr. wurde der Konsul Quintus Caecilius Metellus vom Senat mit der Eroberung Kretas beauftragt. Mit Erfolg nahm er eine kretische Stadt nach der anderen ein, während Pompeius die Piraten zur See bekämpfte. Die geschlagenen Kreter wollten sich nur Pompeius unterwerfen und dieser nahm diese Unterwerfung an, obwohl Quintus Caecilius Metellus der eigentliche Eroberer war und Kreta zur römischen Provinz machte. Nicht nur dieser selbst, sondern die ganze gens der Meteller haben das Pompeius sehr verübelt. In Rom feierte er einen Triumph und nahm das Cognomen Creticus an.
Einmal befriedet fanden sich die Kreter ohne Widerstand mit der römischen Herrschaft ab. Die Insel war eine der ruhigsten Provinzen des ganzen Imperiums. Unter Kaiser Augustus wurde sie mit Gebieten in Libyen zur Provinz Creta et Cyrenaica vereinigt. Kaiser Diocletian trennte beide Gebiete 298 n. Chr. und bildete eine eigene Provinz Kreta. Im 3. und 4. Jahrhundert verbreitete sich das Christentum auf der Insel.
Im Jahr 365 wurde Kreta von einem sehr starken Erdbeben erschüttert. Dieses Erdbeben vor Kreta 365 richtete nicht nur in Kreta, sondern in den meisten Anrainerstaaten des östlichen Mittelmeeres Verwüstungen an.
Byzantinisches Reich (395–1204) und Sarazenenherrschaft (826–961) In den Zeiten der Völkerwanderung blieb Kreta von Eroberungsversuchen germanischer und slawischer Völkerschaften verschont, sieht man von einem Zug slawischer Seefahrer im Jahr 623 ab, die möglicherweise in der Absicht kamen, dort zu siedeln.Michael Wilhelm Weithmann: Slaven auf der griechischen Halbinsel. Tofenik 1978, S. 27 und S. 147 bezieht sich auf die Chronik des Thomas Presbyter von Emesa aus dem 7. Jahrhundert (E. W. Brooks, I. B. Chabot (Hrsg.): Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium. Löwen 1907, 115). Hingegen sprechen ihnen Klaus Gallas, Klaus Wessel, Manolis Borboudakis: Byzantinisches Kreta, Hirmer, 1983, S. 16, jede Siedlungsintention ab, sondern halten sie für Plünderer.
674 erfolgte ein erster arabischer Angriff, 692 ein weiterer. Irgendwann zwischen 718 und 1138 kam es zu einer verstärkten Zuwanderung aus Zypern.Petros Drineas, Fotis Tsetsos, Anna Plantinga, Iosif Lazaridis, Evangelia Yannaki, Anna Razou, Katerina Kanaki, Manolis Michalodimitrakis, Francisco Perez-Jimenez, Giustina De Silvestro, Maria C. Renda, John A. Stamatoyannopoulos, Kenneth K. Kidd, Brian L. Browning, Peristera Paschou, George Stamatoyannopoulos: Genetic history of the population of Crete. In: Annals of Human Genetics 83 (2019), S. 373–388, hier: S. 385 (online, PDF).