Niamey [] ist die Hauptstadt von Niger. Mit über zwei Millionen Einwohnern ist es die mit Abstand bevölkerungsreichste Stadt des rund 26 Millionen Einwohner zählenden Landes. Die Millionenstadt am Strom Niger ist das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes.
Im Vergleich mit anderen Großstädten Nigers wie Agadez und Zinder ist Niamey eine junge Stadt, die erst im 20. Jahrhundert in einem zuvor nur aus kleinen Dörfern bestehenden Gebiet von der damaligen Kolonialmacht Frankreich angelegt wurde. Von 1903 bis 1910 und dann endgültig ab 1926 wurde Niamey an Stelle von Zinder Hauptstadt der französischen Kolonie Niger, eines Bestandteils von Französisch-Westafrika, der 1945 zum französischen Überseeterritorium wurde. Seit der Unabhängigkeit Nigers im Jahr 1960 ist Niamey die Hauptstadt eines der ärmsten Länder der Welt und mit ihrer im Vergleich zu den ländlichen Regionen des Landes besseren Infrastruktur von ungebrochener Anziehungskraft für Zuwanderer.
Geographie Lage mini|Straßenszene im Stadtviertel Yantala Bas
Die Stadt liegt im Südwesten des Landes beiderseits des Flusses Niger. Das linke und das rechte Flussufer sind durch drei Straßenbrücken verbunden. Die Lage am Fluss prägt die in der semiariden Sahelzone gelegene Stadt, deren Gebiet von Grüngürteln durchzogen ist. 2688 Hektar des Stadtgebiets sind Grünflächen,Ndèye Fatou Diop Guèye, Salimata Seck Wone, Moussa Sy: Agriculteurs dans les villes ouest-africaines. Enjeux fonciers et accès à l’eau. IAGU, Dakar 2009, ISBN 978-2-8111-0179-4, S. 109. wovon 255 Hektar als Waldschutzgebiet gelten.Annuaire statistique 2003–2007. Institut National de la Statistique, Niamey 2008 (Online-Version (PDF; 1,19 MB)), S. 208. Niamey ist vollständig von der Region Tilláberi und deren Departement Kollo umgeben. Die Nachbargemeinden Niameys sind Karma im Nordwesten, Hamdallaye im Nordosten, Liboré im Südosten und Bitinkodji im Südwesten.
Stadtgliederung Niamey besteht aus fünf Arrondissements: Niamey I, Niamey II, Niamey III und Niamey IV am linken Niger-Ufer sowie Niamey V am rechten Niger-Ufer. Die fünf Arrondissements sind in kleinere Verwaltungseinheiten gegliedert: Es gibt in Niamey insgesamt 106 Stadtviertel, 31 Dörfer und 56 Weiler.
Das überschaubare Stadtzentrum von Niamey erstreckt sich über Teile der Arrondissements Niamey I, Niamey II und Niamey III am linken Flussufer.Dominique Auzias, Jean-Paul Labourdette: Niger 2009. Nouvelle édition de l’Université, Paris 2009, ISBN 2-7469-1640-1, S. 87. Die Auffahrt zur Kennedybrücke setzt sich in einem von der Rue de Gaweye, der Rue du Commerce und der Rue de Kalley gebildeten Straßenzug fort, der annähernd rechtwinklig zum Fluss verläuft. Das im Südwesten direkt an den Fluss grenzende Stadtzentrum liegt beiderseits dieses Straßenzugs. Die großen Stadtteile Plateau im Nordwesten und Terminus im Südosten bilden seine Ausläufer. Das Stadtzentrum und die umliegenden Viertel sind dicht besiedelt und bilden gleichzeitig die Handelszentren der Stadt. Wie in ganz Niamey prägen auch im Zentrum Lehmhäuser das Stadtbild. In den Stadtvierteln an der Peripherie sind die wenigen Villen westlichen Zuschnitts zu finden, die von der politischen und wirtschaftlichen Oberschicht bewohnt werden. Die eingemeindeten Dörfer am Stadtrand haben ihren ländlichen Charakter beibehalten. Hinzu kommt eine steigende Anzahl informeller Siedlungen, die neben Lehmhäusern vor allem durch Strohhütten gekennzeichnet sind.
Geologie und Klima Die Stadt liegt am westlichen Rand eines in geologischer Hinsicht zum Erdzeitalter Tertiär gehörenden Gebiets, das sich in Richtung Osten bis in die Region Tahoua erstreckt.Thomas Krings: Sahelländer. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-11860-X, S. 106. Niamey besitzt ein semiarides Klima. Die höchsten Niederschlagsmengen gibt es in den Monaten Mai bis September. Der Fluss Niger hat in Niamey in den Monaten April bis Juni den niedrigsten Wasserstand. Gemessen an monatlichen Durchschnittswerten fließen bei Niedrigwasser in Niamey zwischen 22 und 99 Kubikmeter Wasser in der Sekunde durch das Flussbett. Die höchsten monatlichen Durchschnittswerte werden mit 1660 bis 1880 Kubikmeter Wasser in der Sekunde erreicht. 2007 wurden ein minimaler Temperaturmittelwert von 23,5 Grad Celsius und ein maximaler Temperaturmittelwert von 36,6 Grad Celsius gemessen. Im selben Jahr gab es 47 Regentage, die Niederschlagsmenge betrug 523,3 mm.Annuaire statistique 2003–2007. Institut National de la Statistique, Niamey 2008 (Online-Version (PDF; 1,19 MB)), S. 34–35, 58 u. 72. Niamey ist von Smog betroffen, der besonders durch brennende Mülldeponien entsteht und durch die Kessellage der Stadt begünstigt wird.Thomas Krings: Sahelländer. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-11860-X, S. 88.
Geschichte Entstehung Die Stadt Niamey entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts.Jolijn Geels: Niger. Bradt, Chalfont St Peter 2006, ISBN 1-84162-152-8, S. 93. Der Rang als Vorgängersiedlung ist zwischen Goudel, Kalley, Maourey, Saga und Yantala umstritten. Die ursprünglichen Bewohner in der Region waren Songhai, die sich im 18. Jahrhundert mit Kallé, einer Untergruppe der Zarma, vermischten.Thomas Krings: Sahelländer. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-11860-X, S. 101. Europäische Entdecker und Eroberer kamen erst relativ spät in das Gebiet, das an keiner wichtigen Handelsroute lag und von den Afrikaforschern Heinrich Barth und Charles Monteil, die andere Teile Nigers bereisten, unberührt blieb.
Niamey als topographische Bezeichnung tauchte erstmals um 1898 in Berichten der Mission Hourst auf, einer hydrographischen Expedition unter der Leitung des französischen Offiziers Émile Auguste Léon Hourst. Zur Herkunft und Bedeutung des Namens Niamey gibt es verschiedene Legenden. Eine besagt, eine alte Frau hätte an einer bestimmten Stelle am Fluss Wasser entnommen, an der dann die erste Siedlung entstand: Der Name Niamey käme demnach von Nya-me, das Wasserstelle der Mutter bedeutet. Eine andere Legende führt den Namen auf ein Oberhaupt des Kallé-Clans zurück, das zu seinen Sklaven gesagt haben soll: „Oua niammané“ (Nehmt dieses Land).
Unter französischer Herrschaft mini|Ausschnitt einer Karte von 1903 mit Niamey im Zentrum
Die eigentliche Geburtsstunde der Stadt schlug am 15. Mai 1902 durch die Einrichtung des französischen Militärpostens Niamey unter Hauptmann Henri Salaman. Im Wettlauf um Afrika stießen in diesem Teil der Sahelzone französische auf britische Territorialansprüche. Eine von 1901 bis 1903 dauernde Dürreperiode in der Sahelzone bewirkte, dass sich Flüchtlinge aus ländlichen Gebieten in Niamey niederließen. 1903 wurde Niamey Verwaltungssitz des Territoire Militaire du Niger. Dieses französische Militärterritorium erstreckte sich anfangs von Gao und Timbuktu im Westen bis N’Guigmi im Osten. Mit 1. Januar 1911 wurde der Verwaltungssitz des Militärterritoriums von Niamey in die weiter östlich gelegene alte Stadt Zinder verlegt. Die Dürreperioden von 1913 und 1914 brachten eine zweite Welle von Migranten nach Niamey. 1920 erhielt das Militärterritorium eine Zivilverwaltung, 1922 wurde es in die französische Nigerkolonie umgewandelt.
mini|links|Niamey im Jahr 1930 (Luftaufnahme von Walter Mittelholzer) Unter Jules Brévié, dem bis 1929 amtierenden ersten Gouverneur der neuen Kolonie, wurde mit 28. Dezember 1926 die Hauptstadt der Nigerkolonie von Zinder nach Niamey verlegt. Dafür waren mehrere Gründe ausschlaggebend: Niamey war von den französischen Kolonien Obervolta, Mali und Dahomey verkehrstechnisch besser zu erreichen als Zinder.Thomas Krings: Sahelländer. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-11860-X, S. 100. Umgekehrt lag Zinder zu nahe bei der britischen Kolonie Nigeria. Außerdem herrschte in Zinder aufgrund der steigenden Einwohnerzahl Wasserknappheit.Jolijn Geels: Niger. Bradt, Chalfont St Peter 2006, ISBN 1-84162-152-8, S. 94. Das europäische Viertel Niameys befand sich auf zwei Plateaus rund vierzig Meter oberhalb des Flusses. Die Wohngebiete der afrikanischen Zuwanderer gruppierten sich, im Schachbrettmuster angelegt, um das europäische Viertel. Eine dritte Welle von Landbewohnern, die wegen Ernteausfällen im Gebiet um Niamey flüchten mussten, erreichte die Stadt in den Jahren 1931 und 1932. Auch wenn viele der Flüchtlinge wieder in die ländlichen Gebiete zurückkehrten, führte die dritte Welle zur Bildung neuer Stadtviertel. 1931 erhielt Niamey den Rang eines Kantons.
Von den Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg war Niamey nicht direkt betroffen. Ganz Französisch-Westafrika unterstand dem Vichy-Regime und wehrte noch 1942 einen Angriff der Alliierten auf die Hauptstadt Dakar ab. Erst nach der Gründung des Französischen Komitees für die Nationale Befreiung im Jahr 1943 wechselte Französisch-Westafrika auf die Seite der Forces françaises libres.Pierre Montagnon: La France coloniale. La gloire de l’Empire. Du temps des croisades à la seconde guerre mondiale. Bd. 2, Pygmalion/Watelet, Paris 1990, S. 60–63. Bis 1945, als die Einwohnerzahl rund 8000 betrug, hatte Niamey ein kontinuierliches Bevölkerungswachstum. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl sprunghaft an. Die französische Kolonialverwaltung in Niamey warb gezielt um gebildete Bevölkerungsschichten aus den umliegenden Kolonien. Ferner ließen sich viele Nigrer aus wirtschaftlichen Erwägungen in der Hauptstadt nieder. In den späten 1940er und den 1950er Jahren wurde ein umfangreiches Bauprogramm realisiert. Neben Wohngebäuden wurden unter anderem ein Rathaus, ein Krankenhaus und mehrere Schulen errichtet. Die Stadt breitete sich in Richtung Nordosten und entlang des steilen Flussufers aus.Dominique Auzias, Jean-Paul Labourdette: Niger 2009. Nouvelle édition de l’Université, Paris 2009, ISBN 2-7469-1640-1, S. 90.
1954 wurde Niamey zu einer Commune mixte de 1er degré (deutsch etwa Stadt- und Landgemeinde ersten Grades) erhoben; dies war die Grundlage für eine ausgeprägte eigenständige Stadtverwaltung. Auf das Streben nach mehr Unabhängigkeit vom Mutterland reagierte die französische Kolonialverwaltung, indem sie schrittweise eine lokale Selbstverwaltung durch Nigrer einführte. Vor diesem Hintergrund wurde 1956 Djibo Bakary, der ein Jahr später stellvertretender Regierungschef Nigers wurde, der erste gewählte Bürgermeister Niameys.Alison Behnke: Niger in Pictures. Twenty-First Century Books, Minneapolis 2008, ISBN 978-0-8225-7147-6, S. 28. 1959 wurde die Commune mixte de 1er degré jedoch wieder aufgelöst. Die Verwaltung der Stadt wurde einer Sonderkommission unter der Leitung eines Präsidenten übertragen.
Seit der Unabhängigkeit des Niger mini|Kennedybrücke am Niger, eröffnet 1970
Mit der Unabhängigkeit des Staates Niger im Jahr 1960 wurde Niamey dessen Hauptstadt. Bereits 1961 wurde die apostolische Präfektur Niamey zum Bistum erhoben, mit Hippolyte Berlier als erstem römisch-katholischen Bischof von Niamey. 1963 übernahmen ein Administrator und zwei Stellvertreter die Verwaltung der Hauptstadt. Mit der landesweiten Verwaltungsreform von 1966 wurde ein vom Präsidenten der Republik ernannter Bürgermeister an die Spitze der Stadtverwaltung gestellt. Nicht zuletzt aufgrund von Hungersnöten in den 1960er und 1970er Jahren setzte sich das rapide Bevölkerungswachstum in Niamey fort. Die Errichtung der Kennedybrücke über den Fluss Niger von 1967 bis 1970 begünstigte die stärkere Besiedelung der rechten Flussseite. 1984 wurde Niamey in fünf Distrikte mit der Verwaltung durch Distriktsleiter eingeteilt; jedes hatte einen Préfet-Maire (Präfekt-Bürgermeister).