Zgorzelec [] (, Görlitz, , ) ist eine Stadt am östlichen Ufer der Lausitzer Neiße. Sie liegt im östlichen Teil der Oberlausitz und ist deren viertgrößte Stadt. Zgorzelec ist Kreisstadt des Powiat Zgorzelecki der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Zgorzelec hat etwa 30.400 Einwohner und ist Sitz der gleichnamigen Landgemeinde, der sie nicht angehört.
Sie ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der folgenden Grenzziehung entlang der Oder-Neiße-Linie die polnische Nachbarstadt der deutschen Stadt Görlitz, deren Oststadt sie einst war. Die verstärkte Besiedlung der Ostvorstadt begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die historische Gründerzeit-Bebauung an der Stadtbrücke kündet von der damaligen Ausdehnung des Görlitzer Stadtgebietes. Der Stadtteil wurde stark durch das Militär und seine Kasernenbauten geprägt.
Heute ist sie Mitglied der Euroregion Neiße und erklärte sich 1998 zusammen mit Görlitz zu einer gemeinsamen Europastadt.
Geographie mini|links|Görlitz und seine Nachbarorte auf einer Landkarte von 1905
Geographische Lage Die Stadt liegt in Niederschlesien im polnischen Teil der Oberlausitz östlich der Lausitzer Neiße, die dort den östlichen Rand des Lausitzer Granitmassivs mit den Ausläufern des böhmisch-lausitzischen Grenzgebirges durchbricht. Sie befindet sich am Übergang zwischen dem nördlichen Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet und dem südlichen Lausitzer Bergland. Südlich des Plateaus des Neißedurchbruchtales mündet das Czerwona Woda (Rothwasser) in die Neiße. Auf dem Plateau oberhalb der Neiße befindet sich das sogenannte Jägerwäldchen.
Nordöstlich um die Stadt schließt sich die Görlitzer Heide an, ein großes Waldgebiet, das bis zur Teilung der Stadt 1945 im Besitz der Stadt war. Das heutige Stadtgebiet von Zgorzelec liegt auf etwa , wohingegen sich die Uferregionen an der Neiße auf etwa befinden. Die höchste Erhebung ist der Drewniak (Jäckelsberg, ehem. auch Holzberg) im südlichen Stadtteil Ujazd mit einer Höhe von , gefolgt vom Mojeska Góra (Langer Berg) südöstlich des kommunalen Friedhofs mit und dem Krucze Wzgórze (auch Krucza Góra; Rabenberg) in der Neißevorstadt mit Der auf etwa gelegene Ausblick von der sogenannten Felsenkanzel auf den gegenüberliegenden Weinberg, die Landskronbrauerei und das etwa 30 Meter tieferliegende Durchbruchtal der Neiße ist mittlerweile zugewachsen.
Der 15. Meridian östlicher Länge durchquert die Stadt. Während der Winterzeit stimmt die mittlere Sonnenzeit von Zgorzelec mit der Mitteleuropäischen Zeit überein. Eine gepflasterte Linie kreuzt seit 2012 die Ulica Daszyńskiego, den Verlauf des Meridians symbolisierend. Die Stadt liegt auf 51° 08′ nördlicher Breite.
Die nächsten größeren Städte sind Cottbus etwa 80 Kilometer nordwestlich, das niederschlesische Legnica (Liegnitz) etwa 80 Kilometer östlich und das tschechische Liberec (Reichenberg) etwa 50 Kilometer südlich von Zgorzelec. Die niederschlesische Woiwodschaftshauptstadt Breslau ist etwa 150 Kilometer entfernt.
Geologie Das Stadtgebiet befindet sich zum großen Teil auf Lausitzer Grauwacke. Nur das Gebiet südlich der Stadtbrücke ist auf Lausitzer Granodiorit gelegen. Die Grenze zwischen beiden Gesteinsschichten verläuft in etwa von der Stadtbrücke über die Ulica Marszałka Józefa Piłsudskiego, weiter über die Ulica Ignacego Daszyńskiego und die Ulica Bohaterów II Armii Wojska Polskiego.
Die Grauwacke setzt sich aus Biotit, grauem Quarz und hellem Feldspat mit Schichten aus feinkörniger Grauwacke und dichten Grauwackenschiefern zusammen. Südlich des Neißeviaduktes, auf Höhe der Einmündung des Rothwassers, endet die vom harten Granodiorit verursachte Einengung des Neißetals.
Ausdehnung des Stadtgebiets Die Stadt hat eine ungefähre Nord-Süd-Ausdehnung von 7,1 Kilometern und eine Ost-West-Ausdehnung von ca. 3,6 Kilometern. Sie erstreckt sich über eine Fläche von insgesamt 15,88 Quadratkilometern. Insgesamt werden 614 Hektar landwirtschaftlich genutzt. Das entspricht 38,6 Prozent der Stadtfläche. Bewaldete Gebiete nehmen mit 49,3 Hektar 3,1 Prozent des Stadtgebiets ein.
Der nördlichste Punkt der Stadt befindet sich nördlich der Autobahn 4 nahe der Neiße, der südlichste Punkt liegt an der südlichen Ausfallstraße Ulica Łużycka in Höhe des ehemaligen Stalag VIII A. Die westlichste Punkt ist das Neißeufer unterhalb des Neißeviaduktes, der östlichste liegt nördlich der Bahnstrecke nach Lubań im Wohnviertel östlich der Ortsumgehungsstraße Ulica Cmentarna.
Stadtgliederung
mini|Die historische Neißevorstadt, dahinter erhebt sich eine neuzeitliche Plattenbausiedlung
Das historische Areal der Görlitzer Ostvorstadt liegt unterhalb des Raben- und Töpferberges. In den Gründerzeitjahren schlossen sich neue Wohngebiete an das historische Viertel an. So entstanden beispielsweise die gründerzeitlichen Straßenzüge in Höhe der Reichenberger Brücke, die Gartenstadt auf dem Rabenberg, die Mietshäuser rund um die Kasernen der Ostvorstadt sowie die Frontkämpfersiedlung östlich der Eisenbahnlinie nach Węgliniec (Kohlfurt). Nach 1945 entstanden wie in anderen polnischen Städten Neubaugebiete in Plattenbauweise, die die typische Bebauungshöhe der Vorzeit überschreiten und somit stark in das historische Stadtbild eingreifen. Zum Teil befinden sie sich in einem äußerlich ruinösen Zustand. Die einstige Frontkämpfersiedlung östlich der Bahnstrecke nach Węgliniec wurde zu einer ausgedehnten Ein- und Mehrfamilienhaussiedlung erweitert, an die sich das Gewerbegebiet in Richtung Łagów (Leopoldshain) anschließt.
Südlich der Eisenbahnlinie nach Wałbrzych (Waldenburg) schließt sich der Stadtteil Ujazd (Moys) an. Er ist durch eine eher kleinstädtische Bebauung geprägt. Das restliche Stadtgebiet ist in folgende sechs Viertel (Dzielnica) und Siedlungen (Osiedle) unterteilt: Dzielnica Północ (Nordviertel), Przedmieście Nyskie (Neißevorstadt), Osiedle Zachód (Westsiedlung), Osiedle Centralne (Zentralsiedlung), Śródmieście (Innenstadt) und Osiedle Słoneczne (Sonnensiedlung).
Nachbargemeinden An die Stadtgrenze stoßen die Gmina Zgorzelec (Landgemeinde Zgorzelec) und die deutsche Nachbarstadt Görlitz. Die Landgemeinde umschließt die Stadt im Norden, Süden und Osten. Zu den größeren Städten in der Umgebung zählen Pieńsk (Penzig) im Norden, Lubań (Lauban) im Osten, Zawidów (Seidenberg) und Bogatynia (Reichenau i. Sachsen) im Süden.
Klima Die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur in den Sommermonaten liegt bei über 20 °C, die durchschnittlichen nächtlichen Tiefstwerte in den Wintermonaten bei 0 bis −5 °C. Der feuchteste Monat ist der August mit einer mittleren Niederschlagsmenge von 74 mm. Der Februar ist hingegen mit rund 37 mm der trockenste Monat. Die durchschnittliche Lufttemperatur in Zgorzelec beträgt 8,2 °C, der jährliche Niederschlag 657 Millimeter. Die durchschnittliche Dauer der Vegetationsperiode mit mehr als 5 °C beträgt 220 Tage.
Die längste Sonnenscheindauer herrscht im Juli mit täglich rund sieben Stunden. Im Dezember beträgt die Sonnenscheindauer durchschnittlich nur eine Stunde und 30 Minuten pro Tag.
Die Daten der darunterstehenden Klimatabelle stammen von der Wetterwarte Görlitz, dem deutschen Teil der Doppelstadt.
Geschichte mini|Bereits auf dem kolorierten Kupferstich von 1575 sind im Vordergrund rund um die Neißebrücke erste Häuser zu sehen mini|Belagerung der Stadt durch kaiserlich-kursächsische Truppen, die Neißevorstadt ist bis auf die Bebauung am Brückenkopf der Altstadtbrücke niedergelegt
Vorstadt außerhalb der Stadtmauer Das heutige Zgorzelec war bis 1945 die östlich der Neiße gelegene Vorstadt von Görlitz und somit ist ein Großteil der Geschichte eng mit der Entwicklung der Stadt Görlitz verbunden. An der Stelle der heutigen Altstadtbrücke verband schon seit langer Zeit ein Brückenbauwerk beide Uferseiten der Neiße. Die Brücke war weit und breit der einzige Übergangspunkt für schwere Fuhrwerke. So bündelte sich in der Görlitzer Vorstadt rechts der Neiße der damalige Fernverkehr aus Breslau, Bunzlau, Friedland, Lauban, Prag, Reichenberg, Sagan, Schönberg und Seidenberg sowie der Nahverkehr aus den reichen Dörfern östlich der Neiße. Ein Großteil des bedeutenden Verkehrs auf den wenigen Straßen der Neißevorstadt sank erst mit dem Bau der Eisenbahn 1847 sowie mit der Eröffnung der Reichenberger Brücke 1875 (heute: Johannes-Paul-II.-Stadtbrücke) südlich der Altstadtbrücke.
Der Spitalturm am Ostufer der Brücke bildete das Vorwerk des Neißetores auf der westlichen Neißeseite und sicherte die Neißeüberquerung gegen Angriffe von Osten. Die Stadtmauer umschloss jedoch nur die Stadtteile westlich der Neiße. Um den Spitalturm entwickelte sich im Laufe der Jahre die Ostvorstadt unterhalb des Raben- und Töpferberges. Sie umfasste am Beginn nur wenige Straßen. Die Vorstadt litt oft unter Wassermangel. Erst 1845 wurde eine Wasserleitung über die Neiße verlegt. Seit 1878 wurde die Vorstadt auch über das Wasserwerk an den Leschwitzer Wiesen im heutigen Weinhübel versorgt. Die erste Erweiterung der Vorstadt erfolgte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit der Anlage der Laubaner Straße. 1522 folgte die zweite durch die Anlage des Neustädtchens.
Schwer gelitten hat die Vorstadt während der Hussitenkriege, der Belagerung der schwedisch besetzten Stadt durch kursächsisch-kaiserliche Truppen 1641 und im Krieg von 1813 sowie durch Feuersbrünste von 1525, 1726, 1807 und 1811.
Ausdehnung der Vorstadt im 19. Jahrhundert und Entwicklung zum Militärstandort Im 19. Jahrhundert nahm die Bevölkerungszahl in Görlitz stark zu. Auch die östliche Vorstadt erlebte in den Gründerzeitjahren einen Bauboom. Die dritte Erweiterung fand nach der Eröffnung der Reichenberger Brücke rund um das ehemalige Gasthaus Stadt Prag statt. Als vierte Erweiterung gilt die verstärkte Besiedlung des Rabenberges – diese Siedlung wurde 1910 als Gartenstadt angelegt. Im Jahr 1929 entstand das Wohlfahrtshaus des Diakonischen Werks an der Wasserpforte (Ulica Nadbrzeżna), einer Nebenstraße der Breslauer Straße (Ulica Wrocławska).
Im Jahr 1876 legte die Stadt für die Bebauung mehrere Grundsätze fest. An den Neißeübergängen sollten Plätze angelegt sowie zwischen der Reichenberger Brücke und dem Viadukt Promenadenstraßen errichtet werden. Auch Parkanlagen waren zwischen dem Viadukt und der Reichenberger Brücke vorgesehen. Die Bebauung an den Straßen sollte breite Vorgärten erhalten. Die nächste Überarbeitung des Planes im Jahr 1885 sah ein regelmäßiges Rechteckmuster für die Straßenverläufe vor, das auf keine Geländebewegung Rücksicht nahm. Ein weiterer Bebauungsplan von 1899 verwarf das Rechteckmuster, passte den Straßenverlauf an die Geländeverhältnisse an und beschränkte sich weiterhin nur auf das südliche Gebiet. Ausgangspunkt für den Plan war ein projektierter dritter Neißeübergang in der Verlängerung der Emmerichstraße. In dieser Zeit entstand auch das Neorenaissanceeckhaus, das heute das Zgorzelecer Rathaus beherbergt.
mini|Blick über das Ausstellungsgelände der Niederschlesischen Gewerbe- und Industrieausstellung in Richtung Ruhmeshalle im Jahr 1905 Im Jahr 1905 fand auf Friedrichsplatz (Plac Jerzego Popiełuszki) und im Park südlich der Ruhmeshalle die Niederschlesische Gewerbe- und Industrieausstellung statt. Auf ca. 16,4 Hektar boten 114 Aussteller in zahlreichen Pavillons ihre Waren dar.
Der Ausbau zur preußischen Garnisonsstadt hinterließ seine Spuren in der Ostvorstadt. Drei Kasernen entstanden am damaligen Stadtrand, die Neue Kaserne (1896) (seit 1938: Courbière-Kaserne) an der Trotzendorfstraße (Ulica Armii Krajowej), die Kleist-Kaserne (1935) an der Kleiststraße (Ulica Bohaterów II Armii Wojska Polskiego) und die Winterfeldt-Kaserne (1936) an der Elsa-Brandström-Straße (Ulica Elizy Orzeszkowej). Die Gründerzeitbauten, die ehemaligen Kasernen und die Wohnbebauung der 1920/30er Jahren künden noch heute von dem aufstrebenden Stadtteil. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde am 30. Juni 1935 die Frontkämpfersiedlung eingeweiht.