mini|Plan der Ruinenstadt Butrint Butrint (; ; ; ) ist eine Ruinenstadt im Süden Albaniens, rund 20 Kilometer südlich der Stadt Saranda gelegen. Sie dehnt sich auf einer Halbinsel aus, die im Norden und Osten vom Butrintsee und im Süden vom Vivar-Kanal, der nach rund zweieinhalb Kilometern ins Ionische Meer mündet, umgeben ist. In Sichtweite liegt die griechische Insel Korfu.

In Butrint hinterließen zahlreiche Kulturen ihre Spuren, umgekehrt wurden sie aber auch von Butrint geprägt. So kommt Butrint in den Werken berühmter antiker Autoren vor, wie zum Beispiel bei Hekataios von MiletFGrH 1, Fragment 1 oder in der Aeneis von Vergil. Als städtisches Zentrum einer weiten Region kam sie zu Reichtum und Macht, wovon die zahlreichen Profan- und Prachtbauten, Straßen und Festungsanlagen zeugen. Durch die Kombination seiner ruhigen Umgebung an einer Lagune und seinen historischen Monumenten zog die Stadt auch Grand Touristen des 18. und 19. Jahrhunderts an, die sie als eine Landschaft mit Monumenten bezeichneten. Unter anderem besuchte Edward Lear die historische Stätte, um sich von ihr inspirieren zu lassen.

Butrint zählt heute zu den beliebtesten Touristenzielen Albaniens und zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten des Landes. 1992 wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und gehört zusammen mit der benachbarten Höhensiedlung Kalivo und den architektonisch einzigartigen Städten von Berat und Gjirokastra zu den Welterbestätten des Mittelmeerstaates.

Geschichte Gründungsmythen Es existieren zwei Gründungsmythen. Eine führt die Entstehung der Stadt auf einen Gründer gleichen Namens zurück.Stephanos Byzantinos s. v. . Die andere weist Helenos, einem Sohn des trojanischen Königs Priamos, die wesentliche Rolle zu: Er habe demnach auf der Flucht aus dem brennenden Troja nach der Landung beim heutigen Butrint im Rahmen eines Rituals einen Stier opfern wollen, doch sei dieser geflohen, habe die Lagune durchquert und sei am gegenüberliegenden Ufer tot zusammengebrochen. So leite sich der Name der Stadt von ab, dem griechischen Wort für Stier.Halil Myrto: Albania archeologica. Bibliografia sistematica dei centri antichi, Bd. 1, Edipuglia, Bari 1998, S. 50–51.

Neben den griechischen Mythen gibt es von Butrint auch eine Legende aus der römischen Mythologie. Der Aeneis nach soll Butrint vom Helden Aeneas besucht worden sein, als es ihn nach seiner Flucht aus dem brennenden Troja in die Region Epirus verschlug, bevor er später nach Latium kam und zum Stammvater der Römer wurde. In Butrint trifft er auf Andromache und Helenos, die, ebenfalls aus Troja entkommen, über Chaonia herrschen.Vergil, Aeneis. 3. Buch, Vers 292–505 (online)

Griechische Zeit mini|Blick vom venezianischen Kastell nach Süden über die Agora mit dem Theater und über den Vivar-Kanal, der heute viel schmaler ist als in der Gründungszeit der Stadt Ursprünglich war Butrint eine epirotische Stadt; die Bevölkerung bestand aus Illyrern und Griechen. Sie war einer der Hauptorte der Chaonier, einem der drei großen epirotischen Stämme. Die ältesten Funde stammen aus der Zeit vom 10. bis zum 8. Jahrhundert v. Chr. Jedoch gibt es im benachbarten Kalivo schon Funde aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. Die auf einem Hügel östlich von Butrint gelegene Siedlung am Butrintsee war von einer Mauer umschlossen und wird als das mögliche Troja von Vergil angesehen. Ausgrabungen haben protokorinthische Töpferwaren aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. zu Tage gebracht. Auch schwarzfigurige Keramik vom 6. Jahrhundert v. Chr. aus Korinth und Attika wurde gefunden. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. existierte eine Befestigung auf der Akropolis.

Im 4. Jahrhundert v. Chr. konnten die Molosser ihre politische Stellung in Epirus stärken, und unter ihrer Führung gründeten sie mit einigen Stämmen einen Koinon, der weite Teile der Region umfasste. Butrint war der führende Ort in diesem Bund und wurde zu dieser Zeit sprachlich und kulturell weitgehend hellenisiert. Butrint war in dieser Zeit eine der größten Städte der Region und besaß mehrere Prachtbauten. Dazu zählten das Theater, ein Tempel, der Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst, gewidmet war, und ein Gymnasion. Um 380 v. Chr. wurde Butrint mit einer neuen, 870 Meter langen Mauer befestigt, die ein Gebiet von vier Hektar umschloss.

Römische Zeit 228 v. Chr. wurde Butrint zusammen mit Korfu römisches Protektorat, doch erst ab 167 v. Chr. nahm der römische Einfluss zu und wurde schließlich dominierend. Doch bis weit in die Kaiserzeit konnte Butrint mit seiner Umgebung eine gewisse Eigenständigkeit bewahren, die in Form eines Koinons bestand und von den Praesebes geführt wurde. 146 v. Chr. kam Butrint zur neu eingerichteten Provinz Macedonia.

48 v. Chr. besuchte Gaius Iulius Caesar die Stadt und erklärte sie zur Veteranenkolonie. Doch der lokale Grundbesitzer Titus Pomponius Atticus erhob dagegen bei seinem Korrespondenten Cicero Einwände, der daraufhin im Senat gegen den Plan argumentierte. Als Folge dieses Widerstandes erhielt die Stadt nur eine kleine Zahl von Kolonisten. Atticus, der rund um Butrint Ländereien besaß, wurde von den Einwohnern für seinen Erfolg gefeiert und wurde zu den einflussreichsten Personen der Stadt. Am Ufer gegenüber der Stadt ließ er sich die reich geschmückte Villa Amaltea errichten, die zu den wichtigsten Ausgrabungen Butrints zählt.

Doch schon einige Jahre später, kurz nach seinem Sieg über Marcus Antonius und Kleopatra in der Schlacht bei Actium im Jahr 31 v. Chr., erneuerte Kaiser Augustus die Pläne, Butrint zu einer Veteranenkolonie zu machen. Neue Wohnviertel, ein Aquädukt, ein Bad, ein Forumskomplex und ein Nymphäum wurden gebaut. Auch das Theater ließ man ausbauen. Während dieser Zeit verdoppelte sich die Größe der Stadt, die in den nächsten Jahrzehnten ihre höchste Blütezeit erlebte. Die vielen Büsten und Statuen des Augustus, seiner Gemahlin Livia und seines Generals Agrippa zeigen die Bedeutung dieser Persönlichkeiten für Butrint. Die Stadt führte zu Ehren des Kaisers den Namen Colonia Iulia (bzw. Augusta) Buthrotum und prägte als solche Münzen.

Laut einer Inschrift und einer daneben entdeckten Statue von Lucius Domitius Ahenobarbus war dieser, der Großvater Neros, im Jahr 16 v. Chr. Stadtpatron von Butrint. Die Stadt war auch Heimatort vieler anderer Angehörige der Familie Ahenobarbus.

Mit der Christianisierung wurde Butrint im 4. Jahrhundert Sitz eines Bischofs. Um 380 richtete ein Erdbeben großen Schaden an. Die Plünderzüge während der Völkerwanderungszeit überstand Butrint wegen seiner geschützten Lage auf einer Halbinsel dagegen unbeschadet, während die Slawen auf ihren Einfällen das nördlich benachbarte Onchesmos (heute Saranda) im Jahr 547 einnehmen konnten. Das Bistum lebt heute noch als römisch-katholisches Titularbistum unter dem Namen Buthrotum (lateinisch für Butrint) fort.

Umkämpft zwischen Byzantinern, Slawen, Normannen und Anjou

mini|Baptisterium aus dem 6. Jahrhundert Nach einer neuerlichen Blütezeit unter der Herrschaft des Byzantinischen Reiches begann ein langer Niedergang, als Slawen im 8. Jahrhundert auch nach Epirus vordrangen. Doch im 10. Jahrhundert errang die Stadt wieder einen städtischen Rang und erhielt eine neue Basilika. Sie gehörte zum Bulgarischen Reich.

Im 11. und 12. Jahrhundert litt die Stadt unter den Kriegszügen der süditalienischen Normannen, die auf der Balkanhalbinsel versuchten, Fuß zu fassen. Nach der Zerschlagung des Byzantinischen Reiches im Zuge des Vierten Kreuzzuges kam Butrinto nach 1204 an das byzantinische Despotat Epirus. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde Butrint als Mitgift der Helena Angelina Dukaina aus der Familie der Angeloi an ihren Gatten, dem Stauferkönig Manfred von Sizilien übergeben. Dieser überließ es einem seiner Vasallen, Philipp Chinard (* um 1205; † 1266), zur Verwaltung.

Ähnliches wie für die Normannen galt für Karl I. von Anjou, der von Süditalien aus versuchte, in Albanien eine Ausgangsbasis zur Eroberung Konstantinopels zu errichten und am 21. Februar 1272 das Regnum Albaniae gründete. Byzanz eroberte die Stadt jedoch 1274 zurück. Karl verbündete sich daraufhin mit zahlreichen Mächten, unterlag jedoch 1281 bei Berat. 1282 beendete ein Aufstand auf Sizilien seine Expansionspläne. Doch bereits in den 1330er Jahren rückten die Serben südwärts vor und eroberten Albanien und Nordgriechenland. Butrint kam 1318 bis 1340 an die Familie Orsini, deren albanischer Zweig sich an Venedig anlehnte und 1323 bis 1335 den Despotat Epirus unter Johannes Orsini beherrschte. Der Despotat löste sich 1337 bis 1340 auf, die Region wurde für kurze Zeit wieder byzantinisch.

Venezianische und osmanische Zeit (1318/40–1912) mini|Die dreieckige venezianische Festung am südlichen Kanalufer Was von der Stadt Butrint noch übrig war, besetzte die Republik Venedig, die hier mit Unterbrechungen bis ins Jahr 1797 einen Stützpunkt unterhielt, um die Straße von Korfu für ihre Schiffe zu sichern. Der Rest der Region wurde von den Osmanen besetzt. Neben dem Kastell auf dem Stadthügel erbauten die Venezianer auf der anderen Seite des Vivar-Kanals auch eine weitere, dreieckige Festung, die den Zugang vom Meer zur Stadt überwachte.

Bereits 1435 und 1448 besuchte Cyriacus von Ancona die Stadt, wobei ihm mehrere klassische Inschriften auffielen, von denen er drei transkribierte.Halil Myrto: Albania archeologica. Bibliografia sistematica dei centri antichi, Bd. 1, Edipuglia, Bari 1998, S. 56.

Im 17. Jahrhundert gelangten die Osmanen für einige Zeit in den Besitz dieser Festung. Im September des Jahres 1716 gewann Venedig das Kastell unter Johann Matthias von der Schulenburg von den Osmanen zurück. 1797 wurde Butrint kurzzeitig französischer Besitz, als die Republik Venedig nach dem Frieden von Campo Formio von Napoleon Bonaparte aufgelöst wurde.

Schon zwei Jahre später wurde Butrint von Ali Pascha von Ioannina erobert und kam damit endgültig zum Osmanischen Reich, zu dem es bis zur albanischen Unabhängigkeit im Jahre 1912 gehörte.

1805 besuchte François Pouqueville, französischer Konsul in Ioannina am Hof von Ali Pascha, Butrint und berichtete danach von zwei Mauerringen, einer römischen Stadt, einer Akropolis und einer byzantinischen Kirche.Halil Myrto: Albania archeologica. Bibliografia sistematica dei centri antichi, Bd. 1, Edipuglia, Bari 1998, S. 56–57. Émile Isambert, der Butrint 1881 besuchte, bestätigte die Beobachtungen des Franzosen. 1897 publizierte Eugen Oberhummer einen ersten Überblick zur Geschichte der antiken Stadt.

Wiederentdeckung und Erforschung mini|Frühchristliches Mosaik im Baptisterium 1928 erschien erstmals auf Griechisch eine Geschichte der antiken und mittelalterlichen Stadt, doch noch ohne jede archäologische Grundlage. Im selben Jahr begann der italienische Archäologe Luigi Maria Ugolini mit der Erforschung der Ruinen von Butrint. Ein Baptisterium aus dem frühen 6. Jahrhundert wurde freigelegt. Man fand die sogenannte Venus von Butrint, die sich als Büste Apollos herausstellte, und bis 1932 wurde das Theater ausgegraben.Die Ausgrabungen beschrieb Luigi Maria Ugolini: Il mito d’Enea – Gli scavi, Rom 1937. Ugolini starb 1936 an Malaria. Die Ausgrabungen wurden von Pirro Marconi fortgesetzt, der jedoch 1938 mit einem Flugzeug abstürzte. Ihm folgte bis zum Beginn des Griechisch-Italienischen Kriegs im Jahr 1939 Domenico Mustilli, doch wurden die Arbeiten Pellegrino Claudio Sestieri von der Direzione per l’Archeologia del Ministero della Pubblica Istruzione d’Albania übertragen. Bei diesen Grabungen tauchten ein Portal, ein Mosaik des Asklepios und eine kleine byzantinische Kirche auf.