mini|Dietrich Bonhoeffer im August 1939Dietrich Bonhoeffer: Bilder aus seinem Leben. Christian Kaiser Verlag, München 1986, ISBN 3-459-01613-2, S. 181. mini|Gedenktafel am Geburtshaus Bonhoeffers Dietrich Bonhoeffer (* 4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg) war ein lutherischer Theologe und profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

Mit 24 Jahren habilitiert, wurde Bonhoeffer nach Auslandsaufenthalten Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin sowie Jugendreferent in der Vorgängerorganisation des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ab April 1933 nahm er öffentlich Stellung gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung und engagierte sich im Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen und den Arierparagraphen im Berufsbeamtengesetz. Ab 1935 leitete er das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, das, später illegal, bis 1940 bestand. Etwa 1938 schloss er sich dem Widerstand um Admiral Wilhelm Canaris an. 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und zwei Jahre später auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, hingerichtet.

Als gegenüber seinen Lehrern eigenständiger Theologe betonte Bonhoeffer die Gegenwart Jesu Christi in der weltweiten Gemeinschaft der Christen, die Bedeutung der Bergpredigt und der Nachfolge Jesu und die Übereinstimmung von Glauben und Handeln, die er persönlich vorlebte, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus. In seinen Gefängnisbriefen entwickelte er einflussreiche, wenn auch fragmentarische Gedanken für eine künftige Ausrichtung der Kirche nach außen in Solidarität mit den Bedürftigen und zu einer nichtreligiösen Interpretation von Bibel, kirchlicher Tradition und Gottesdienst. alternativtext=Geburtshaus von Dietrich Bonhoeffer, ulica Bartla, Wrocław|mini|Geburtshaus von Dietrich Bonhoeffer in Breslau, in der Straße Am Birkenwäldchen (heute ulica Kazimierza Bartla) 7 (2024)

Leben und Wirken Kindheit und Jugend (1906–1923)

Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau als das sechste von acht Kindern, kurz vor seiner Zwillingsschwester Sabine, geboren. Sein Vater war der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer. Dietrichs Großvater war der Jurist Friedrich von Bonhoeffer, der 1893 in den persönlichen Adelsstand erhoben wurde. Das Geschlecht der Bonhoeffer (auch Bonhöffer) war ab 1513 in Schwäbisch Hall ansässig gewesen. Bonhoeffers Vorfahren hatten dort 78 Ratsherren sowie mehrere Bürgermeister und Pfarrer gestellt.

Seine Mutter Paula Bonhoeffer, geborene von Hase, eine Tochter des evangelischen Theologen Karl Alfred von Hase sowie Enkelin des 1883 nobilitierten Theologen Karl von Hase und des Malers Stanislaus von Kalckreuth, war Lehrerin.

Bonhoeffer wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Die Mutter unterrichtete die Kinder in den ersten Jahren zu Hause und sorgte für eine christliche Erziehung, während der Vater sich von Fragen der Religion fernhielt. Die Familie besuchte nur selten den Gottesdienst.

1912 zog die Familie nach Berlin, weil der Vater zum Direktor der Klinik und Poliklinik für Nervenkrankheiten der Charité Berlin ernannt und zum ordentlichen Professor der Friedrich-Wilhelms-Universität berufen worden war.Dag Moskopp, Dorothea Jäkel (Hrsg.): Karl Bonhoeffer – ein Nervenarzt: Vorträge zum 60. Todestag. Wichern-Verlag Berlin, 2009, ISBN 978-3-88981-275-9, S. 16. Klaus-Jürgen Neumärker: Karl Bonhoeffer: Biografie. Steffen-Verlag, Berlin, 2017, ISBN 978-3-95799-044-0, S. 215–216. Nach Schilderungen seiner Zwillingsschwester begann sich Bonhoeffer gegen Ende des Ersten Weltkriegs mit Fragen über Tod und Ewigkeit auseinanderzusetzen, die sich ihm wegen des Soldatentodes seines zweitältesten Bruders Walter im April 1918 und der schweren Trauer seiner Mutter darüber aufdrängten.Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie. München 1978, S. 51.

Als Schüler las Bonhoeffer Friedrich Schleiermachers Reden über die Religion, Friedrich Naumanns Briefe über Religion und befasste sich mit Kirchengeschichte. In der Prima entschied er sich für Hebräisch als Wahlfach und gab evangelische Theologie als Studienwunsch an. Seine Familie war darüber erstaunt, hatte in ihrer Ahnenreihe bereits Theologen und unterstützte ihn in seinem Vorhaben. 1923 bestand er mit 17 Jahren am Berliner Grunewald-Gymnasium (heute Walther-Rathenau-Gymnasium) das Abitur.

Studium und Ausbildung (1923–1930)

Bonhoeffer begann im Sommersemester 1923 in Tübingen ein Theologiestudium, zusätzlich hörte er Vorlesungen in Philosophie. Er schloss sich der Akademischen Verbindung Igel Tübingen anAltenverein der Tübinger Verbindung Igel e. V. / Akademische Verbindung Igel, Tübingen: Mitgliederverzeichnis 1871–2011, Tübingen 2011, Nr. 530. und lernte dort Walter Dreß kennen, der ab 1924 auch in Berlin sein Studienkollege war und bald zu einem seiner engsten Freunde wurde. 1929 heiratete Dreß Bonhoeffers jüngste Schwester Susanne.Walter Dress auf der Website www.dietrich-bonhoeffer.net.

Nach einem Studienaufenthalt in Rom wechselte Bonhoeffer 1924 nach Berlin. Dort begegnete er wichtigen Vertretern der Liberalen Theologie, von denen etwa Adolf von Harnack ihn nicht unerheblich beeinflusste. In diese Zeit fiel auch die eigenständige Entdeckung der Dialektischen Theologie und ganz besonders ihres Hauptvertreters Karl Barth. Mit Barth und dessen Theologie blieb Bonhoeffer von da an stets verbunden, auch wenn er sich eine gewisse kritische Distanz bewahrte.

Mit 21 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer 1927 in Berlin summa cum laude aufgrund der während des Studiums bei Reinhold Seeberg angefertigten Dissertation Sanctorum Communio („Gemeinschaft der Heiligen“) promoviert. Neben Barth beeinflussten Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Max Weber und Ernst Troeltsch diese theologisch-soziologische Reflexion.Jean-Loup Seban: Dietrich Bonhoeffer. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy. Band 1. London / New York 1998. Im Januar 1928 legte er das Erste Theologische Examen vor dem Evangelischen Konsistorium der Berlin-Brandenburgischen Provinzialkirche der Kirche der Altpreußischen Union ab.

1928 ging er auf Anraten des Berliner Superintendenten Max Diestel, der ihn 1925 anlässlich einer Predigtvertretung kennengelernt hatte und ihn seitdem förderte, nach Barcelona, wo er Vikar in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde wurde. Nach seiner Rückkehr nach Berlin sorgte Diestel dafür, dass er nicht wie üblich ins Berliner Domkandidatenstift musste. Ab 1929 war Bonhoeffer Assistent an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wo er im Alter von 24 Jahren mit der Schrift Akt und Sein über Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie habilitiert wurde. 1930 legte er das Zweite Theologische Examen ab. Das für die Ordination vorgeschriebene Mindestalter von 25 Jahren hatte er noch nicht erreicht. Max Diestel stellte am 13. August 1930 den Antrag auf vorzeitige Ordination Bonhoeffers beim Deutschen Evangelischen Kirchenausschuss, der aber erfolglos war.DBW 10, S. 192. Deshalb riet Diestel Bonhoeffer, „sich noch weiter in der Welt umzusehen“.

mini|Am Union Theological Seminary in New York verbrachte Dietrich Bonhoeffer ein Jahr als Stipendiat Bonhoeffer ging für ein Jahr als Stipendiat an das Union Theological Seminary in New York. Dort lernte er in Kirchengemeinden Harlems praktische Pastoralarbeit kennen und erlebte die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die besonders Afroamerikaner und Farmer traf. Obwohl er der US-amerikanischen Theologie skeptisch gegenüberstand, beeinflusste ihn doch die Theologie des Social Gospel, die ihm der gleichaltrige Assistenzprofessor Paul Lehmann nahebrachte. Auch mit den Mitstudenten Erwin Sutz und Jean Lasserre schloss er bleibende Freundschaften. Insbesondere der strikte Pazifismus Lasserres veranlasste den bis dahin in politischen Fragen zurückhaltenden Bonhoeffer, sich mit dem Thema Frieden auseinanderzusetzen.

Lehrauftrag, Pfarramt und Ökumene (1931–1933) mini|Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932) mini|hochkant|Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer neben dem Eingang der Berliner Zionskirche (Der Ort des Todes müsste korrekterweise Flossenbürg lauten) (2010)

Nach seiner Rückkehr lehrte Bonhoeffer als Assistent des Systematischen Theologen Wilhelm Lütgert an der Berliner Universität. Im Wintersemester 1931/1932 hielt er seine erste Vorlesung über die „Geschichte der systematischen Theologie des 20. Jahrhunderts“ und ein Seminar über „Die Idee der Philosophie und die protestantische Theologie“. 1932 folgte eine Vorlesung über das „Wesen der Kirche“ in betonter Abgrenzung zu Harnacks „Wesen des Christentums“. 1933 las er über Christologie.

Seine Lehrveranstaltungen waren gut besucht und wurden, für die Studenten ungewöhnlich, mit einem Gebet eingeleitet. Bonhoeffer überraschte seine vom aufstrebenden Nationalsozialismus bewegten Hörer auch durch unter seinen Dozentenkollegen singuläre Aussagen zum Zeitgeschehen. Der nächste Krieg sei entschlossen zu ächten, „aus dem Gehorsam gegen das uns heute treffende Gebot Gottes, daß Krieg nicht mehr sein soll, weil er den Blick auf die Offenbarung raubt“.Dietrich Bonhoeffer, zitiert nach Heinrich Jürgenbehring: Christus für uns heute – Dietrich Bonhoeffer lesen, interpretieren, weiterdenken. Karin Fischer Verlag, Aachen 2009, S. 160.

Otto Dibelius ließ an der Technischen Hochschule Berlin 1931 erstmals eine Evangelische Studentengemeinde einrichten, mit deren Leitung er Bonhoeffer beauftragte. Sie wurde jedoch von den Studenten überwiegend abgelehnt und 1933 aufgelöst.

Bonhoeffer übernahm eine Konfirmandengruppe der Zionskirche in einem Arbeiterviertel in Berlin-Mitte. Im Sommer 1931 schrieb er mit Franz Hildebrandt für seine Konfirmanden einen neuen Katechismus mit dem Titel „Glaubst du, so hast du“. Darin sprachen sich beide gegen einen heiligen Krieg und für das Gebet um Frieden aus. 1932 richtete Bonhoeffer eine „Jugendstube“ für arbeitslose Jugendliche ein, die 1933 von den Nationalsozialisten als „kommunistisch“ aufgelöst wurde.

Am 15. November 1931 wurde Bonhoeffer in der St.-Matthäus-Kirche (Berlin-Tiergarten) zum Pfarrer ordiniert. Er erwarb sich rasch auch über die Gemeinde hinaus einen Ruf als guter Prediger.Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie. München 1978, S. 282f. Nachdem er zweimal vergeblich versucht hatte, eine Pfarrstelle im Berliner Osten zu erhalten, übernahm er, gefördert von Max Diestel und Friedrich Siegmund-Schultze, die Aufgabe eines Internationalen Jugendsekretärs des ökumenischen Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen (WFK). Er bekleidete eine von drei neu geschaffenen Jugendsekretärs-Stellen des WeltbundesRenate Bethge, Christian Gremmels (Hrsg.): Dietrich Bonhoeffer. Bilder seines Lebens, Gütersloh 2005 (online auf dietrich-bonhoeffer.net). und war stellvertretender Vorsitzender der deutschen Gruppe, solange es ging – bis 1942.

Während eines dreiwöchigen Seminarbesuchs in Bonn begegnete Bonhoeffer erstmals persönlich Karl Barth. Beide trafen sich danach einige Male und standen im theologischen Gedankenaustausch. Gegenseitige Sympathie und eine grundsätzliche theologische und politische Nähe verbanden sich in ihrem Verhältnis auch von Anfang an mit wechselseitiger Kritik. Dadurch wurde diese Verbindung für beide theologisch sehr fruchtbar.

An den Wochenenden zog Bonhoeffer zum Meditieren und Diskutieren mit seinen Studenten häufig in eine märkische Jugendherberge und kaufte 1932 eigens dafür eine Hütte in Biesenthal am Rand Berlins. Aus diesem zwanglosen „Bonhoefferkreis“ junger Theologen gingen ab 1933 Mitstreiter im Kirchenkampf und ökumenische Delegationen hervor.

Kirchenkampf (1933–1939) Das Jahr 1933