mini|Jim Morrison auf einem Gedenkstein in Berlin-Baumschulenweg James Douglas „Jim“ Morrison (* 8. Dezember 1943 in Melbourne, Florida; † 3. Juli 1971 in Paris) war ein US-amerikanischer Sänger, Songwriter und Lyriker. Er war der Frontmann der Rockband The Doors.
Jim Morrison gilt als Rockmusiker, der die Fantasien, Visionen, Ängste und die Selbstdestruktivität der Generation der späten 1960er Jahre artikulierte und exemplarisch auslebte.Mike Clifford: The new illustrated Rock Handbook. Salamander Books, London 1986, S. 67. Er zählt zu den charismatischsten Persönlichkeiten der Rockmusik dieser Zeit. Gemeinsam mit den Doors erweiterte er das Repertoire der Rockmusik um mehrschichtige Konzeptstücke und Formen des Rock-Theaters. Morrison, von dem zu Lebzeiten drei Gedichtbände veröffentlicht wurden, nutzte die Doors-Konzerte regelmäßig für spontane Rezitationen poetischer Texte. Er produzierte einen Dokumentarfilm über die Doors sowie einen experimentellen Spielfilm. Morrison zählt zu den zentralen Symbolfiguren der Hippiezeit und -kultur. In seiner Schaffenszeit wurde er als Sexsymbol wahrgenommen.
Obwohl sich Morrison durch seinen Rock-Bariton und poetische Songtexte einen Namen gemacht hat, wurde er in späteren Jahren meist mit einem aufrührerischen und selbstzerstörerischen Lebensstil assoziiert. Sein früher Tod, dessen nähere Umstände nicht mit Sicherheit geklärt werden konnten, trug erheblich zur Legendenbildung um seine Person bei. Im Jahr 1993 wurde Morrison als Mitglied der Doors in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Leben Kindheit und Jugend mini|Morrisons Geburtsort Melbourne (Florida) in der Nähe des späteren Kennedy Space Center Jim Morrison wurde als erstes Kind von George Stephen Morrison (1919–2008) und Clara Virginia Morrison (geb. Clarke, 1919–2005) geboren. Er hatte zwei Geschwister, Anne Robin (* 1947) und Andrew Lee (* 1948). Morrisons Vater war Marineoffizier. Deshalb zog Morrisons Familie häufig um. Bis zu seinem Schulabschluss lebte er in verschiedenen Städten der US-Bundesstaaten Florida und Kalifornien sowie jeweils zweimal in Washington, D.C. und Albuquerque.
Als prägende Erfahrung seiner Kindheit schilderte Morrison später, wie er als Vierjähriger auf einer Fernverkehrsstraße südwestlich Albuquerques aus dem Wagen seiner Eltern heraus einen schweren Autounfall von Pueblo- oder Hopi-Indianern beobachtet habe.The Doors mit Ben Fong-Torres: The Doors: Die illustrierte autorisierte Biographie der Band. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2007, S. 10. Auf dieses Schlüsselerlebnis nahm Morrison regelmäßig in Songtexten, Gedichten und Interviews Bezug. In seinen Texten spielte sich das Erlebnis an einem verunglückten Lastwagen ab, vor dem verletzte und tote Indianer auf der Straße lagen. Die Eltern hielten an, und Morrisons Vater sah nach, ob er helfen könne. Bei einer Tankstelle in der Umgebung verständigte sein Vater die Highway-Polizei und einen Krankenwagen. Da sein Sohn von der Konfrontation mit dem Tod verstört war, versuchte der Vater ihm einzureden, dass er den Vorfall bloß geträumt habe.Stephen Davis: Jim Morrison – Life, Death, Legend. Gotham, New York 2004, S. 7–8. – Anders dagegen Jerry Hopkins, Daniel Sugerman: Keiner kommt hier lebend raus. 3. Auflage. Heyne, München 1991, S. 14–15.
In späteren Interviews erklärte Jim Morrison, dass in diesem Moment die Seelen toter Indianer in seinen Körper gewandert seien.Jerry Hopkins: Jim Morrison. Der König der Eidechsen. Schirmer/Mosel, München 1993, S. 28. Bei der bekanntesten Umsetzung der Geschehnisse in dem Lied Peace Frog von der Doors-LP Morrison Hotel (1970) brachte Morrison das erlittene schwere Trauma dieser Unfallszene mit einer vermeintlichen Seelenwanderung in Verbindung:
Morrisons Interesse an der Kultur der indianischen Völker des US-amerikanischen Südwestens entwickelte sich während seiner Schulzeit weiter, als Morrisons Familie zeitweilig erneut in Albuquerque in New Mexico lebte und er dort Gelegenheit hatte, die Lebensräume der Ureinwohner näher kennenzulernen.
mini|Der 20-jährige Morrison und sein Vater auf der Brücke der Bon Homme Richard, Januar 1964 Infolge der beruflich bedingten Abwesenheit des Vaters, der regelmäßigen Umzüge der Familie quer durch die Vereinigten Staaten und einer strengen ErziehungRay Manzarek: Light My Fire. My Life with the Doors. Century, London 1998, S. 270–271. fiel Morrison als Heranwachsender trotz guter schulischer Leistungen durch ausgeprägtes Problemverhalten gegenüber Lehrern und Mitschülern auf. 1958 besuchte er die Alameda High School in Alameda (Kalifornien). Seinen Schulabschluss machte er im Juni 1961 an der George Washington High School in Alexandria (Virginia).Dazu ausführlich Mark Opasasnick: The Lizard King Was Here: The Life and Times of Jim Morrison in Alexandria, Virginia. Xlibris, Philadelphia 2006. Als Jugendlicher zog Morrison auf Wunsch seiner Eltern im September 1961 zu seinen presbyterianischen und streng abstinenten Großeltern väterlicherseits nach Clearwater (Florida). Morrison besuchte dort das St. Petersburg Junior College. Morrisons Vater wurde 1963 zum Kapitän des Flugzeugträgers Bon Homme Richard befördert. Bis zum Frühjahr 1964 versuchte der Vater vergeblich, seine Söhne für eine Karriere bei der Marine zu interessieren.Stephen Davis: Jim Morrison – Life, Death, Legend. Gotham, New York 2004, S. 41, 47. – Vgl. www.signonsandiego.com: George „Steve“ Morrison; rear admiral flew combat missions in lengthy career. Abgerufen am 25. August 2009.
Um Jim Morrisons Sprachempfinden zu schulen, schenkte sein Vater ihm bei seinen Besuchen daheim häufig Bücher. Früh begriff Morrison die Sprache als mächtiges Werkzeug, unter anderem um sich gegen missliebige Autoritäten aufzulehnen. Im Alter von zwölf Jahren verfasste Morrison in Notizbüchern seine ersten, zum Teil aggressiv satirischen Gedichte, die er „Radio Essays“ nannte.Jim Morrison: The Scream of the Butterfly / Der Schrei des Schmetterlings. Bilder, Gedichte, Texte. Zusammengestellt von Daniel Dreier. Schirmer/Mosel, München [u. a.] 1996, S. 13. Er las früh die unkonventionellen Bücher der Beat Generation. Dazu gehörten insbesondere Jack Kerouacs Schlüsselroman Unterwegs, aber auch Werke der Schriftsteller Allen Ginsberg und Lawrence Ferlinghetti, dessen „City Lights Bookstore“ Morrison 1958 in San Francisco nach der Lektüre Kerouacs mehrfach aufsuchte.Jerry Hopkins, Daniel Sugerman: Keiner kommt hier lebend raus. 3. Auflage. Heyne, München 1991, S. 20. Morrison studierte die Werke von Honoré de Balzac, Charles Baudelaire, Jean Cocteau, James Joyce und Arthur Rimbaud. Rimbaud war für Morrison „einer, der den Göttern das Feuer stahl und dafür bestraft werden würde.“Jim Morrison: The Scream of the Butterfly / Der Schrei des Schmetterlings. Zusammengestellt von Daniel Dreier. Schirmer/Mosel, München [u. a.] 1996, S. 14. Morrison setzte sich mit Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie auseinander. Plutarchs Biografie von Alexander dem Großen beeindruckte ihn so, dass er den renommierten Friseur Jay Sebring darum bat, seine Haare nach der Vorlage einer Alexander-Büste zu schneiden. Bei späteren Aufnahmen des Fotografen Joel Brodsky, die dieser unter anderem für das Album The Doors anfertigte, orientierte sich Morrison an der Kopfhaltung dieser Büste.Thomas Collmer: Pfeile gegen die Sonne – Der Dichter Jim Morrison und seine Vorbilder. Maro, Augsburg 2009, S. 10.
Studium und Bandgründung mini|Polizeifoto von 1963 Das Studium, das er in Saint Petersburg, Florida, aufgenommen hatte, setzte Morrison zwischen 1962 und 1963 an der Florida State University in Tallahassee fort, wo ein kurzer Hochschulmarketingfilm mit ihm aufgezeichnet wurde. Morrison, der ursprünglich „Schriftsteller oder Soziologe werden“Jerry Hopkins: Jim Morrison. Der König der Eidechsen. Schirmer/Mosel, München 1993, S. 197. wollte, interessierte sich zunehmend für eine Arbeit im Filmsektor. Gegen den Willen seiner Eltern bewarb er sich im Oktober 1963 für ein Studium der Film- und Theaterwissenschaft in Kalifornien. Im Januar 1964 ließ er sich am Theater Arts Department der University of California, Los Angeles, (UCLA) einschreiben und belegte dort Kurse beim österreichisch-amerikanischen Regisseur Josef von Sternberg. An der UCLA produzierte er auf der Grundlage von Aufnahmen eines Kommilitonen den Kurzfilm First Love, der ebenso wie ein zweiter Film voller abrupter Brüche zu kontroversen Reaktionen und vehementer Ablehnung in den Filmseminaren führte.Stephen Davis: Jim Morrison – Life, Death, Legend. Gotham, New York 2004, S. 64–67. – Jerry Hopkins, Daniel Sugerman: Keiner kommt hier lebend raus. 3. Auflage. Heyne, München 1991, S. 56–57, 60–62. Im Juni 1965 schloss Morrison sein Studium erfolgreich mit einem Bachelor of Science der „Kinematographie“ ab.
Die beruflichen Absichten Morrisons, der bereits während seines Studiums Gedichte und Songtexte verfasst hatte, waren bei seinem Vater seit geraumer Zeit auf scharfe Ablehnung gestoßen. Auf eine briefliche Rüge seines Vaters hin brach Morrison den Kontakt zu seinen Eltern ab. Seiner Mutter verweigerte er noch im November 1967 bei einem Konzert eine direkte Begegnung.James Riordan, Jerry Prochnicky: Break on Through. Quill, New York 1992, S. 163–164. Nach dem Kontaktabbruch musste Morrison aus finanziellen Gründen seine Studentenwohnung aufgeben. Der in seiner Kindheit durch ständige Umzüge entwurzelte UCLA-Absolvent sollte zeitlebens keine eigene Wohnung mehr besitzen. Im Frühjahr 1965 fand Morrison eine neue Bleibe bei einem vormaligen Kommilitonen auf dem Dach eines alten Bürogebäudes in Venice, verlor unter Drogeneinfluss erheblich an Körpergewicht und verfasste weitere Gedichte und Songtexte. Er hoffte auf eine Möglichkeit, seine Texte mit bass- und blueslastigen Klängen, indianischen Trommeln, Räucherwerk und multimedialen Elementen wie FilmprojektionenStephen Davis: Jim Morrison – Life, Death, Legend. Gotham, New York 2004, S. 75. in Szene setzen zu können.
Während seines Studiums hatte Morrison den Kommilitonen und Organisten Ray Manzarek kennengelernt.Ray Manzarek: Light My Fire. Century, London 1998, S. 54–55. Manzarek forderte ihn und andere ehemalige Kommilitonen am 5. Juni 1965 während eines Auftritts im Turkey Joint West in Santa Monica erstmals auf, ihn spontan als Sänger bei dem Rhythm-and-Blues-Lied Louie Louie zu unterstützen.Rainer Moddemann: The Doors. 2., überarbeitete Sonderausgabe. Heel, Königswinter 2001, S. 118. Nachdem Morrison Manzarek im Juli 1965 einige seiner eigenen Songtexte vorgetragen hatte, lud der Organist Morrison ein, bei seiner Band mitzuwirken. Die Band, in der zwei Brüder Manzareks mitspielten, nannte sich „Rick and the Ravens“.
Nachdem Manzareks Band im September 1965 mit Morrison in den World Pacific Studios in Los Angeles eine erfolglose Demoaufnahme im Folk-Rock-Stil produziert hatte, verließen Manzareks Brüder die Gruppe.Jerry Hopkins: Jim Morrison. Der König der Eidechsen. Schirmer/Mosel, München 1993, S. 204. Bereits im August 1965 war der Schlagzeuger John Densmore hinzugekommen. Zwei Monate später folgte der Gitarrist Robby Krieger. Manzareks Band, die nach einem Vorschlag Morrisons in „The Doors“ umbenannt wurde,James Riordan, Jerry Prochnicky: Break on Through. Quill, New York 1992, S. 68, 74. hatte sich als Quartett von Grund auf neu formiert. Der neue Name der Gruppe leitete sich von dem Titel von Aldous Huxleys Essay The Doors of Perception (1954) ab, das unter anderem die Auswirkung von Halluzinogenen wie Mescalin und LSD auf das menschliche Bewusstsein schilderte.
Frontmann der Doors