mini|250px|Ralf Dahrendorf (1980)

Ralf Gustav Dahrendorf, Baron Dahrendorf, KBE, FBA, (* 1. Mai 1929 in Hamburg; † 17. Juni 2009 in Köln) war ein deutsch-britischer Soziologe, Publizist und Politiker (FDP). Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Mitglied des Deutschen Bundestages, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Mitglied der Europäischen Kommission, Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und Mitglied des britischen House of Lords.

Leben „Drittes Reich“ und Nachkriegsjahre Ralf Dahrendorf wurde 1929 als Sohn des Genossenschafters und SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf (1901–1954) und dessen Frau Lina, geb. Witt (1902–1980), in Hamburg geboren. Sein Vater wurde, nachdem er gegen das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 gestimmt hatte, nach kurzer Haft arbeitslos. 1935 wurde Ralf Dahrendorf in Berlin eingeschult und besuchte ab 1938 das Gymnasium. 1941 siedelte er mit seiner Familie nach Buckow um. In dem von Karl Pflug geleiteten Internat Deutsche Heimschule Waldsieversdorf (ursprünglich: Pädagogium Waldsieversdorf) war er als 14-Jähriger Mitverfasser von Flugblättern gegen den Nationalsozialismus.Ralf Dahrendorf: Über Grenzen – Lebenserinnerungen. 4. Aufl. C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-49338-6, S. 62–63. Als sein Vater, der im sozialdemokratischen Untergrund agitierte, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 inhaftiert wurde, flog im November 1944 diese Tätigkeit auf, und Dahrendorf sollte im Gefängnis in Frankfurt (Oder) interniert werden. Dies lehnten aber die dortigen Aufseher mit Hinblick auf seine Jugend ab. So wurde er in das Arbeitserziehungslager bei Schwetig verbracht, wo er bis zum Eintreffen der Roten Armee festgehalten wurde.

Weil sein Vater die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone 1946 nicht mitvollziehen wollte und sich damit gegen Otto Grotewohl stellte, siedelte die Familie auf Anraten der US-amerikanischen Besatzungsmacht von Berlin nach Hamburg um, wo Dahrendorf sein Abitur nachholte. Zu Beginn des Jahres 1948 nahm er an einem politischen Lehrgang im englischen Wilton Park teil.

Studium und Universitätskarriere Er studierte danach Philosophie und Klassische Philologie an der Universität Hamburg. Seine wichtigsten Lehrer waren der Klassische Philologe Ernst Zinn und der Philosoph Josef König. 1952 promovierte er dort zum Dr. phil. mit der Arbeit Die Idee des Gerechten im Denken von Karl Marx. 1952 bis 1954 studierte er an der London School of Economics (LSE), wo er Karl Popper hörte und zusammen mit David Lockwood und Basil Bernstein einem Kreis von Ph.D.-Studenten angehörte, die von dem Soziologen A. H. Halsey betreut wurden. Als sein Doktorvater an der LSE fungierte Thomas H. Marshall. Vom 1. Juli bis 31. August 1954 war er als wissenschaftlicher Assistent von Max Horkheimer im Frankfurter Institut für Sozialforschung beschäftigt. Dass er es bereits nach zwei Monaten wieder verließ, hing nach Auskunft Theodor W. Adornos mit einem glänzenden Angebot der Universität Saarbrücken zusammen; zudem fühlte er sich theoretisch „uns nicht zugehörig“, wie Adorno an Horkheimer schrieb.Theodor W. Adorno, Max Horkheimer: Briefwechsel. Band IV: 1950–1969. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 275, 277.

Neben seiner in Großbritannien unter dem Titel Unskilled Labour in British Industry (1956) veröffentlichten Dissertation arbeitete er bereits dort an seiner Schrift Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft, die er 1957 als Habilitationsschrift der Universität des Saarlandes in Saarbrücken vorlegte. Von 1958 bis 1960 lehrte er als Professor für Soziologie an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg Pressemitteilung der Universität Hamburg vom 22. Juli 1999. und hielt zugleich Vorlesungen an der Universität Hamburg. Von dort wurde er 1960 an die Universität Tübingen und 1966 an die Universität Konstanz berufen, zu deren Gründervätern er gezählt wird.So im .

Politisches Engagement in der FDP mini|Ralf Dahrendorf (links) 1970 im Gespräch mit Klaus Mehnert

Obwohl Dahrendorf nach dem Krieg zunächst der SPD – und kurzzeitig auch dem damals von Helmut Schmidt geführten SDS in der Britischen BesatzungszoneJochen Wiemken: , abgerufen am 11. November 2015. – angehört hatte, wurde er in seinem politischen Wirken vor allem als Vordenker des Liberalismus bekannt. Nachdem er zuvor bereits einmal auf einer regionalen Liste für die Freidemokraten kandidiert hatte, wechselte er 1967 endgültig zur FDP. Zusammen mit dem damaligen Generalsekretär Karl-Hermann Flach war er maßgeblich an der programmatischen Neuausrichtung der Partei in den späten 1960ern und frühen 1970ern beteiligt. Bekannt wurde er auch durch öffentliche Diskussionen mit den Protagonisten der 68er-Bewegung wie zum Beispiel auf dem Freiburger FDP-Bundesparteitag 1968 mit Rudi Dutschke.

1968 zog Dahrendorf für die Liberalen als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Am 28. Oktober 1969 legte er sein Mandat nieder, als er über die Landesliste in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, den er bereits am 25. August 1970 wieder verließ. Er war kurze Zeit in der ersten Regierung Brandt als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt tätig. 1970 wechselte er als Kommissar für Außenhandel in die EG-Kommission Malfatti nach Brüssel. In der Kommission Ortoli war er bis zu seinem Rücktritt 1974 für Forschung, Wissenschaft und Bildung zuständig.

1988 trat Dahrendorf aus der FDP aus und im selben Jahr in die britische Liberal Democrats Partei ein. Im Jahre 2008 antwortete er auf die Sonntagsfrage, dass er „angesichts des aktuellen Angebots FDP wählen würde“.

Weitere universitäre und gesellschaftliche Karriere ab 1974 1974 kehrte Dahrendorf in die Wissenschaft zurück und leitete bis 1984 die renommierte London School of Economics (LSE). 1975 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1977 in die National Academy of Sciences. Von 1984 bis 1986 lehrte er an der Universität Konstanz und 1986–1987 an der Russell Sage Foundation in New York. Von 1987 bis 1997 war er Rektor (Warden) des St Antony’s College der University of Oxford und von 1991 bis 1997 zudem Prorektor (Pro-Vice-Chancellor) der dortigen Universität.

Am 23. September 1982 wurde er von Königin Elisabeth II. als Knight Commander des Order of the British Empire (KBE) ausgezeichnet. bei Leigh Rayment’s Peerage. Als Ausländer erhielt er diese Auszeichnung als Knight zunächst nur ehrenhalber. Erst nachdem er 1988 neben der deutschen auch die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wurde der mit der Auszeichnung verbundene, aber ausschließlich Untertanen des britischen Monarchen vorbehaltene Ritterschlag durch die Königin 1989 nachgeholt, womit er die Nobilitierung in den persönlichen Adelsstand mit dem Prädikat „Sir“ erlangte.Siehe Lebenlauf Ralf Dahrendorf. In: Franziska Meifort: Ralf Dahrendorf. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71397-2 (Google Books). Am 15. Juli 1993 wurde er als Baron Dahrendorf, of Clare Market in the City of Westminster, zum Life Peer erhoben und erhielt dadurch einen Sitz im House of Lords. Die territoriale Widmung des Titels, die Dahrendorf, wie üblich, selbst wählte, weist auf seine Verbundenheit mit der London School of Economics hin, hat aber auch eine humoristische Note: Clare Market ist ein Platz bei der LSE, der als Parkplatz dient. Im House of Lords gehörte er zunächst der Fraktion der Liberal Democrats an; seit 2004 war er parteiloser Crossbencher. Er nahm aktiv an der Arbeit des House of Lords teil und wirkte unter anderem als Vorsitzender der Commission on Wealth Creation and Social Cohesion (1995) und als langjähriger Vorsitzender des Select Committee on Delegated Powers and Regulatory Reform (bis Herbst 2006).

1982 bis 1987 war Dahrendorf außerdem Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Von 1983 bis 1987 war er Mitherausgeber der Zeitschrift liberal. In Deutschland war er als Berater der Badischen Zeitung tätig.

Dahrendorf erhielt 1989 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Er war Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 1997 wurde ihm der Theodor-Heuss-Preis für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk verliehen und von 1996 bis 2006 stand er als Gründungsvorsitzender dem Kuratorium der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus vor.Frieder Günther: Dank. In: Theodor Heuss: Aufbruch im Kaiserreich. Briefe 1892–1917, hrsg. u. bearb. v. Frieder Günther, K.G. Saur, München 2009, S. 37. 2002 wurde er als erster Preisträger mit dem Walter-Hallstein-Preis der Universität Frankfurt, der Stadt Frankfurt und der Dresdner Bank ausgezeichnet.

Letzte Jahre mini|hochkant|Grabstein Dahrendorf auf dem Friedhof Ohlsdorf Zwischen 1969 und 2002 nahm Dahrendorf an insgesamt sieben Bilderberg-Konferenzen teil, vor allem zwischen 1969 und 1977, als er viermal teilnahm.

Ab Januar 2005 war er Forschungsprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Von 2006 bis zu seinem Tod 2009 war Dahrendorf Vorsitzender der Jury zur Vergabe des Gerda Henkel Preises. 2007 wurde er mit dem Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Sozialwissenschaften ausgezeichnet.Soziologe Ralf Dahrendorf erhält Asturien-Preis.

Am 4. April 2008 wurde Dahrendorf durch den Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) zum Vorsitzenden der neuen Zukunftskommission der nordrhein-westfälischen Landesregierung berufen.Ministerpräsident Rüttgers beruft Mitglieder der Zukunftskommission. In: Presseinformation der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, 4. April 2008 (PDF; 29 kB). 2009 erhielt er den Schader-Preis. Er war auch Ehrenpräsident der Deutsch-Britischen Gesellschaft. Dahrendorf lebte in London und in Bonndorf im Schwarzwald. In: Sparkasse Bonndorf-Stühlingen, 9. August 2007 (PDF; 71 kB).

Am 17. Juni 2009 starb Dahrendorf im Alter von 80 Jahren. Er wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg im Planquadrat Y 12 südlich der Norderstraße beigesetzt.

Werk Dahrendorfs früheste Publikationen beschäftigten sich mit Fragen der Industrie- und Betriebssoziologie.

Viele Schüler kennen Dahrendorfs Arbeiten durch das „Dahrendorfhäuschen“, eine Darstellung der Schichtung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Theoretisch Interessierten ist er als Vertreter der Konfliktsoziologie, durch seine Beiträge zur Rollentheorie und teilweise auch durch seine Beteiligung am sogenannten Positivismusstreit in der deutschen Soziologie bekannt, in dem die Philosophen Karl Popper und Theodor W. Adorno in Tübingen aufeinandertrafen.

Bereits mit seiner Habilitationsschrift Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft (1957), die im Schulenstreit zwischen marxistischer Soziologie und Strukturfunktionalismus einen „dritten Weg“ zu öffnen versprach, wurde er in der deutschen Soziologie bekannt, in weit stärkerem Maße dann im angelsächsischen Sprachbereich (viele seiner Werke erschienen in englischer Übersetzung).

Mit einer Reihe von Aufsätzen – zusammengefasst in dem Band Gesellschaft und Freiheit (1961) – begründete er eine soziologische Konflikt- und Herrschaftstheorie, die sich als Gegenentwurf zur strukturfunktionalen Gesellschaftstheorie von Talcott Parsons und seinen Schülern verstand. Darin begriff er Konflikte nicht als „dysfunktionale“, die gesellschaftliche Ordnung störende Phänomene, sondern als „eine hervorragende schöpferische Kraft“ des sozialen Wandels.Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Freiheit. Zur soziologischen Analyse der Gegenwart. Piper, München 1961, S. 124 ff.

Zum geflügelten Wort wurde der Titel seines Buches Bildung ist Bürgerrecht (1965) über deutsche Bildungsdefizite, die er als Bedrohung für die bundesdeutsche Demokratie wertete. Er lieferte damit wesentliche Argumente für eine Bildungsexpansion.