mini|hochkant=1.45|Kathedrale von Lucca, Fingerlabyrinth, Durchmesser 50 cm, 13. Jahrhundert

Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht. Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung (u. a. Maislabyrinth), Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als schwierig oder unüberschaubar zu kennzeichnen. Es bedeutet außerdem ein Symbol der Erkenntnis und der Verfehlung.

Wortherkunft Die Herkunft des Wortes Labyrinth () ist ungeklärt.

MacGillivray will es auf den Pränomen Labaris des ägyptischen Pharaos Amenemhet III. zurückführen.Alexander MacGillivray: The astral labyrinth at Knossos. In: British School at Athens Studies. 12, 2004, S. 330. (Knossos: Palace, city, state) Laut Egli ist das griechische Wort vererbt aus ägyptisch Lope-ro-hun.t („Palast am Eingang des Sees“), in Bezug auf ein Gebäude an einem See, wo Statuen von König Amenemhet III. und dessen Gemahlin stehen.Johann Jakob Egli: Nomina geographica. Sprach- und Sacherklärung von 42000 geographischen Namen aller Erdräume. Friedrich Brandstetter, 2. Aufl. Leipzig 1893, S. 519

Eine alte Theorie sieht einen Zusammenhang zwischen den Worten Labyrinth und Labrys (was ursprünglich (Doppel-)Axt bedeutet haben könnte) mit der Ortsendung -inthos.Fritz Schachermeyr: Die Minoische Kultur des alten Kreta. 1964, S. 161, 237, 238. Der Kunsthistoriker Henry M. Sayre (* 1948) vermutet, dass die Griechen den komplex gebauten Palast von Knossos, aufgrund der zahlreichen Abbildungen von Doppeläxten im Palast, „das Haus der Doppeläxte“ nannten (labyrinth) und das Wort später dann seine Bedeutung Irrgarten erhielt.Henry M. Sayre: The Greek World. In: Discovering the Humanities: Culture, Continuity & Change. 2. Auflage. Prentice Hall, Upper Saddle River 2010.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Aufl., hrsg. von Walther Mitzka, Berlin und New York 1967, S. 416 f. (‚Haus der Doppelaxt‘)

Nach Karl Kerényi bezeichnete das Wort Labyrinth einen Steinbruch mit vielen Schächten und Gängen.Labyrinth-Studien. Labyrinthos als Linienreflex einer mythologischen Idee. (= Albae Vigiliae. Band 15). Amsterdam u. a. 1941. Eine der ältesten Quellen für das Wort ist eine bei Knossos gefundene Steintafel in Linear B, welche die Wörter da-pu₂-ri-to-jo po-ti-ni-ja enthält, was als /daburintʰojjo potnijā/ „Herrin des Labyrinths“ gedeutet wird (vgl. Ariadne). Aus da-pu₂-ri-to-jo könnte das griechische Wort λαβύρινθος entstanden sein.

Arten von Labyrinthen mini|hochkant=0.8|Kretisches („klassisches“) Labyrinth mini|hochkant=0.8|Römisches Labyrinth mini|hochkant=0.8|Christliches Labyrinth

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. Anhand der Linienführung (des Wegemusters) lassen sich zwei Arten unterscheiden:

Labyrinth im ursprünglichen Sinn: ein verschlungener, verzweigungsfreier Weg, dessen Linienführung unter regelmäßigem Richtungswechsel zwangsläufig zum Ziel, dem Mittelpunkt, gelangt. Labyrinth im weiteren Sinn: ein System mit Verzweigungen, das Sackgassen oder geschlossene Schleifen enthalten kann. Diese Art Labyrinth wird auch Irrgarten genannt. Dort ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.

Das Gebäude, das der mythologische Daidalos für den kretischen König Minos in Knossos als Gefängnis für den Minotauros errichtete, besaß ein verzweigtes Gangsystem, wie der zur Orientierung verwendete Ariadnefaden nahelegt.

Labyrinthische Muster mit Verzweigungen sind in Europa vereinzelt ab dem 15. Jahrhundert belegt; echte Irrgärten entstanden im 16. Jahrhundert. Die ersten mit hohen Hecken ausgestatteten Anlagen, in denen man sich verirren konnte, kamen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf (Verona, um 1570). Von diesem Zeitpunkt an nahm die Entwicklung der Labyrinthe im weiteren Sinn (der „echten“ Irrgärten) eine eigenständige Entwicklung, die bis heute zu immer komplizierteren Mustern und Wegenetzen geführt hat.

Aus dem kretischen Muster kann durch vierfache Wiederholung das römische, durch Ineinanderfügen zweier verkleinerter römischer das mittelalterliche oder „christliche“ Muster entwickelt werden. Dass sich die Muster wirklich auf diese Weise gebildet haben, ist nicht belegbar. Überlegungen, durch Aufschneiden einer Spirale oder konzentrischer Kreise und Verbinden der dabei entstehenden offenen Wegestücke sei die Grundform der labyrinthischen Figur entstanden, sind Spekulationen des späten 19. Jahrhunderts und entbehren jeder Grundlage.

Aus diesen Grundformen entwickelten sich differenziertere Muster. Die Gangsysteme des römischen Labyrinths wurden in dreierlei Weise abgewandelt: so kamen Muster mit Serpentinen, Spiralen und einfachen oder komplexen Mäandern zustande.

Geschichte Viele Steinlabyrinthe und Rasenlabyrinthe sind schwer datierbar, da es sich oft um Rekonstruktionen handelt, deren historische Vorbilder zum Teil nicht mehr nachweisbar sind. Die Kanten der Routen bestehen häufig aus Steinen, die zur Hälfte in der Erde vergraben sind. Troy Town Maze auf St. Agnes, Scilly-Inseln, ein Steinlabyrinth, wurde zum Beispiel 1729 von einem Leuchtturmwärter nach dem Vorbild einer Trojaburg angelegt. Lichenometrie ist eine Datierungsmethode, die aber sehr ungenau und problematisch ist.

Die Datierung von Labyrinthen in Felsritzungen ist ebenfalls strittig. Ein Labyrinth ist z. B. in die Wand des Felsengrabes von Luzzanas auf Sardinien, lokal „Tomba del Labirinto“ genannt, eingeritzt.

mini|hochkant=0.8|Felsritzung im Rocky Valley bei Tintagel (Großbritannien), Schieferfelsen

Altertum mini|hochkant=0.8|links|Kretisches Labyrinth auf einer Tontafel aus Pylos, Rückseite, 7 × 5,7 cm, gebrannter Lehm, Archäologisches Museum Athen mini|hochkant=0.8|Kretische Silbermünze mit dem „klassischen“ Labyrinth-Muster, 400 v. Chr. mini|hochkant=0.8|Römisches Mosaik: Darstellung eines Labyrinths mit dem Minotaurus im portugiesischen Conímbriga

Ägypten Strabon berichtet über den im Fayyum-Becken gelegenen Totentempel bei der Pyramide des Amenemhet III. (1844–1797 v. Chr.) in Hawara, den er als Labyrinth bezeichnet.

In hieroglyphischer Schreibweise hieß er l-p-r-n-t, was als lo-pe-ro-hunt („Palast am See“) vokalisiert wird.

Griechenland und Kreta Eine Tontafel mit einem Text in Linear-B-Schrift trägt auf der Rückseite ein Labyrinth. Diese älteste sicher datierbare Abbildung stammt aus dem Palast des Nestor im griechischen Pylos und entstand um 1200 v. Chr.

Die Ruinen des Palastes von Knossos werden häufig als „Labyrinth von Knossos“ bezeichnet. Eine Struktur, die Ähnlichkeit mit einem klassischen Labyrinth aufweist, wurde dort bis heute nicht aufgefunden. Eine Tontafel mit (mykenischer Linear-B-Schrift) aus der Zeit um 1200 v. Chr. aus Knossos beschreibt Opfergaben und meint möglicherweise ein Labyrinth oder den Palast als Ganzes. Die Bezeichnung da-pu₂-ri-to-jo ist vielleicht die Benennung der labyrinthischen Architektur.

Labyrinthe mit sieben Umgängen waren zwischen 431 und 67 v. Chr. auf kretischen Münzen abgebildet. Es handelt sich sowohl um runde als auch viereckige Labyrinthe, die in figürlich einer Swastika, einem Rutenbündel, oder Mäandern ähneln. Gelegentlich ist der Schriftzug Knossos hinzugefügt.

Etrusker und Römer In eine etruskische Oinochoë aus Tragliatella ist ein Speerträger eingeritzt, gefolgt von zwei Reitern. Am Schweif des letzten Pferdes hängt ein kretisches Labyrinth, in den ersten Umgang ist „Truva“ eingeritzt.H. G. Orpen: The Hollywood Stone and the Labyrinth at Knossos. In: Journal of the Royal Society of Antiquaries of Ireland 13/2, 1923, fig. 2. (660–620 v. Chr.). Matthews interpretierte dies als Abbild des Troja-Spiels.H. G. Orpen: The Hollywood Stone and the Labyrinth at Knossos. In: Journal of the Royal Society of Antiquaries of Ireland 13/2, 1923, S. 179

An einer Säule des Peristyls im Haus des Marcus Lucretius (Via Stabiniana) in Pompeji befindet sich eine Zeichnung zusammen mit der Inschrift Labyrinthus hic habitat Minotaurus („Labyrinth, hier wohnt der Minotauros“),H. G. Orpen: The Hollywood Stone and the Labyrinth at Knossos. In: Journal of the Royal Society of Antiquaries of Ireland 13/2, 1923, fig. 3. die aus der Zeit der Katastrophe (79 n. Chr.) stammen dürfte.

Labyrinthe sind auch auf römischen Fußbodenmosaiken abgebildet. Etwa sechzig dieser Labyrinthe sind erhalten. Sie finden sich im gesamten Römischen Reich. Die Ornamente sind zu klein, um begangen zu werden. Sie entstanden zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. Einige zeigen Minotauros oder den Kampf des Theseus’ mit dem Ungeheuer im Zentrum (Minotauromachie). Gut erhalten ist das Labyrinth in der Villa des Theseus in Nea Paphos (Cypern). Andere Labyrinthe der römischen Zeit sind mit Mauer- und Stadttor-Abbildungen umgeben. Das Mosaik von Loig bei Salzburg (275–300 n. Chr.) hat dreizehn Umgänge und im Zentrum eine Minotauromachie.

Das früheste bekannte Labyrinth in einer christlichen Kirche befindet sich in Reparatus in El Asnam (Wilaya de Chlef, Algerien), ein Spiralmuster mit elf Umgängen. Die Darstellung stammt von 324 n. Chr. In der Mitte des labyrinthischen Quadrats befindet sich ein Anagramm mit dem Schriftzug Sancta Ecclesia.

Mittelalter mini|links|Kathedrale von Amiens, Fußboden-Labyrinth, ca. 12 × 5 m, 1894–97 nach dem zerstörten Vorbild von 1288 wiederhergestellt mini|Labyrinth der Kathedrale von Chartres mini|Zeichnung von Villard de Honnecourt

In vielen mittelalterlichen Kathedralen gibt es Fußbodenlabyrinthe. Sie dienten zu Bußübungen, bei denen der Pönitent auf Knien dem Muster folgte und an bestimmten Stationen Gebete sprach.Anon 1853, The Cathedral of Chartres, in France. In: Illustrated Magazine of Art. 2/7, 1853, S. 10 Das Labyrinth symbolisierte den Weg der Seele zur Erlösung und gleichzeitig die Pilgerfahrt nach Jerusalem. Beispiele finden sich in der Basilika Saint-Quentin (Nordfrankreich, achteckig), in der Kathedrale von Amiens (Frankreich) und im Dom von Siena (Italien). Es handelt sich um die Form des christlichen Labyrinths, das nach dem Muster in der Kathedrale von Chartres als „Chartres-Typ“ bezeichnet wird. Dieses wohl bekannteste Fußbodenlabyrinth geht auf eine Zeichnung von Villard de Honnecourt zurück (1200/1210). Es hat einen Durchmesser von 12,8 m und elf Umgänge. Es ist in blauem und weißem Stein ausgeführt, ein Kranz von 112 regelmäßig angeordneten Zacken bildet die Außenkante. Das runde Zentrum entspricht mit einem Durchmesser von 3,1 Meter dem inneren Teil des Fensters in der Hauptfassade.

mini|links|Rasenlabyrinth in der Burgruine Reichenfels

Das Labyrinth in der Kathedrale von Bayeux besteht aus roten und schwarzen Ziegeln, hat zehn Umgänge, Durchmesser 3,75 m (um 1200). Das Labyrinth in der Kathedrale von Reims (quadratisch mit Eckbastionen, elf Umgänge) aus dem frühen 13. Jahrhundert wurde 1779 zerstört.

Ein rundes Fingerlabyrinth ist in die Wand am Westeingang der Kathedrale von Lucca (Norditalien) senkrecht eingemeißelt; so kann es mit dem Finger nachgefahren werden. Eine Sandsteinplatte mit Labyrinth stammt aus der Klosterkirche San Pietro de Conflentu in Pontremoli (bei La Spezia, Italien). Rasenlabyrinthe symbolisieren ebenfalls den Chemin de Jerusalem, ihre Datierung ist jedoch selten gesichert. Vermutlich ahmen sie die Fußbodenlabyrinthe der mittelalterlichen Kathedralen nach.

In Woodstock in England wurde angeblich im 12. Jahrhundert ein gemauertes Labyrinth erbaut, das zu den frühesten säkularen Anlagen gehören dürfte. Es wurde durch die Affäre von Heinrich II. mit der schönen Rosamunde bekannt.W. H. Matthews: Mazes and Labyrinths, London 1922, Online-Version (englisch), Kapitel 19: The Bower of "Fair Rosamond" Es ist nicht erhalten.

Neuzeit mini|Bartolomeo Veneto, Bildnis eines jungen Mannes, um 1510, Öl auf Holz