mini|Jugendliche spielen Siedler von Catan mini|Liste von Gesellschaftsspielen aus der Meraner Zeitung vom 13. November 1903, Inserat der Buchhandlung Pötzelberger-Ellmenreich Unter einem Gesellschaftsspiel versteht man eine meist dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienende Tätigkeitsform, die zusammen mit anderen Teilnehmern, oft in Form eines Wettkampfs, nach vorgegebenen Regeln überwiegend mit Hilfe von Spielmaterial ausgeübt wird. Abgrenzend zu anderen Formen des Spiels wie dem sportlichen Spiel ist insbesondere das verwendete Spielmaterial wie Spielkarten und Spielbrett.
Begriffsabgrenzung und Wortherkunft Bei den meisten Gesellschaftsspielen handelt es sich um Brettspiele oder Kartenspiele. In der Regel dazugezählt werden aber auch Schreibspiele, Ratespiele oder Scharaden. Gesellschaftsspiele reichen von reinen Glücksspielen (beispielsweise viele Würfelspiele) über Denk- oder Geschicklichkeitsspiele (Schach und Go, Rollenspiele oder Fangen und Verstecken) bis zu diversen Partyspielen wie Flaschendrehen und – mit einer jahrhundertelangen Tradition – Blinde Kuh.
Teilweise wird die Abgrenzung von Gesellschaftsspielen enger vorgenommen, etwa nur Spiele beinhaltend, „die mit Hilfe von Spielplänen, Figuren und anderem Material auf dem Tisch gespielt werden“,Erwin Glonnegger: Das Spiele-Buch, Drei Magier Verlag, Erweiterte Neuauflage 1999, ISBN 3-9806792-0-9, S. 6. sodass insbesondere reine Kartenspiele ausgegrenzt werden. In diesem Fall sind die Begriffe Gesellschaftsspiel und Brettspiel weitgehend synonym. Eine Abgrenzung zum sportlichen Spiel enthält bereits das Libro de los juegos, das 1283 im Auftrag des kastilischen Königs Alfons der Weise verfasste „Buch der Spiele“. Dort werden Brett- und Würfelspiele dadurch charakterisiert, dass sie im Sitzen ausgeübt werden, anders als das sportliche Spiel, das zu Fuß oder zu Pferde ausgetragen werde.Das Buch der Spiele. Alfons X. „der Weise“, übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler und Ricardo Calvo, Lit Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-643-50011-3, .
Der Name Gesellschaftsspiel geht auf den Ausdruck Gesellschaftszimmer für einen Salon in bürgerlichen und adeligen Häusern der Neuzeit zurück. Später wurde der Begriff auf ein unterhaltendes Spiel ausgedehnt, „das von mehreren Kindern oder Erwachsenen zusammen gespielt wird.“Duden (Rechtschreibung), Stichwort Gesellschaftsspiel, abgerufen am 20. Mai 2018
Historische Entwicklung mini|Königin Nefertari beim Senetspiel mini|Die sechs Seiten eines römischen Würfels, gefunden in Großbritannien Die ältesten Nachweise für Brettspiele sind bildliche Darstellungen von Spielenden sowie ausgegrabene Spielpläne des Alten Ägypten, dort meist als Grabbeigaben, und aus Babylonien. Allerdings wird allgemein nicht bezweifelt, dass bereits zuvor gespielt wurde, etwa auf Spielfeldern, die in den Sand gezeichnet wurden, wie es heute noch bei Mancala-Spielen in Afrika üblich ist (siehe Bild in der nachfolgenden Bildzeile). Ein auf dem königlichen Friedhof der sumerischen Stadt Ur ausgegrabener Spielplan des Königlichen Spiels von Ur wird auf 2600 bis 2400 v. Chr. datiert. 2006 wurde ein 3500 Jahre altes, aus Holz und Elfenbein gefertigtes Senet-Spiel ausgegraben. Das Spiel ist damit noch etwas älter als die Senet-Spiele, die im Grab von Tutanchamun gefunden wurden.
Die ältesten, noch heute gebräuchlichen Brettspiele sind Go und Mühle, die beide gesichert bereits vor der Zeitenwende gespielt wurden.Michael Koulen: Go. Die Mitte des Himmels, Köln 1986, S. 10 ff.Hans Schürmann, Manfred Nüscheler: So gewinnt man Mühle. Otto Maier Verlag, Ravensburg 1980, S. 4. Eine immerhin über tausend Jahre alte Tradition weisen Schach und die Spiele der Mancala-Familie auf.
Für Würfelspiele ist, in Form von erhalten gebliebenen Spielwürfeln, eine über 4000-jährige Geschichte gesichert.Ulrich Vogt: Der Würfel ist gefallen. 5000 Jahre rund um den Kubus; Hildesheim 2012, S. 17
Deutlich jünger sind Kartenspiele, die in Europa durch überlieferte Verbote ab dem 14. Jahrhundert nachweisbar sind. Allerdings gehen Historiker davon aus, dass die Tradition der Spielkarten ihren Ursprung in China und Indien hat, wo bereits deutlich früher eine Papierproduktion vorhanden war als Grundlage der Kartenherstellung.Hugo Kastner, Gerald Kador Folkvord: Die große Humboldt-Enzyklopädie der Kartenspiele, Baden-Baden 2005, S. 14.
mini|Gänsespiel in Form einer Schlange, London 1794 Zu den ersten Spielen, die im 19. Jahrhundert mit einer gedruckten Grafik als Spielplan kommerziell produziert und vertrieben wurden, gehört das bereits im 16. Jahrhundert nachweisbare Gänsespiel.Manfred Zollinger: Zwei unbekannte Regeln des Gänsespiels, in: Board Games Studies, Band 6 (2003), S. 61–84 (online)
Frühe Beispiele für kommerzielle Gesellschaftsspiele in Europa, zum Teil mit bekanntem Autorenname, sind das ab 1892 in England verkaufte Snakes and Ladders (Leiterspiel), das ab 1893 durch Ravensburger vermarktete Reversi, das ab 1899 verkaufte Salta, das 1910 in Anlehnung an das indische Brettspiel Pachisi entstandene Mensch ärgere dich nicht, das 1911 vom Schachweltmeister Emanuel Lasker erfundene Laska und das 1927 im modernen Bauhaus-Design gestaltete Spiel Fang den Hut.Erwin Glonnegger: Das Spiele-Buch. Brett- und Legespiele aus aller Welt, Herkunft, Regeln und Geschichte, Drei Magier Verlag, Uehlfeld 1999, ISBN 3-9806792-0-9.
mini|hochkant|Monopoly-Patent von 1935 In den USA wurden kommerzielle Gesellschaftsspiele ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Verlage wie Parker und Milton Bradley (MB) vermarktet.Bruce Whitehill, Games of America in the Nineteenth Century, Board Game Studies Journal, Band 9, 2015, S. 65–87 (online)Bruce Whitehill: American Games: A Historical Perspective, in: Board Games Studies, Band 2, 1999, S. 116–142 (online) In großer Stückzahl hergestellt wurde ab 1935 der Klassiker Monopoly, der sich an ein 1904 patentiertes Vorbild The Landlord’s Game anlehnte. Ein bedeutender Impuls ging von Spielen aus, die ab etwa 1960 veröffentlicht wurden, darunter Risiko (Risk, 1959), das The Game of Life (Das Spiel des Lebens) und im Rahmen der 3M-Spieledition Spiele wie Acquire und TwixT.Stewart Woods: Eurogames. The Design, Culture and Play of Modern European Board Games, Jefferson, N. C. 2012, ISBN 978-0-7864-6797-6, Die Autoren der beiden letztgenannten Spiele, Sid Sackson bzw. Alex Randolph, hatten in den folgenden Jahrzehnten einen maßgeblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Gesellschaftsspielen, insbesondere auch in Deutschland, mit Titeln wie Sleuth, Focus, Can't Stop und Metropolis bzw. Sagaland, Hol's der Geier, Inkognito und Geister.
mini|Hase und Igel: Karten und Spielsteine des ersten Spiel des Jahres im Jahr 1979 In den 1980er-Jahren wurde Europa und vor allem Deutschland bekannt als Hersteller einer neuen Art von Brettspielen, welche Familienfreundlichkeit zum Ziel hatten. Gefördert nicht zuletzt durch die ab 1979 jährlich vergebene Auszeichnung Spiel des Jahres und später auch der Deutsche Spiele Preis.
Die Popularisierung von Gesellschaftsspielen fand in Deutschland ihren Ausdruck auch in den seit 1983 jährlich vom Friedhelm Merz Verlag in Essen veranstalteten Internationalen Spieltagen „SPIEL“.
Der für Autorenspiele verwendete Begriff German Game, also ‚deutsches Spiel‘, wurde durch den angloamerikanischen Sprachraum geprägt.Zooloretto wird Spiel des Jahres, Telepolis, 25. Juni 2007, abgerufen am 29. Mai 2017 Dieser Begriff wurde im Zuge der immer größeren Vernetzung der internationalen Spieleszene und des Aufkommens erfolgreicher Spieleverlage aus anderen europäischen Ländern mit Verlagsprogrammen prinzipiell ähnlicher Art etwa seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer weniger verwendet und zusehends durch den Begriff Eurogame ersetzt.Stewart Woods: Eurogames. The Design, Culture and Play of Modern European Board Games, Jefferson, N. C., 2012, ISBN 978-0-7864-6797-6, insbesondere Chapter 4 (From German Games to Eurogames) S. 63–78.
mini|Bierdeckel-Proklamation von 1988: „Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn sein Name nicht oben auf der Schachtel steht.“ Das wachsende Selbstbewusstsein von Spieleautoren zeigt sich auch in der sogenannten „Bierdeckel-Proklamation“, die zwölf Spieleautoren und eine Spieleautorin auf der Nürnberger Spielwarenmesse 1988 unterzeichneten. Sie drückt die Forderung aus, die Namen der Personen auf der Spielschachtel zu nennen, die das Spiel erfunden haben.Spiele-Autoren-Zunft: Historischer Rückblick
Ein Meilenstein in der weiteren Popularisierung der Gesellschaftsspiele markiert das Spiel Siedler von Catan, das seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1995 einschließlich von Varianten, Erweiterungen und Übersetzungen in über 40 Sprachen insgesamt mehr als 30 Millionen Mal verkauft wurde.
Klassifikation von Gesellschaftsspielen Gesellschaftsspiele sind in unterschiedlicher Hinsicht klassifizierbar. Die Unterschiede resultieren aus dem Abstraktionsgrad und dem Blickwinkel, die den Abgrenzungen zugrunde gelegt sind. Die folgende Beschreibung von verschiedenen Klassifikationsschemas dient auch zur Darstellung der Vielfalt von Gesellschaftsspielen. Die Details der jeweils beispielhaft angeführten Spiele sind in den verlinkten Artikeln zu finden.
mini|Illustration im 1283 entstandenen Buch Libro de los juegos zur Thematik einer ersten Klassifikation von Spielen Eine frühe Einteilung von Spielen in drei Klassen wird im Libro de los juegos aus dem Jahr 1283 anhand von drei exemplarischen Spielen erläutert: das vom Verstand entschiedene Schach, das vom Zufall entschiedene Würfelspiel und das der Vernunft bedürfende Tricktrack, bei dem „die rechte Klugheit darin [bestehe], den Verstand zu benutzen, so man erkennt, dass er die meisten Vorteile bringt, sich aber des Glückes zu bedienen, wenn es einem hold ist, und den Schaden so gut als möglich zu begrenzen, wenn es einem nicht gewogen ist.“Das Buch der Spiele. Alfons X. „der Weise“, übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler und Ricardo Calvo, Lit Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-643-50011-3, .
Spieltheoretische Klassifikation mini|Glück-Logik-Bluff-Klassifikation von Gesellschaftsspielen Eine sehr grobe Klassifikation von Gesellschaftsspielen ermöglichen die Eigenschaften, die auch Gegenstand des Spielmodells der mathematischen Spieltheorie sind: Sehen die Spielregeln Zufallsentscheidungen vor, beispielsweise mit Hilfe eines Würfels? Gibt es, anders als bei Schere-Stein-Papier, sequentielle Entscheidungen von Spielern im Rahmen von Zugfolgen, so dass es für diese Zugfolgen eine vergleichsweise große Anzahl möglicher Kombinationen gibt? Gibt es Spielsituationen, in denen die Spieler, wie zum Beispiel bei Skat, unterschiedliche Informationen über den bisherigen Spielverlauf besitzen?