mini|Der delisch-attische Seebund (gelb), kurz vor Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs Der Attische Seebund (auch Delisch-Attischer oder Attisch-Delischer Seebund) war ein Bündnissystem zwischen Athen und zahlreichen Poleis in Kleinasien und auf den vorgelagerten Inseln. Die Originalbezeichnung des Seebunds lautete: „Die Athener und ihre Alliierten“ (). Er wurde als Folge der Perserkriege geschaffen, die 480 v. Chr. durch den Sieg der verbündeten Griechen unter Führung Athens in der Seeschlacht bei SalamisChristian Meier hat diese Schlacht als das Nadelöhr bezeichnet, „durch das die Weltgeschichte hindurch mußte, wenn in ihr statt großer, monarchisch regierter Reiche jenes eigenartige, vom Osten her exotisch anmutende Volk eine entscheidende Rolle spielen sollte, das in lauter kleinen selbständigen Städten, fast überall ohne Monarchen und vielfach schon bei weitgehender politischer Mitsprache breiter politischer Schichten lebte.“ (Meier, Athen (1995) S. 33) vorentschieden worden waren.
Die Gründung 478/77 v. Chr. diente dem Ziel, die Perser künftig von der Ägäis mit ihren griechisch besiedelten Inseln und Randzonen fernzuhalten und wichtige Seehandelswege zu schützen. Die Athener hatten dabei in militärischer und organisatorischer Hinsicht von vornherein eine gewisse Führungsrolle, die sie im Zuge ihrer innergesellschaftlichen demokratischen Umgestaltung zu einer erdrückenden Vormachtstellung ausbauten.
Während die persische Bedrohung zur Jahrhundertmitte weitgehend gebannt schien, wurde das von Athen beherrschte Seereich im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. zu einer wachsenden Herausforderung für die griechische Landmacht Sparta und für den ihr angeschlossenen Peloponnesischen Bund. Die Rivalität der beiden griechischen Großmächte mündete schließlich in den Peloponnesischen Krieg, der sowohl die härteste Ausprägung der athenischen Herrschaft über die ihr unterworfenen Seebundmitglieder brachte als auch – wegen Athens Niederlage gegen Sparta – die Auflösung des Ersten Attischen Seebunds.
Die Neugründung eines Attischen Seebunds 379/78 v. Chr. lässt erkennen, dass die damit verbundenen Schutzfunktionen gerade bei kleineren Bundesgenossen-Poleis weiterhin geschätzt wurden. Allerdings war Athens Führungsrolle nun auch deutlich zurückgenommen und entsprach seiner insgesamt geschwächten Stellung. Der Aufstieg Makedoniens zur griechischen Großmacht minderte zudem Athens Einfluss in der Ägäis und begünstigte den Abfall von Bundesgenossen. Die Niederlage Athens und seiner Verbündeten in der Schlacht von Chaironeia 338 v. Chr. gegen die Makedonier bedeutete das Ende des Zweiten Attischen Seebunds.
Die Entstehung des Ersten Attischen Seebunds Nach der persischen Niederlage in der Schlacht von Plataiai 479 v. Chr. und dem Rückzug der Perser vom griechischen Festland setzte eine griechische Bundesflotte unter Führung des Spartaners Pausanias im nordöstlichen Ägäisraum nach und eroberte im Jahr darauf Byzantion. Pausanias’ hochfahrender Führungsstil und seine mangelnde Bereitschaft, die Schutzinteressen der kleinasiatischen griechischen Poleis zu gewährleisten, nutzten die Athener dazu, sich nun ihrerseits die Flottenführung antragen zu lassen, während die Spartaner ihre Verbände abzogen.Detlef Lotze, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus. Überarbeitete u. erweiterte 7. Auflage, München 2007, S. 56.
Ein Verteidigungsbündnis gegen Persien Der Seebund löste den zur Abwehr der Perser gegründeten Hellenenbund nicht ab, dieser existierte weiterhin. Allerdings übernahm der neugegründete Bund nun die Aufgabe, die von der Herrschaft Persiens befreiten griechischen Städte dauerhaft zu schützen. Sparta war an einer Ausweitung des Krieges nach Kleinasien nicht interessiert und wollte sich auf die Verteidigungen des griechischen Kernlandes beschränken. Somit fiel die Aufgabe der Konsolidierung der Freiheit der ionischen Städte in Kleinasien nun Athen und seinen Bundesgenossen zu. Das Interesse der an den Küsten Kleinasiens großteils im Zuge der Griechischen Kolonisation angesiedelten Griechen an einem dauerhaften Schutz vor dem Zugriff der persischen Großmacht war eine stabile Größe bei der Konstituierung des Seebunds, hatten doch die den Perserkriegen vorangegangenen Querelen ebenfalls bei den ionischen Poleis Kleinasiens ihren Ausgang genommen – und mit Athens Parteinahme an ihrer Seite die persischen Vorstöße nach Griechenland ausgelöst. Für die Inselgriechen in der Ägäis und insbesondere für das zum Teil auf Lebensmittelimporte angewiesene Athen ging es aber zusätzlich darum, die Seewege im Ägäis-Raum gegen Übergriffe zu sichern, damit der Handel ungestört blieb und entwickelt werden konnte.So weist Kagan darauf hin, dass die aus der heutigen Ukraine über das Schwarze Meer nach Athen verfrachteten Getreideimporte, die zur Versorgung der Athener wesentlich beitrugen, von den Persern bereits durch einen begrenzten Kriegszug, der Bosporus und Dardanellen in ihre Hand brachte, mit fatalen Folgen für Athen unterbrochen werden konnten. (Donald Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. Stuttgart 1992, S. 132)
Dies setzte den Bau und die Unterhaltung großer Flottenverbände voraus, wozu hauptsächlich Athen in der Lage war. Eine wichtige finanzielle Rolle spielten dabei die Silbervorräte in den Minen von Laurion: „Der extensive Bergbau lieferte die Ressourcen für den wirtschaftlichen und damit auch für den politischen und militärischen Aufstieg Athens im 5. Jahrhundert.“ Die für die Silbergewinnung benötigten Bergbauspezialisten warb man ab von den schon länger betriebenen Silberminen in Nordgriechenland.Ulrich Sinn, „Athen. Geschichte und Archäologie.“ München 2004, S. 35, der außerdem anmerkt, dass der auf den vordergründigen Nutzeffekt gerichtete Umgang mit den natürlichen Ressourcen sich im 4. Jahrhundert rächte, als nicht nur die Bergbaueinnahmen versiegt waren, sondern ausgedehnte Schlackehalden mit Bleianteilen die Umwelt belasteten und die Gesundheit der Anwohner beeinträchtigten. „Der enorme Bedarf an Brennholz für die Schmelzöfen führte überdies zu einer radikalen Abholzung und damit zur Verödung weiter Landstriche.“ (ebenda) Dass die Athener die militärische Hauptlast des Bundes zu tragen haben würden und dass ihnen das Kommando zustand, war folglich unumstritten. Die Bundesgenossen würden ihrerseits mit finanziellen Beiträgen oder durch die Stellung von Schiffen dem Bund ihren Tribut entrichten und die Athener entlasten.
Von einem ausgearbeiteten Vertragswerk zur Gründung des Bundes ist nichts überliefert.Schuller, S. 141. Die zeitgenössische Bezeichnung für dieses Bündnis lautete: „Die Athener und ihre Verbündeten“.Wörtlich: „Die Athener und ihre Mitkämpfer“ griechisch: Vertragliche Bindungen bestanden wohl im Wesentlichen jeweils zwischen Athen und den einzelnen Bundesgenossen-Poleis und wurden in Verbindung mit Schwurhandlungen unbefristet geschlossen. Symbolisch in die See versenkte Metallklumpen bürgten für die Nachhaltigkeit des Bundes: Solange sie nicht auftauchten, sollte er fortbestehen.Meier, Athen (1995) S. 297.
Anfängliche Organisationsstrukturen Der Bund umfasste als Symmachie eine Vielzahl Poleis auf dem griechischen Festland, in Westkleinasien und in Thrakien sowie zahlreiche ägäische Inseln. Mittelpunkt und Versammlungsort des Seebunds war für nahezu ein Vierteljahrhundert nicht Athen, sondern die Kykladen-Insel Delos. Dort tagte mindestens einmal jährlich die Bundesversammlung (Synhedrion), und im dortigen Apollon-Tempel wurden die gemeinsamen Finanzmittel des Bundes aufbewahrt. Der Gott, dem sich der Seebund ursprünglich unterstellte, war somit der delische Apollon.
In der Bundesversammlung herrschte von der größten bis zur kleinsten Mitgliedspolis nominell Gleichberechtigung: Jede verfügte über nur eine Stimme bei der Beschlussfassung. Doch gelang es Athen im Synhedrion wohl in der Regel, Mehrheiten für die eigenen Vorschläge bei den Bündnern zu finden.Schuller, S. 147, mit Berufung auf Thukydides 3, 10, 5. In der Kompetenz der Bundesversammlung dürfte sowohl die Sanktionsgewalt beim Abfall von Bundesgenossen gelegen haben als auch die Kontrollfunktion im Hinblick auf die rechtmäßige Tributveranlagung der Seebundmitglieder.Schuller, S. 146.
Als Gesamtsumme der jährlichen Beiträge wurden ursprünglich 460 Talente festgesetzt.Thukydides 1, 96. Dies lag noch unter der Summe, die allein von den Griechenstädten Kleinasiens vormals an die Perser abzuführen gewesen war.Meier, S. 297–298, der den Gegenwert für die 460 Talente, bezogen auf Seebundangelegenheiten folgendermaßen verdeutlicht: „Der Sold für einen Ruderer war auf eine halbe Drachme festgesetzt. Bei circa 200 Mann Besatzung kostete die Löhnung pro Schiff und Tag rund 100 Drachmen, im Monat 3000, das war ein halbes Talent. Eine Flotte von hundert Schiffen hatte also, falls sie sechs Monate im Dienst war, Lohnkosten von 300 Talenten.“ (S. 298) Mit der Tributpflichtigkeit zu verrechnende eigene Schiffe stellten die Inseln Thasos, Naxos, Lesbos, Chios und Samos. Die kleineren Poleis, die wegen der für Schiffbau und Besoldung der Mannschaften anfallenden Kosten dazu nicht in der Lage waren, wurden gemäß ihrer Leistungsfähigkeit anteilig zu Zahlungen verpflichtet. Solche langfristig ausgerichtete Organisation stellte für griechische Verhältnisse eine Neuerung dar; im Peloponnesischen Bund gab es nur anlassbezogene Zahlungen.Detlef Lotze, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus. Überarbeitete u. erweiterte 7. Auflage, München 2007, S. 56.Wolfgang Schuller: Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund. de Gruyter, Berlin – New York 1974, S. 146: Schuller verweist auf Bodenbesitz und Einkünfte als rationale Kriterien der Tributveranlagung.
Athens Führungsrolle Die zur militärischen Führung des Seebunds berufenen Athener hatten von Anbeginn nicht nur das Gewicht der großen eigenen Schiffsflotte und der Operationsleitung zur See durch athenische Strategen auf ihrer Seite, sondern sie stellten mit Aristides auch den vielfach als gerecht gelobten Verantwortlichen für die ursprüngliche Tributveranlagung. Außerdem kamen alle zehn Verwalter (Hellenotamiai) des mit den finanziellen Beitragslasten (φόροι) der Mitglieder gebildeten delischen Bundesschatzes aus Attika, ohne dass dies erkennbar Anstoß erregt hätte.
Zur militärischen trat also die organisatorische Führung Athens, verbunden mit entsprechender politischer Autorität, die auch in der Bundesversammlung durchschlug. Unter den verbündeten Poleis waren viele so klein, dass sie sich in ihrem Umfeld ohnehin kaum unabhängig hätten behaupten können; so mochte ihnen die Obhut des ferneren Athen vorteilhaft erscheinen.Donald Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. Stuttgart 1992, S. 133; Meier, Athen (1995) S. 297. Einerseits Gleicher unter Gleichen war Athen damit schon von Anbeginn der Hegemon des Attischen Seebunds, die unangefochtene Führungsmacht.
Zwischen 469 und 466 v. Chr. errang der Seebund am Eurymedon entscheidende Siege über Flotte und Heer des persischen Großkönigs, womit die persische Gefahr gebannt schien und die Notwendigkeit des Bundes aus Sicht der Tributpflichtigen in Frage gestellt wurde. Der Abfall von Thasos, den die Athener 465–463 v. Chr. mit der Belagerung der Insel beantworteten, förderte mit der Repression auch die Unbeliebtheit der Athener bei den Bundesgenossen und steigerte verschiedentlich den Unmut über die Bindung an die Hegemonialmacht.
Umbau zum Attischen Seereich Bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts ging die Bedrohung von Seebundmitgliedern durch die Großmacht Persien zurück, zumal nach dem Kalliasfrieden von 449 v. Chr. (die Historizität dieser Friedensvereinbarung ist allerdings umstritten). Dadurch verschärfte sich für die Athener das Problem, den Bund zusammenzuhalten, auf den sie die eigenen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Strukturen mehr und mehr ausgerichtet hatten.
Machtkonzentration gegen Loslösungsbestrebungen