Die Nephrologie (Nierenheilkunde, Aussprache [], aus altgriechisch νεφρός „Niere“ und λόγος „Wort, Lehre“: „Nierenlehre“) ist die Lehre von Bau und Funktion der Niere unter normalen und pathologischen Bedingungen sowie von den Nierenkrankheiten und deren Auswirkungen auf den Organismus.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1973, 5. Ordner (Mem–Rz), ISBN 3-541-84005-6, S. N 52. Sie befasst sich also mit „Morphologie, Funktion und Krankheiten der Niere.“Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 1200.Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 15. Band, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1991, ISBN 3-7653-1115-4, S. 437.

Nur wenige Patienten mit einer Niereninsuffizienz haben schwere Nierenkrankheiten. Trotzdem definiert der aktuelle Medizin-Duden die Nephrologie als „Wissenschaft und Lehre von den Nierenkrankheiten.“Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. Dudenverlag, 10. Auflage, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 552. Und das Wörterbuch der Medizin verzichtet auf die Unterscheidung zwischen Urologie und Nephrologie, wenn letztere als „Lehre über die Krankheiten der Niere und ableitenden Harnwege“ definiert wird.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1378.

Die Nephrologie ist heute ein Teilgebiet der Inneren Medizin, das eine große thematische Bandbreite abdeckt. Grundsätzlich befasst sich die Nephrologie mit der Prävention, der Diagnostik, der konservativen (nicht-operativen) Therapie und der Nachsorge von Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen. Auch die Durchführung aller extrakorporalen Blutreinigungsverfahren (Dialyse, Apherese, Immunadsorption) sowie die Betreuung von Patienten mit einer transplantierten Niere fallen in das Fachgebiet der Nephrologie.

Nephrologe beziehungsweise Nephrologin ist eine standesrechtlich geschützte Bezeichnung, die nur von Fachärzten für innere Medizin mit entsprechender, erfolgreich abgeschlossener Facharzt-Weiterbildung geführt werden darf. Die Kindernephrologie ist ein eigenständiges Teilgebiet (Zusatzbezeichnung) der Kinderheilkunde.

Geschichte Die Nephrologie ist als Fachdisziplin noch relativ jung. Als Begründer der modernen Nephrologie gelten Richard Bright (1789–1858), Franz Volhard (1872–1950) und Georg Haas (1886–1971).Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten (= Medizinhistorische Schriftenreihe der Studienreihe Boehringer Mannheim. Band 2). Mannheim 1972.

Zu den ersten wahren Kennern der menschlichen Anatomie gehörte Giovanni Alfonso Borelli (1608–1679). In seinem Werk De renum usu iudicium beschrieb er, dass Urin auf der Ebene der Nieren durch Trennung vom Blut als eine „überflüssige Serösität“ gebildet wird. Für Borelli war der Organismus eine perfekte Maschine und präzise physikalische Gesetze regulieren ihre Funktionen. Zur selben Zeit betrachtete Marcello Malpighi (1628–1694) in seinem Werk De renibus die Nieren als eine Reihe von kleinen membranösen Follikeln. Der Urin werde durch „Segregation“ in den Tubuli gebildet. Die Tubuli seien Kanäle, die in den Harnleiter übergehen.F. Scaroina: Nephròs: cronache e convinzioni alla scoperta dei reni. Pintore editore, Turin 2002, S. 176. Lorenzo Bellini (1643–1704) untersuchte ausführlich die Anatomie der Nieren, die er in der „Exercitatio de structura et usu renum“ ausführlich beschrieb.

Georg Haas gilt als Begründer der Hämodialyse mittels einer „künstlichen Niere“. Seine ersten Tierversuche führte er 1914 in Gießen durch; zehn Jahre später hat er erstmals einen Menschen dialysiert. Trotzdem wurden regelmäßige zunächst noch experimentelle Dialysebehandlungen in Krankenhäusern erst in den 1950er Jahren durchgeführt. Ein Pionier der Hämodialysebehandlung in Deutschland war Curt Moeller in Hamburg. Der Aufbau einer flächendeckenden Dialyseversorgung ging langsam voran. So gründete sich der größte gemeinnützige Dialyseanbieter, das Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e. V. (KfH), im Jahr 1969, weil noch zu diesem Zeitpunkt ein medizinischer Versorgungsnotstand für dialysepflichtige Patienten in Deutschland bestand. Heute ist eine flächendeckende Dialyseversorgung in Deutschland gewährleistet. Auch wenn die Nephrologie ein noch relativ junges akademisches Fach ist, gehört sie doch seit Beginn der Medizin zu ihren Kerngebieten.

Die Urinschau ist fester Bestandteil der Medizin seit Galenos von Pergamon (ca. 1.–2. Jahrhundert nach Christus). Das Harnglas (die Matula) war im Mittelalter ein Symbol der Ärztezunft. Die zentrale Bedeutung der Nieren für die allgemeine Gesundheit hat sich im deutschen Sprachgebrauch sogar sprichwörtlich verankert: wir prüfen „auf Herz und Nieren“ ().„Laß der Gottlosen Bosheit ein Ende werden und fördere die Gerechten; denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.“ Psalm 7,10.

Der Begriff Nephrologie findet sich in der medizinischen Fachliteratur erstmals um 1960. Am 1. September 1960 fand sich auf einer internationalen Konferenz mit dem Titel Premier Congrès International de Néphrologie in Genf das Wort Nephrologie im Tagungsthema. Der französische Nephrologe Jean Hamburger schlug den Terminus bereits 1953 vor. Vorher sprach man von der Nierenheilkunde.Professor Priscilla Kincaid-Smith, nephrologist, Australian Academy of Science, Interview durch Max Blythe 1998. Davor wurden die Nierenkrankheiten von den Urologen beschrieben und behandelt. Johann Georg Krünitz definierte 1850 die Urologia als „Harnlehre“.Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Berlin 1850, Band 202, S. 330.

Willibald Pschyrembel erwähnt die Nephrologie als Stichwort in seinem Klinischen Wörterbuch erstmals 1982 in der 254. Auflage als „Wissenschaft und Lehre von den Nierenkrankheiten“.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 254. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-007187-8, S. 811.

Harnpflicht Ein weiteres wichtiges Thema der neuzeitlichen Nephrologie ist die Harnpflicht der einzelnen Stoffe. Harnfähige Stoffe können, harnpflichtige Stoffe müssen mit dem Urin ausgeschieden werden. Diese Definition der Harnpflicht schließt die teilweise Ausscheidung harnpflichtiger Stoffe über andere Eliminierungswege nicht aus.

Die renale Clearance darf nicht mit der glomerulären Filtration verwechselt werden. Denn im Nephron können die Tubuli Ionen und Moleküle in den Primärharn (=GFR) sezernieren und ihn außerdem resorbieren. Als Clearance (deutsch Ausscheidung) bezeichnet man in der Medizin das Entfernen einer bestimmten exogenen oder endogenen Substanz aus einem Organismus.Hans-Hasso Frey, Felix R. Althaus: Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie für die Veterinärmedizin. Ferdinand-Enke-Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8304-1070-6. S. 19 f. Bei exogenen Stoffen wird die Clearance auch als Elimination bezeichnet. Bei der renalen Clearance übernimmt die Niere die Ausscheidungsfunktion.

Eine Definition der Harnpflicht findet sich nicht mehr in der aktuellen nephrologischen Fachliteratur. Es muss berücksichtigt werden, dass bei einer kompensatorischen Oligoanurie der Primärharn mit den darin gelösten Molekülen vermehrt tubulär rückresorbiert wird. So kommt es zur Urämie. Des Weiteren ist an körperfremde Substanzen zu denken, die oft nicht verstoffwechselt werden,Zitat DocCheck Flexikon, Stichwort Harnpflichtige Substanzen: „Darüber hinaus umfasst die Gruppe harnpflichtiger Substanzen auch noch weitere Stoffe wie Phenole, Guanidinderivate sowie aliphatische und aromatische Amine und Polyamine.“ aber trotzdem ganz oder teilweise renal ausgeschieden werden, zum Beispiel Gifte, Farbstoffe, Kontrastmittel oder Medikamente.

In der nephrologischen Fachliteratur finden sich kaum Grenzwerte"Anstieg der Retentionsparameter über die altersentsprechenden Normalwerte". Zitat: Markus J. Kemper, Jun Oh: Das akute und chronische Nierenversagen. In: Jörg Dötsch, Lutz T. Weber (Hrsg.): Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 170, mit der dortigen Quelle: M. E. Thomas, C. Blaine, A. Dawnay et alii: The definition of acute kidney injury and its use in practice. In: Kidney International, Jahrgang 87, S. 62–73. Diese Normalwerttabellen fehlen allerdings auch hier. für die Konzentration der einzelnen harnpflichtigen Substanzen mit entsprechenden Symptomen bei Schwellenwertüberschreitungen.Helmut Geiger: Chronische Niereninsuffizienz. In: Helmut Geiger, Dietger Jonas, Tomas Lenz, Wolfgang Kramer (Hrsg.): Nierenerkrankungen. Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 2003, ISBN 3-7945-2177-3, S. 30–111. Ebenso fehlen therapeutische Empfehlungen zur Behandlung solcher Überschreitungen zur Symptomlinderung und um den Beginn der Nierendialyse hinauszuzögern. Die technischen Einstellungen bei der Dialyse erlauben eine gezielte Eliminierung definierter toxischer Substanzen.B. Reinhardt, G. Krick: Verfahrenstechnische Aspekte. In: Hans Eduard Franz, Walter H. Hörl (Hrsg.): Blutreinigungsverfahren. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1997, ISBN 3-13-497705-2, S. 20–42.

Eine Dialyse ist dann indiziert, wenn sie mit Diät oder Medikamenten nicht vermieden werden kann. Oft kann so der Plasmaspiegel der schädlichen harnpflichtigen Substanzen reduziert werden.Hans Joachim Sarre: Nierenkrankheiten. 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-13-392804-X, S. 603.

Nephrologische Diagnosen Systemerkrankungen mit Nierenbeteiligung und/oder Bluthochdruck: Kollagenosen (Lupus erythematodes, Sklerodermie, CREST-Syndrom, Dermatomyositis-Polymyositis, Sjögren-Syndrom, Mischkollagenose (Sharp-Syndrom), undifferenzierte Kollagenosen), Vaskulitiden (Takayasu-Syndrom, Riesenzellarteriitis, Panarteriitis, Kawasaki-Syndrom, Granulomatose mit Polyangiitis (Morbus Wegener), eosinophile Granulomatose mit Polyangiitis (EGPA, Churg-Strauss-Syndrom), mikroskopische Polyangiitis, Purpura Schönlein-Henoch, essentielle kryoglobulinämische Vaskulitis, Goodpasture-Syndrom), sonstige Systemerkrankungen (Amyloidose, Morbus Behçet, familiäres Mittelmeerfieber, Raynaud-Syndrom, hämolytisch-urämisches Syndrom, thrombotisch-thrombozytopenische Purpura, HELLP-Syndrom) Glomeruläre Erkrankungen, die nicht Teil einer systemischen Erkrankung sind: Glomerulonephritis Glomeruläre Erkrankungen ohne bekannte histologische Diagnose: Akutes nephritisches Syndrom, rapid-progressive Glomerulonephritis, rezidivierende und persistierende Hämaturie, chronisches nephritisches Syndrom, nephrotisches Syndrom, isolierte Proteinurie infolge von Tumorerkrankungen, Infektionserkrankungen (inkl. Hepatitis) oder Gestose Tubuluskrankheiten (Tubulopathien, tubuläre Krankheitszustände) Tubulointerstitielle Erkrankungen: Tubulointerstitielle Nephritis, obstruktive Uropathie und Refluxuropathie, Arzneimittel- und schwermetallinduzierte tubulointerstitielle Krankheiten, tubulointerstitielle Nierenkrankheiten bei anderen Krankheiten, weitere tubulointerstitielle Nierenkrankheiten (zum Beispiel Balkan-Nephropathie, Nierenabszess, perinephritischer Abszess, Analgetikanephropathie) Nephrolithiasis (Urolithiasis, Nierenstein-Leiden) Körpereigene (endogene) Vergiftungen durch Urämietoxine und Nephrotoxine Körperfremde (exogene) Vergiftungen durch diverse Nierengifte (zum Beispiel bei der Analgetikanephropathie) Erbliche Erkrankungen: Alport-Syndrom, autosomal dominante oder rezessive Zystennieren, Von-Hippel-Lindau-Syndrom (Morbus Hippel-Lindau), Nephronophthise, Tuberöse Sklerose Tumorerkrankungen: Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs), Nierensarkom und Wilms-Tumor (Nephroblastom), Plasmozytom (Multiples Myelom) und bösartige Neubildung der Plasmazellen, Tumorlyse-Syndrom