mini|Der 2008 auf Grundlage der Arbeiten von Dietwulf Baatz rekonstruierte Holzwachturm Der Obergermanisch-Raetische Limes (ORL) ist ein 550 Kilometer langer Abschnitt der ehemaligen Außengrenze des Römischen Reichs zwischen Rhein und Donau. Dieser Abschnitt des Limes erstreckte sich von Rheinbrohl im Norden/Westen bis zum Kastell Eining an der Donau im Süden/Osten. Der Obergermanisch-Raetische Limes bildete dabei die südliche Fortsetzung des Niedergermanischen Limes, der entlang des Rheins verlief. Im Gegensatz zu dieser natürlichen Grenze wurde in den römischen Provinzen Obergermanien und Raetien eine künstliche Grenzlinie mit Palisaden, Gräben, Wachtürmen und Kastellen errichtet. In nachantiker Zeit wurde der Limes vielerorts als Steinbruch genutzt und ist daher heute größtenteils nicht mehr sichtbar. Der Obergermanisch-Raetische Limes ist ein Bodendenkmal und seit 2005 Weltkulturerbe der UNESCO.
Begriff mini|Das Kastell Saalburg. In den Jahren 1899 bis 1907 errichtet, gilt die Anlage als bedeutendster Rekonstruktionsversuch der archäologischen Vergangenheit. Die bereits 1885 von Louis Jacobi errichtete Südwestecke mit weiterem und damit richtigem Zinnenabstand musste während der Gesamtrekonstruktion wohl auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. mit mittelalterlichem Zinnenabstand und damit falsch wiederaufgebaut werden.Dietwulf Baatz: Die Saalburg – ein Limeskastell 80 Jahre nach der Rekonstruktion. In: Günter Ulbert, Gerhard Weber (Hrsg.): Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung. Konrad Theiss Verlag. Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0450-0, S. 126; Abb. 127. Der lateinische Begriff Limes bedeutete ursprünglich Grenzweg bzw. Schneise. In Deutschland sind mit Limes in der Regel der Raetische Limes und der Obergermanische Limes gemeint, gemeinsam als Obergermanisch-Raetischer Limes bezeichnet. Die beiden Limesabschnitte sind nach den angrenzenden römischen Provinzen Raetia (Rätien) und Germania superior (Obergermanien) benannt.
Die römischen Limites stellten in der Geschichte erstmals räumlich klar definierte und visuell im Gelände für Freund und Feind eindeutig erkennbare Außengrenzen eines Herrschaftsbereichs dar. Der Obergermanisch-Raetische Limes hält sich dabei wenig an Flüsse oder Gebirgszüge, die eine natürliche Abgrenzung des Gebietes darstellen könnten. Er umfasst die längste Landgrenze im europäischen Abschnitt des Limes, unterbrochen nur auf wenigen Kilometern durch eine Strecke, die zwischen Großkrotzenburg und Miltenberg dem Main folgt. Der Limes wird in Europa sonst weitgehend durch die Flüsse Rhein (Niedergermanischer Limes) und Donau (Donaulimes) bzw. nach dem Limesfall als Verbindungsstück auch durch die Iller (Donau-Iller-Rhein-Limes) gebildet.
Funktion Seit langem wird darüber diskutiert, wozu es die römischen Militärgrenzen gab. Nach älteren Vorstellungen diente der Limes primär als militärische Demarkations- und Defensivlinie. Die jüngere Forschung hingegen sieht zumindest im Obergermanisch-Raetischen Limes eher eine überwachte Wirtschaftsgrenze zum nichtrömischen Raum. Der Limes sollte die Macht des Imperiums demonstrieren, Schmuggel unterbinden und einen friedlichen Grenzverkehr und die Erhebung von Zöllen und Steuern ermöglichen. Die am Limes stationierten Truppen reichten aber nicht aus, um größere Angriffe abzuwehren.
Das römische Imperium dehnte durch eine geschickte Wirtschaftspolitik seinen Einflussbereich weit nach Nordosten, über die Grenze hinaus, aus. Zeugnis davon geben die vielen Grenzübergänge, die zwar von römischen Soldaten kontrolliert wurden, aber dennoch einen regen wirtschaftlichen Austausch ermöglichten, und die zahlreichen römischen Funde auch im „freien Germanien“ (bis nach Jütland und Skandinavien). Auch versuchte man mitunter, jenseits des Limes ehemalige römische Legionäre anzusiedeln oder, sehr viel häufiger, Auxiliarsoldaten anzuwerben und Bündnisse zu schließen. Damit reichte die Romanisierung der Bevölkerung weit über den Limes hinaus.
Forschungsgeschichte mini|Karte der Grafschaft Hanau von Friedrich Zollmann 1728, darin eine der frühesten Einzeichnungen des Limes, bezeichnet als Reliquiae munimenti Romani sive Lineae adversus Germanos erectae, hodieque Der Pfalgraben, Pfolgraben vel Polgraben dictae Das Interesse am Limes als Rest einer Anlage aus römischer Zeit wurde in Deutschland in der Zeit der Renaissance und des Humanismus wieder lebendig. Gefördert wurde dies durch die Wiederauffindung der Germania und der Annales des Tacitus in Klosterbibliotheken im 15. und frühen 16. Jahrhundert. Gelehrte wie Simon Studion (1543–1605) erforschten Inschriften und entdeckten Kastelle, Studion leitete archäologische Ausgrabungen des Kastells Benningen an der Neckarlinie des Neckar-Odenwald-Limes. Regionale Limes-Kommissionen wurden gegründet, blieben aber aufgrund der politischen Gegebenheiten auf kleine Gebiete beschränkt, zum Beispiel im Großherzogtum Hessen oder im Großherzogtum Baden. Johann Alexander Döderlein berichtete als Erster vom Verlauf des Limes im Raum Eichstätt. Im Jahre 1723 deutete er die Bedeutung des Limes als Erster richtigWeißenburg stiftet eigenen Kulturpreis, erschienen 1986, abgerufen am 22. Juni 2016.Bernhard Overbeck: Johann Alexander Döderlein (1675–1745) und die „vaterländische“ Numismatik. In: Jahrbuch der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft. Jahrgang 2012, 2013, S. 147–165. und veröffentlichte 1731 eine erste wissenschaftliche Schrift darüber.
Reichs-Limeskommission mini|Zeit der RLK: archäologischer Befund und zeichnerische Dokumentation, „Großer Graben“ und Palisadengraben bei Rheinbrohl Erst nach der Reichsgründung konnten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Archäologen damit beginnen, den zuvor nur rudimentär bekannten Verlauf genauer aufzunehmen und erste systematische Ausgrabungen vorzunehmen. 1892 wurde zu diesem Zweck die Reichs-Limeskommission (RLK) unter der Leitung des Althistorikers Theodor Mommsen mit Sitz in Berlin gegründet. Die Arbeit dieser Kommission gilt als Pioniertat zur Aufarbeitung provinzialrömischer Geschichte. Besonders produktiv waren die ersten zehn Jahre der Forschung, in denen der Verlauf des Obergermanisch-Raetischen-Limes festgestellt und die Kastelle entlang der Grenze benannt wurden. Die Forschungsberichte über die Ausgrabungen erschienen von 1894 bis zur Auflösung der Kommission im Jahr 1937. Die einzelnen Lieferungen wurden unter dem Titel Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches (ORL) in fünfzehn Bänden zusammengefasst, von denen sich sieben mit der Strecke und acht mit den einzelnen Kastellen befassen. Die Unterlagen der Reichs-Limeskommission befinden sich heute in der Obhut der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts. Die RLK nummerierte neben den Strecken die Kastelle fortlaufend sowie die Wachtürme (Wp) der einzelnen Strecken.
Streckenverlauf Im Verlauf dieser Arbeiten wurde der 550 Kilometer lange Verlauf des Limes vermessen, in Strecken eingeteilt und beschrieben. Diese Aufteilung folgte den im Deutschland des 19. Jahrhunderts vorhandenen Verwaltungsgrenzen, nicht antiken Vorgaben:
Strecke 1: Rheinbrohl – Bad Ems Strecke 2: Bad Ems – Adolfseck bei Bad Schwalbach Strecke 3: Adolfseck bei Bad Schwalbach – Taunus – Köpperner Tal Strecke 4: Köpperner Tal – Wetterau – Marköbel (westlicher Wetterau-Limes) Strecke 5: Marköbel – Großkrotzenburg am Main (östlicher Wetterau-Limes) Strecke 6a: Hainstadt – Wörth am Main (ältere Mainlinie) Strecke 6b: Trennfurt – Miltenberg Strecke 7: Miltenberg – Walldürn – Buchen-Hettingen (Rehberg) Strecke 8: Buchen-Hettingen (Rehberg) – Osterburken – Jagsthausen (neuere Odenwaldlinie) Strecke 9: Jagsthausen – Öhringen – Mainhardt – Welzheim – Alfdorf-Pfahlbronn (Haghof) Strecke 10: Wörth am Main – Bad Wimpfen (ältere Odenwaldlinie/Neckar-Odenwald-Limes) Strecke 11: Bad Wimpfen – Köngen (Neckarlinie) Strecke 12: Alfdorf-Pfahlbronn (Haghof) – Lorch – Rotenbachtal bei Schwäbisch Gmünd (Ende des obergermanischen Limes, Beginn des raetischen Limes) – Aalen – Stödtlen Strecke 13: Mönchsroth – Weiltingen-Ruffenhofen – Gunzenhausen Strecke 14: Gunzenhausen – Weißenburg – Kipfenberg Strecke 15: Kipfenberg – Kastell Eining
Baugeschichte Historische Entwicklung mini|links|Das Limestor Dalkingen (WP 12/81), das in fünf Ausbauphasen errichtet wurde Die Vorgeschichte des Limes geht bis in das Jahr 9 n. Chr. zurück, als die Römer unter ihrem Feldherrn Varus in der so genannten Varusschlacht eine vernichtende Niederlage durch Germanen unter ihrem Anführer Arminius erlitten. Insgesamt drei römische Legionen gingen bei diesem Versuch der Römer unter, die Reichsgrenze in Richtung Elbe auszudehnen. Nach dieser Katastrophe zogen sich die Römer auf die linke Seite des Rheins und die rechte Seite der oberen Donau zurück.
Ein Jahrhundert später entschloss Rom sich aber, die Grenzlinie zwischen Rhein und Donau zu verkürzen und dabei auch (land)wirtschaftlich interessantes Territorium, etwa die Wetterau, zu annektieren (Wetterau-Limes). Der Obergermanisch-Raetische Limes entwickelte sich in mehreren Stufen aus einem reinen Postenweg innerhalb einer Schneise, die in die germanischen Wälder geschlagen wurde. Im Odenwald wurden zwischen den Jahren 107/110 beziehungsweise 115 hölzerne Wachtürme errichtet.Vgl. Klaus Kortüm: Zur Datierung der römischen Militäranlagen im obergermanisch-raetischen Limesgebiet. In: Saalburg-Jahrbuch. Band 49, 1998, S. 5–65; Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. Beck, München 2006, ISBN 3-406-48018-7, S. 49–52 sowie S. 54 f. Diese etwa zehn Meter hohen Holzwachtürme waren von Erdwällen umgeben und hatten zueinander Sichtverbindung. Der durchschnittliche Abstand betrug rund 800 Meter. Der Ausbau des Limes erfolgte keineswegs einheitlich. So wurde der Limes in Obergermanien rund 40 Jahre früher ausgebaut als in Rätien.