mini|Ein Nachtzug (EN 482 München–Kopenhagen/Binz) am 5. Juli 2005 bei der Durchfahrt im Bahnhof Donauwörth
Nachtzug (auch Nachtreisezug in Abgrenzung zu nächtlich verkehrenden Güterzügen) steht für nachts verkehrende Züge des Personenverkehrs. Im Schienenpersonenfernverkehr dienen sie dazu, um in der Schlafenszeit der Reisenden über Nacht lange Strecken mit wenig Zwischenhalten zurückzulegen. Diese Züge sind meistens mit Schlaf- oder Liegewagen ausgestattet. Sie besitzen oft Kurswagen, so dass von einem Ausgangsbahnhof ohne Umsteigen viele Ziele erreicht werden können. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es für Nachtzüge unter anderem die Zuggattungen EuroNight (EN), ÖBB Nightjet (NJ) und Schnellzug (D).
Entstehung In der Frühzeit der Eisenbahn verkehrten Züge – schon aus Sicherheitsgründen, denn es wurde zunächst weitgehend auf Sicht gefahren – nur tagsüber. Das bedeutete für Reisende, dass sie auf längeren Distanzen in Hotels übernachten mussten, bevor sie ihre Reise am nächsten Tag fortsetzen konnten. In Preußen bedurfte es der Anordnung von Nachtzügen durch den zuständigen Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, August von der Heydt. Dessen Motiv war politischer Natur: Er versuchte erhöhten Einfluss auf die damals in Preußen überwiegenden Privatbahnen zu erlangen. Gestützt auf § 36 Gesetzes über die Eisenbahn-Unternehmungen, das die Eisenbahnen verpflichtete, ihren Fahrplan den Bedürfnissen der Post anzupassen, verpflichtete er 1852 die Eisenbahngesellschaften, Nachtzüge einzurichten. Für jeden ausgefallenen Nachtzug drohte der preußische Staat eine Strafe von 100 Talern an. Die Gegenforderung der Eisenbahngesellschaften nach Ausgleichszahlungen verwarf der Minister mit der Begründung: Für die Erfüllung gesetzlicher Bestimmungen könne niemand Geld verlangen. Die Bahngesellschaften gaben angesichts der Strafgeldandrohungen nach, die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft prozessierte dagegen noch bis 1855. Dann wurde es still um die Angelegenheit: Die Nachtzüge warfen nämlich satte Gewinne ab.Wolfgang Klee: Preußische Eisenbahngeschichte. Hohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007466-0, S. 122, 215 f. (Anm. 7). Sie bestanden zunächst nur aus Sitzwagen.
Georges Nagelmackers brachte die Idee des Schlafwagens mit bezogenen Betten, Waschgelegenheiten und Toiletten nach Europa und gründete für deren Betrieb die Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL). Die ersten Nachtverbindungen der CIWL bestanden aus Kurswagenläufen, bei denen die Schlafwagen an andere, fahrplanmäßige Züge angehängt wurden. 1872 bekam die CIWL die erste Konzession für eine Verbindung mit Schlafwagen von Paris nach Wien. 1882 setzte die CIWL den ersten eigenen Nachtzug mit Speisewagen, Schlaf- und Gepäckwagen zwischen Paris und Wien ein. Auf dieser Grundlage entstand 1883 die Verbindung zwischen Paris und Konstantinopel, der Orient-Express.
Überblick zu Nachtzügen in Europa
Die Schweiz betreibt mit den Schweizerischen Bundesbahnen keine Nachtzüge mehr. Hingegen fahren verschiedene Linien des ÖBB Nightjet von und zu Schweizer Bahnhöfen, wie beispielsweise Zürich–Berlin–Hamburg oder Zürich–Linz–Wien. Die SBB beteiligen sich im Rahmen einer Kooperation am Nightjet.
Als Nachtzüge sind in der Schweiz vor allem Nachtregionalzüge bekannt; sie verkehren meist als S-Bahn. In einigen Regionen wird in den Zügen, die von ein Uhr bis Betriebsschluss angeboten werden, ein Nacht-Zuschlag von fünf Franken erhoben (siehe Nachtverkehr#Kanton Zürich).
Einige Linien der ÖBB-Personenverkehr fahren als ÖBB Nightjet, abgerufen am 1. Dezember 2016 in Nachfolge der EuroNight-Züge von Österreich in die Schweiz, nach Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande und Kroatien. Zudem besteht zwischen Bregenz und Wien eine inländische Nachtzugverbindung.Nachtreisen der ÖBB Nachtreisen oebb.at, abgerufen am 17. Februar 2010. Die ÖBB-Personenverkehr hat die Bewirtschaftung der Nachtzüge komplett an den Caterer Newrest Wagons-Lits, die frühere CIWL, ausgelagert. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2016 haben die ÖBB einen Teil der vormals von DB Fernverkehr / DB AutoZug angebotenen Nachtzuglinien übernommen. Hauptsächlich in Deutschland verkehren die Linien Hamburg–München–Innsbruck, Hamburg/Berlin–Zürich und Venedig–München-Stuttgart. Von Deutschland über Österreich nach Italien gibt es Verbindungen auf der Strecke München–Mailand/Rom/Venedig jeweils über Salzburg. Diese hinzugekommenen Verbindungen wurden mit bereits bestehenden Verbindungen der ÖBB (Hamburg-Wien, Wien-Italien) gekoppelt.
Die Niederländische Staatsbahn (NS) betreibt jede Nacht einen stündlichen Verkehr auf den wichtigsten Eisenbahnlinien.Night trains auf ns.nl, abgerufen am 22. November 2022 (englisch).
In Frankreich betreibt die SNCF seit 2012 unter der Marke Intercités de nuit ein Netz von Nachtzügen. Die Nachtzüge verkehren zwischen Paris und Südfrankreich.Destinations and networks: Overnight travel, SNCF, abgerufen am 9. Mai 2022.
Trenitalia betreibt in Italien unter der Marke InterCity Notte ein dichtes Netz an Nachtzügen. 13 täglich verkehrende Nacht- und 2 Wochenendverbindungen fahren von Turin, Rom und Mailand zu Städten in allen Landesteilen. So verkehren täglich je drei Nachtzüge nach Syrakus und Palermo auf Sizilien, drei nach Lecce, zwei nach Salerno und einer nach Venedig – Triest.
Der vom Trenitalia-Tochterunternehmen Thello geführte Nachtzug EN 220/221 Venedig – Mailand – Lyon – Paris wurde im Frühjahr 2020 wegen der Covid-19-Pandemie bis auf weiteres eingestellt.
In einigen Ländern (Russland, Ukraine, Polen, Norwegen, Schweden) sind Nachtzüge, nicht zuletzt auch wegen der großen Fläche dieser Länder, bis heute die Stütze des Fernverkehrs. Die schwedische Regierung beauftragte 2019 ihre Verkehrsbehörden, ein Konzept für ein Nachtzugnetz mit Fahrten in mehrere europäische Städte zu erarbeiten. Interesse an Nachtzugverbindungen äußerten auch Politiker in Norwegen und Dänemark. In der DDR gab es bei der Deutschen Reichsbahn trotz der vergleichsweise geringen Größe des Landes Nachtzüge im Binnenverkehr, beispielsweise Rostock–Karl-Marx-Stadt, Sassnitz–Leipzig oder Stralsund–Erfurt (letztgenannte Verbindung war bereits um 4.30 Uhr am Ziel).
In Deutschland werden seit dem Fahrplanwechsel 2016/2017 von DB Fernverkehr keine Schlaf-/Liegewagenzüge mehr angeboten.Joscha Barlitz: Nachtzüge boomen – ohne Deutsche Bahn auf tagesschau.de, 8. Juni 2022, abgerufen am 14. Juni 2022. Ursächlich waren damals unter anderem ein überaltertes Wagenmaterial, steigender Wettbewerbsdruck und eine niedrige Qualität. Als Ersatz wurde das nächtliche ICE-Angebot ausgebaut. Ihre Beliebtheit aus Sicht der Reisenden ist sehr beschränkt.Marcus Werner: Der Nacht-ICE: Ein Alptraum ohne eine Minute Schlaf In: Wirtschaftswoche, 29. September 2021, abgerufen am 3. Oktober 2021. International sollten IC-Nachtbusse zum Einsatz kommen, was jedoch nicht umgesetzt wurde. Die Entscheidung zur weitgehenden Abschaffung von Nachtzügen wurde von Fahrgästen und Wissenschaftlern bedauert.Nachtzug ins Nirgendwo. faz.net, 10. Mai 2016. Der Konzern habe nach Angaben von Mitte 2016 bei einem Umsatz von 90 Millionen Euro ein Rekorddefizit von 30 Millionen Euro erzielt. Die DB Fernverkehr verhandelte daher mit der ÖBB-Personenverkehr, dem zweitgrößten Nachtzuganbieter in Deutschland, über eine Ausweitung des ÖBB-Angebots. Ab Dezember 2016 übernahm die ÖBB-PV im Ergebnis der Gespräche von der DB Fernverkehr einen Teil der Nachtzugleistungen in Deutschland. Sie betreibt alle Nachtzugverbindungen unter dem Namen ÖBB Nightjet.
In einer Studie von DB Mobility Networks und dem Internationalen Eisenbahnverband (UIC) werden neuartige Nachtzüge im Hochgeschwindigkeitsverkehr untersucht. Eine Fahrt mit bis zu 300 km/h von Madrid nach London wäre in 12 Stunden möglich. Allerdings müssten die Züge mit dem wesentlich langsameren Güterverkehr abgestimmt und die Trassenmieten reduziert werden.
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD e. V.) fordert eine dauerhafte Erhaltung der Nachtreisezüge und den Ausbau zu einem grenzüberschreitendem, europaweiten Nachtzugnetz. Nachtzüge sollen als ökologisches Verkehrsmittel mit hohem Reisekomfort durch Schlafwagen, Liege- und Sitzwagen dauerhaft erhalten bleiben und keine weiteren Streichungen von Angeboten und Verbindungen vorgenommen werden.
Betreiber in mehreren Staaten, nicht aber in Deutschland, nehmen derzeit das wachsende Umweltbewusstsein zum Anlass, eine Rückkehr zum klassischen Nachtzuggeschäft oder eine Ausweitung des Nachtzugverbindungen zu erwägen (Stand: 2019).
Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass die Deutsche Bahn einen Wiedereinstieg ins Schlaf- und Liegewagengeschäft prüfte; wenige Monate später gab sie allerdings bekannt, dass sie diese Züge nicht wiedereinführen würde.
Nachtzüge seien ein „wichtiger Hebel für den European Green Deal“, sagte der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer am 8. Dezember 2020 auf einem virtuellen Gipfel der Verkehrsminister und Bahnchefs von Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz. Vorgestellt wurden bei dem Treffen vier neue Nachtzugverbindungen, die ab Dezember 2021 quer durch Europa entstehen sollen.mdr.de
Im Mai 2021 prognostizierten Trend- und Zukunftsforscher in einer Umfrage der dpa eine Renaissance der Nachtzüge.badische-zeitung.de
Betreiber mini|Schlafwagen des ÖBB Nightjet in Zürich Hauptbahnhof
Aktuelle Betreiber (Auswahl) sind: Europa Optima Tours: Betreibt mit dem Optima Express zwischen Villach (Österreich) und Edirne (Türkei) die längste durchgängige Zugverbindung als Nachtzug bzw. Autozug innerhalb von Europa (rund 1.440 km). ÖBB-Personenverkehr (ÖBB-PV): Betreibt die als Nightjet (NJ) bezeichneten Nachtzüge, die Bewirtschaftung der Schlafwagen erfolgt durch Newrest Wagons-Lits (eine Tochter der französischen Newrest-Gruppe und Nachfolger der Compagnie Internationale des Wagons-Lits). Snälltåget: Betreibt saisonal den Berlin-Night-Express zwischen Berlin und Stockholm sowie Nachtzüge innerhalb Schwedens. SJ: Betreibt den Nachtzug Stockholm – Hamburg teils im Auftrag des schwedischen Staats, teils eigenwirtschaftlich; ab März 2023 bis bzw. ab Berlin. Betreibt auch Nachtzüge Malmö – Stockholm, Stockholm – Duved und Stockholm – Umeå. Betreibt auch im Auftrag des norwegischen Staats Oslo – Trondheim und Trondheim – Bodö. Vy: Betreibt Nachtzüge Oslo – Bergen, und im Auftrag des schwedischen Staats Stockholm – Narvik. VR: Betreibt Nachtzüge Helsinki – Kolari und Helsinki – Rovaniemi – Kemijärvi Trenitalia: Betreibt Nachtzüge innerhalb Italiens unter dem Namen Intercity notte. Regiojet: Betreibt seit Juni 2015 Nachtzüge zwischen Prag und Humenne (via Košice) und seit 2020 in den Sommermonaten Nachtzüge nach Rijeka und Split. ZSSK: Zwischen Humenne und Bratislava (via Zilina) sowie von Košice nach Nove Zamky via Jesenske SNCF: Betreibt Nachtzüge von Paris nach Briançon, Latour-de-Carol/Cerbère, Nizza, Tarbes/Hendaye und Albi.Intercités-Verbindungen abgerufen am 24. Juli 2022. Internationale Verbindung nach Berlin und Wien beginnen ebenfalls im Dezember 2021. Rossijskije schelesnyje dorogi (RŽD): Betreibt innerrussische Langstreckenzüge (grundsätzlich aus Schlafwagen bestehend) sowie gemeinsam mit den dortigen Staatsbahnen Langstreckenverbindungen nach Peking, Pjöngjang und in die ehemaligen Sowjetrepubliken Innerasiens. Grand Service Express: Betreibt Nachtzüge Moskau – St. Petersburg und Moskau – Krim Wagon Slovakia Košice, a.s. mit Sitz in der Slowakei JLV, a.s. mit Sitz in Tschechien Utasellátó mit Sitz in Ungarn Hrvatske željeznice putnički prijevoz (HŽPP): Betreibt Schlaf- und Liegewagen von Zagreb nach München und Zürich Great Western Railway: Betreibt den Night Riviera Sleeper zwischen London und Cornwall (Penzance) Caledonian Sleeper Limited: Betreibt die beiden Zugläufe des Caledonian Sleeper zwischen London und Schottland (Ziele sind Aberdeen, Edinburgh, Fort William, Glasgow und Inverness)