mini|Logo der Raiffeisengenossenschaften, weltweit über 330.000 Unternehmen insbesondere im Agrar- und Finanzsektor Genossenschaft oder Kooperative (von Kooperation) bezeichnet einen Zusammenschluss oder Verband von Personen (natürlichen oder juristischen) zu Zwecken der Erwerbstätigkeit oder der wirtschaftlichen oder sozialen Förderung der Mitglieder durch gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Die Genossenschaft folgt der Genossenschaftsidee mit ihrem Prinzip der „Hilfe durch Selbsthilfe“. Eine genossenschaftliche Kooperation bietet sich immer dann an, wenn das Verfolgen eines wirtschaftlichen Ziels die Leistungsfähigkeit des Einzelnen übersteigt, zugleich aber die selbständige Existenz gewahrt werden soll.Was ist eine Genossenschaft? Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V. Anders als bei Kapitalgesellschaften (AG, GmbH) hängt die Geschäftspolitik nicht von den Interessen außenstehender Investoren ab, sondern wird allein von den Belangen der Mitglieder bestimmt.Vortrag Jürgen Keßler, Berlin am 4. Oktober 2022 in Hamburg Rechte und Pflichten des Vertreters. Bei einer Genossenschaft handelt es sich um eine Gesellschaft (juristische Person) des privaten Rechts.
In Deutschland ist die Rechtsgrundlage das Genossenschaftsgesetz (GenG). Jede Genossenschaft muss demnach über eine Satzung verfügen, welche die gesetzlichen Bestimmungen ergänzt und als innere Verfassung einer Genossenschaft gilt, und Mitglied eines Prüfungsverbandes sein, welcher in regelmäßigen Abständen die Wirtschaftlichkeit und Rechtmäßigkeit der Genossenschaft überprüft.
Historisch werden Genossenschaften oftmals mit den Begriffen Gilde oder Zunft beschrieben. Die moderne Genossenschaftsstruktur geht auf die Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch zurück, welche Mitte des 19. Jahrhunderts erste Kredit- bzw. Einkaufsgenossenschaften gründeten. Die Genossenschaft ist seit Einführung der Europäischen Genossenschaft nicht mehr nur auf wirtschaftliche Aktivitäten beschränkt. In Deutschland existieren insgesamt knapp 8000 Genossenschaften. Weltweit sind mindestens 700 Millionen Mitglieder an Genossenschaften beteiligt und in ihnen organisiert.
Grundprinzipien und Aufbau
Genossenschaften zeichnen sich durch basisdemokratische Entscheidungsstrukturen und wirtschaftliche Partizipation bzw. Förderung ihrer Mitglieder aus. Im Gegensatz zum Prinzip der Profitmaximierung anderer Wirtschaftsunternehmen, ist das zentrale Leitmotiv die Nutzenmaximierung bei der Bereitstellung von wirtschaftlichen Erzeugnissen oder öffentlicher Daseinsvorsorge. In der Regel verfolgen Genossenschaften Ziele, die über jene reiner Wirtschaftsbetriebe hinausgehen und Werte sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung umfassen.
Die internationale Dachorganisation International Co-operative Alliance (ICA) beschreibt als grundlegende Werte die Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit, Billigkeit und Solidarität. In Tradition ihrer Gründer vertrauen Genossenschaftsmitglieder auf die ethischen Werte Ehrlichkeit, Offenheit, Sozialverantwortlichkeit und Interesse an anderen Menschen, festgeschrieben im Statement on the Co-operative Identity. Es enthält die sieben Grundsätze einer Genossenschaft:Eric Viardot: The role of cooperatives in overcoming the barriers to adoption of renewable energy. In: Energy Policy. Band 63, Dezember 2013, S. 756–764, hier S. 757 (englisch; doi:10.1016/j.enpol.2013.08.034).International Co-operative Alliance: Cooperative identity, values & principles. In: Ica.coop. Ohne Datum, abgerufen am 29. Oktober 2019 (englisch; Aussagen zur co-operative identity). mini|175x175px|Logo des internationalen Genossenschaftsverbands ICAFreiwillige und offene Mitgliedschaft, demokratische Mitgliederkontrolle, ökonomische Partizipation der Mitglieder, Autonomie und Unabhängigkeit, Ausbildung, Fortbildung und Information, Kooperation mit anderen Genossenschaften, Vorsorge für die Gemeinschaft.
Struktur Zumeist ist die Generalversammlung das oberste Entscheidungsorgan der Genossenschaft, bei der alle anwesenden Mitglieder mit gleichem Stimmrecht an den Abstimmungen und Wahlen teilnehmen. Bei mitgliederstarken Genossenschaften tritt eine Vertreterversammlung an ihre Stelle. Im Normalfall wählt die Mitgliederversammlung den Aufsichtsrat per Direktwahl, dessen Mitglieder die Interessen aller Genossen gegenüber dem Vorstand zu vertreten haben. Falls der Vorstand nicht per Direktwahl von der Generalversammlung gewählt wird, ist der Aufsichtsrat für dessen Bestellung zuständig.
Genossenschaftsidee als Weltkulturerbe mini|141x141px
Die Dr. Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft stellten am 29. November 2013 in den Bundesländern Sachsen und Rheinland-Pfalz gemeinsam einen länderübergreifenden Antrag zur Aufnahme der „Genossenschaftsidee“ in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes (Erstellung im Rahmen der nationalen Umsetzung der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes).Häufige Fragen zum IMMATERIELLEN KULTURERBE Dokument der Deutschen UNESCO-Kommission vom April 2018 auf unesco.de. Abgerufen am 9. März 2021. Im Dezember 2014 wurde dieser Antrag durch die Kultusministerkonferenz genehmigt und am 27. März 2015 als erste allein deutsche Nominierung bei der UNESCO für die internationale Auflistung eingereicht. auf der Website der Landesregierung von Rheinland-Pfalz, abgerufen am 15. Dezember 2014. Am 30. November 2016 entschied sich der zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO während seiner 11. Sitzung in Addis Abeba für eine Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.mini|hochkant|Erinnerung an die Eilenburger Darlehenskasse, eine der ältesten Kreditgenossenschaften Deutschlands, 1850 gegründet. Ort: Eilenburg, Nikolaiplatz.
Zweck von Genossenschaften In den Wirtschaftswissenschaften wird traditionell zwischen Fördergenossenschaften und Produktionsgenossenschaften unterschieden.
Die Fördergenossenschaften sind als Beschaffungs- und Verwertungsgenossenschaft ein Gemeinschaftsunternehmen der Mitglieder, das Mittel zum Zweck der Erfüllung bestimmter Funktionen für die Trägerwirtschaften (private Haushalte, Unternehmen) darstellt. Die Mitglieder sind zugleich Nutzer der kooperationsbetrieblichen Leistungen (Abnehmer, Lieferant), Miteigentümer (Träger von Willensbildung und Kontrolle), sowie Kapitalgeber. Dagegen ist bei einer Produktivgenossenschaft ein Unternehmen in die Genossenschaft hineingelegt, das für die Mitglieder als Erwerbsquelle dient. Hier liegt Identität von Mitglied und Arbeitnehmer der Genossenschaft vor.
In modernen Volkswirtschaften waren und sind in jüngerer Zeit Neugründungen von Genossenschaften in klassischen, vor allem aber in innovativen und/oder „alternativen“ Bereichen zu verzeichnen.
Arten von Genossenschaften Genossenschaften unterscheiden sich durch die Art des Wirtschaftsbetriebs bzw. der Branche, in der sie tätig sind. Im deutschsprachigen und mitteleuropäischen Raum finden sich Genossenschaften vor allem in folgenden Bereichen: Einzelhandel – traditionsreiche Konsumgenossenschaften wie coop eG oder Migros; Weltladen Betreiber eG Großhandel – Genossenschaften in den Gruppen Edeka und Rewe, MEGA eG Einkaufsgenossenschaften – eBuch (Buchhandel), Euronics (Unterhaltungselektronik), Genossenschaft Deutscher Brunnen, OSADL (Open-Source-Wirtschaft), Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft mini|Anteilschein der Dampf-Drusch-Genossenschaft Damnatz-Quickborn vom August 1892 mini|Aktie der Käsereigenossenschaft Trimstein-Eichi vom 1. Mai 1923 Onlineversandhandel – Fairmondo Genossenschaftsbanken – Raiffeisenbanken, Volksbanken, Sparda Banken, PSD Banken, GLS Bank Wohnungsbau – Wohnungsbaugenossenschaften spielen bis heute eine tragende Rolle bei der Sicherung preiswerten Wohnraums in Städten und im Städtebau, daneben auch reine Baugenossenschaften wie TRNSFRM eG Klimatechnologien – etwa zur Herstellung von Pflanzenkohle Landschaftsarchitektur und Gartenbau – Gärtnerei Ulenburg eG Landwirtschaft – Raiffeisen, Molkereien, Zuckerindustrie (Südzucker), Winzergenossenschaften, Agrargenossenschaften in Ostdeutschland als Nachfolger der LPG der DDR Lebensmittelherstellung – Scop TI (Teeherstellung), Westfleisch SCE (Fleischindustrie) Energieversorgungsunternehmen – Green Planet Energy (früher Greenpeace Energy), Bürgerwerke, Prokon (Windenergie) Wärmenetzbetrieb und -versorgung – Boben Op Nahwärme eG, ErdwärmeDich eG, kliQ-Berlin eG Gesundheitswesen – Ärztegenossenschaften, Patientengenossenschaften (wie Assistenzgenossenschaften), Krankenhaus Salzhausen (war das einzige genossenschaftlich geführte Krankenhaus in Deutschland) Notfallmedizin – HonMed eG (Heilbronn) Mediengenossenschaft und Journalismus – alerta news platform coop eG (News-Aggregator), die Tageszeitung (taz), nd-aktuell, junge Welt, Krautreporter, RiffReporter, Oya, Morning Star, Maximum Fun (Podcasts), Drop-Out Cinema eG (Filmverleih) Dienstleistungsgenossenschaften – DENIC eG (zentrale Registrierungsstelle für die Top-Level-Domain „.de“), DATEV eG (IT-Dienstleister, Nürnberg), akomo eG, Village One eG, Wigwam eG (Public Relations und Kommunikationsdesign), Superpeers (Marketing- und Strategieberatung) Sustainable Natives (Unternehmensberatung), ctrl.alt.coop und netz.coop (beide Softwareentwicklung), Jointech (DevOps), Verbund der Fairsicherungsläden eG (Versicherungsmakler) Kleingewerbe – Einzelhandel, Gastronomie, Kulturzentren Verlagsbuchhandel – Büchergilde, Büchner-Verlag, DG Nexolution (ehemals: Deutscher Genossenschaftsverlag), Mandelbaum Verlag, mareverlag Forstwirtschaft – Hauberggenossenschaft, Murgschifferschaft Architekten – qbatur Planungsgenossenschaft eG Beteiligungsgesellschaft – eG unterliegen nicht der Prospektpflicht nach dem Verkaufsprospektgesetz, deshalb wurde diese Gesellschaftsform von einigen Anbietern „wiederentdeckt“ (etwa für Bürgerenergiegenossenschaften), weil sich Prospekterstellung für kleine Projekte finanziell nicht rechnet Schule und Hochschule – Eichenschule Scheeßel, Egas Moniz School of Health & Science (CESPU) Schülergenossenschaften – In Schulfächern oder Arbeitsgemeinschaften gegründete Firmen von Schulkindern und Jugendlichen, die zur Vermittlung von Wirtschaftskenntnissen und Umsetzung eigener Projekte dienen Sport – Football Cooperative St. Pauli von 2024 eG (Fußball) Bibliothek – Peter-Sodann-Bibliothek eG Logistik – Fahrwerk Berlin, COSMO, CROW (Kurierdienste) Schienenverkehr – RailCoop (Frankreich), Go-Op (England), Fair-Train eG (gewerkschaftsnahe Genossenschaft der GDL) Plattform-Unternehmen – CoopCycle, Givit (Föderation mit Essenslieferplattform für lokale Kooperativen), FairBnB (Ferienwohnungen), Vianova eG (Car-/Bikesharing-Software), WeChange eG (Social Media/Telearbeit) Solidargemeinschaften von Selbstständigen – Smart eG, WTF Kooperative eG, zoraLit eG Telekommunikation – TeleCoop (Frankreich), Hostsharing Products-as-a-Service (PaaS) – CommOwn (Unterhaltungselektronik), StattAuto eG Kiel/Lübeck, Car&Ridesharing Community eG (beide Carsharing), Read-Coop SCE (automatische Handschriftenerkennung) Öffentliche Daseinsvorsorge und Verwaltung – govdigital eG (öffentliche Verwaltungsdigitalisierung und IT-Lösungen), HIS Hochschul-Informations-System eG (Learning-Management-Systeme, Softwareintegration für Hochschulen) Schwimm- und Freibäder – Freibad Hänigsen, Gemeinnützige Schwimmbadgenossenschaft Rheingrafenstein, Hallenbad Baienfurt, Hallenbad Nörten-Hardenberg, Naturerlebnisbad Uetze Social Payment – Comradery.co Datenökonomie – Posmo (Mobilitätsdaten), PolyPoly SCE (Online-Nutzerdaten, Edge Computing) Ingenieurwesen – Duralex (Glasfertigung), Komelio eG (Konstruktion, Anlagenbau), iteratic nurdemteam eG (Data Analytics, IT-Modernisierung), oose eG (Systems Engineering, Ingenieurbildung) Instrumentenbau – Miraphone eG