mini|RIAS-Logo mini|Das Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz in Berlin-Schöneberg

Der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) war eine Rundfunkanstalt mit Sitz im West-Berliner Bezirk Schöneberg (Kufsteiner Straße), die nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-amerikanischen Militärverwaltung gegründet wurde und bis Ende 1993 sendete. Von 1946 bis 1953 strahlte sie zunächst ein, von 1953 an ein zweites Hörfunkprogramm und von 1988 bis 1992 zudem ein Fernsehprogramm aus.

Eigener Anspruch Der RIAS bezeichnete sich selbst als „Eine freie Stimme der freien Welt“. Er sollte westliche, demokratische Werte in die DDR ausstrahlen, in ein Staatsgebilde, in dem ausschließlich die Meinung und Ideologie einer durch die Sowjetunion installierten, kommunistischen Partei über die Radiowellen verbreitet wurde. Ab 1950 hörten jeden Sonntag alle RIAS-Hörer: „Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen“, den Spruch, den man auch heute (Stand: 2025) noch im Deutschlandfunk Kultur sonntags vor den Mittagsnachrichten um 11:59 Uhr hört, wenn die Berliner Freiheitsglocke im Radio schlägt.Programmheft Deutschlandradio 12/2024

Entstehungsgeschichte mini|hochkant|Werbeblatt für den neuen Drahtfunk „DIAS“ im Januar 1946

Anlass der Gründung eines Rundfunksenders durch die amerikanische Besatzungsmacht war, dass der bereits seit Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht eingerichtete einzige Rundfunksender in Berlin, der Berliner Rundfunk im Haus des Rundfunks in der Masurenallee, von Angehörigen der KPD geleitet wurde und eine entsprechende Ausrichtung hatte. Als Anfang 1946 die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) in der Viersektorenstadt Berlin jede Änderung dieses Zustandes verweigerte, schritten die US-Behörden zur Installation eines eigenen Senders in ihrem Sektor. Gründungsintendant war Franz Wallner-Basté.

Ab 7. Februar 1946 wurden die Sendungen über Drahtfunk mittels Telefonkabel über den Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS) gesendet. Ab 5. September 1946 wurde das Programm unter dem Namen RIAS über Mittelwelle ausgestrahlt.

Das Sendestudio befand sich im Fernamt Berlin in der Winterfeldtstraße in Schöneberg. Der Sender unterstand der Aufsicht der Information Control Division der US-amerikanischen Militäradministration in Berlin.Herbert Kundler: RIAS Berlin, Berlin 2002, S. 38. mit Gründungsdokument

Die Rundfunkmitarbeiter waren deutsche Journalisten, die eigenverantwortlich die Sendungen gestalten konnten. In den ersten Jahren mussten die Nachrichtentexte aber vorher von einem verantwortlichen US-Offizier genehmigt werden.

Seit 1947 konnte über Rundfunkanlagen auf Mittelwelle gesendet werden. Ab 1953 lag die Sende- und Programmaufsicht bei der US Information Agency (US Information Service), die dem US-Außenministerium unterstand. Die Mitarbeiter hatten US-amerikanische Arbeitsverträge und wurden von den USA bezahlt.RIAS Rundfunkschätze, von Dietrich von Thadden, ehemaliger Intendant Das Gebäude des RIAS befand sich nun in der Kufsteiner Straße 69 in Berlin-Schöneberg.

Der RIAS wollte ein Rundfunkprogramm nach westlichen Vorstellungen gestalten. Man war bemüht, anti-totalitäre, humane und demokratische Werte zu vermitteln. Das Programm bestand aus anspruchsvoller Berichterstattung, Programmen mit Bildungsinhalten, vor allem aber auch aus leichten Unterhaltungsformaten inklusive beliebter Unterhaltungsmusik auf hohem technischen Niveau. Die Mischung aus populärer Musik, manchmal auch Avantgarde-Musik und aktueller Information vermittelte eine subtile Propaganda in Richtung auf die Integration der Bundesrepublik in die NATO und in die westliche Staatengemeinschaft.

RIAS für die SBZ/DDR Ein großer Teil der Sendebemühungen des RIAS richtete sich nicht an die Hörerschaft in West-Berlin, sondern an die in der DDR. Mit seiner Relaisstation in Hof (Bayern) konnte der Sender ab November 1948 auch periphere Gebiete in der DDR erreichen. Schwerpunkt des RIAS war die kritische Berichterstattung über die Sowjetische Besatzungszone und später über die DDR. In Sendungen wie Aus der Zone für die Zone kamen Menschen zu Wort, denen die Flucht aus der DDR gelungen war. Auch kabarettistisch wurde der von der Bevölkerung als unzulänglich empfundene Alltag in der DDR aufs Korn genommen, so in der Kabarett-Sendereihe Pinsel und Schnorchel. Dies waren Versuche, um im Kalten Krieg per Rundfunk den totalitären Gegner zu schwächen.Klaus Arnold, Christoph Classen (Hrsg.): Zwischen Pop und Propaganda. Radio in der DDR. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-86153-343-X, S. 212 (); aus den Lebenserinnerungen von Gerhard Löwenthal, der seit 1946 für den RIAS tätig war.

Ausführlich berichtet wurde auch über Mängel und Probleme in Betrieben und anderen gesellschaftlichen Bereichen sowie über politische Hintergründe.Hans Hielscher: Die gefährliche Stimme des Klassenfeindes. Spiegel Online, 13. September 2019; mit vielen Details.Störsender gegen den RIAS Radiomuseum, erwähnte die Nennung von Namen von mutmaßlichen MfS-Informanten in Radiosendungen

Viele Informationen wurden dem RIAS von unzufriedenen DDR-Bürgern selbst zugänglich gemacht. Für die sowjetischen und die SED-Verantwortlichen war der RIAS ein großes Ärgernis, da er deren Politik systematisch unterlief. Er wurde von der Bevölkerung viel gehört und war ein Gegenpol zu den offiziellen, streng zensierten eigenen Medien. In den Ost-Berliner Rundfunkzeitungen war das Programm bis 1949 sogar noch enthalten.

Einige ostdeutsche Informanten des RIAS mussten harte Strafen auf sich nehmen. Die Wismut-Arbeiter Axel Weidenberg und Georg Fieker wurden 1951 in Moskau zum Tode verurteilt, weil sie kritische Informationen über den sächsischen Uranbergbau unter sowjetischer Kontrolle an den Sender weitergegeben hatten.Wismut Atomwaffen A–Z, 3. Absatz Bereits 1950 war wahrscheinlich ein junger Mann nach Ost-Berlin verschleppt worden, weil er den ostdeutschen Berliner Rundfunk in West-Berlin für den RIAS gehalten hatte und dort ähnliches berichtet hatte.

Bei der Entwicklung der Proteste zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR berichtete der RIAS als erster westlicher Rundfunksender am 15. Juni über erste Arbeitsniederlegungen an der Stalinallee in Ost-Berlin und sendete am folgenden Tage ausführliche Reportagen und Berichte über die Streiks und Proteste mit Aufforderungen zur Beteiligung.

Nach der Niederschlagung des Aufstands wandte die DDR-Führung deshalb diesem Sender eine besondere Aufmerksamkeit zu. Sie intensivierte ihre Agitation gegen diesen mit Parolen wie: „Du willst kein Ami-Söldner sein, drum schalte nicht den RIAS ein!“Verschwörungstheorien – früher und heute. Begleitbuch zur Sonderausstellung der Stiftung Kloster Dalheim, Bonn 2020, S. 221; dass der Sender angeblich von alten Nazis, Kapitalisten und dem US-Imperialismus gesteuert sei (1952) Der RIAS weiche das sozialistische Bewusstsein mit Falschmeldungen (RIAS-Enten) auf und schaffe „Musikfallen“ für die unwissenden Hörer.Jörg-Uwe Fischer: Die Rias-Ente – eine Spurensuche. In: info 7 – Medien, Archive, Information, Heft 1/2013, S. 61 ff.

Im Herbst 1954 begann das Ministerium für Staatssicherheit unter Leitung von Erich Mielke den „Operativvorgang Enten“, in dem Informanten des RIAS in der DDR ermittelt werden sollten. Dabei wurden 49 Personen verhaftet. Dies führte zum RIAS-Prozess, einem großen Schauprozess im Juni 1955, in dem die Angeklagten beschuldigt wurden, brisante Informationen an den Sender weitergegeben zu haben. Der Hauptangeklagte Joachim Wiebach wurde auf persönlichen Wunsch Walter Ulbrichts zum Tode verurteilt und hingerichtet, die anderen vier erhielten langjährige Zuchthausstrafen. Dieses Verfahren sollte der Abschreckung dienen.Falco Werkentin: Der RIAS-Prozess, DDR 1955. In: Groenewold, Ignor, Koch (Hrsg.): Lexikon der Politischen Strafprozesse.

Nach dem Mauerbau 1961 war die Informationsweitergabe an den Sender erschwert, da DDR-Bürger Informationen nicht mehr persönlich übermitteln konnten. Bis zum Ende der DDR 1989 blieb der RIAS eine verlässliche, unabhängige Informationsquelle für DDR-Bürger.

Orchester und Chöre Der RIAS war Träger verschiedener profilierter Orchester und Chöre RIAS Kammerchor RIAS Knabenchor, 1955 aufgelöst RIAS Kammerorchester, 1946 unter der Leitung von Karl Ristenpart gegründet, 1953 aufgelöstChronik der ARD. Abgerufen am 15. September 2013. RIAS-Symphonie-Orchester (RSO), 1956 umbenannt in Radio-Symphonie-Orchester Berlin und 1993 in Deutsches Symphonie-Orchester Berlin [DSO] RIAS Tanzorchester, unter seinem Leiter Werner Müller begleitete es zahlreiche öffentliche Veranstaltungen in Westdeutschland sowie im Fernsehen RIAS Big Band Berlin

Programme

RIAS 1 mini|Jingle des Rundfunksenders RIAS in Berlin mini mini|hochkant|Sendeleiter Wilhelm Ehlers am 30. April 1949 im Wiesbadener Studio beim Zusammenstellen des ersten Programms der Sendung Stimme des Westens, das über RIAS-Berlin gesendet wurde

Von Beginn an war der RIAS mit seiner Programmgestaltung innovativ und wirkte als Vorbild für die westdeutsche Rundfunkszene. Mit seinen auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zugeschnittenen Magazinsendungen und der ausführlichen politischen Berichterstattung bot er umfassende Information an.

Zeitfunksendungen Der RIAS hatte als erster deutscher Rundfunksender aktuelle Zeitfunksendungen im Programm und führte als erster mehrstündige Zeitfunkmagazine ein. Während der Anteil der politischen Programme der öffentlich-rechtlichen Sender in den 1950er Jahren lediglich bei 15 % lag, hatte er beim RIAS einen Umfang von etwa 34 %. Freiheitsglocke Die Programme begannen stündlich immer mit den Worten „Hier ist RIAS Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt“. Dazu wurde jeden Sonntag um 12 Uhr das Läuten der Berliner Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus übertragen, gefolgt vom Verlesen des „Freiheitsgelöbnisses“, seit dem 24. Oktober 1950. Wo uns der Schuh drückt Speziell für die West-Berliner Hörer führte der erste Berliner Regierende Bürgermeister, Ernst Reuter, die Sendung Wo uns der Schuh drückt ein, die bis 1978 von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde. Sendungen für die SBZ/DDR Für die Hörer in der Sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR gab es in den ersten Jahren spezielle Sendungen, wie Aus der Zone für die Zone, in denen viele brisante Informationen gesendet wurden. Stimme der Kritik Brillanter Beobachter und Kritiker der Berliner Theaterszene war Friedrich Luft, dessen Stimme der Kritik erstmals am 9. Februar 1946 ausgestrahlt wurde und bis zu seinem Tode 1990 wöchentlicher Programmpunkt war. Schlager der Woche Der RIAS ist auch als Erfinder der Hitparade im Rundfunk in Deutschland anzusehen. Bevor diese 1958 von Radio Luxemburg gestartet wurde, hatte der RIAS schon 1947 die wöchentlichen Schlager der Woche in seinem Programm. Die Insulaner Zu den weiteren populären RIAS-Programmen gehörte die 149-mal ausgestrahlte Kabarettsendung Die Insulaner von Günter Neumann, die am 25. Dezember 1948 Premiere hatte. Pinsel und Schnorchel Dieses Sendeformat persiflierte den DDR-Alltag der 1950er Jahre. Gesendet wurden fiktive Gespräche von angeblichen DDR-Funktionären, die beim Feierabendbier beisammen saßen. Schorchel war der eifrige und der Parteilinie treu ergebene Genosse, während Pinsel ein eher unsicherer Kantonist war, naiv und skeptisch, aber immerhin bemüht, den verschlungenen Pfaden der Parteitheorie zu folgen. Die beiden trafen sich jeden Samstagabend in der fiktiven Kneipe Zur Roten Mühle und die Hörerschaft des RIAS war sozusagen live zugeschaltet. Schnorchel begann stets die Unterhaltung mit dem grimmigen, hintergründigen oder geheimnisvollen Hinweis: „Und ich sage dir, Pinsel, da ist der Wurm drin!“ Sprecher waren Erich Kestin und Friedrich Steig.