mini|Billie Holiday, 1947Foto: William Gottlieb
Billie Holiday, geboren als Elionora Harris und ursprünglich Eleanora FaganManchmal wird auch „Gough“, der Name ihres späteren Stiefvaters, angegeben. Bis sie ihren Künstlernamen annahm, nannte sie selbst sich Eleanora Fagan. Es handelte sich dabei um den Nachnamen ihres Großvaters mütterlicherseits, den auch ihre Mutter benutzte. genannt, (* 7. April 1915 in Philadelphia;Vgl. hierzu die Angaben vom Accuracy Project. Geburtsnamen und -datum sind in vielen Nachschlagewerken falsch angegeben. † 17. Juli 1959 in New York City) zählt mit Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan zu den bedeutendsten US-amerikanischen Jazzsängerinnen. Sie war eine der wichtigsten Künstlerinnen der Swing-Ära und landete Welthits wie I’ll Be Seeing You, Strange Fruit und What a little Moonlight can do.
Kindheit (1915–1929) mini|Die zweijährige Billie Holiday im Jahr 1917 Billie Holiday wurde vor der Annahme ihres Künstlernamens meist Eleanora Fagan genannt, auch wenn ihre Geburtsurkunde den Namen Elionora Harris aufweist. Später erhielt sie von ihrem Freund Lester Young den Spitznamen Lady Day.
Ein Großteil der Informationen über ihre Kindheit beruhen auf ihrer Autobiografie Lady Sings the Blues, die sie ab 1956 dem Journalisten William Dufty diktierte. Allerdings ist deren Wahrheitsgehalt umstritten. Bereits der erste Satz deutet ihre ganz persönliche Sicht auf die Lebensumstände ihrer Kindheit an: „Mam und Dad waren noch Kinder, als sie heirateten. Er war achtzehn, sie war sechzehn, und ich war drei.“ Tatsächlich war ihre Mutter bei der Geburt der Tochter neunzehn Jahre alt, und sie war mit Billies vermutlichemDie Geburtsurkunde listet einen Frank DeVriese als ihren Vater. leiblichen Vater nie verheiratet und lebte mit ihm nie unter einem Dach.
Ihre Mutter Sarah „Sadie“ Fagan, geborene Harris, (1896–1945) behauptete, Clarence Halliday (1898–1937) alias Clarence Holiday sei Billies leiblicher Vater, ein Jazz-Gitarrist, der später unter anderem im Fletcher Henderson Orchestra spielte. Nach Billies Geburt arbeitete sie eine Zeit lang als Serviererin in Zügen, weshalb Billie im Laufe ihrer ersten zehn Lebensjahre größtenteils bei der Schwiegermutter ihrer Halbschwester, Martha Miller, in Baltimore aufwuchs.Stuart Nicholson: Billie Holiday, S. 18–23, ISBN 978-1-55553-303-8. Als Billie elf Jahre alt war, eröffnete ihre Mutter das Restaurant The East Side Grill, in dem das Mädchen oft viele Stunden arbeiten musste. Kurze Zeit später brach sie die Schule ab.Nicholson, S. 22–24.
Am 24. Dezember 1926, Billie war elf Jahre alt, entdeckte ihre Mutter, als sie von der Arbeit zurückkam, wie ihr Nachbar, Wilbur Rich, gerade das Kind vergewaltigte.Nicholson, S. 25. Rich wurde verhaftet, und Billie kam „zu ihrem Schutz“ in das katholische Erziehungsheim The House of the Good Shepherd. Mit zwölf wurde Billie aus dem Erziehungsheim entlassen. Kurz darauf begann ihre Mutter, in einem Bordell zu arbeiten. Billie arbeitete dort ebenfalls als Botenmädchen.Beitrag bei Radiowissen, abgerufen am 2. Februar 2020 Hier lernte sie auf dem Grammophon des Etablissements die Musik von Louis Armstrong und Bessie Smith kennen. Nach ein paar Monaten wurden Mutter und Tochter während einer Razzia verhaftet. Danach zog die Mutter nach Harlem und ließ ihre Tochter abermals bei Martha Miller zurück.Nicholson, S. 27 und S. 31. Billie arbeitete damals vermutlich noch einige Zeit in einem Bordell in Baltimore als Prostituierte. In dieser Zeit begann sie mit dem Singen. Anfang 1929 folgte sie dann ihrer Mutter nach New York. Die dortige Vermieterin, Florence Williams, betrieb ein Bordell, in dem Mutter und die dreizehnjährige Tochter „für 5 $ pro Freier“ als Prostituierte arbeiteten.Nicholson, S. 32. Am 2. Mai 1929 kam es erneut zu einer Razzia, und wieder wurde Billie verhaftet und kam ins Gefängnis. Erst im Oktober desselben Jahres wurde sie wieder entlassen.
Die frühe Gesangskarriere (1929–1935) Im Jahr 1929 begann Elinore Harris in Clubs unter dem Namen aufzutreten, unter dem sie bekannt wurde: Billie Holiday. Er setzt sich zusammen aus dem Vornamen der Stummfilmschauspielerin Billie Dove und dem Nachnamen ihres vermutlichen Vaters Clarence Holiday,Billie Holiday biography. In: biography.com wobei sie ihren Nachnamen anfänglich noch Halliday schrieb.
Zusammen mit ihrem Nachbarn, dem Tenorsaxofonisten Kenneth Hollan, trat Holiday von 1929 bis 1931 in Clubs wie dem Grey Dawn, dem Pod’s and Jerry’s und dem Brooklyn Elks’ Club auf.Ken Vail: Lady Day’s Diary. Sanctuary Publishing, London 1997, ISBN 1-86074-131-2, S. 32.
Anfang 1933 wurde sie von den Plattenproduzenten John Hammond und Bernie Hanighen entdeckt, die von ihrem Improvisationstalent beeindruckt waren. Man organisierte im November 1933 Aufnahmen mit Benny Goodman für die achtzehnjährige Sängerin. Sie nahmen die Songs Your Mother’s Son-In-Law und Riffin’ the Scotch auf; Letzterer wurde mit einer Auflage von 5000 Stück Billie Holidays erster Hit.
Den Titel Saddest Tale sang Holiday 1935 in Duke Ellingtons Symphony in Black: A Rhapsody of Negro Life.
Teddy Wilson und Brunswick Records (1935–1938) Im gleichen Jahr nahm Hammond die aufstrebende Künstlerin für Brunswick Records unter Vertrag. Hier nahm sie, zusammen mit dem Jazzpianisten Teddy Wilson, bekannte Stücke im neu aufkommenden Swing-Stil für die immer populärer werdenden Jukeboxes auf. Holiday konnte bei diesen Aufnahmen frei improvisieren und erfand dabei jenen einzigartigen, höchst eigenwilligen Stil, mit den Melodien frei zu spielen, der zu ihrem Markenzeichen werden sollte. Zu ihren Aufnahmen aus der ersten Session gehörten What a Little Moonlight Can Do und Miss Brown to You, zwei Titel, die der Plattenfirma anfangs nicht besonders zusagten. Doch als die Platten erfolgreich verkauft wurden, begann man auch Platten unter ihrem eigenen Namen zu produzieren.Nicholson, S. 65. Wilson und Holiday nahmen viele populäre Songs der damaligen Zeit auf und machten sie damit zu Jazzklassikern. Stephan Richter schreibt hierzu: (…) in Wahrheit lebten in Holidays Liedern nicht die Komponisten auf, sondern ihre Stimme, ihre Persönlichkeit, die jedes Wort zu ihrem eigenen macht, jede Textzeile in ihrem Sinn neu schreibt.Peter Niklas Wilson (Hrsg.): Jazz Klassiker. Reclam, ISBN 978-3-15-030030-5, S. 221.
An vielen dieser Aufnahmen wirkte auch Lester Young mit, mit dem sie fortan eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Er gab ihr den Spitznamen Lady Day, sie nannte ihn Prez. Außerdem meinte Young, ihre Mutter sollte den Spitznamen The Duchess („Die Herzogin“) erhalten, wenn ihre Tochter Lady heißt.
Da die Lieder nicht aufwendig arrangiert, sondern über weite Teile improvisiert wurden, waren diese Aufnahmen für Brunswick nicht teuer. Holiday bekam dafür eine Einmalzahlung und erhielt keinerlei Geld aus den Plattenverkäufen und Radioaufführungen, obwohl sich Aufnahmen wie I Cried for You 15.000 Mal und mehr verkauften, was ungefähr das Fünffache sonstiger Brunswick-Platten ausmachte.Billie Holiday Companion: Seven Decades of Commentary (Companion Series) von Leslie Gourse, S. 73f.
Count Basie und Artie Shaw (1937–1938) Als Nächstes sang sie bei Count Basie. Er gewöhnte sich schnell daran, dass Billie starken Einfluss auf die Melodiefindung nahm, denn sie wusste schon damals genau, wie ihr Gesang klingen sollte.Nicholson, S. 93f. Auch wenn sie nie mit Basie ins Studio ging – es gibt nur die Liveaufnahme I Can’t Get Started, They Can’t Take That Away from Me und Swing It Brother Swing aus der Zeit – so nahm sie doch viele seiner Musiker mit ins Studio zu Aufnahmen mit Teddy Wilson.1937 sessions. In: Billieholidaysongs.com, abgerufen am 21. April 2016. Im Februar 1938 kam es zum Bruch; laut Billie Holiday wegen eines Streits über zu niedrige Bezahlung und Änderungswünsche an ihrem Gesangsstil, laut Basie aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit.Nicholson, S. 96f.
Danach sang sie bei Artie Shaw, der bereits im März 1936 ihre erste Radioübertragung beim Sender WABC organisiert hatte. Aufgrund des großen Erfolgs der Sendung ließ ABC im April eine Sondersendung folgen. Da Shaw weniger Gesangsstücke im Programm hatte als Basie, konnte Holiday bei ihm weniger singen. Außerdem übte das Management Druck auf den Bandleader aus, lieber die weiße Sängerin Nita Bradley zu beschäftigen, mit der sie sich nicht sehr gut verstand. Als sie im November 1938 im Lincoln Hotel aufgrund von Beschwerden des Hotelmanagements gezwungen wurde, den Lastenaufzug und den Hinterausgang zu benutzen, war das Maß voll, und sie entschloss sich, die Band zu verlassen. Die einzige erhaltene Aufnahme aus dieser Zeit ist Any Old Time.
Sie trat als eine der ersten Jazzsängerinnen mit weißen Musikern auf und überwand damit Rassengrenzen. Trotz dieser Vorreiterrolle wurde sie weiterhin gezwungen, Hintereingänge zu benutzen. Sie berichtete später, dass sie in dunklen, abgelegenen Räumen auf ihre Auftritte warten musste. Auf der Bühne verwandelte sie sich in Lady Day mit der weißen Gardenie im Haar. Die tiefe emotionale Wirkung ihres Gesangs erklärte sie mit der Bemerkung: „Ich habe diese Songs gelebt“.
Billie Holiday litt unter ihrer Diskriminierung als Schwarze. Vor allem bei den Tourneen mit gemischten Bands wie der von Artie Shaw 1938 machten sie und die anderen schwarzen Musiker täglich entwürdigende Erfahrungen. Als besonders demütigend empfand sie Auftritte, für die ihr Gesicht mit Make-up dunkler geschminkt wurde, da dem weißen Publikum angeblich Billie Holidays Teint zuweilen als zu hell erschien.
Trotz aller Schwierigkeiten wurde 1938 ein sehr erfolgreiches Jahr für die Sängerin; im September erreichte ihre Aufnahme I’m Gonna Lock My Heart Platz 6 in den Charts.
Mainstream-Erfolg (1939–1947) 1939 sang sie erstmals den Song Strange Fruit, der auf dem gleichnamigen Gedicht des jüdischen Lehrers Abel Meeropol (alias Lewis Allan) basiert und eindringlich die Lynchjustiz an Schwarzen thematisiert. Während die Produzenten von Columbia das Thema „zu heiß“ fanden, erklärte Commodore Records sich bereit, es aufzunehmen, und die Platte wurde einer ihrer größten Erfolge. Seither verband das Publikum Billie Holiday mit diesem Stück und wollte es immer wieder von ihr hören. Die Aufführungen im Café Society waren minutiös inszeniert; bevor sie das Stück sang, ließ sie die Kellner das Publikum um Ruhe bitten. Das Licht wurde während des langen Intros heruntergedimmt und ein einziger Scheinwerfer erhellte Billie Holidays Gesicht. Mit dem Verklingen des letzten Tons erlosch das Licht, worauf sie dann im Dunkeln verschwand.Nicholson, S. 113.
Billie Holiday war ein Star geworden. Ihre Mutter Sadie Fagan nannte ihr Restaurant jetzt Mom Holiday. Gleichzeitig verspielte sie das Geld ihrer Tochter beim Würfeln. Als Billie Holiday eines Abends Geld von ihr haben wollte, zeigte ihre Mutter ihr die kalte Schulter. Angeblich verließ Billie Holiday daraufhin fluchend das Restaurant und rief: „God bless the child that’s got its own!“, woraus später die Titelzeile des Liedes God Bless the Child werden sollte. Der Song erreichte Platz 3 in den Billboards des Jahres und verkaufte sich über eine Million Mal.Jazz History: The Standards (1940s). Jazzstandards.com.
Im Jahr 1943 schrieb das Life Magazine über Billie Holiday, sie besitze den individuellsten Stil aller populären Sängerinnen und werde damit von vielen kopiert.Nicholson, S. 133.
Bevor sie 1944 Lover Man für Decca aufnahm, flehte sie ihren Produzenten Milt Gabler an, wie Ella Fitzgerald und Frank Sinatra Streicher für die Aufnahme zu bekommen. Als sie dann am 4. Oktober ins Studio kam, war sie zu Tränen gerührt, weil sie dort tatsächlich ein Streicherensemble erwartete. Von da an wurde ihre Stimme häufiger von Streichern untermalt.Lover Man (Oh, Where Can You Be?) (1942). In: jazzstandards.com alt=Billie Hollyday in Washington 1948 mit Al Dunn (Trommler), Bobby Tucker (Pianist) und Benny Fonsville (Bassist).|mini|Billie Holiday im Club Bali in Washington (1948)