mini|Zenon von Kition, Begründer der Stoa Die Stoa (auch stoische Philosophie oder Stoizismus) ist eine der einflussreichsten Richtungen der hellenistischen und römischen Philosophie. Sie wurde um 300 v. Chr. von Zenon von Kition in Athen begründet. Logik und Ethik der stoischen Lehre sind bis in die Gegenwart Teil des jeweiligen philosophischen Diskurses. Der Name leitet sich von der Stoa Poikile ab, dem Ort der öffentlichen Lehrtätigkeit Zenons auf der Agora von Athen.
Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes universelles Prinzip ergibt. Anhänger der Stoa werden als Stoiker bezeichnet. Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe der sprichwörtlichen stoischen Gelassenheit und Seelenruhe (Ataraxie) nach Weisheit strebt.
Entstehungszusammenhang Die parallele Entstehung der beiden großen philosophischen Schulen der Epikureer und der Stoa fiel in den frühen Hellenismus. Beide sind Antworten darauf, dass der Polis-Verband in eine Krise geraten war, der bis dahin die Normen bestimmte, individuelle Orientierung und Halt gewährte, aber auch zur Einordnung verpflichtete. Athen, wo nach der platonischen Akademie und dem aristotelischen Peripatos auch diese beiden philosophischen Richtungen entstanden, war nach eineinhalb Jahrhunderten politischer Machtentfaltung und kultureller Blüte als Stadtstaat in einer ungewissen neuen Lage: Seit Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. in Selbstbehauptungskämpfen gegenüber dem expandierenden Königreich Makedonien engagiert, musste es sich im Zerfallsstadium des von Alexander dem Großen eroberten Vielvölkerreichs und im Zuge der Diadochenkriege eine unmittelbare makedonische Vorherrschaft und die Abschaffung der bis dahin noch bestehenden Attischen Demokratie gefallen lassen – eine grundlegende Veränderung des politisch-sozialen Koordinatensystems.
Die Situation begünstigte also das Entstehen neuer weltanschaulicher Deutungsmöglichkeiten sowie entsprechender Reflexionen über deren Konsequenzen für die individuelle Lebensausrichtung. Gemeinsam war Epikureern und Stoikern die Frage nach dem richtigen Weg zur Eudaimonie, der gelungenen Lebensführung, wofür die Gesetze und Normen der Polis nicht mehr auszureichen schienen. Die beiden Schulen zogen jedoch sowohl in politisch-weltanschaulicher Hinsicht als auch in der ethischen Ausrichtung des individuellen Verhaltens unterschiedliche Konsequenzen. Dem Athener Epikur, der in der Krise der Polis jeglicher politischen Betätigung eine Absage erteilte und eine rational zu steuernde Lebensfreude zum Leitbild für das individuelle Seelenheil und Lebensglück machte,„Epikurs Lustlehre integriert sich in ein umfassendes Konzept der Lebensführung, in eine philosophische Lebenskunst, die mit Reflexion und diesseitiger Heiterkeit den Weg zu einem geglückten Leben weisen will.“ Peter Leusch: Bericht von einer Tagung des Würzburger Zentrums für Epikureismusforschung. 22.4.2010. setzte der aus dem zyprischen Kition stammende Zenon ein über die Polis weit hinausgreifendes, kosmopolitisches Bindungsbewusstsein entgegen, in dem das individuelle Streben aufgehen und die Seele Ruhe finden sollte.
Kernaspekte der Lehre Die stoische Philosophie hat während der Jahrhunderte ihrer Überlieferung und Weiterentwicklung mancherlei Wandlungen durchlaufen und die Fähigkeit entwickelt, sich neuen Einsichten zu öffnen und bei ihren führenden Köpfen unterschiedliche Akzente und Spielarten zuzulassen. Auch diese Weltoffenheit und Anpassungsfähigkeit hat zu ihrer Langlebigkeit entscheidend beigetragen.
Allerdings gibt es konstante Merkmale, die ihr einen unverwechselbaren Charakter geben. Sie finden sich in allen drei Bereichen des stoischen Lehrgebäudes, der Physik, die sich mit dem Kosmos und den Dingen im Kosmos befasst, der Logik, die auf Erkenntnis, Erklärung und Beweisführung gerichtet ist, sowie der Ethik, die sich mit dem menschlichen Leben beschäftigt und das Zentrum der stoischen Philosophie bildet.Aetius I prooem.2.
Kosmos und Weltseele Aus einem Urfeuer, dem Aither, entsteht gemäß der stoischen Lehre alles Seiende. Aller Stoff (Hyle) ist durch göttliche Vernunft (Logos) beseelt. So ist die stoische Lehre gleichermaßen materialistisch wie pantheistisch: Das göttliche Prinzip des Logos durchwirkt den Kosmos in allen seinen Bestandteilen und ist (nur) in ihnen anzutreffen.
Den Überlegungen der Stoiker zufolge durchwirkt der Logos das Universum als gestaltende Substanz, unterteilt in die passive Materie und die aktive Substanz in Form eines intelligenten Äthers oder eines Urfeuers, das auf die Materie einwirkt. Der Logos (λόγος) bzw. die Weltseele (anima mundi) durchdringt und belebt also das gesamte Universum. Die Stoiker sprachen auch von der Samenvernunft (Logos spermatikos) oder dem Gesetz der Zeugung im Universum. Der Mensch ist Teil des göttlichen Logos, des Urfeuers und der Vernunft, die das Universum beherrscht und erhält. Die Stoiker verwenden den Begriff für Atem (Pneuma), um alle Funktionen eines lebenden Organismus zu erklären. Das Pneuma schaffe eine Verbindung aller Dinge miteinander und somit auch die Fähigkeit zur Kommunikation und Empathie. Alles Einzelne fügt sich zu einem großen Ganzen.Julia Annas: Hellenistic Philosophy of Mind. University of California Press, 1992, ISBN 978-0-520-07554-2, S. 19 f. So gelten den Stoikern auch die individuellen Seelen als Teile der Weltseele.
Die einprägsamste Kurzformel für das stoische Weltbild hat Kaiser Mark Aurel (Marcus Aurelius) als letzter der überlieferten bedeutenden Stoiker hinterlassen (Selbstbetrachtungen VII, 9):
Logik mini|Chrysippos, der dritte Vertreter der stoischen Schule, verfasste über 300 Bücher über Logik. Seine Werke gingen verloren, doch lässt sich sein logisches System anhand von Fragmenten und Zeugnissen rekonstruieren. Die Logik ist für die Stoa als Teilbereich der Philosophie auf die Untersuchung der Vernunft (Logos) gerichtet. Ihr gilt die Logik als ein umfassendes Wissensgebiet, das die Disziplinen Erkenntnistheorie und Sprachlehre (Dialektik und Rhetorik) umfasst.
„Logos“ hat für Stoiker sowohl die Bedeutung von Sprache als auch von Vernunft. „Logik“ umfasst dann einerseits die formalen Regeln des Denkens und korrekten Argumentierens als auch andererseits jene Teile der Sprache, in denen gedankliche Operationen zum Ausdruck gebracht werden. „Etwas wissen heißt für die Stoa, eine Aussage behaupten können, die nachweislich wahr ist.“Maximilian Forschner: Die Ältere Stoa. In: Friedo Ricken (Hrsg.): Philosophen der Antike, Band II, Stuttgart 1996, S. 29.
Jan Łukasiewicz und Martha Kneale entdeckten im 20. Jahrhundert, dass stoische Logik schon eine frühe Form der Aussagenlogik mit Junktoren war. Mit dieser Neubewertung befreiten sie die Stoa von dem alten und hartnäckigen Urteil, sie habe einen unfruchtbaren Formalismus in die Logik eingeführt.
Erkenntnistheorie
Gemäß der stoischen Erkenntnislehre wird nur als wahr anerkannt, was nach methodisch korrektem Einsatz des „Kriteriums“ (von ) unmittelbar einleuchtet. Zu zutreffenden Wahrnehmungen gelangt nur ein von der Vernunft geleiteter Mensch, während ein von Trieben und Gefühlen geleiteter zur Erfassung der Wahrheit und einem ihr gemäßen Handeln unfähig ist.
Den Stoikern zufolge kann Wissen durch die Anwendung der Vernunft auf die Eindrücke (phantasiai) erlangt werden, die der Geist durch die Sinne empfängt. Der Verstand hat die Fähigkeit, über einen Eindruck zu urteilen (synekatathesis), ihn zu bestätigen oder zu verwerfen. Dadurch ist er in der Lage, eine wahre Darstellung der Realität von einer falschen zu unterscheiden. Einigen Eindrücken kann sofort zugestimmt werden, während andere nur einen unterschiedlichen Grad an zögerlicher Zustimmung erreichen können. Diese können als Glauben oder Meinung (doxa) bezeichnet werden. Erst durch die Vernunft erlangen wir klares Verständnis und Überzeugung (katalepsis). Die stoische Lehre besagt, dass Gewissheit und wahres Wissen (epistḗmē) nur mittels Überprüfung durch Mitmenschen erreicht werden kann.
Sprachlehre Da Erkenntnis und deren Vermittlung sich im Medium der Sprache vollziehen, haben die Stoiker gründliche Studien zu Grammatik und Logik betrieben, haben die Deklinations- und Tempuslehre entwickelt und als erste eine systematische Sprachlehre geschaffen. Das Kernstück der stoischen Logik war eine stringente Aussagenlogik, die an die megarischen Philosophen Diodoros und Philon anknüpfte und deren Ansätze weiterentwickelte. Der bedeutendste stoische Logiker war Chrysippos von Soli, der im Rahmen seiner umfangreichen Logik den ersten formal präzisen Aussagenkalkül schuf und damit die spätere stoische Logik prägte.
Auf der Basis der stoischen Sprachlehre waren als weitere Kernbereiche der Logik die Kunst der Gesprächsführung (Dialektik) und die Kunst der Rede (Rhetorik) zu schulen. Die Dialektik als Methode der Wahrheitsfindung und Erkenntnissicherung, die Rhetorik als Kunst, das Entdeckte in überzeugend gegliederter und sprachästhetisch ansprechender Form mitzuteilen. Schon Zenon pflegte das Verhältnis von Dialektik und Rhetorik durch Gesten zu veranschaulichen: die geballte Faust für die die Gedanken straff zusammenfassende Dialektik einerseits und die flach gespreizte Hand für die breit dahin laufende Rede andererseits. Das größere Gewicht besaß im stoischen Bewusstsein die Dialektik.
Nach stoischem Sprachgebrauch ist Dialektik (neben der Rhetorik) ein Teil der (im weiteren Sinne als heute verstandenen) stoischen „Logik“. Sie wird (vermutlich durch Chrysipp) als Diogenes Laertios, 7.42; zitiert nach: A. A. Long, D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Übersetzt von Karlheinz Hülser, Stuttgart 2000, S. 215. definiert. Die Dialektik ist damit das Instrument des Stoikers zur Unterscheidung wahrer und falscher Vorstellungen und umfasst insbesondere die stoische Erkenntnistheorie.
Ethik Die Einordnung des Menschen als Teil der vom Logos durchwalteten Natur ist aus stoischer Sicht seine vorrangige Bestimmung. Mit Geist und Denkvermögen verfügt er selbst über Instrumente, die ihn am göttlichen Logos teilhaben lassen und ihn zur Weisheit als höchstem Gut und Inbegriff des glücklichen bzw. glückenden Daseins (griech. εὐδαιμονία Eudaimonía) führen können. Voraussetzung dafür ist ein Prozess der Selbsterkenntnis und der Aneignung zielführender Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Haltungen. Als Wegweiser dient dabei die eigene Vernunft; als Motivatoren fungieren der Selbsterhaltungstrieb und das Streben nach Selbstvervollkommnung (griech. οἰκείωσις Oikeiosis).
Nur ein lebenslanges Bemühen um Selbstformung, das auch den Herausforderungen von Schicksal und mitmenschlichem Umfeld standhält, schafft Aussicht auf die Seelenruhe des stoischen Weisen. Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Affektkontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften (Apatheia), zu Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und Unerschütterlichkeit (Ataraxie) führen soll. Unser heutiger Begriff der „stoischen Ruhe“ geht auf diese Eigenschaften zurück.
Dabei steht ἀπάϑεια (apátheia, „Apathie“) im Sinne der Stoa allerdings gerade nicht für Teilnahmslosigkeit und Passivität. Mark Aurel traf einen Kern des stoischen Ethos, als er sich selbst ermahnte (Selbstbetrachtungen IX, 12; zit. n. Weinkauf):