mini|Georg Engelhard Schröder nach Herman Hendrik de Quiter dem Jüngeren, Landgraf Karl von Hessen-Kassel, Schloss Gripsholm

Karl von Hessen (* 3. August 1654 in Kassel; † 23. März 1730 ebenda) war von 1670 bis 1677 unter Vormundschaft seiner Mutter und danach bis zu seinem Tod regierender Landgraf von Hessen-Kassel. Er entstammte dem Haus Hessen und zählte zu den bedeutendsten Fürsten der Barockzeit. In seiner langen Regierungsperiode von 1677 bis 1730 gelang es dem Landgrafen, der Landgrafschaft Hessen-Kassel eine geachtete Stellung im Heiligen Römischen Reich zu verschaffen.

Seine historische Bedeutung geht auf vier Bereiche zurück: Erstens war Karl einer der ersten deutschen Fürsten, der seit 1685 protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Königreich Frankreich, sogenannte Hugenotten, zur Ansiedlung einlud. Zweitens förderte er im Sinne des Merkantilismus Manufakturen und Gewerbe, unterstützte die Verarbeitung einheimischer Bodenschätze und beschränkte die Einfuhr von Konkurrenzprodukten. Drittens schuf Karl ein Stehendes Heer und beteiligte sich bei der militärischen Verteidigung des Heiligen Römischen Reiches im Spanischen Erbfolgekrieg gegen das Frankreich Ludwigs XIV. und im Großen Türkenkrieg gegen das Osmanische Reich. Viertens kennzeichneten bauliche Höhepunkte in der Residenzstadt Kassel wie der Herkules sowie das Marmorbad und die Orangerie Karls Herrschaftszeit. Die Maßnahmen Karls trugen dazu bei, dass sich die Landgrafschaft relativ schnell von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) erholen konnte.

Leben bis zum Herrschaftsantritt Karl entstammte einer bedeutenden Dynastie: Die landgräfliche Familie war aufgrund ihrer Heiratspolitik mit den einflussreichsten protestantischen Fürstenfamilien in Nord- und Mitteleuropa verwandt. Besonders zu den Kurfürstentümern Brandenburg und Sachsen, aber auch den Königreichen Dänemark und Schweden bestanden enge Verbindungen. Höhepunkte des dynastischen Aufstiegs waren 1667 die Vermählung von Charlotte Amalie, einer Schwester Karls, mit dem späteren dänischen König Christian V. und 1720 die Erlangung der schwedischen Königswürde durch Erbprinz Friedrich, einen Sohn Karls.

Karl wurde am 3. August 1654 in Kassel geboren. Von 1659 bis 1668 erhielt er seine frühe Ausbildung durch Nicolaus Prick.

Als zweiter von vier Söhnen des Landgrafen Wilhelm VI. von Hessen-Kassel und dessen Gemahlin Hedwig Sophie von Brandenburg (1623–1683), einer Schwester des Großen Kurfürsten, war Karl zunächst nicht für die Thronfolge bestimmt. Erbprinz war Karls älterer Bruder Wilhelm VII. Nach dem Tod Wilhelms VI. im Jahr 1663 übernahm Hedwig Sophie von Brandenburg die Regentschaft für den Thronfolger Wilhelm VII. Als dieser jedoch 1670 bereits vor seiner Regierungsübernahme verstarb, wurde Karl Landgraf. Seine Mutter führte, unterstützt von Beratern, bis 1677 die vormundschaftliche Regierung für ihn. Am 21. Mai 1673 heiratete er als Achtzehnjähriger die neunzehnjährige Verlobte seines verstorbenen Bruders, seine Cousine Amalia von Kurland.

Karl als regierender Landgraf Da er am 8. August 1677 im Alter von 23 Jahren die Regierungsgeschäfte selbst übernahm, entfiel für ihn die obligatorische Grand Tour. Diese Reise diente normalerweise der Knüpfung von Kontakten zu den Fürstenhöfen Europas, zur Vermittlung höfischer Umgangsformen und diplomatischer Kenntnisse, zur Erlernung von Fremdsprachen wie Französisch sowie dem Kennenlernen von Kunst, Architektur und Kultur anderer Länder. Möglicherweise hatten die Bedenken der Mutter Hedwig Sophie von Brandenburg dazu beigetragen, da sein älterer Bruder Wilhelm VII. auf einer solchen Reise verstorben war.

Hugenotten Vorgeschichte Der katholische König von Frankreich, Ludwig XIV. (Regierungszeit: 1643–1715), strebte neben der politischen Einheit auch die religiöse Einheit des Staates an. Einer allmählichen Entrechtung der französischen Protestanten, der sogenannten Hugenotten, folgte ab 1679 offene Verfolgung. Dragoner des französischen Königs besetzten die Häuser der Hugenotten, um sie zwangsweise zum Katholizismus zu bekehren. Am 18. Oktober 1685 verkündete Ludwig XIV. das Edikt von Fontainebleau. In zwölf kurzen Paragraphen beschloss das Edikt die Zerstörung protestantischer Kirchen, das Verbot privater Gottesdienste sowie die Galeerenstrafe für Männer und Festungshaft für Frauen, die sich weigerten ihren Glauben zu wechseln. Mit dem Verlust ihrer Bürgerrechte konfrontiert, versuchten viele Hugenotten zu fliehen.

Aufnahme Mehrere deutsche Reichsfürsten, darunter auch Landgraf Karl, boten den Religionsflüchtlingen aus religiöser Solidarität und wirtschaftspolitischen Erwägungen Aufnahme in den eigenen Ländern an. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel hatte während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) in manchen Regionen bis zu zwei Drittel ihrer Einwohner verloren, ein Bevölkerungsrückgang, der die Wirtschaft vor schwere Probleme stellte und für den Herrscher einen erheblichen Verlust an Einnahmen bedeutete. Um die Ansiedlung der Flüchtlinge zu erleichtern, sicherte ihnen Karl Vergünstigungen und Unterstützungen zu. Schon vor dem Edikt von Fontainebleau erließ er am 18. April 1685 die „Freiheits-Concession“. Darin versprach Karl den Hugenotten nicht nur eine befristete Steuer- und Zunftfreiheit, sondern auch freie Religionsausübung mit Pfarrern ihrer Wahl. In Kirchen und Schulen durfte französisch gesprochen werden. mini|Ehemalige Hugenottensiedlung: Sieburg (1717 in Karlshafen umbenannt) Die Landgrafschaft nahm ab 1685 mit etwa 3800 Hugenotten die nach Brandenburg-Preußen zweitmeisten Flüchtlinge auf. Allerdings waren viele der Einwanderer mittellose Bauern oder Handwerker, von denen ein Teil unterstützt von staatlichen Hilfsmaßnahmen in 17 neu angelegten Dörfern angesiedelt werden musste. Erfolgreich produzierende hugenottische Spezialgewerbe, besonders im Textilbereich, entstanden vor allem in einigen Städten. Jedoch blieb die erhoffte Steigerung der Wirtschaftskraft des Landes weitgehend aus. Das zeigt sich auch in der Entwicklung der 1699 gegründeten Stadt Karlshafen, die ihre zugedachte Funktion als Fabrik-, Handels- und Hafenstadt nur ansatzweise erfüllen konnte. Für einen zollfreien Warenverkehr plante der Landgraf einen Kanal zwischen Karlshafen und Kassel. Damit wollte er das hannoversche Zoll- und Stapelrecht in Hannoversch Münden umgehen. Der Kanal versandete noch zu Lebzeiten Karls und wurde nach wenigen Kilometern eingestellt. Darüber hinaus fehlte es der Neugründung an finanziellen und technischen Mitteln. Nach dem Tod des Landgrafen geriet das Stadtprojekt Karlshafen endgültig ins Stocken.

Ab 1688 gründete der Landgraf die südwestlich an die Stadt Kassel angrenzende Oberneustadt. Er warb mit weitreichenden Privilegien: Alle Baustoffe wie Holz, Stein, Kalk und Sand sollten unentgeltlich angeliefert werden. Wer ein Grundstück bebaute, sollte 10 Jahre Abgabenfreiheit genießen. Ewige Steuerfreiheit wurde denjenigen versprochen, die Materialien auf eigene Kosten heranschafften und zum Bau ihrer Häuser 8.000 bis 10.000 Taler aufwandten. Die Privilegien enthielten aber auch Vorschriften für die äußere Gestaltung der Oberneustadt, z. B. für den Putz und Anstrich der Fassaden, die Kanalisation und die saubere Pflasterung der Straßen.

Merkantilismus Mit einer staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik, dem sogenannten Merkantilismus, versuchten die Fürsten des 17. und 18. Jahrhunderts, die Leistungsfähigkeit ihrer Länder zu steigern. Zu den Maßnahmen gehörten etwa die Ausfuhr einheimischer Produkte und die Begrenzung der Einfuhr fremder Güter, z. B. durch Zölle. Nach zeitgenössischer Vorstellung verbliebe das Geld so im Wirtschaftskreis des Landes und steigere die Kaufkraft der Bevölkerung. Mit dem Merkantilismus ging die Entwicklung sogenannter Manufakturen einher. Hier wurden, anders als in den bis dahin überwiegend in Zünften organisierten Handwerken, verschiedene Berufsgruppen zusammengebracht, um bestimmte Fertigprodukte an einem Ort und in größeren Mengen herzustellen. mini|Die landgräfliche Glashütte Altmünden In der Landgrafschaft Hessen-Kassel mit ihren reichen Jaspisvorkommen und der Glashütte Altmünden boten sich vor allem Schmucksteinverarbeitung und Glasherstellung für Manfakturgründungen an. Für die Glasherstellung berief Karl den Schweizer Glaskristallschneider Christoph Labhart und Glasmacher Franz Gondelach an seinen Hof. Mit der Einrichtung einer Schleifsteinmühle im Schlossgraben erreichte der Glasschliff in Kassel seit Beginn der 1680er Jahre eine Blütezeit. Durch Karls Anwerbung von spezialisierten Handwerkern und Künstlern verbesserten sich auch die Verarbeitungstechniken in der Glashütte Altmünden. Zum Gießen und Pressen des Glases kamen eiserne Stempel und Modeln zum Einsatz, wodurch das Glas serienmäßig vorgeformt werden konnte und Material eingespart wurde. Hochwertige Luxuswaren wie Glas und Schmuckstein zeugten dabei von der Leistungsfähigkeit des Territoriums und trugen so zum politischen Ansehen des Landesherren bei.

Im Jahr 1680 gründete der Landgraf die vierte deutsche Fayencemanufaktur. Fayence war rötliche Keramik mit meist blau-weißer Glasur, die chinesisches Porzellan imitieren sollte. Es wurde für den höfischen Eigenbedarf oder als Geschenk für andere Fürsten gefertigt. Auf Dauer erwies sich die Manufaktur als unrentabel und blieb von der finanziellen Unterstützung der Landgrafen abhängig.

Im Auftrag des Landgrafen wurde 1679 der Messinghof errichtet, einer der ersten metallverarbeitenden Betriebe Hessens. Zwischen 1714 und 1717 fertigte der Goldschmied Johann Jacob Anthoni hier die zweiundzwanzig Kupferplatten für die Herkulesstatue im Bergpark Wilhelmshöhe.

Außenpolitik und Militäraufbau mini|Ruine der Festung Rheinfels Karls außenpolitische Handlungsspielräume waren reichsrechtlich begrenzt. Seit dem Westfälischen Frieden von 1648 durften Reichsfürsten zwar Bündnisse zum eigenen Schutz eingehen, aber diese durften nicht gegen den römisch-deutschen Kaiser und das Heilige Römische Reich gerichtet sein. Ein weiterer Grund für die kaisertreue Außenpolitik Karls war, dass er sich von Kaiser Joseph I. eine Rangerhöhung zum Kurfürsten erhoffte. Diese Aufwertung hätte ihm eine größere außenpolitische Souveränität verschafft. Da die Kurfürsten den Kaiser wählten, konnten sie im Vorfeld wichtige politische Forderungen stellen. Diese wertvolle Möglichkeit hatte Karl als Reichsfürst nicht. Durch die militärische Unterstützung des Kaisers glaubte der Landgraf, den Kaiser dazu bewegen zu können, ihm die Kurwürde zu verleihen.

Ein schlagkräftigeres Heer schien aber auch geeignet, das Land vor einer Besetzung wie im Dreißigjährigen Krieg zu bewahren. Aus diesen beiden Gründen baute Karl seit Beginn seiner Regierung ein Stehendes Heer auf. So konnte er 1688 im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697) der Reichsarmee rund 9000 gut ausgebildete Soldaten zur Verfügung stellen. Hintergrund des Konfliktes war, dass der französische König Ludwig XIV. unter Berufung angeblicher Erbansprüche seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz einen Vorstoß gegen das Heilige Römische Reich unternahm. Jahrelang führte Karl persönlich Teile seiner Armee im Kampf gegen die französischen Truppen an. Auch am militärischen Erfolg der Verteidigung der Festung Rheinfels gegen die französische Belagerung 1693 war er beteiligt. Dieses Ereignis ließ er später auf zahlreichen Medaillen glorifizieren.